Foto: Reto Schmid

Abschied von der Sexualisierung: Die neue Bedeutung des Körpers in der Modefotografie

Die jungen Kuratorinnen Shonagh Marshall und Holly Hay zeigen in ihrer aktuellen Ausstellung, wie die neue Generation Modefotografen die menschliche Form aus dem Korsett der Kleidung befreit und den Körper in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten stellt.

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Nov. 6 2017, 11:53am

Foto: Reto Schmid

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

In der Fotografie wird die Pose eingesetzt, um zu beeindrucken, in die Irre zu führen, auf etwas hinzuweisen oder von etwa abzulenken. Der Körper ist eines der besten Mittel, um Ideen und Gefühle visuell umzusetzen. In der Modefotografie wurde der Körper lange Zeit nur als Puppe für die Konzepte hinter der Kleidung benutzt. Die beiden jungen Kuratorinnen Shonagh Marshall und Holly Hay bringen in einer neuen Ausstellung junge Visionäre zusammen, die sich in ihren Werken die Frage gestellt haben, was für ein Potenzial der Körper selbst besitzt, um eine Bedeutung visuell zu transportieren. Ausgangspunkt ihrer Auseinandersetzung ist die Bewegung und die neu gefundene Freiheit in der Körperlichkeit. Moderne Modefotografie ist heute von Humor, einer befreiten Sexualität und Sensibilität gekennzeichnet. In ihre Fotografien fangen die Fotografen die Models menschlicher ein und tun das oft mit einer besonderen Sensibilität und einer surrealistischen Note. Es ist eine Reaktion auf frühere Richtungen in der Modefotografie und gleichzeitig auch der Wunsch, Neues darzustellen, das nicht von dieser Welt zu sein scheint.


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Zu sehen sind unter anderem Werke von Tyrone Lebon, Zoe Ghertner, Hanna Moon, Brianna Capozzi, Joyce NG, Reto Schmidt und Charlotte Wales, in denen typische Model-Posen infrage gestellt und neu interpretiert werden. Hanna Moon, deren Bilder von Hari Nef für i-D Teil der Ausstellung sind, erklärt, wie genau sie das umsetzt: "Das ist ein natürlicher Prozess. Es geht mir dabei darum, während des Shootings den Charakter zu zeigen. Ich gebe heute nicht mehr so viele Anweisungen. Ich sorge für die Umgebung und die richtige Stimmung, damit die Models schauspielern oder sich selbst ausdrücken können."

Modefotografie ist eine intime Angelegenheit zwischen dem Model und dem Kleidungsstück, zwischen dem Fotografen und dem Model und zwischen der Fotografie und dem Betrachter. Die Ausstellung ist einem Modeshooting nachempfunden. Dafür haben die Kuratorinnen fünf Stationen entworfen: Casting, Styling, Location, Props und Art Direction. Damit zeigen sie, was für eine komplexe Gemeinschaftsaufgabe jede einzelne Fotografie ist. Oder wie der Gründer von i-D, Terry Jones, es immer gesagt hat: Teamwork makes the dream work.

Wir haben uns mit den beiden jungen Kuratorinnen über die neue Modefotografie, den Wert von Feminismus und Körperlichkeit unterhalten.

Foto: Blommers and Schumm

Gab es einen bestimmten Anlass, wann die Modefotografie den Körper und die Pose entdeckt hat?
Shonagh: In den Arbeiten von Fotografen wie Viviane Sassen und Mark Borthwick steckt eine interessante Idee von Geste und Pose. Ihre Werke im Modekontext werfen die Frage auf, wie ein Kleidungsstück durch die Art und Weise, wie es am Körper getragen wird, wirkt. Vor ungefähr drei Jahren hat sich die zeitgenössische Modefotografie weg vom sexualisierten Blick auf den Körper bewegt. Eine Gruppe von Fotografen hat das Kleidungsstück auf subversive Weise dargestellt, indem sie den Körper in scheinbar neuen Positionen zeigen.
Holly: Dieser Ansatz ist nichts Neues in der Kunst, das sieht man in verschiedenen Werken. Aber dieser körperliche Ansatz in der Mode als so einer weitverbreiteten Ästhetik fühlt sich relativ neu an. Diese Bewegungen sind immer Reaktionen auf Entwicklungen davor. Wir sehen diese Ästhetik nach einer Periode, in der der Körper sehr sexualisiert oder auf sehr fantastische Weise gezeigt wurde.

Glaubt ihr, dass die aktuellen Debatten um Feminismus damit etwas zu tun haben?
Holly: Ich bin mir sicher, dass das für einige Fotografen zutrifft. Für mich sind die neue Bilderwelten aber wirklich positiv und manchmal auch wirklich lustig. Mit den ruhigeren und weniger sexuellen Herangehensweisen an den Körper in der Mode werden die Modefotografie und die Künstler, die so interessante Arbeiten kreieren, und die Modefotografie selbst zelebriert. Für die Fotografen sind die Menschen, die sie fotografieren, gleichwertige Beteiligte in dem Entstehungsprozess dieser Aufnahmen.
Shonagh: Feminismus ist nicht die zentrale Botschaft dieser Fotografien, aber wie Holly schon gesagt hat, arbeiten die Fotografen mit dem Model gleichberechtigt zusammen. Damit befassen wir uns im Kapitel Casting der Ausstellung. Acht von insgesamt 17 Künstlern, deren Arbeiten wir zeigen, sind Frauen, das allein ist schon erstaunlich, denn diese Branche war in der Vergangenheit sehr von Männern dominiert.

Foto: Brianna Capozzi

Was macht eurer Meinung nach eine gute Modefotografie aus?
Holly: Dass man über ein Kleidungsstück neu und auf interessante Art und Weise nachdenken kann.
Shonagh: Ich liebe die narrativen Details in diesen Fotografien. Es wird auf so viele Geschichten angespielt und die Art und Weise, welche Rolle die Kleidungsstücke für die Figuren haben, ist wirklich schön. An der Mode ist toll, dass sie Geschichten erzählen kann.

Welche Bedeutung haben die unterschiedlichen Aspekte ­– Casting, Styling, Locations, Props und schließlich Art Direction – für ein Bild?
Holly: Das eine kann ohne das andere/dem anderen(?) nicht existieren. Für alle Fotografen, mit denen wir im Zusammenhang mit der Ausstellung gesprochen haben, gilt: die Zusammenarbeit ist das Schönste beim Kreieren von modischen Bilderwelten.
Shonagh: Wir haben viel darüber gesprochen, wie wir die Fotos anordnen und gruppieren. Das Thema Pose zieht sich zwar wie ein roter Faden durch alle Fotografien, aber wir wollten noch eine weitere Ebene hinzufügen, die der Herstellung gewidmet ist. Wir wollten aufmerksam darauf machen, dass immer irgendetwas in dem Bild fehlt. Sei es, dass das Piece nicht so getragen wird, wie es sollte, oder dass es gar nicht am Körper getragen wird. Oder dass das Gesicht des Models ausgeschnitten wurde. All diese Aspekte machen letztlich das fertige Bild aus. Keiner der unterschiedlichen Aspekte kann den anderen übertrumpfen, sie sind alle gleichbedeutend.

Foto: Lena C Emery

Wie würdet ihr die Posen beschreiben, die exemplarisch für die moderne Modefotografie stehen? Und werden wir zukünftig neue Posen bei Models erleben?
Shonagh: Wenn man sich alle Fotografien anschaut, ist eines dabei wirklich interessant: wie viele Frauen, die zu sehen sind, keine Models im traditionellen Sinne sind. Marton Perlaki zeigt ihre Mutter und Freundinnen. Bei Joyce NG für 1 Granary sitzen zwei Kinder unter dem Rock. Charlie Engman zeigt mit Sibyl Buck eine Yoga-Lehrerin, Musikerin und Teilzeit-Model. Jess Maybury posiert für Tyrone Lebons Collagen in der Layout-Sektion. Ich weiß nicht, wie die Zukunft des Modelns aussieht oder welche Posen sich entwickeln werden. Aber diese Fotografen interessieren sich nicht für das klassische Model als bloße menschliche Anziehpuppe. Sie porträtieren Menschen. Und viele der Fotografen haben uns in den Interviews sogar verraten, dass sie ihre Models beim Shooting bitten, alles zu vergessen, was sie je übers Posieren gelernt haben.

Wonach habt ihr die Fotografen für die Ausstellung ausgewählt?
Holly: Der körperliche Ansatz sollte sich nicht nur in einem Foto zeigen. Wir wollten Fotografen zeigen, die in all ihren Arbeiten einen besonderen Zugang zum Körper haben.

Foto: Marton Perlaki

Was sollen die Besucher mitnehmen?
Holly: Dass sie die inspirierenden, positiven und herausfordernden Modefotografien von diesen Fotografen zelebrieren.
Shonagh: Wir hoffen, dass dadurch Diskussionen über die zeitgenössische Modefotografie ausgelöst werden. Es passiert nicht oft, dass in einer Gruppenausstellung zeitgenössische Mode-Arbeiten gezeigt werden. Das führt hoffentlich zu ein paar Fragen.

Warum ist es überhaupt wichtig, Mode auszustellen?
Holly: Eine Modefotografie als Print in einem Raum zu erleben, eröffnet dem Betrachter die Möglichkeit, die Geschichten wahrzunehmen, die darin stecken. Manchmal geht eine Geschichte in einem Magazin ohne Erklärung oder Kontextualisierung verloren und die Lesen blättern nur durch, ohne die wichtigen Details zu sehen, die dahinter stecken. Wir wollten den Leuten die Möglichkeit geben, diese Details zu entdecken.
Shonagh: Ich finde es persönlich sehr spannend, den Prozess dahinter zu verstehen.

Foto: Pascal Gambarte

Posturing: Photographing the Body in Fashion kannst du dir bis zum 12. November in London im Ground Floor Project anschauen. Die Ausstellung erfolgt in Zusammenarbeit mit THE OUTNET und ist der erste Teil einer dreiteiligen kreativen Zusammenarbeit mit dem Onlineshop.