Die Frauen von Liverpool und ihre Lockenwickler

Die Fotos von Jermaine Francis feiern ein Samstagnachmittagsritual.

von Louise Shannon und Magda Keaney
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14 April 2020, 4:30am

Jermaine Francis begab sich im vergangenen Jahr jeden Samstag nach Liverpool, um ein (zumindest außerhalb des Einzugsgebiets der nordwestlichen britischen Stadt) wenig bekanntes Schönheitsritual zu dokumentieren: Frauen, die ihren alltäglichen Verrichtungen mit Lockenwicklern im Haar nachgehen. Es ist ein weit verbreiteter Anblick hier, wie sie geschäftig durch die Stadt eilen—teils in Vorbereitung für den abendlichen Ausgang und teils als öffentliche Darbietung. Um die Fotografien zu kontextualisieren, die Jermaine (in Begleitung von Paul Owen, einem Dozenten an der Liverpool John Moores University) geschossen hat, treffen sich die aus Liverpool gebürtige Kuratorin Louise Shannon und Magda Keaney von der National Portrait Gallery hier zu einem Gespräch...

woman in hair rollers

Louise Shannon: Wenn ich mir die Frauen in Jermaines Bildern ansehe, mit Lockenwicklern im Haar auf den Straßen Liverpools, empfinde ich große Bewunderung. Mir gefällt diese totale Hingabe an den Wunsch, am Abend so gut wie möglich auszusehen, und dass es ihnen gleichgültig ist, dass du den Aufwand dahinter sehen kannst. Ich bin stark beeindruckt von ihrer Sorgfalt und Aufmerksamkeit—Solariumbräune, Augenbrauen, Wimpern, Make-up, Haare—und davon, wie unbefangen sie sich in ihren Lockenwicklern präsentieren. In meiner Wahrnehmung deutet dieses unwahrscheinliche Ritual außerdem darauf hin, dass die Frauen von Liverpool bereit sind, sich den Raum zu nehmen, der ihnen gebührt. Sie sind unterwegs und lassen sich nicht einpferchen.
Magda Keaney: Das andere, was mir auffällt, ist der gemeinschaftliche Charakter des Ganzen. Würde nur eine Person Lockenwickler tragen, wäre das sonderbar, aber es ist in Liverpool offensichtlich weit verbreitet. Für mich wirft das die Frage des Blicks auf: Wie blicken die Bewohner von Liverpool auf diese Frauen, die ihnen am Samstagnachmittag mit Lockenwicklern im Haar über den Weg laufen?

woman with rollers in her hair

Manche Frauen würden nicht im Traum daran denken, so außer Haus zu gehen; andere zucken bei dem Gedanken nicht mit der Wimper. Es scheint niemandem richtig aufzufallen. Vielleicht ist das ein Ausdruck echter Gleichgültigkeit: Es ist dir wirklich egal, was die Leute denken, weil du in sechs Stunden wie ein Popstar aussehen wirst.
Meinst du, es gibt ein Bewusstsein dafür, was da vorgeht? Ist es auch eine Performance oder einfach praktisch?

Einige der Frauen haben Jermaines Kamera bemerkt. Sie reagierten mit einem kleinen Lächeln, einem wissenden Blick, einem Gefühl von Stolz vielleicht, dass sie fotografiert wurden. Jermaine hat erwähnt, dass keine der Frauen, die ihn beim Fotografieren erwischten, danach fragten, wo die Bilder landen würden. Ich denke, es gibt ein Selbstverständnis, dass diese Sache in Liverpool entstanden ist—zumindest als zeitgenössische Schönheitskultur. Jermaine ist außerdem aufgefallen, dass, wo immer ihm die Lockenwickler außerhalb Liverpools begegneten, der Liverpooler Akzent nie fern war.
Manche Frauen sind voll geschminkt auf den Bildern, andere nicht, und ich frage mich, ob das bedeutet, dass die Gründe, weshalb du mit Lockenwicklern ausgehst, davon abhängen mögen, wer du bist. Für manche ist es schlicht praktisch, für andere eine öffentliche Performance. Um bei der Frage des Blicks zu bleiben, wie denkst du würden diese Frauen reagieren, wenn sie ihr Bild in einer Modezeitung wiederfänden?

woman with rollers in her hair

Die Macht dieser Frauen liegt darin, sich auf offener Straße so zu präsentieren—aber bleibt diese Macht bestehen, wenn ihre Bilder in einem Magazin erscheinen? Jermaine beschreibt seine Arbeit als einen Liebesbrief an Liverpool, als das Porträt einer Hingabe an Glamour, aber man kann es auch anders verstehen. Auf der Straße geben die Frauen den Takt an, es ist ihr Lebensumfeld. Mit der Veröffentlichung der Bilder verschiebt sich der Kontext und der Blick konzentriert sich nochmal neu. Kontext ist also entscheidend. Mag sein, dass die Frauen total perplex wären über das Interesse daran, diesen Vorgang zu zeigen. Warum fotografiert man sie nicht später, auf dem Höhepunkt ihrer Schönheit?
Das ein sehr interessanter Gedanke und lässt mich an Diane Arbus denken, die berühmt ist für ihre Fotos von Transfrauen in Lockenwicklern aus den 1960er Jahren. Diese Fotos wurden nicht im öffentlichen Raum aufgenommen, und die Dargestellten sind sich durchaus bewusst, dass ein Bild von ihnen entsteht. Die häusliche Umgebung der Porträtieren bleibt aber unsichtbar. Mir gefällt, wie die Lockenwickler auf den Veränderungsprozess anspielen, aber Dianes Blick, der weder besonders sanft noch einfühlsam ist, behält eine Spannung zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit bei.

Und dann fällt mir noch die Nachkriegsschule englischer Fotojournalisten ein, die in den 1960er und 70er Jahren in den Norden gingen und Aufnahmen von der Armut in den dortigen Industriestädten machten. Diese Fotografen (die meisten davon Männer) waren auf der Suche nach Gegenständen, die einer speziellen Ästhetik entsprachen, und sie passten die Wirklichkeit an ihr Erzählkonzept an. Das ist ein großer Unterschied [zu Jermaines Arbeiten]. Frauen in Lockenwicklern wurden damals zu einem Stereotyp. Daneben gibt es den Modebereich, der mir in diesem Zusammenhang wichtig scheint, weil du in diesem Bereich Bilder von Frauen im Verhältnis zum Stadtraum findest, die nicht auf Realismus bedacht sind, sondern einfach ihren Stil feiern.

Jermaine erzählte mir, dass er über mehrere Monate hinweg jeden Samstag fotografierte, er war also bald ein bekanntes Gesicht. Er dachte, die Leute würden ihn irgendwann darauf ansprechen, aber niemand hat das gemacht. Ich denke oft darüber nach, wie Frauen die Stadt erleben und bewohnen. Außerhalb des Modebereichs aber fallen mir kaum fotografische Projekte ein, die auf Frauen in der Stadt Bezug nehmen.

woman with rollers in her hair

In Liverpool sind die Lockenwickler sehr präsent, man sieht sie überall, auch in anderen, kleineren Städten im Nordwesten. Ich muss gestehen, dass ich mir unschlüssig war, bevor ich die Bilder gesehen und Gelegenheit hatte, mit Jermaine über das Projekt zu sprechen. Es gibt eine Tradition des Spotts gegen Frauen—und insbesondere gegen Frauen aus der Arbeiterklasse; das passiert auch heute noch. Ich bin stolz darauf, aus Liverpool zu kommen und meine Kinder hier großzuziehen. Spott gegen Frauen, egal welcher Herkunft, ist hier gewissermaßen ein Volkssport. Am Grand National [einem Pferderennen in Liverpool] interessieren uns vor allem die Männer und Frauen, die schon an der ersten Hürde scheitern und zu Mittag bereits besoffen sind. Es ist ein grausamer Sport.

Der Verweis auf Pferderennen passt gut—weil solche Veranstaltungen reiche wie arme Leute anziehen, und weil du am Ladies Day in Aintree das Endergebnis sehen kannst: Alle sind aufgebrezelt bis zum Gehtnichtmehr, die Haare gemacht und in glamourösen Outfits. Aber es gibt auch die andere, dreckige und dunkle Seite des Ganzen. Wie du sagst, es gibt viel schlechte Presse, was zu negativen Stereotypen beigetragen hat.

Das erinnert mich an die Fotografien, die der britische Gesellschaftsfotograf Dafydd Jones von Studenten in Oxford und Cambridge gemacht hat, wo die Reichen sich im Grunde genauso verhalten: Sie putzen sich heraus, trinken zu viel, fallen in Ohnmacht, deine Kumpels ziehen dir die Hosen runter, aber es ist alles nur ein Jux. Die “Elite”, so scheint es, wird für ihr schlechtes Benehmen nicht zur Verantwortung gezogen. Jones’ Aufnahmen sind zu Margaret Thatchers Zeit entstanden; sie dokumentieren, wie Jones selbst es beschreibt, “das letzte Hurra der britischen Oberschicht”.

Mir gefällt, dass Jermaines Bilder uns daran erinnern, dass die Frauen von Liverpool nach wie vor ihren Spaß haben. Zum Abschluss wollte ich dich noch fragen, was die Arbeit uns darüber erzählen kann, wie es sich heute anfühlt, eine Frau in Liverpool zu sein.

Ich kann nicht für alle Frauen von Liverpool sprechen, aber für Frauen in meinem Umfeld würde ich sagen, dass der Stolz auf die äußerliche Erscheinung von höchster Bedeutung ist und zugleich paradox—es ist ein unfertiger Zustand auf dem Weg zu Glanz und Glamour. Vielleicht spielt da auch ein Gefühl von Zugehörigkeit mit, als Teil einer lustvollen, aber kompromisslosen Identität. Es spricht daraus ein Interesse für Mode und Schönheit—und ein fast altmodischer Stolz auf die äußere Erscheinung. Man bemerkt das sowohl an Sportbekleidung wie am täglich getragenen Sonntagsanzug. Wie Jermaine mir sagte, hofft er, dass die Frauen im Kontext dieses Magazins zu richtiggehenden Stars werden, und dass wir ihre Bilder als unverfroren, aufrichtig und normal feiern.

woman with rollers in her hair
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Credits


Fotos Jermaine Francis
Mit besonderem Dank an Paul Owen

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