Avi Jakobs von Queer Eye über ihre Coming-outs, neue Pronomen und Pridewashing

"Keine Ahnung, wo der Weg hinführt, aber gerade bin ich froh zu sagen, ich bin nicht-binär."

von Samuel Benke; Fotos von Thomas Valtin
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30 Juni 2022, 9:16am

Der Juni ist Pride Month. Das heißt, viele Unternehmen holen angestaubte Regenbogenflaggen aus dem Keller und kleben sich bunte Sticker aufs Logo. Auf den Pride-Märschen laufen mittlerweile Banken, Getränkehersteller und in den USA sogar Ölkonzerne mit. Die Frage, die sich mir hierbei stellt: Wie viel des wehrhaften Spirits unserer Community bleibt dabei noch übrig? Denn gesellschaftliches und politisches Engagement ist so wichtig.

Gewalttaten und Hasskriminalität gegen queere Menschen steigen seit Jahren in Deutschland laut LSVD (Lesben- und Schwulenverband Deutschland) rapide an und das diskriminierende, sogenannte ‚Transsexuellen Gesetz‘ gibt es noch immer. Eine Person, die sich aktiv für ihre Community einsetzt, ist Avi Jakobs. Auf TikTok und Instagram betreibt sie etwas, dass sie ‚soften Aktivismus‘ nennt und als Teil der Deutschen Fab 5 hilft sie Menschen, ihre eigene Schönheit zu sehen, zu sich zu finden. Das macht sie mit viel Liebe und Offenheit.

Wir haben sie in ihrer Wohnung getroffen, um mit ihr über Aktivismus, ihr mittlerweile viertes Coming-out und ihre Wünsche an die eigene Community und an sogenannte Allies, also Verbündete zu sprechen.

Hi Avi, wir sind in deinen eigenen vier Wänden, deinem Safe Space. Gerade ist Pride Month, in dem queere Menschen feiern, wie weit sie gekommen sind, aber auch darauf aufmerksam machen, wie viel es noch zu tun gibt. Ich möchte mit dir heute ganz viele queere Topics besprechen, die nicht nur unsere Community betreffen. Aber erst einmal möchte ich Danke sagen für deine großartige Arbeit. Die hat nämlich für mich als queere Person einen direkten Einfluss auf mein Leben und meine Freiheiten. Du hattest vor ein paar Wochen dein mittlerweile viertes Outing, bist nicht-binär und benutzt die Pronomen sie/ihr. Kannst du uns erzählen, wie du an diesen Punkt gekommen bist?
Es gibt ein Bild, das mein Anker geworden ist, auf dem ich in der siebten Klasse beim Fasching das erste Mal Perücke und Kleid getragen habe. Mit zwölf hatte ich dann mein Outing als bi. Dann kam das schwule Outing. Daraufhin hatte ich in meinem Bekannten- und Freund:innenkreis immer mehr Menschen, die noch einmal alles aufgebrochen haben. Tolle trans Menschen, die mein Denken komplett geändert haben und mir erlaubt haben, auf mich einzugehen. Ich habe mir immer krasse Grenzen gesetzt, was nach außen hin nicht wirklich sichtbar war. Und tatsächlich ist seit den Dreharbeiten zu Queer Eye Germany noch einmal richtig viel passiert. Da haben wir selbst Ratschläge gegeben und hatten eine Coach Funktion und haben uns auch noch gegenseitig bestärkt und gecoacht. Da sind wir alle mit einem riesigen Learning rausgekommen. Ich hatte davor schon kommuniziert, dass sich die männlichen Pronomen für mich nicht mehr gut anfühlen, habe also einfach über dieses Gefühl gesprochen, ohne es zu werten, und dann kam irgendwann noch der Name dazu. Da war etwas, dass dieses ungute Gefühl ausgelöst hat, bei dem ich gedacht habe, ich bin echt kein Mann, aber wenn ich mich entscheiden muss, denn das ist ja so der Gedanke, den man im Kopf hat, bin ich auch keine Frau. Keine Ahnung, wo der Weg hinführt, aber gerade bin ich froh zu sagen, ich bin nicht-binär.

Avi Jakobs fotografiert von Thomas Valtin, Styling Elli Drake
Avi Jakobs fotografiert von Thomas Valtin, Styling Elli Drake

Viele queere Menschen haben mehrere Outings. Glaubst du, so ein Outing ist heute noch notwendig, oder ist der Idealzustand, dass sie irgendwann überflüssig werden?
Wenn Sexualität oder Identität einfach nicht mehr wie eine große Überschrift über einem stehen, könnte das Vielen helfen. Einfach, weil das dazu beitragen könnte, denke ich, dass Menschen dich als Person sehen und gucken, ob sie dein Wesen und deinen Charakter toll finden. In dem Moment, in dem du dich selbst labelst, schränkst du dich vielleicht auch ein. Warum muss man denn nach diesem Stempel fragen? Allein das Wort ‚outen‘. Das müssen nicht alle. Ich wünsche mir, dass all das irgendwann einfach normal ist und so etwas wie ein Outing wegfällt. Es kann auch jemand fragen, wenn es Gewicht hat: Wenn ich zum Beispiel merke, ich finde dich spannend, aber vielleicht mehr als das Freundschaftliche, dann macht es für mich Sinn, dass die Fragen etwas privater werden. Aber in einem Gespräch mit einer Person, die du gerade erst kennenlernst, macht das doch eigentlich keinen Sinn.

Du arbeitest viel im digitalen Bereich, bist Aktivistin dort. Glaubst du, der digitale Bereich hilft der queeren Community beim freien Ausdrücken und Austauschen oder ist diese Sichtbarkeit Angreifbarkeit?
Beides. Für mich war Internet schon immer mein Safe Space. Da habe ich mich ausgetobt, sowohl mit Looks als auch mit dem, was ich sage. Wenn man aufgedonnert rausgeht, sind die Konsequenzen viel drastischer als online, finde ich. Kommentare sind keine direkte körperliche Gewalt. Und deswegen war es für mich schon ein Safe Space, so wie für ganz viele andere auch, denke ich. Du bist 27, ich bin 30 und als wir uns als Jugendliche gefunden haben, da war vieles ganz anders. Jetzt können wir uns viel mehr trauen. Deswegen bin ich super dankbar für das Internet. Es birgt natürlich auch Gefahren, aber ich finde gerade TikTok macht das gut. Wenn du auf die Webseite gehst oder die App öffnest, hast du gleich die allgemeinen Bestimmungen. Auch die negativen Kommentare werden nach unten gefiltert, da tut sich schon viel. Die Gefahren werden kleiner und der Mehrwert wird größer. Vor allem, weil marginalisierte Menschen und Minderheiten durch das Internet ein Sprachrohr haben.

Avi Jakobs fotografiert von Thomas Valtin, Styling Elli Drake

Du sagst, das Internet ist ein Safe Space für dich. Historisch waren Safe Spaces wahnsinnig wichtig für alle queeren Menschen. Aber viele der Orte, die historisch queer waren oder es noch immer sind, verändern sich gerade stark. Es gibt immer mehr nicht-queere Menschen, die in diese Spaces gehen. Einerseits bringt das Verständigung, andererseits macht es diese Orte vielleicht auch weniger sicher. Wie siehst du das?
Ich finde das richtig schwierig. Auf der einen Seite finde ich es schade, wenn man so exklusiv bleibt. Aber es ist auch verständlich, denn es ist ja ein Safe Space. Und dann gibt es hetero Menschen, die sich nicht so gut auskennen, die dann eben genau die Fragen stellen, auf die du keinen Bock hast, in so einem Safe Space.

Was wünscht du dir von den nicht-queeren Menschen, die in diese Spaces kommen?
Dass sie diese Spaces nicht nutzen, um sich Fragen beantworten zu lassen. Wenn Menschen von sich aus sprechen wollen, ist das cool. Aber die Fragen, die auf der Seele brennen, dann da zu stellen, finde ich schwierig. Es kommt immer auf die eigenen Kapazitäten an. Wenn ich zum Beispiel gerade keine habe, dann begebe ich mich in einen Safe Space. Ich hatte eine Phase in meinem Leben, in der ich gar nicht die Kraft hatte oder mich selbst nicht educated genug gefühlt habe oder sicher genug war mit den Infos, die ich hatte. Sich selbst zu educaten, was Queer History angeht, ist für alle wichtig. Wie können wir von heterosexuellen cis-Menschen erwarten, dass sie die richtigen Sachen sagen, wenn wir das selbst nicht machen?

Avi Jakobs fotografiert von Thomas Valtin, Styling Elli Drake

Das ist ja etwas, das wir innerhalb der Community beobachten und kritisieren. Dass weiße cis-geschlechtliche, schwule Männer ihre Privilegien oft nicht hinterfragen, nicht in die queere Geschichte eintauchen. Sich darüber informieren, was trans Menschen, besonders schwarze trans Menschen und BIPoCs für ihre Freiheiten getan haben. Aber jetzt mal von der anderen Seite gedacht: Was macht gute Allies für dich aus?
Vor allem da sein, zuhören, educaten. Wenn irgendwo Worte oder Begrifflichkeiten auftauchen, die ich nicht kenne, in Situationen, in denen ich nicht nachfragen kann, schreibe ich das auf, betreibe Research. Zu sagen: 'Weiß ich nicht', finde ich keine Ausrede mehr, wo so viele Informationen einfach zugänglich sind. Und wenn du merkst, dass eine Person diskriminiert wird, reingrätschen und sagen: ‘Stopp, so behandelt man Menschen nicht.’ Füreinander da zu sein, das finde ich ganz, ganz wichtig, in jeder Hinsicht. Viele Menschen gucken leider nur nach sich. 

Eine Frage, die mich im Juni immer sehr beschäftigt ist, wie Unternehmen sich verhalten sollten. Was sagst du dazu?
Na ja, also jetzt im Juni auf einmal darauf zu kommen, überall eine Pride Flagge drauf zu packen und Vollgas zu geben und dann den Rest des Jahres gar nichts zu machen, finde ich geil, weil man dann direkt weiß, was los ist. Deswegen will ich eigentlich gar nicht zu viele Tipps geben oder zu viel in die Welt geben, was man richtig machen sollte, weil so ein Verhalten viel über die Unternehmen aussagt. Wenn man im Unternehmen nicht das Glück hat, viele LGBTQIA+ Menschen zu haben, oder dort auch nur weiße Menschen sitzen, dann hol dir Expert:innen ran, die mehr wissen. Es gibt so viele Personen, die das zu ihrem Beruf gemacht haben, die Unternehmen beraten und aufklären. 

Avi Jakobs fotografiert von Thomas Valtin, Styling Elli Drake

Ich würde gerne mit dir über die Situation queerer Menschen in Deutschland sprechen. Oft kommt es mir so vor, als wären nicht-queere Menschen der Meinung, wir leben schon jetzt ganz frei und unbeschwert, vor allem in einer Stadt wie Berlin. Ist das so?
Ich glaube, uns geht es hier am besten, verglichen mit dem Rest Deutschlands. Trotzdem sind wir noch fernab von gut. Ich wohne in Berlin Mitte, hier passieren mir unangenehme Dinge selten, aber trotzdem passieren sie. Und das ist ja schon ein Mikrokosmos, aber fahr mal zum Alex. Ich zum Beispiel bin so froh, dass ich mir mittlerweile erlauben kann, wenn ich in einer Bar war oder feiern gehe, mit dem Taxi nach Hause zu fahren. Das war nicht immer so. Ich war dann klitschnass geschwitzt, keine Kopfhörer drin und die Augen überall. Mittlerweile kommen so viele tolle Kinderbücher heraus, die für Aufklärung und eine bessere Zukunft sorgen. Das heißt, in zehn Jahren geht es richtig los, da wird eine richtig geile Zeit kommen. Die Generationen vor uns, die so viel verändert haben, die sind auf die Straße gegangen, weil sie nicht mehr erschossen werden wollten. Sie haben dafür gekämpft, dass es nicht mehr verboten ist, zu existieren. Und wir kämpfen jetzt für die Gleichberechtigung. Das wäre der nächste Schritt. Für mich riecht und schmeckt es schon nach Revolution. Danach kommt die Freiheit. Ich glaube, so lange dauert das nicht mehr. Und je mehr mitmachen, desto schneller geht es. 

Das hast du wunderbar gesagt. Lass uns noch über das Selbstbestimmungsgesetz sprechen. Was denkst du, sollte in Deutschland für trans Menschen passieren?
Also das Antidiskriminierungsgesetz könnte man natürlich verbessern. Und das Selbstbestimmungsgesetz muss einfach durch. Wenigstens die Namensänderung muss jetzt mal einfacher werden, damit das mit dem Deadnaming aufhört. Ich kenne Menschen, die da richtig drunter leiden. So sehr zum Beispiel, dass sie nicht mehr reisen. Das finde ich schon sehr, sehr wichtig, damit man sich die ganze Rechtfertigung und diese Qualen erspart. 

Avi Jakobs fotografiert von Thomas Valtin, Styling Elli Drake

Wie ist es für dich, nicht-binär in der Öffentlichkeit zu sein? Wie gehst du in diesem Zusammenhang mit deiner Aktivistinnenrolle um?
Also für meinen Geschmack könnte ich online noch viel mehr machen. Ich mache das noch nicht so lange, oder ich fühle mich noch nicht so lange dazu bereit. Wenn du erst einmal so eine Tür aufmachst, dann kommt Gegenwind. Als ich die ersten Male über Nicht-Binarität und trans sein gesprochen habe, da ist innerhalb der Community viel passiert. Es gibt Menschen, die nicht meiner Meinung sind und die gegen mich gehen. Binäre trans Personen zum Beispiel, die Nicht-Binarität nur belächeln, nicht akzeptieren wollen. Und deswegen habe ich das dann eine Zeit lang wieder zurückgefahren. Ich bin nicht so, dass alles an mir abprallt. Ich wünschte, es wäre schon so, ich arbeite daran. Aber so etwas nimmt mich immer mit. Ich beschreibe meine Art des Aktivismus als Soft-Aktivismus. Ich sage lieber: ‚So denke ich das, vielleicht nimmst du dir auch ein Stück davon?' Bringe mich ein, bin da subtiler. Aber nicht: 'So hat das zu sein. Und wenn du das machst, ist das falsch, böser Mensch.' Das ist mein Weg. Der dauert vielleicht länger, fühlt sich für mich aber richtig an.

Schade, dass diese Schubladen dann auch wieder aus der eigenen Community kommen. Da ist es dann besonders wichtig, darüber zu reden und für sich einzustehen. Ich habe jetzt viele Fragen gestellt, zum Ende unseres Interviews möchte ich dir gerne noch die Möglichkeit geben, eigene Wünsche zu äußern.
Was mir wichtig ist, direkt an die queere Community, dass es nicht in meinen Kopf geht, wie man, wenn man das ganze Leben diskriminiert wurde, dann innerhalb der Community noch diskriminieren muss. Generell auch straight Bashing, wenn du Heteros fertigmachst, Frauenfeindlichkeit, Femme Phobia. Ihr glaubt gar nicht, was das für einen Schaden anrichtet. Das ist nicht okay und ich möchte, dass das aufhört. Ich würde mir auch wünschen, dass man mehr miteinander macht, offen ist. Für die hetero cis-Welt: Dadurch, dass ich mir früher einen Stempel gegeben habe, als schwuler Mann und ich daran so festgehalten habe, habe ich mir gar nicht erlaubt, irgendjemand anderes attraktiv zu finden als eine männlich gelesene Person. Ich habe aber in dem Moment, in dem ich meinen Kopf aufgemacht habe, gemerkt, dass alles ein Spektrum ist. Du magst kein Sushi, wenn du es nicht probiert hast, in jeglicher Hinsicht. Ich wünsche mir, dass man sich vielleicht mal erlaubt, darüber nachzudenken: Wann ist eine Frau eigentlich eine Frau oder ein Mann, ein Mann? Wenn wir alle anfangen würden, Personen einfach als Personen zu sehen, glaube ich, würde uns das allen das Leben viel einfacher machen.

Vielen Dank Avi. Für deine Zeit, deine Offenheit und deine Ehrlichkeit.

Avi Jakobs fotografiert von Thomas Valtin, Styling Elli Drake
Avi Jakobs fotografiert von Thomas Valtin, Styling Elli Drake

Credits

Text & Produktion: Samuel Benke
Creative Direction: Hely Doan
Fotograf: Thomas Valtin
Foto Assistenz: Fabian Dotzler
Stylistin & Produktion: Elli Drake
DP: Moritz Carstens
Edit: Vinsley

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