„Meine Aufgabe ist es, Klamotten zum Leben zu erwecken“

Kleidung ist Kommunikation, meint die Stylistin Saskia Jung. Wir haben mit ihr über spontane Fotoshootings in Barcelona und kreative Blitzmomente am Set gesprochen.

von Julika Reese; Fotos von Johanna Laleh von Holst
|
08 November 2021, 8:04am

Eine interessante Kollektion zu entwerfen, ist für Fashionlabels eine notwendige Voraussetzung, aber nur der erste Schritt, denn vom Bügel allein lässt sich Mode nicht verkaufen. Genau dann beginnt die Arbeit von Saskia Jung. Die Aufgabe der Stylistin - die bereits für Nike, Vogue, Sleek und das Zoo Magazine gearbeitet hat - ist es, Mode so zu kuratieren, dass aus einzelnen Teilen ein Look wird. Ein wirklich stimmiges Gesamtbild entsteht schlussendlich im Team, gemeinsam mit Hair und Make-up und natürlich durch den Fotografen - all das muss zusammenspielen, wie bei einem Orchester.

SAS15(same as 14) Kopie.jpg
blazer house of dagmar, rock vivienne westwood, boots & other stories

Saskia, wie bist du zum Styling gekommen? Wolltest du schon immer in dem Bereich arbeiten?
Styling als Beruf hat sich bei mir über die Jahre ergeben. Vor allem war mir klar, dass ich erstmal ins Ausland gehen wollte. Ich kann gar nicht sagen warum, aber ich wusste, dass es da draußen eine Welt gibt, die es zu entdecken galt. Nachdem ich in London und Istanbul gelebt habe, war ich wieder bereit für Deutschland und habe den Onlineshop Vintageparrot gegründet. Der Name ist eine kleine Hommage an Papageien, die meine Lieblingstiere sind, weil sie so viel schnattern und so bunt sind. Mein 35qm Zimmer habe ich damals in ein Studio und Lager verwandelt und von dort die Klamotten für die Website gestylt und auch verschickt. Irgendwann hatte ich das Gefühl, in einem Logistikzentrum zu arbeiten, weil der Shop unglaublich viel Organisation verlangte und so ist schließlich die Entscheidung gefallen, mich nur noch auf Styling zu konzentrieren.

SAS5 Kopie.jpg
Top daily paper, Hose Stieglitz
SASFIN1.jpg
shirt aligne, hose hugo

Wie würdest du deine Style-Ästhetik definieren?
Ich liebe kräftige, entschlossene Farben. Die ziehen mich an, wie Motten das Licht. Bei monochromen Looks gefallen mir bunte Fingernägel oder Accessoires dazu. Irgendwas sollte schon knallen! Ganz generell mag ich es, wenn ein Outfit etwas Unerwartetes hat, was die Sehgewohnheit herausfordert und weswegen man sich auf der Straße nach der Trägerin oder dem Träger umdrehen würde. Oft sind die Teile Im Einzelnen gar nichts Neues, die Kombi aber eine Wucht. Generell gefällt mir oversized gut, aber nur, wenn es durch scharfe Schnitte dynamisch bleibt und nicht seine Form verliert. Wovon ich hingegen öfter abrate, sind zu bunte Muster und Walle-Walle-Kleider mit Blümchenprint. Das wirkt entweder zu girly oder ein bisschen schrullig. Wichtiger als einzelne Klamotten ist mir allerdings das Gesamtbild und das jemand durch sein Outfit selbstbewusst, modern, frisch und sexy wirkt.

SAS20.jpg
SAS19 Kopie.jpg
shirt aligne, jacke hugo, hose hugo

Ganz naiv gefragt, was genau ist die Aufgabe eines Stylisten?
Es geht darum, Klamotten zum Leben zu erwecken. Sie sollen in Action, an der gestylten Person gut aussehen, deshalb ist es die Aufgabe eines Stylisten, Kleidung zu kuratieren. Man überlegt, welche Jacke zu welcher Hose passt. Muss ein Gürtel dazu? Welche Schuhe? Der Kunde gibt die Richtung vor, dann fange ich an, mir Outfitkombinationen zu überlegen. Oberstes Gebot ist es, nicht einfach seinen eigenen Geschmack durchzusetzen, sondern das Konzept des jeweiligen Projekts zu verstehen. Ich muss den Look fühlen und Schmetterlinge im Bauch haben.

Und was machst du, wenn du den Look noch nicht fühlst?
Erstmal muss man sich als Stylist trauen, dem ganzen Team gegenüber zu sagen: „Leute, das ist es einfach noch nicht, weg damit“ und keine Angst haben, spontan Ideen umzuschmeißen. Dann geht es um die kreativen Blitzmomente, denn Zeit ist eigentlich immer Mangelware. Ich bin dann wie eine Tüftlerin, drapiere neu, ändere Schuhe und Accessoires, bis der Vibe stimmt.

SAS1:Stronger.jpg
SASFIN2 Kopie.jpg

Was ist das Schönste an deinem Beruf? Hast du ein Erlebnis, was dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Mit einem befreundeten Fotografen bin ich vor ein paar Jahren nach Barcelona geflogen, weil wir gemeinsam shooten wollten. Er hatte sein Equipment im Gepäck, ich die schon vorbereiteten Klamotten, alles andere haben wir offen gelassen. Aus diesem Trip ist eine meiner liebsten Fotostrecken entstanden. In Spanien angekommen, sind wir einfach durch die Stadt gezogen, bis wir einen Skatepark als Location gefunden hatten. Es sah alles sehr industriell und nach L.A aus. Dazu haben wir Amanda, ein wunderbares Model mit langen, roten Haaren gecastet, die sich im Sonnenuntergangshimmel gold-rot gefärbt  haben. Die Klamotten saßen wie angegossen und so entstand einer dieser Momente, in denen einfach alles gestimmt hat. Es war wie ein Feuerwerk. Ich schaue mir die Bilder immer noch gerne an, weil sie so besonders sind.

Klingt wirklich nach einem super Trip. Hast du noch andere Lieblingsmomente?
Wenn ich während eines Shoots zwischendurch auf das Display der Kamera schaue und die Bilder, die davor nur lose in meinem Kopf herumgeschwirrt sind, tatsächlich real geworden sind. Das ist fast ein bisschen surreal. Man spürt dann so ein Kribbeln im Körper.

SAS10:Stronger.jpg
SAS22.jpg

Wovon lässt du dich für deine Arbeit am meisten inspirieren? Woher nimmst du deine Referenzen?
Ich bin wie ein Chamäleon, wenn ich im Urlaub bin, lasse ich mich ziemlich schnell auf neue Umgebungen ein und sauge alles Fremde förmlich auf. Wenn ich dann ganz berauscht zurück nach Berlin komme, passiert mit all den neuen Eindrücken im Kopf kreativ oft am meisten bei mir.

Hast du konkrete Tipps, was dir dabei geholfen hat, dein Hobby in einen Traumjob zu verwandeln?
Am Allerwichtigsten ist es, Beziehungen aufzubauen, damit sich beispielsweise der Fotograf vom letzten Shooting noch an dich erinnert, wenn er wieder einen Stylisten sucht und sich meldet. Am Anfang sollte man so viele freie Strecken wie möglich initiieren, um sich eine interessante Mappe mit einer eigenen Bildsprache aufzubauen. Natürlich sind kommerzielle Projekte besser fürs Portemonnaie, trotzdem darf man nicht unterschätzen, wie wichtig freie Arbeiten für die persönliche Weiterentwicklung sind. Auch Instagram ist wie ein Aushängeschild, ich bekomme darüber immer öfter Anfragen. 

SAS11.jpg

Wie schwierig ist es eigentlich, von zu Hause zu überlegen, wie die Outfits wohl an einem Model wirken werden?
Egal, ob ich Frauen oder Männer style, ich ziehe alle Klamotten erstmal selbst an. Bei mir muss ein Mensch in den Sachen stecken, damit ich mir das ungefähre Ergebnis bereits visuell vorstellen kann. Dann mache ich noch Bilder, wie der Look auf einem Foto rüberkommt, zählt schließlich. So bekomme ich eine ganz gute Übersicht.

Mit was für Herausforderungen hat man es am Set am meisten zu tun?
Manchmal funktionieren Klamotten und Models einfach nicht zusammen, obwohl beide für sich wunderschön sind. Es hilft dann auch nicht, dass auf dem Moodboard alles harmonisch und stimmig ausgesehen hat, wenn es praktisch nicht funktioniert. Oft sind auch Hosen kürzer als gedacht oder Kunden wünschen sich spontan doch mutigere Farben. Deshalb muss man gut vorbereiten sein und immer mehr Looks präparieren, als angefordert ist. Man braucht Backups. Ich liebe dieses Wort, denn es ist zentral für meine Arbeit.

SAS9 Kopie.jpg

Was würdest du sagen, welche Charaktereigenschaften braucht man für deinen Beruf?
Man darf sich Sachen nicht zu sehr zu Herzen nehmen oder sich an Ideen festklammern, die nicht funktionieren. Zu viel Ego wird dich auch schnell an Grenzen bringen, denn jeder Job ist echte Teamarbeit. Wer nur sein eigenes Ding durchziehen will, ist in dem Beruf falsch.

Freier Stylist ist kein nine to five Job, oder?
Definitiv! Arbeiten am Wochenende ist völlig selbstverständlich und oft sind Calltimes ganz früh morgens oder abends. Die besten Anfragen kommen sowieso dann reingeflattert, wenn man gerade Urlaub plant und das Selbstbewusstsein, interessante Jobs abzusagen, muss man sich auch erst erarbeiten. Manchmal weißt du auch erst zwei Tage vorher, dass du für ein Projekt in eine andere Stadt fliegen musst. Wer in dem Job weiterkommen will, muss wirklich hustlen. Es ist aber, wie so oft, eine Frage der Perspektive, denn es wird eben auch nie langweilig.

Was machst du, um trotzdem immer wieder mal abzuschalten? 
Einfach mal Reißaus nehmen! Das tut einem, wie ich finde, ganz schön gut. Wenn ich zu lange an einem Ort bin, bekomme ich Sehnsucht nach der Fremde und dem Unterwegssein. Reisen heißt ja auch: Abstand von seiner Arbeit zu kriegen und hoffentlich inspiriert zurückzukommen. Für die eigene Kreativität ist einfach mal abzuhauen das Allerbeste!

SAS18.jpg
SAS13 Kopie.jpg
SAS7 Kopie.jpg
SAS6.jpg

Fotos: Johanna Laleh von Holst
Hair & Make-up: Patricia Heck represented by Nina Klein Agency
Nails: Andrea Young

Tagged:
Berlin
Fashion
Mode
streetstyle