Wir haben mit den Depop-Anbietern gesprochen, die mit der Coronavirus-Pandemie kräftig Kasse machen

Kapitalismus! Ach du lieber Himmel! ¯\_(ツ)_/¯

von Sanjana Varghese
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25 März 2020, 6:00am

Chloe, eine Studentin aus Portsmouth, war früher Mitglied einer Online-Community, die PocketBacs von Bath & Body Works sammelte—Händedesinfektionsmittel in winzigen Tuben, die man in Rucksäcke oder Handtaschen einklinken konnte. Sie waren strahlend bunt und unmöglich in Großbritannien auffindbar. “Ich hab die ganze Zeit dieses Desinfektionsmittel in verschiedenen Shops oder bei bestimmten Anbietern auf eBay gekauft”, erzählt sie. Wenn Freunde oder Familienangehörige ins Ausland reisten, bat sie immer darum, welches mitzubringen. “Auf dem Höhepunkt meiner Sammlung hatte ich mehr als 150 Händedesinfektionsmittel, die ich natürlich nie verwendet habe. Und so beschloss ich, meine brandneuen PocketBacs an Leute weiterzuverkaufen, die meine alte Leidenschaft teilen.”

Als sie Mitte 2019 anfing die Produkte auf Depop zu verkaufen, erreichte ihr PocketBac-Imperium nicht ganz die erhofften Höhen. Seit kurzem aber sind ihre Desinfektionsmittel heiß gefragt. “Ich hatte Anfragen von Leuten, die jedes einzelne Exemplar in meinem Bestand aufkaufen wollten!” sag Chloe. Es überrascht wenig, dass dieser Aufschwung mit der Explosion der Pandemie—und den daraus resultierenden Panik-Käufen—zusammenfiel.

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Geschäftstüchtige Verkäufer auf Depop, eBay und anderen Online-Märkten wie Facebook Marketplace oder sogar Instagram, schlagen aus der Angst vor der Verbreitung von COVID-19 Kapital, und das seit dem Ausbruch des Coronavirus in der chinesischen Provinz Wuhan Ende 2019. Diese Benutzer verkaufen maßgefertigte Gesichtsmasken, Desinfektionsmittel und N95-Masken (Atemschutzmasken, die vor allem von Radfahrern getragen werden). Auf eBay verhökern Anbieter sogar gefälschte Lehrbücher über das Coronavirus, mit den Titeln von echten wissenschaftlichen Arbeiten, für bis zu €73. Für einige unter ihnen—darunter Chloe—handelt es sich um einen unerwarteten Mehrertrag durch eine ansonsten passive Einnahmequelle. Für andere ist es eine aktive Gelegenheit, aus der globalen Angst Nutzen zu ziehen, um ihr Geschäft zu expandieren.

Ein Marktforschungsunternehmen namens Helium 10, das mit Verkäufern auf Amazon zusammenarbeitet, berichtet, dass der Suchbegriff “N95-Maske” im vergangenen Monat über 862.000 Mal eingegeben wurde. Letzten Dezember war die entsprechende Zahl 4.500. Auch chirurgische Gesichtsmasken erfreuen sich erhöhter Nachfrage, und Nachrichtenagenturen auf der ganzen Welt melden empfindliche Engpässe—besonders in den USA—, was potenziell Ärzte und Pflegepersonal betreffen könnte, die an vorderster Front gegen das Coronavirus kämpfen.

Sophie, die in Kanada lebt, behauptet aus zwei Gründen mit dem Verkauf von Gesichtsmasken angefangen zu haben: weil Leute in ihrer örtlichen Community sich allmählich wegen des Coronavirus Sorgen machten, aber auch weil sie dachte, dass die überall angebotenen Einwegmasken verschwenderisch sind. “Ich machte ein paar für Freunde, aus Baumwolle oder Segeltuch, und die Stoffe sind alle aus dem örtlichen Textilwarenladen”, sagt Sophie. “Es haben wahrscheinlich so um die 20 Leute Spezialanfertigungen angefragt, und ungefähr 20 haben die Masken gekauft, die ich davor gemacht habe. Es besteht großes Interesse, aber nicht nur wegen des Virus. Andere Unternehmen wie etwa Dollskin verkaufen auch Gesichtsmasken, es hat also auch etwas mit Mode zu tun.”

“Ich habe diese Masken selbst hergestellt, mit recycelten Materialien, zum Beispiel Klamotten, die ich nicht mehr trage”, sagt Porscha, eine in London wohnhafte Designerin, die viele ihrer Kleider bereits auf Depop verkauft. Ihre Freunde und Familie ermutigten sie, eine Maske, die sie schon einmal gemacht hatte, zu rekonstruieren, um zu sehen, ob irgendwer Interesse hat, eine Version davon zu kaufen. “Die Masken, die ich zuletzt gemacht habe, bestehen aus den Resten einer alten Chanel-Tasche, die ich nicht mehr verwende.” Es darf wohlgemerkt nicht als gesichert gelten, dass diese Masken die Ausbreitung des Virus aufhalten, noch sind sie, aufgrund ihrer hausgemachten Bau- und Lieferweise, so steril wie die Einwegmasken aus dem Krankenhaus.

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Für manche Anbieter war es einfach eine Frage von Trends. Marina, eine Verkäuferin aus Kanada, hat ein Lager voller Masken, die sie vor ein paar Jahren von einer Reise nach Japan mitgebracht hat. Sie hatte ganz darauf vergessen, bis sie die Schlagzeilen über Engpässe sah. “Es ist schwer den genauen Preis zu bestimmen, weil alles so hochgetrieben ist”, gibt sie zu. “Ich habe erst letzte Woche angefangen sie zu verkaufen, aber ich denke, es wird interessant sein zu beobachten, wie die Mode sich ändert, wenn Leute anfangen, die ganze Zeit über Masken zu tragen, oder überallhin Desinfektionsmittel mitnehmen.”

Es ist nicht leicht abzuschätzen, wie viele dieser Produkte in den letzten paar Monaten aufgekommen sind, und noch schwieriger zu entscheiden, ob wir der Entstehung einer (grauenerregenden) neuen Industrie beiwohnen. Auf Depop verkaufen Benutzer Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel, aber sie bieten auch andere Gegenstände an, etwa Bücher über Pandemien (zwei zum Verkauf angebotene Artikel waren The Stand von Stephen King und Spillover von David Quammen). “Ich hab nen Rapper gesehen, der sich Sheck Wes nennt und auf Instagram eine Skimaske trägt, und so fing ich an, meine eigenen Skimasken anzufertigen”, sagt Juan, der in New York lebt. “Ich beziehe sie von einem Großhändler und besticke sie selbst.” Sein neuester Entwurf, eine knallrote Sturmhaube, trägt die Aufschrift “COVID 19 - NO FEAR” über Augen und Mund.

Ein Teil der Coronavirus-Profitmacherei ist offensichtlich augenzwinkernd, wie zum Beispiel das Händedesinfektionsmittel, das ein Benutzer für 1.000 britische Pfund gelistet hat, während andere Artikel, besonders wenn sie en gros angeboten werden, eindeutig ausbeuterisch sind. “Ich war auf eBay und sah, dass jemand über 5.000 Desinfektionsspender verkauft hat, zum Stückpreis von €13,99”, sagt Louis aus Yorkshire und gibt zu, selbst Gesichtsmasken verkauft zu haben. “Das Desinfektionsmittel war Cien, die Lidl-Eigenmarke—ich hab mich gleich ins Auto gesetzt und bin zum nächsten Lidl gefahren, um zu sehen, ob ich noch welche kriegen kann. Aber sie waren alle ausverkauft.”

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Sophie sagt, sie hätte bisher kein negatives Feedback für ihren Shop bekommen, aber sie hat auch keine Supermarktvorräte aufgekauft, um sie teurer weiterzuverkaufen. Andere Anbieter jedoch setzen sich gegen Kritik zur Wehr: Sie sagen, sie reagieren einfach auf Angebot und Nachfrage. “Ich hab schon als kleiner Junge Streetwear von Supreme, Off-White und andere Marken in limitierter Auflage wiederverkauft”, fügt Louis hinzu. “Ich erstand sie für 100 Pfund und verkaufte sie für 500. Jeder kann ins Geschäft gehen und einen Artikel wieder auf den Markt bringen—das ist nichts Besonderes.” Der Unterschied ist natürlich, dass seine Supreme-Ausbeute keine Frage von Leben und Tod war.

Für den Augenblick läuft das Geschäft dieser Depop-Verkäufer gut, so ethisch fragwürdig es auch sein mag. Fehlinformation rund um das Virus—besonders in Form “hausgemachter Heilmittel”—verbreitet sich mit einer Geschwindigkeit, der schwer Einhalt zu gebieten ist, und für viele Menschen ist es schwierig herauszufinden, was genau sie tun können, um sich zu schützen (falls ihr verwirrt seid, das britische National Health Service und das amerikanische Centre for Disease Control haben brauchbare Tipps, die weder Magic Mushrooms noch Knoblauch beinhalten).

Vielleicht aber ist die Blase kurz davor zu platzen. Online-Märkte haben zusehends Schritte gesetzt, um Leute daran zu hindern, mit diesen Produkten auf ihren Plattformen Profit zu schlagen. eBay etwa hat jüngst eine Stellungnahme veröffentlicht, wonach sie alle Listings entfernen wollen, die das Coronavirus erwähnen und Produkte wie Gesichtsmasken oder Desinfektionsmittel anbieten. Auf Facebook und Instagram ist ein zeitweiliges Verbot in Kraft getreten, dass Werbung für Masken und alle anderen verknappten Artikel untersagt. Listings, die das Wort “Coronavirus” erwähnen, scheinen in Suchanfragen auf Depop nicht länger auf, obwohl es nach wie vor Mittel und Wege gibt, solche Artikel zu finden, wenn ihr es wirklich darauf anlegt.

“Wir bei Depop lassen nichts unversucht, um unsere Community vor Listings mit irreführenden Behauptungen und Praktiken zu schützen, die diese gesundheitliche Notlage ausnutzen. Wir tun alles, um das Vertrauen in unseren Online-Markt sicherzustellen”, sagt eine Sprecherin für die App. “Daher haben wir beschlossen alle Listings zu blockieren und zu entfernen, die Masken, Händedesinfektionsmittel/Gels und Desinfektionstücher anbieten, sowie alle anderen Listings, die im Titel oder in der Beschreibung COVID-19, coronavirus oder 2019nCoV erwähnen. Die Sicherheit unserer Community ist unsere oberste Priorität, und wir werden auch weiterhin alle erforderlichen Anpassungen an unseren Geschäftsbedingungen vornehmen, in Übereinstimmung mit der weiteren Entwicklung von COVID-19.”

Selbst wenn diese Listings heruntergenommen werden, ist es jedoch nahezu unvermeidbar, dass alternative Methoden auftauchen werden, um diese Produkte anzuwerben. “Wegen des Coronavirus sind Staubschutzmasken überall ausverkauft. Diese Produkte sind im Moment unsere Bestseller”, sagt Juan. “Klar, jeder der versucht, diese Artikel zu verkaufen, schlägt Profit aus dem Coronavirus.”

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