Precious Lee: „Wenn ich will, dann komme ich in einem Ballkleid an“

Das Supermodel, das auch Astrologin und Atemtherapeutin ist, zoomt mit Marjon Carlos aus ihrem mit Kristallen überladenen Apartment.

von Marjon Carlos
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21 Juni 2021, 11:17am

Precious Lees Geschichte ist ursprünglich in i-D's The New Worldwi-De Issue, Nr. 363, Sommer 2021 erschienen. Hier könnt ihr euer Exemplar bestellen.

Supermodel Precious Lee analysiert mich. Mit einer beiläufigen Leichtigkeit spricht sie über meine Gewohnheiten, meine Ticks und meine Neurosen. In den meisten Fällen könnte das unangenehm werden, aber Precious, die eine zertifizierte Atemtherapeutin ist, sitzt während unseres Zoom Calls in ihrem mit Kristallen überladenen Apartment in Downtown New York und will nichts, als eine positive Botschaft verbreiten. Als sie mein Sonnenzeichen (Widder) und mein Mondzeichen (Jungfrau) herausgefunden hat, erklärt sie mir mein chaotisches astrologisches Horoskop. Precious hat die gleichen Zeichen wie ich, mit einem unbeirrbaren Drang zur Perfektion und harter Arbeit. Von ihrem Vater, einem Widder, hat sie gelernt für sich selbst einzustehen: "Widder haben den Instinkt, zuerst an ihre eigene Meinung zu denken, das tun nur die wenigsten Leute", erklärt Precious mit ihrem Südstaaten-Akzent. Es ist ein sweeter, richer Sound, so wie alle hübschen Girls aus ihrer Heimatstadt Atlanta, Georgia, klingen. Precious erzählt weiter: „Widder sind hartnäckig. Sie sind die ersten des Tierkreises und sind es daher gewöhnt, zu initiieren." Dann erklärt sie mir, dass mein Mond und meine Sonne im ständigen Streit sind. "Du initiierst etwas und dann kommt dein Sternzeichen und macht dich total fertig!" “Und was soll ich jetzt tun?”, frage ich sie. „Du solltest mit deiner Herzchakra und deinem Solarplexus arbeiten. Leg dir einen Rosenquarz und grünen Kalzit - ich liebe grünen Kalzit - auf die Brust. Auf deinem Solarplexus solltest du den Edelstein Tigerauge platzieren.“

Ich habe von all diesen Dingen noch nie gehört, aber ich vertraue ihr. Precious Mission ist es, Schwarzen zu helfen, ihre eigene Magie zu finden. Was auch immer sie bespricht, sie strahlt dabei während unseres zweistündigen Videocalls. Für ihre spirituelle Praxis lässt sie sich von verschiedenen Einflüssen wie Klangtherapie, Chakrenarbeit, Astrologie und Gospelmusik inspirieren.

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Precious trägt einen Bodysuit von Area Couture 21. Headpiece Nasir Mazhar für Maximillian AW21. Schuhe Cult Gaia.

Precious hat ein unglaublich erfolgreiches Jahr hinter sich, seit sie die Versace SS21 Show als erste Afroamerikanerin ohne traditionelle Modelmaße gelaufen ist. Die Show des italienischen Luxushauses hat uns mit unter Wasser genommen, um dort Versacepolis zu entdecken. Precious glitt den Laufsteg in einem Seestern-gemusterten Minikleid entlang, das ihren kurvenreichen Körper betonte und zelebrierte. Obwohl aufgrund von Covid-19 kein Publikum anwesend war, um die Kollektion live mitzuerleben, konnte man Precious Wirkung auch am Bildschirm sofort spüren. Nach der Show wurde das Model von der Presse umringt, denn alle wollten mit ihr über den spektakulären Auftritt sprechen. Besuche bei Good Morning America und The Daily Show folgten, um mehr über ihr Versace-Debut als Model mit Größe 14 (manchmal auch 16) zu erfahren.

Viele haben ihren Auftritt als Vorgeschmack einer Veränderung in einer Industrie gedeutet, die abgesehen von den Black Lives Matter Protesten im letzten Sommer, im Bezug auf Rasse, Größe, Alter und Geschlechtsidentität oft als ausgrenzend kritisiert worden ist.

Auf Precious Laufsteg-Auftritt folgten ein Cover für die italienische Vogue, ein Shooting für die vielbeachtete Ivy Park Kampagne im letzten Herbst und bald werden weitere Jobs für Versace, DSquared2, Miu Miu und das Parfüm Perfect von Marc Jacobs dazukommen.

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Kleid und Federboa Lanvin AW21. Armbänder Levian. Armbänder (linke Hand) Shay Jewelry, Levian and Kallati. Armbänder (rechte Hand) Levian and Anabela Chan. Ring (linke Hand) Bylolita. Ring (rechte Hand) Bylolita. Schuhe Keeyahri.

Das Model hilft dabei, Konventionen zu durchbrechen, doch wer denkt, dass ihr Erfolg über Nacht gekommen ist, irrt. Entdeckt wurde sie zwischen ihren Vorlesungen an der Clark Atlanta University wo sie Kommunikation studiert hat. Nach dem Abschluss entschied sie sich gegen ein Jurastudium, um sich ganz der Mode zu widmen. Precious gab sich das berühmte eine Jahr Zeit, um es in New York zu schaffen. Danach wäre sie an die Universität zurückgegangen, um Anwältin zu werden, wenn die Modekarriere nicht geklappt hätte. Doch dazu ist es nie gekommen, denn sobald sie in New York gelandet war, schnappte sie sich schon die ersten Jobs als Model für Bademode und Lingerie - zwei Märkte die Plus-Size-Models bis dahin wenig Beachtung geschenkt haben.

Obwohl sich die Industrie nur langsam verändert, hat Precious nie aufgegeben und wurde für immer mehr Fashion Shows und große Kampagnen gebucht. 2015 schaffte sie es außerdem als erstes afroamerikanisches Model mit Kurven in die amerikanische Vogue, während in dem Magazin außerdem die Kampagne #PlusIsMore mit ihr als Star zu sehen war. 

Precious sieht ihre Entwicklung als kurvige schwarze Frau aus den Südstaaten zu einem der bekanntesten Models als Revolution: „"Revolutionen haben anhaltende, dauerhafte Auswirkungen. Mein 'Moment', den ich gerade erlebe, ist historisch. Und deshalb wird es nie nur ein Moment sein. Er wird ab jetzt ein Teil dieser Industrie sein.“

Es ist eine Revolution, die notwendige Veränderungen rund um das Thema Inklusion anstößt und veraltete Systeme im Bezug auf Casting und Imagebildung hinterfragt, die viel zu lange nur eine Sicht auf Schönheit abgebildet haben. „Ich hatte immer das Ziel für Versace zu laufen", erzählt Precious, „dieser Traum war immer präsent“. Jetzt, da sich vieles erfüllt, von dem sie lange geträumt hat, genießt sie jeden einzelnen Moment. „Gott hatte einen Plan für mich. Ich wusste, irgendwann würde meine Zeit kommen.“

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T-shirt vintage von Little Five Vintage. Shorts Levi’s. Ohrringe Jennifer Fisher.

Nehmen wir beispielsweise dieses Cover. Bereits während der Highschool hat sich Precious vorgestellt, wie sie ihr Auge für das berühmte Augenzwinkern zudrücken würde. Als das Shooting dann in ihrer Heimatstadt stattfand und sie von Tyler Mitchell fotografiert wurde, der ebenfalls in Atlanta geboren wurde, konnte Precious ihr Glück kaum fassen. „Es hat einfach alles gestimmt“, schwärmt sie.

Atlanta selbst ist für sie eine lebendige Stadt mit verschiedensten Einflüssen. "Da ich aus dem Süden komme, geht es mir bei der Spiritualität um die Auseinandersetzung mit Energie. Glaube fest an das, was du glaubst.“ Precious Spiritualität hilft ihr, trotz ihrer rasanten Karriere die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Außerdem hilft es ihr, sich mit den Gewalttaten weißer Polizisten gegen Schwarze auseinandersetzen. „Ich glaube nicht, dass die Leute eine Ahnung davon haben, wie körperlich, geistig und emotional anstrengend es ist, informiert und schwarz zu sein.“

Am Tag unseres Interviews ist der Mord an Daunte Wright das Hauptgesprächsthema in den Nachrichten. Der 20-jährige starb, nachdem eine Polizistin bei einer Verkehrskontrolle auf ihn geschossen hatte. Ein Versehen, hieß es bei einer anschließenden Pressekonferenz, die Polizistin habe ihre Pistole mit einem Taser verwechselt. Wir sind beide zutiefst erschüttert von dem Ereignis und der willkürlichen Polizeigewalt gegen Schwarze, aber Precious befindet sich in einem Zwiespalt – als gefragtes Model erschafft sie Bilder die inspirieren sollen und im Gegensatz zu den Nachrichten von Gewalt und Tod stehen, die die Medien immer wieder versuchen mit Afroamerikanern in Verbindung zu bringen. Gleichzeitig ist sie tief traumatisiert von der Ungerechtigkeit, die in ihrem Land vorgeht. 

„Ich habe noch nie so viele aufeinanderfolgende Bilder gesehen, wie wir hingerichtet und ermordet werden", sagt Lee. „Ich habe das Gefühl, weil ich Teil der Kreativindustrie bin, kann ich den Leuten etwas Aufbauendes geben, bei all dem Schmerz, mit dem wir täglich zu kämpfen haben. It’s a lot.“

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T-shirt vintage von Little Five Vintage. Swimsuit (trägt sie darunter) Norma Kamali. Shorts Levi’s. Ohrringe Jennifer Fisher.

Keine Sekunde zweifelt Precious daran, dass sie von ihren Vorfahren beschützt wird, die ihrer Meinung nach auch den Weg für ihren schicksalhaften Erfolg geebnet haben. „Wow, ich sage dir, meine Vorfahren, meine spirituellen Führer und Gott erlauben sich keine Fehler bei Precious Lee. Es gibt absolut nichts, von dem ich nicht denke, dass es mich nicht erreichen wird, wenn es für mich bestimmt ist, weil ich so sehr mit Gott verbunden bin“, sagt das Model. Wenn man sich ihre Familie anschaut, merkt man, dass Entertainment in ihren Genen ist. Ihr Vater Rudy war in Atlanta ein bekannter Haarstylist, der Celebrities wie die Sängerin Chaka Khan frisierte. Ihre Mutter war ein lokaler Style Star, der mit ihrem nun verstorbenen Onkel Keith in Clubs auftrat. Dann gab es da natürlich noch ihre Großmutter, die eine Kleiderboutique besaß und ihre Kostüme von Chanel und Louis Vuitton an Precious weitergab. Ihr Onkel Clarence sang in der Soulband The Five Stairsteps und auch ihre Schwester hatte schon einige Aufträge als Model. Mit ihrem aktuellen Erfolg ist Precious wie der wildgewordene Traum ihrer Verwandtschaft.

Schon seit der Kindheit hat ihre Familie Precious das Gefühl gegeben, unbesiegbar zu sein und alles erreichen zu können. Sie erinnert sich daran, dass sie vor kurzem alte Tagebücher gefunden hat, in die sie trotzige Botschaften gekritzelt hat. "Ich mache das nicht. Ich tue nur, was mir gefällt. Ich lasse mich von niemandem aufhalten!'" Sie ist über ihre eigene Hartnäckigkeit amüsiert, die sie von ihren Eltern geerbt hat. „Ich lasse mir von niemandem sagen, dass ich irgendetwas nicht schaffen kann. Ich werde die Homecoming Queen sein, wenn ich will – und eine Professorin”, hat sie in das Buch geschrieben.

Viele afroamerikanische Mädchen haben nicht die gleichen Bildungschancen und werden für ihr Aussehen beurteilt, insbesondere dann, wenn ihr Körper nicht in die traditionelle Größenordnung passt. Doch Lee war nicht bereit, sich darauf einzulassen. „Ich war schon immer ein etwas schwereres Kind, das ausbrechen wollte. Ich wollte rufen ‚Whoa, nein’“, erinnert sie sich. "Ich war nie für diese Einschränkungen bestimmt."

Im Viertel College Park in Atlanta aufzuwachsen, gab ihr von klein auf Selbstbewusstsein und die Stadt, in der sich alle interessant kleideten und einen Sinn für Humor hatten, gab ihr Energie. Durch dieses Umfeld fand Precious ihren eigenen Style und war nicht bereit, sich jemals unterzuordnen. „Ich habe den Leuten schon vor langer Zeit ernsthaft vermittelt, dass sie mich nicht fragen sollen, was ich wohin anziehen werde. Ich werde in einem Ballkleid auftauchen, wenn ich will," sagt sie und lacht dabei. „Bitte versucht nicht, etwas anzuziehen nur weil ich es trage. Zieht an, worin auch immer ihr euch wohlfühlt!“ 

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Swimsuit Same Swim. Sonnenbrille Balenciaga.
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Top Norma Kamali. Shorts Levi’s. Ohrringe Jennifer Fisher. Schuhe Dorateymur.
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Kleid Aliette AW21.
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Mantel Christian Siriano AW21. Sonnenbrille Bottega Veneta. Diamantenkette Briony Raymond. Kette Shay Jewelry. Armband und Ring (Linke Hand) Bylolita. Armband und Ring (rechte Hand) Kallati. Armand (linke Hand) Levian.
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Mantel Stella McCartney Resort 21. Bikini top Frankies Bikinis. Ohrringe Jennifer Fisher. Armband (rechte Hand) Shay Jewelry und Levian. Armband und Ring (rechte Hand) Kallati. Ring (linke Hand) Bylolita.
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Kleid Loewe. Schuhe Maryam Nassir Zadeh.
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Kleid Dsquared2. Ohrringe Forever Mark. Kette Fallon. Armband (rechte Hand) Shay Jewelry. Armband (rechte Hand) Katkim. Armband (linke Hand) Levian and Anabela Chan. Ringe Bylolita.
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Kleid Balmain PF21. Ohrringe Djula. Ringe Bylolita. Ring (linke Hand) Kallati. Schuhe Rene Caovilla.

Credits


Photography Tyler Mitchell
Fashion director Carlos Nazario

Hair Latisha Chong using Bumble and bumble.
Make-up Jamal Scott using Hourglass Cosmetics.
Set design Whitney Hellesen.
Photography assistance Zack Forsyth, Owen Smith-Clark and Casanova Cabrera.
Styling assistance Christine Nicholson, Jennifer De La Cruz, Cari Pacheco and Marah Rice.
Tailor Andrea Francis.
Set design assistance Daniel May-Applegate, Erini Sadek and Michael Silvera.
Production Amanda Bertany.
Production coordinator Carson Howell.
Production assistance Mark Wilder and Trenton Davis.
Casting director Samuel Ellis Scheinman for DMCASTING.

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