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10 Dinge, die du über Produzentin Golin wissen solltest

Lynn Suemitsu, so ihr richtiger Name, hat mit uns über japanische Krieger, aggressive Auftritte und Perfektionismus gesprochen.

Helen Schulte

Foto: Elie Carp

i-D Liebling Golin, aka Rin Suemitsu, ist eine der spannendsten Produzentinnen aus Brüssels elektronischer Musikszene. Ihr futuristischer Pop dürfte euch nicht komplett unbekannt vorkommen: Denn die ausgebildete Tänzerin haben wir dir schon vor zwei Jahren im Rahmen des "i-D goes techno"-Specials vorgestellt. Nachdem die Amerikanerin mit japanischen Wurzeln für zwei Jahre als heißer Tipp unter den Bedroom Producern galt, nimmt sie ihre neue EP momo zum Anlass, sich aus ihrem Zimmer herauszuwagen – und ihre Musik endlich auch live zu performen. Dabei geht sie intuitiv vor, tanzt und springt zu sphärischen Synthesizer-Klängen und verfremdet die japanischen Lyrics mit Auto Tune zu einer auditiv erfahrbaren Fantasiewelt. Golins Musik ist ganz anders, und vielleicht ist die Unmöglichkeit eines Vergleichs das, was uns so sehr in den Bann zieht. Wir haben mit Golin ihr allererstes Interview geführt und dabei so einiges über sie erfahren.


Auch auf i-D: Wir haben mit der japanisch-britischen Musikerin Rina Sawayama über ihre Vorbilder gesprochen


Japanische und amerikanische Wurzeln zu haben, ist ein großer Teil ihrer Identität.
"Ich bin mit beiden Sprachen aufgewachsen und kenne beide Kulturen, also war ich glücklich darüber, die Erfahrung gesammelt zu haben, in beiden Ländern zu leben. Als ich in die USA zog und mich immer weiter von meinen japanischen Wurzeln entfernte, hatte ich eine schwere Zeit, mich mit der Kultur zu identifizieren, die ich einmal so gut gekannt hatte. Jetzt habe ich akzeptiert, dass meine japanische Kultur Teil von mir ist. All meine Erinnerungen und Erfahrungen habe ich gesammelt, als ich noch ein Kind war. Wie ich die Dinge sah, als ich dort lebte und wie ich mich an meine Kindheit in Japan erinnere, ist sehr idealisierend."

Sie brachte sich das Produzieren selbst durch Garage Band bei.
"Ich teilte meine Musik am Anfang nicht mit anderen und brachte mir alles selbst durch Garage Band bei. Die ersten beiden Jahre war ich nur als Bedroom Producer unterwegs."

Die Energie in ihren Performances kommt von Momotaro, einem japanischen Märchen-Krieger.
"Ich wuchs mit der Geschichte von Momotaro auf. In meinem Track Momoko – Momo bedeutet Pfirsich und Ko Kind – behandle ich diese Geschichte. Ich erinnere mich an manche Dinge in meiner Kindheit, aber eine Menge ist sehr verschwommen. Als ich ein Kind war, war diese Geschichte eine der wenigen Dinge, die Klarheit hatte. Momoko ist ein Krieger und ich nutze diese Energie für meinen Song. Es geht nicht darum, die Geschichte zu erzählen, sondern eher darum, dass ich Elemente dieses Charakters auf mich übertrage."

Sie zog nach Brüssel, um Tänzerin zu werden.
"Eigentlich kam ich nach Brüssel, um Tänzerin zu werden, weil ich sehr interessiert an der belgischen Tanzszene war. Ich schloss meine Ausbildung als Tänzerin ab und dann kam der Punkt, an dem ich für meine Stücke meine eigene Musik komponieren wollte."

Ihre Performances sind improvisiert.
"Ich habe eine lose Struktur: Ich kenne mein Set und meine Lyrics und weiß, was ich mit meiner Stimme an bestimmten Zeitpunkten machen muss, aber der Rest ist grundsätzlich improvisiert. Wie das Publikum im Raum sein wird und wie ich auf die Menschen reagieren werde, ändert sich bei jedem meiner Auftritte."

Einmal hat sie ihr Publikum angeschrien – und sie haben es gefeiert.
"Meine Auftritte sind für mich sehr emotional. Manchmal kann ich deswegen auch aggressiv werden. Es ist einfach die Art, wie Emotionen aus mir herausbrechen. Einmal bin ich in Paris aufgetreten und wurde richtig aggressiv: Ich habe ins Mikro geschrien, weil das Publikum über meine Performance gesprochen hat und unmögliche Dinge gesagt hat, während ich über die Bühne gerannt bin. Aber das Publikum dachte, dass das ein toller Auftritt war. Also sind sie alle aufgestanden und haben angefangen rumzuhüpfen. Sie dachten, dass mein Verhalten Teil der Performance war. Also haben sie sehr gut darauf reagiert. Ich hingegen wollte in dem Moment einfach nur von der Bühne runter, um zu weinen."

Ihr DJ gibt ihr die Freiheit loszulassen.

"Jetzt, wo ich einen DJ habe, der sich für mich um den Sound kümmert, kann ich mich mehr auf meine Performance konzentrieren. Bevor ich mit einem DJ zusammengearbeitet habe, war es sehr anders. Ich konnte mich immer hinter den Maschinen verstecken. Deswegen gab es diese komischen Momente, in denen ich bei Auftritten hinter meinem Computer verschwinden würde – und das zerstörte etwas für das Publikum. Wenn ich jetzt performe, renne ich über die Bühne. Ich habe nicht geplant zu meiner Musik zu tanzen, aber wenn ich auftrete, ist diese sehr positive Energie im Raum. Es endet immer so, dass das Publikum und ich die ganze Zeit tanzen und springen."

Musik bewirkt, dass sie sich mit ihren Gefühlen auseinandersetzt.
"Durch Musik ist es auf eine Art einfacher, mich auszudrücken. Ich setze mich selbst aber auch sehr unter Druck und erwarte sehr viel von mir. Ich bin nicht die ganze Zeit aggressiv, denn Aggressionen an sich manifestieren sich bei mir immer auf unterschiedliche Weise. Wenn die Dinge nicht richtig laufen, werde ich nicht so tun, als ob alles OK wäre."

Ihre Musik ist gleichzeitig auch Tanz.

"Wenn ich am Anfang aufgetreten bin, wusste ich nicht wie ich mit meinem Körper auf der Bühne umgehen sollte. Meine Freunde haben mich immer gefragt, wann ich endlich Tanz und Musik kombinieren würde. In dem Entstehungsprozess habe ich immer beide Dinge miteinander verbunden. Je mehr Musik ich produziere, desto sicherer bin ich mir, dass ich Tanz und Bewegung brauche, um zu kreieren."

Die Stimmung in ihrer Musik ist immer im Wandel.
"Am Anfang habe ich auf Englisch gesungen, meine Stimme erzeugte die Stimmung. Jetzt, da ich auf einer neuen EP auf Japanisch singe, ist es sehr anders. Für momo habe ich einen Charakter kreiert, der in meinen Songs präsenter ist. Ich bin sehr emotional, aber nutze in meiner Musik auch sehr viel Humor. Der Klang ist extrem positiv, trotzdem sind in dieser Musik auch dunkle Untertöne zu höre. Ich denke, dass sich meine Musik verändern wird, denn jedes Album hat seine ganz eigene Stimmung."

momo von Golin ist bei Midlife erschienen.