Vier radikale Künstler verdrehen, was wir unter Schmuck verstehen

Florence Tétier, Shalva Nikvashvili, Anouk van Klaveren und Alan Crocetti erweitern Bedeutung und Funktion von Körperornamenten

von Leendert Sonnevelt
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25 Februar 2020, 7:30am

Es ist 2020 und der menschliche Körper wird zusehends zum plastischen Spielplatz; Schmuck ist nur ein Mittel unter vielen, die Grenzen seiner Veränderlichkeit weiter auszudehnen. Wir tragen Körperschmuck nicht länger nur um uns zu verschönern, sondern spielen mit subversiven, witzigen, ironischen und oft auch politisch geladenen Designs.

Die holländische Kuratorin Anne-Karlijn van Kesteren hat kürzlich die Ausstellung Body Control zusammengestellt, die Körperschmuck in seinen verschiedenen, auch kontroversen Dimensionen erkundete. Die Schau betonte die komplexe Beziehung zwischen Schmuck und Körper; und sie zeigte auf, wie eine neue Generation von Schmuckdesignern das Medium einsetzt, um persönliche wie politische, private wie öffentliche Fragen zu untersuchen.

Es ist ein ungewöhnlicher Zugang zu einer seit langem bestehenden, traditionellen Kunstform. Wenn wir heute über Schmuck reden, dann stellen wir uns zunächst oft solche Objekte vor, die auch unsere Großeltern tragen würden. Das ist wenig überraschend: Schmuck ist eine uralte, universelle Form der Selbstinszenierung, die sehr persönlich ist. Schmuck ist intim. Er ist bedeutsam. Wer kennt nicht das riesig klaffende Loch nach dem Verlust einer Halskette oder eines Rings, der einen ideellen Wert hatte? Wer hätte nicht mit seinen Eltern über dieses eine Piercing gestritten? Aber Kultur ist in stetem Wandel begriffen und Veränderung unvermeidbar. Bedeutungen verschieben sich, das Bewusstsein wächst—und das alles beeinflusst, was wir tragen und wie.

In seiner neuen Arbeit ‘Nude Jade Pierced’ treibt der chinesische Künstler Hansel Thai, der in Estland lebt, schwere Barbell-Piercings durch einen Jadestein—im Land seiner Herkunft ein sakrales Material. Hansel gibt auf diese Weise ein Statement ab zur Repression der LGBT-Community in China. Der Künstler greift die queeren, subkulturellen Assoziationen rund um diese Art von Piercing auf, um sie buchstäblich durch das Gestein—und seine unzähligen Bedeutungen—zu bohren.

Traditionell wird Schmuck meist über seine Funktion definiert: die Verzierung des menschlichen Körpers. Was aber, wenn seine Funktion sich verschiebt oder über dieses enge Verständnis hinausweist? Was, wenn wir wie Hansel Thai anfangen, bewusst mit diesen Bedeutungen herumzuspielen. Vier Designer sind auf der Suche nach Antworten: die französische Schmuckdesignerin und Novembre-Gründerin Florence Tétier, die holländische Konzeptdesignerin Anouk van Klaveren (vom Kollektiv Das Leben am Haverkamp), der georgische Protestkünstler und Masken-Mastermind Shalva Nikvashvili und Alan Crocetti, der brasilianische Handwerker, dessen hinreissende Arbeiten genauso oft die Körper von Underground-Ikonen zieren wie die weltberühmter Popstars. i-D sprach mit ihnen darüber, wie sie unser Verständnis von Körperschmuck aufsprengen und erweitern.

Alan Crocetti

Wann hast du angefangen, Schmuck zu machen? Was fasziniert dich immer noch daran?
Mir war nicht klar, dass ich so an Schmuck interessiert bin, bis ich für meine letzte Show am Central Saint Martins College, unmittelbar bevor ich mein Studium hinschmiss, anfing damit zu experimentieren. Traditioneller Schmuck, der dazu neigt sehr einschränkend zu sein im Hinblick darauf, wer was tragen kann, gab mir zu denken—und lenkte meine Aufmerksamkeit auf die Bereiche des menschlichen Körpers, die noch darauf warten erforscht zu werden. Was mich bis heute inspiriert, ist die Herausforderung, Körperschmuck wegzubewegen vom Accessoire, hin zum Mittelpunkt einer sich verändernden Modeindustrie—und als ihr Motor.

Kannst du das Verhältnis deines Schmucks zum menschlichen Körper beschreiben?
Ich meine, dass Schmuck als eine Erweiterung deines Körpers funktioniert, und dass dich nichts mehr ermächtigt als dieses Gefühl von Selbsterfahrung und Selbstliebe. Um Kontakt zu halten zu diesen Gefühlen, hilft es meiner Erfahrung nach, wenn du deine Rüstung findest. So werden sie im Material verankert; in etwas, das man sehen und anfassen kann.

Könnten deine Stücke als eigenständige Arbeiten bestehen, ohne Bezug auf die menschliche Form?
Anatomie ist meine wichtigste Bezugsgröße. Körperteile inspirieren mich, Grenzen zu überschreiten und zu verzieren. Obwohl mich der Arbeitsaufwand staunen macht, der in jedes einzelne Stück eingeht, finde ich es doch interessanter und anziehender, wenn Schmuckstücke ihren Zweck erfüllen und getragen werden.

Was siehst du als das größte Missverständnis hinsichtlich deiner Arbeit?
Ich habe mein Label nicht mit der Absicht gegründet zu provozieren, oder mit der Mission Normen zu brechen. Ich wollte eine Botschaft vermitteln, die von Individualität als organischer Wirklichkeit ausgeht—und nicht irgendein radikales Statement über das Gendering von Mode. Die Grenze zwischen Männer- und Frauenschmuck war für mich immer schon verschwommen, vielleicht sogar inexistent. Schmuck ist in meinen Augen immer schon genderfluid gewesen. Meine Arbeiten anerkennen die Komplexität menschlicher Existenz.

Was ist deine Definition von Schmuck?
Schmuck ist Ermächtigung, egal ob du angezogen bist oder nackt.


Anouk van Klaveren

Warum hast du angefangen, Schmuck zu machen?
Ich habe einen Mode-Background, bin aber generell fasziniert von der Art und Weise, wie Menschen sich selbst schmücken—wie Accessoires beeinflussen, wie wir uns und andere sehen.

Wie gehst du mit ethischen Fragen um—Stichwort Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit ist für mich nicht so sehr eine Frage des Materials, sondern der Einstellung im weiteren Sinn. Wenn du Dinge selbst herstellst, beginnst du das Objekt als ein Aggregat von Arbeit und Material zu sehen. Weil du es gemacht hast, weißt du, dass du es auch reparieren kannst, oder was du tun musst, damit es wieder funktioniert. Wenn du diese Verbindung zu persönlichen Gegenständen verlierst, führt das zu Apathie, und darum mag ich es, Dinge mit meinen eigenen Händen zu schaffen. In meiner Arbeit versuche ich, das Konsumdenken zu hinterfragen. Warum gieren wir ständig danach, belohnt und befriedigt zu werden? Was sind unsere wirklichen Bedürfnisse? Ich war vor kurzem bei einem Vortrag, den Otto von Busch anlässlich des Kolloquiums Searching for the New Luxury hielt; er zog eine Parallele zwischen dem Kauf von Kleidern, die wir nicht anziehen, und den gescheiterten Träumen von unserem zukünftigen Selbst. Ich sehe es nicht als meinen Job, neue Träume zu produzieren, sondern zu analysieren was diese Träumen und dieses Begehren eigentlich bedeuten.

Könnten deine Stücke als eigenständige Arbeiten existieren, ohne Bezug auf die menschliche Form?
Diese Frage ist der Kern meiner jüngsten Arbeit. Ich meine, Kreativität ist eine Kombination aus Schöpfer, Objekt und Träger. Der Schmuck und die Gegenstände, die ich mache, sind abstrakt, aber ich lade dich ein, mit ihnen zu spielen und dich zu ihnen zu verhalten. Indem ich meinen Objekten sehr bewusst keine vorherbestimmte Bedeutung oder Funktion verleihe, erhält die Benutzerin eine aktive Rolle: Es sind ihre Erinnerungen, ihre Assoziationen und Wahrnehmungen, die Zweck und Nützlichkeit meiner Stücke bestimmen. Das ist auch der Grund, warum ich meine Stücke weder als tragbar oder untragbar noch als funktional oder dysfunktional deklariere. Ich mag es, wenn du etwas beitragen musst; entscheide selbst, wie du es tragen oder benutzen willst!

Was ist deine Definition von Schmuck?
Ich liebe das dänische Wort “opsmuk”. Während meiner Studienzeit, und um mich herum im Designfeld, hatte das Wort “Dekoration” immer einen sehr negativen Beigeschmack. Dekoration bedeutete, das etwas schlecht designt war oder nur sehr oberflächlich. Ich habe angefangen, das Konzept der Dekoration mehr und mehr wertzuschätzen, weil es aufrichtig ist. Wenn ein Stuhl, der nach dem Motto “die Form folgt der Funktion” entworfen wurde, im Museum landet und nicht in der Küche, wo Menschen auf ihm sitzen können, dann wird auch dieser Stuhl zum Deko-Objekt. Und wenn du einen neuen kaufst, um einen alten zu ersetzen, der noch in gutem Zustand ist, so ist auch das ein Akt der Dekoration. Auf dem Luxusmarkt des vermeintlich “funktionalen” Designs geht es in Wirklichkeit vor allem um Dekoration, aber man tut so, als ob sich alles um praktische Bedürfnisse drehte. Dabei hat die Sinnlosigkeit des Dekorativen auch etwas sehr Schönes. Ich denke, dass wir tatsächlich viel irrationaler und unpraktischer sind, als wir oft denken. Ich mache mir das zu eigen, indem ich Objekte schaffe, die zwischen den Kategorien schweben—zwischen Kleidung, Zierrat, Apparat, Werkzeug, Instrument, Reliquie, Dekoration, Miniatur und Schmuckstück.


Shalva Nikvashvili

Wann hast du angefangen, Schmuck zu machen?
Ich schaffe Dinge, die sich auf das Gesicht und den Körper beziehen: in erster Linie Gesichtsmasken, Taschen und Accessoires für den Kopf. Vom menschlichen Körper finde ich das Gesicht am interessantesten als Experimentierobjekt. Ich finde es interessant, die Persönlichkeit eines Menschen zu verbergen und stattdessen andere Dimensionen wiederherzustellen, wo du mehr mit einem visuellen Eindruck konfrontiert bist und nicht so sehr mit dem Gesichtsausdruck.

Kannst du das Verhältnis oder die Übertragung zwischen Schmuck und Körper beschreiben?
Wir Menschen lieben es, uns zu schmücken… fast so, als ob wir keine andere Wahl hätten! Make-up, Schmuck, all das ist pure Dekoration, die unser wahres Selbst zeigt oder verbirgt. Meine Schöpfungen zielen eher darauf, Identität zu verbergen und Körperteile zu entstellen. Ich liebe es, die Grenzen von Schönheit und Schönheitsideale zu erweitern, Möglichkeiten zu finden, wo ich Hässlichkeit promoten kann.

Was ist dein Zugang zum ethischen Aspekt der Schmuckherstellung?
Ich liebe es, Dinge zu recyclen und sie aus Müll oder anderen Materialien zu bilden, die wir nie als schön ansehen würden. In der Welt, in der wir leben, ist es sehr wichtig, Materialien wiederzuverwerten. Es ist wirklich nicht notwendig, immer neue Werkstoffe zu kaufen.

Wie würdest du Schmuck definieren? Und denkst du, deine Arbeit hält sich an diese Definition?
Ich denke nicht… Wenn ich je rein dekorative Objekte schaffen müsste, würde ich wahrscheinlich daran zugrundegehen.

Florence Tétier

Gehen wir zurück an den Beginn deiner Karriere: Wie fing alles an?
Als Kind war ich immer von Menschen umgeben, die mit ihren Händen arbeiteten—meine Großmutter malte, meine Mutter liebt es zu nähen und ich habe Grafikdesign studiert. Heute bin ich Kreativdirektorin—2010 habe ich Novembre Magazine mitbegründet—, aber um ehrlich zu sein hatte ich irgendwann genug vom Computer. Es ging mir wirklich ab, Dinge mit meinen eigenen Händen zu kreieren. Also fing ich an, Fashion Shoots als Vorwand zu nehmen, um Requisiten und andere kurzlebige Verzierungen zu bauen, die nur für die Dauer eines Bilds hielten. Einmal arbeitete ich als Art Director für eine Show von Neith Nyer und niemand war zuständig für den Schmuck, und so bot ich an, selbst welchen zu machen, ohne genau zu wissen, was passieren würde oder ob ich tatsächlich dazu imstande war. So hat es angefangen.

Können deine Schmuckstücke ohne Bezug auf die menschliche Form existieren?
Ja, denn das ist, wie ich sie von vornherein entwickle. Ich stelle Formen und Stoffe zusammen, die ich liebe, und sehe dann, wie das um den Körper herum funktionieren kann. Ich entwerfe meine Schmuckstücke als hybride Objekte ohne klare Bestimmung. Deshalb werden sie bei DSM und Opening Ceremony verkauft, aber auch als Kunstobjekte ausgestellt. Ich habe vor, das weiterhin so zu halten, und in Zukunft mehr Kollaborationen mit Künstlern zu entwickeln.

Erzähl mir von deinem Prozess, deinen Stoffen und deinen Gedanken/Aktionen zur Nachhaltigkeit.
Ich verwende ausschließlich existierende Stoffe. Meistens recycle ich Plastik, kleines Spielzeug oder Objekte aus dem Gemischtwarenladen. Ich produziere alles von Hand in Paris. Manchmal kaufe ich Materialien im Geschäft, aber ich verwandle Einweggegenstände zu dauerhaftem Schmuck und hoffe, das zählt als Beitrag zur Umwelt. Der nächste Schritt für mich wäre, mich mit einer Umweltorganisation zusammenzutun, die mir dabei helfen könnte, all den Plastikmüll, der in der Natur herumliegt, zu sammeln und wiederzuverwerten—das wäre mein Traum. Ich möchte weiterhin Alltagsgegenstände in Sammlerstücke verwandeln, meine Botschaft ist also: Werft nichts weg! Ich mag die Idee, dass du fünf zufällige Dinge aus deiner Wohnung aufgreifen und in tragbaren Schmuck verwandeln könntest.

Schmuck hat traditionell eine dekorative oder verschönernde Funktion. Setzt deine Arbeit diese Tradition fort?
Meine Schöpfungen sind ziemlich groß und auffällig, und daher sehr dekorativ. Mein Background im Bereich Art Direction bedeutet, dass ich gar nicht anders kann, als große, fotogene Stücke zu machen. Ich finde es schön, nach Hause zu kommen, mich auszuziehen und meinen Schmuck auf dem Tisch liegen zu lassen—wo er sich in eine Miniskulptur eigenen Rechts verwandelt.

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