Foto: Julia Gorton

So sah die New Yorker No-Wave-Szene der 70er aus

Von Debbie Harry und Lydia Lunch bis hin zu Iggy Pop und Patti Smith – Julia Gortons neue Ausstellung durchläuft das ganze Spektrum der New Yorker Musik-Ikonen.

von Georgie Wright
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05 Januar 2018, 11:37am

Foto: Julia Gorton

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Es ist einfach, durch die rosarote Herz-Sonnenbrille, die du dir für die Hippie-Mottoparty deiner Tante besorgt hast, auf die USA der 70er Jahre zurückzublicken. Freie Liebe! Schlaghosen! Drogen! Aber während die hedonistischen Höhepunkte der Rock’n’Roll-Ära die 60er und 70er definitiv geprägt haben, waren diese Zeiten auch von politischen Unruhen gezeichnet. Trotzdem haben sie uns auch einige wichtige Neuerungen gebracht: die fortwährende Bürgerrechtsbewegung, die zweite Welle des Feminismus und Märsche für die Meinungsfreiheit. Aber Aktivismus entsteht bekanntlich aus einer Gesellschaft, die mit dem System unzufrieden ist, und das war in den USA ganz klar der Fall. Die erste Hälfte der 70er Jahre war erfüllt von Protesten gegen die Einmischung der USA in den Vietnamkrieg und von Misstrauen gegenüber der Regierung, die nach der Watergate-Affäre gebildet worden war. Dazu kam der Börsencrash und die darauffolgende Rezession.

Besonders New York wurde schwer getroffen. Mitte der 70er Jahre litt die Stadt unter einer Finanzkrise, die sie fast an den Rand des Bankrotts getrieben hat. Die Arbeitslosigkeit war hoch, die Kriminalität stieg an, die Leute zogen weg. Auf einem "Survival Guide to Visitors of New York City" prangte ein Totenkopf mit der Aufschrift "Welcome to Fear City", darin konnte man praktische Tipps wie "Fahre unter keinen Umständen U-Bahn" finden. Das Leben in dem verfaulenden Big Apple war alles andere als idyllisch.


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Aus dieser Atmosphäre heraus wurde No Wave geboren, eine Post-Punk-Bewegung der späten 70er Jahre, die das Chaos der Stadt thematisiert hat. Die Melodien waren unwichtig, die Einflüsse eklektisch und die Harmonien unstimmig. "No Wave wurde unter anderem von Nihilismus, schwarzem Humor, Beat-Literatur und der musikalischen Avantgarde beeinflusst", sagt die Fotografin Julia Gorton, die die Bewegung in ihrem Fanzine Beat It! und nun auch auf einem eigenen Instagram-Account dokumentiert hat. "Wir haben es auf unsere Art gemacht, ohne uns an Regeln oder Normen zu halten. Ich hatte nicht viel Ahnung vom Fotografieren und kannte mich in der Gegend über der 14th Street nicht aus, aber die Gegend darunter – das war mein Zuhause, und das Fotografieren meine Leidenschaft."

Julia hat sich im No Wave einen Namen gemacht – ein Genre, das sich selbst vom kommerzielleren New Wave distanziert hat – was aber nicht bedeutete, dass es keinerlei Überschneidungen zwischen den beiden gab. Rückblickend ist es einfach, die Genres voneinander abzugrenzen, aber in den 70er Jahren haben sich die Anhänger beider Richtungen in New York City an denselben Orten bewegt – seien es die Straßen in der Lower East Side, der berüchtigte Punkrock- und New Wave-Club CBGB oder eben vor Julias Polaroid-Linse.

Von Lydia Lunch und Debbie Harry bis hin zu Patti Smith und Iggy Pop deckt die neue Ausstellung der Fotografin das ganze Spektrum an Schlüsselfiguren der Szene ab. "Obwohl ich arm und die Stadt damals ziemlich düster war, fand ich sie – und meine Motive – faszinierend, sexy und glamourös zugleich."

Pretty in Punk ist noch bis Ende Februar in der Untitled bar in Dalston, London, zu sehen.

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