Paul Thomas Andersons neuer Film ist eine Liebeserklärung an alle Frauen

Viel wurde über die Performance von Ausnahmetalent Daniel Day-Lewis als Modemacher geschrieben, doch in Wirklichkeit steht dieser gar nicht im Mittelpunkt.

von Matthew Whitehouse
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06 Februar 2018, 4:09pm

Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video "PHANTOM THREAD - Official Trailer [HD] - In Select Theaters Christmas" von Focus Features

London in den 50ern. Modemacher Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) kleidet Filmstars, die High Society und das Königshaus ein. Kurz gesagt: Wer in der Nachkriegszeit etwas auf sich hält, lässt sich feine Roben vom "House of Woodcock" schneidern. Seine Schwester Cyril (fantastisch gespielt von Lesley Manville) unterstützt ihn dabei. Als ihn mal wieder die Arbeit frustriert, flüchtet er aufs Land. Dort lernt der Designer Alma (Vicky Krieps) kennen und nimmt sie mit nach London, wo sie Teil von Reynolds Leben wird und sich den Designer mit seiner älteren Schwester teilen muss.

Der seidene Faden ist ein brillanter Film: spannend, lustig, ein erlesener Modegeschmack und großartig gespielt. Die Arbeit von Regisseur Paul Thomas Anderson ähnelt den Filmen der alten Meister. Eine große Romanze, die sich allmählich – ganz im Stil von Hitchcock – zu einem bedrohlichen Zuhause entwickelt.


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Bisher fiel der Großteil der Aufmerksamkeit, nicht völlig zu Unrecht, auf Daniel Day-Lewis. Der britisch-irische Schauspieler hatte bereits angekündigt, dass es sein letzter Film sein werde. Damit endet eine großartige Schauspiel-Karriere, die ihm drei Oscars eingebracht hat. Den ersten erhielt er für seine Rolle in Mein linker Fuß, gefolgt von seiner Darstellung in There Will Be Blood (2007) und als US-Präsident in Lincoln (2012). Für seine Darbietung des Reynolds Woodcock ist er dieses Jahr erneut für einen Oscar in der Kategorie Bester Hauptdarsteller nominiert.

Auch als Modemacher überzeugt Daniel Day-Lewis mit der Intensität, für die wir ihn lieben. Reynolds Woodcock ist arrogant, gefährlich, unbarmherzig und besessen von Perfektion. So sagt er kaltherzig bei ihrem ersten Date kaltherzig zu Alma: "Du hast keine Brüste." Dabei hat seine Figur durchaus charismatische, romantische und verspielte Züge.

Reynolds und Alma lernen sich in einem Café kennen, in dem sie kellnert. Sie scheint nervös und schüchtern und im Vergleich mit dem eleganten Woodcock wenig geübt im Umgang mit Menschen. Als der Designer die junge Kellnerin aus ihrem bescheidenen Leben befreien will, ahnt man schon in welche Richtung der Film gehen wird. Von der jungen Frau wird erwartet, dass sie sich ihrem viel mächtigeren Partner unterwirft.

Doch genau hier wird Der seidene Faden interessant. In den Filmbesprechungen wird dem männlichen Genie zwar viel Raum gegeben, trotzdem ist es gerade die Figur der Alma, durch die der Film zu diesem fantastischen Melodrama wird. Der Film ist weniger eine Romanze im klassischen Sinn, sondern gleicht einer Studie über die Machtverteilung in einer Beziehung.

Während Woodcock allmählich Zweifel an seiner Zuneigung zu Alma bekommt, reift sie in den Augen der kalten Schwester Cyril. Beide Frauen stehen anfangs in direkter Konkurrenz um die Gunst von Reynolds Woodcock. Doch finden beide bald heraus, dass sie eigentlich Verbündete sind. Neben den unzähligen Näherinnen, ist es gerade ihre Beziehung, die das Überleben des Ateliers sichert. Am Ende dieser komplexen und schrägen Beziehung ist eines klar: Es geht in Der seidene Faden um Almas Geschichte, nicht um die von Reynolds Woodcock.

"Der seidene Faden" läuft ab jetzt im Kino.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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