Photography Ottilie Landmark

Warum die Modewelt auf Brustplatten versessen ist

Von Issey Miyakes “Plastic Body” bis zu Sinéad O’Dwyers Körperabgüssen aus Silikon: Wir entblättern Schicht um Schicht die Mode-Fixierung auf Designer, die die menschliche Form nachbilden.

von Holly Connolly
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11 März 2020, 6:00am

Photography Ottilie Landmark

Als Zendaya im Januar auf dem roten Teppich der Critics Choice Awards in einer Brustplatte von Tom Ford erschien, sah sie bionisch aus. Aber sie ähnelte noch etwas anderem. Wo hatten wir diesen Glanz, diese Rüstung, dieses… Rosa schon einmal gesehen? Es war nicht auf den Fotos von Tom Fords SS20-Schau im September, wo die Brustplatten kaum Aufsehen erregten. (Dem Bericht in der Vogue Runway waren sie nur eine Zeile—fast nur einen Nebenbemerkung—wert: “Die formgepressten Platiktops waren eine prächtige Hommage an Yves Saint Laurents Brustplatten via Issey Miyake.”)

Dann fiel es uns wie Schuppen von den Augen. 2 Fast 2 Furious; das Bild von Devon Aoki als Suki, wie sie vor ihrem rosafarbenen Wagen steht. Dasselbe kompromisslose Hochglanz-Pink. Betont synthetisch, ein Pink so hart wie Acryl-Nagellack. Die Brustplatte hat dieselbe Härte—ganz zu schweigen von den gegossenen Rundungen—wie eine Motorhaube. Beide Bilder haben, wie man so sagt, denselben Vibe. Wie Rihanna oder Adriana La Cerva in The Sopranos ist ihr Wesen scheinbar paradox: Ihre Weiblichkeit wird durch ihre Härte nicht konterkariert, sondern verstärkt.

Das Foto von Zendaya verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Brustplatten wurden zum neuen Trend erkoren. Aber eine Auftritt auf dem roten Teppich und ein Magazincover allein machen noch keinen Trend. Tom Fords Brustplatten werden in einem aufwändigen Verfahren maßgefertigt, das einen 3D-Scan des Torsos der Trägerin erforderlich macht, und kosten $15,000—von Einzelhandel kann also keine Rede sein. Daher scheint es eher unwahrscheinlich, dass sie zu einem Trend werden in dem Sinn, dass viele Leute anfangen, sie zu tragen. Und obschon Zendaya in schimmernder Rüstung zweifellos ein bemerkenswertes Bild abgibt, konzentrierte sich das Gros des laufenden Kommentars darauf, wie radikal, stark und originell die Brustplatte war. Aber hat sie einen Einfluss, eine Bedeutung, die über ihre Oberfläche hinausgeht?

Sinead O'Dwyer SS20
Sinead O'Dwyer SS20. Photography Ottilie Landmark

Eine Modedesignerin, die jetzt schon seit etlichen Jahren Brustplatten fertigt—obwohl das Wort “Brustplatte” ihre Schöpfungen nur unzureichend beschreibt—ist die junge, in London ansässige Irin Sinéad O’Dwyer. Zentral für ihre Arbeit ist die Prämisse, dass Modedesign sich herkömmlich nicht an den Körpern der meisten Frauen orientiert. Um das infrage zu stellen, greift sie auf ein Verfahren zurück, das außerhalb gängiger Modestandards liegt: die so genannte Körperabformung. Ihre brillant unheimlichen Stücke beruhen auf einer komplexen, unwahrscheinlichen und intimen Prozedur, für das sie erst eine Muse—üblicherweise eine enge Freundin, deren Körper ihr gut vertraut sind—abgießt, um hinterher einen feste Glasfaserform zu kreieren, die schließlich als Grundlage für ihre ganze Kollektion dient.

Stoff ist in Sinéads Kollektion bemerkenswert abwesend. Ihre Stücke werden stattdessen aus Silikon gefertigt; ein Material, das flüssig in die Körperformen gegossen werden kann, um anschließend, erhärtet, wie eine dreidimensionale Haut zu funktionieren. Wenn Stoff doch vorkommt, dann in subversiver Absicht. Für ihre SS20-Kollektion schloss Sinéad Tuchstoffe in ihre Stücke ein—an die Körper ihrer Musen geschmiegte Bikinis, gefangen in einer Schicht durchscheinender “Haut”.

Sinead O'Dwyer SS20
Sinead O'Dwyer SS20. Photography Ottilie Landmark

Es lassen sich einige Parallelen ziehen zwischen Tom Fords Brustplatten und denen von Sinéad. Keine von beiden sind aus Materialien gemacht, die man im konventionellen Modelexikon antrifft. Wo erstere konzeptuell näher bei einer Rüstung liegen, funktionieren letztere eher wie eine zweite Haut. Beide haben eine enge Beziehung zu ihren Trägerinnen; beide, auf je eigene Weise, heben direkt auf den Körper ab. Trotz solcher Überschneidungen sind die Körpertypen, auf die sie jeweils abzielen, doch sehr verschieden. “Die Brustplatte taucht immer mal wieder in der Mode auf”, erklärt mir Francesca Granata, Dozentin in Fashion Studies an der Parsons School of Design und Autorin von Experimental Fashion: Performance Art, Carnival and the Grotesque Body, via Email. “Im Fall von Tom Ford verfestigen sie einen idealisierten weiblichen Körpertyp und schaffen einen glatte, polierte Fassade.”

“Sinéad O’Dwyers Brustplatten unterscheiden sich demgegenüber in ihrer Intention und Herstellungsweise”, fährt sie fort. “Sie sind von Körpern mitsamt ihren Unvollkommenheiten und Besonderheiten gegossen, anstatt von einer idealisierten und dünnen, vollkommenen Form. Sie sind oft durchscheinend—was eine interessantes Spiel zwischen dem Inneren und dem Äußeren des Körpers ermöglicht, das infrage stellt, wo dein Körper aufhört und die Kleidung beginnt.” Obwohl Sinéads Arbeit darauf aus ist, Körper hervorzuheben, die in der Modewelt normalerweise unsichtbar sind, scheinen ihre Stücke interessanterweise auch High-Fashion-Models nicht abzuschrecken—zu ihren Trägerinnen zählten zuletzt das Model Tsunaina auf der Kunstmesse Frieze und Bella Hadid auf den Seiten von Love Magazine.

Eine der ersten Mode-Brustplatten, denen Tom Fords Version (zumindest ästhetisch) Tribut zu zollen scheint, war Issey Miyakes Plastic Body von 1980, Teil der wandernden Bodyworks-Serie des Designers. Das Stück, das damals so wegweisend war, dass es heute Teil der Met Collection ist, wird auf der Homepage des Museums so beschrieben: “Der von einem weiblichen Oberkörper abgegossene Büstenhalter unterwandert die Vorstellung, wonach Kleidung eine vom Körper geschiedene Bedeckung darstellt.”

Items on display at the
Items on display at the "Love and War: The Weaponized Woman" exhibition at the Fashion Institute of Technology (FIT) 12 September 2006 in New York City. From left are: a red fibreglass bodice by Issey Miyake, a wood, metal and felt corset by Yohji Yamamoto, and a fibreglass dress by Hussein Chalayan. Image via Getty

Die Beziehung zwischen Kleidung, Körper und der Leere dazwischen—lose definiert über den weiten japanische Begriff “ma”—ist zentral für Issey Miyakes Arbeit und seine Fähigkeit, die Idee und selbst den Zweck von Mode zu unterlaufen. Ein anderes seiner Stücke aus derselben Periode, Rattan Body, war 1982 auf dem Cover von Artform abgebildet—das erste Stück eines Modedesigners, dem diese Ehre zuteil wurde. Diese Begabung, die alteingesessene Unterscheidung zwischen Kunst und Mode zu überschreiten, unterstreicht, wie weit Miyakes Arbeiten sich von der konventionellen Mode seiner Zeit entfernten. Obwohl Tom Fords Brustplatten Miyakes stark ähneln, lässt sich dasselbe nicht auf einer konzeptuellen Ebene sagen.

Unmittelbar nach der Niederschrift dieses Beitrags meldete sich Sinéad telefonisch zu Wort, um zu erläutern, worin aus ihrer Sicht der Unterschied besteht zwischen ihrem Schaffen und dem von Tom Ford. “Ich denke, dass unsere Absichten sehr verschieden sind”, sagte sie. “Ich bin geneigt zu sagen, dass es für ihn rein eine Frage der Ästhetik ist; dass er vom Material und der Technik inspiriert war und sich keine Gedanken über körperliche Repräsentation machte. Meine Arbeit wiederum fängt bei dieser Bedeutung an. Das Verfahren, das ich entwickelt habe, trifft sich eben mit meinen Absichten.” Die Ansätze der beiden mögen unterschiedlichen Ursprungs sein, doch bezeugen sie beide eine tief empfundene Wertschätzung des weiblichen Körpers.

Wenn ihr Sinéad O’Dwyers Schöpfungen in natura sehen wollt, gibt eine Einzelausstellung aktuell Gelegenheit dazu: In Myself ist von 6. März bis 3. April 2020 in der Galerie Waves & Archives in New York, 117 Beekman Street, zu sehen.

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