Warum junge Leute heute mehr online daten als je zuvor

Mit Covid-19 mehrten sich Swipes auf Tinder, Blind Dates und selbst Begegnungen in Animal Crossing, um unserer Einsamkeit IRL abzuhelfen.

von Mary Retta
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13 Mai 2020, 12:18pm

In den vergangenen paar Wochen, als das Coronavirus sich wie ein Lauffeuer von Land zu Land verbreitete, wurde soziale Distanzierung zur neuen Norm. Da ist es keine Überraschung, wenn wir uns zunehmend einsam fühlen. Bis auf Weiteres ist es praktisch unmöglich, Freunde oder Familienangehörige in Person zu treffen, aber es haben sich viele kreative Lösungen gefunden, um die Einsamkeit in den eigenen vier Wänden zu bekämpfen – von FaceTime mit der Familie über Happy Hours auf Zoom bis zu virtuellem “Netflix and Chill”. Und es ist interessant zu beobachten, wie es den Leuten gelingt, selbst in Zeiten sozialer Distanzierung ihren Spaß zu haben.

Dating-Apps wie Tinder, Hinge, Bumble, Lex und Her berichten durch die Bank, dass Nutzer mehr Zeit auf ihren Apps verbringen, seitdem soziale Distanzierung zu unserer neuen Wirklichkeit geworden ist. Manche Apps haben sogar neue Features eingeführt, um die veränderten Bedürfnisse ihrer Nutzer widerzuspiegeln. Während League Live mit einer Video-Chat-Option versehen wurde, hat Tinder den “Tinder Passport” eingeführt, der es Nutzern erlaubt, Matches in aller Welt zu machen. Außerdem sind etliche neue Apps und Services aufgekommen, die sich spezifisch an Menschen unter Quarantäne richten. Auch sie verzeichnen explosionsartiges Wachstum.

Love Is Quarantine ist ein Instagram-basierter Dating-Dienst, der – ganz im Sinn der Netflix Reality-Show Love is Blind – Begegnungen am Telefon oder via FaceTime vermittelt. Er hat jetzt mehr als 17.000 Follower auf Instagram und führt jeden Tag neue virtuelle Paarungen zusammen. Am 11. April postete die Nutzerin Alyssa ein Video, in dem sie ihre Erfahrung zusammenfasst: “Schon wieder ein unglaubliches Date” mit ihrem Quarantäne-Boyfriend Roy, mit dem sie “über eine Stunde” über ihr Lieblingsessen und ihre liebsten Brettspiele geplaudert hat. Zoom University, ein von drei Studenten an der University of Southern California entwickelter Dating-Dienst, hat in den letzten paar Wochen ebenfalls tausende Studenten verkuppelt, und über 5300 Studenten von über 70 Colleges auf seine Website gelockt.

“Kein Scherz, ich hatte eben erst Love is Blind geguckt und dachte, warum probierst du nicht mal virtuelles Dating aus”, sagt Ines Purcell, eine Studentin am Bryn Mawr College in Pennsylvania, die über Zoom University Online-Dates gefunden hat. “Obwohl ich diesen Menschen vermutlich nie von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen werde, ist es echt nett, Leute aus verschiedenen Unis kennenzulernen. Wir leben in einer echt schrägen Zeit und ich hab viel Zeit zur Verfügung. Es ist ein guter Weg, neue Leute kennenzulernen und neue Gespräche zu führen.”

Manche Online-Services, die eigentlich einem anderen Zweck dienen, werden jetzt auch als Dating Apps genutzt. Neben der vorhersehbaren Vervielfältigung von Direktnachrichten war außerdem zu beobachten, dass Menschen auf TikTok und sogar in Animal Crossing nach potenziellen Partnern suchen. Ein weiteres gutes Beispiel ist die ursprünglich für zweiminütige Live-Videochats geschaffene App Glimpse, die nun vermehrt beim Speeddating Einsatz findet, wobei du gleich mehrere potenzielle Liebhaber in einer Nacht treffen kannst. Mitbegründerin Helena Merk berichtet, dass die App infolge einer Werbeeinschaltung auf Facebook insbesondere unter College-Studenten rasch an Beliebtheit zunahm – im Durchschnitt kommen die Studis drei bis vier Nächte in Folge, um neue potenzielle Dates zu treffen.

“Da diese Video-Chats nur zwei Minuten dauern, verlassen die Leute das Gespräch mit dem Wunsch nach mehr, was Glimpse zu einer perfekten Website für Speeddating macht”, erklärt Merk. “Wir haben seit dem Ausbruch der Coronavirus-Epidemie unglaublichen Erfolg verbucht. Es ist natürlich traurig, dass die Menschen gerade so einsam sind, zugleich sind wir aber sehr froh darüber, dass wir diesen Dienst anbieten können.”

Sarah, eine Neunzehnjährige aus New Jersey, benutzt Glimpse und Dating Apps wie Lex oder Bumble, um unter Quarantäne Leute zu treffen. “Der Hauptgrund, warum ich Dating Apps mehr nutze, ist der Anstieg an Nutzern insgesamt, es gibt also mehr Leute, die du treffen kannst, Frauen antworten öfter und schneller auf Nachrichten, und überhaupt scheint mir, dass die Szene sehr viel aktiver geworden ist seit der Quarantäne”, sagt sie, “Ich bin froh, Freundschaften zu schließen, noch lieber aber wäre mir, jemanden zu finden, mit dem ich auf ein echtes Date gehen kann, sobald das hier alles vorüber ist. Eine Beziehung, das wär echt nett.”

Es mag sonderbar erscheinen, dass so viele Leute in diesen chaotischen und ungewissen Zeiten auf Online-Dating zurückgreifen, aber ihr Verhalten macht Sinn. Ein Online-Date von Zeit zu Zeit gibt den Leuten etwas zu tun während ihrer scheinbar endlosen Freizeit daheim. In vielerlei Hinsicht hat der Ausbruch des Coronavirus es möglich gemacht, dass die Leute offener über ihrer Einsamkeit reden und ehrlicher aussprechen, ob sie einen romantischen oder einen rein platonischen Partner suchen. Untersuchungen zufolge hat sich bereits vor der Krise ein erschreckender Prozentsatz von Amerikanern als einsam eingestuft, allen voran ausgebrannte Millennials und junge Leute, die sich beunruhigend oft deprimiert und verlassen fühlen. Es war also nicht das Coronavirus, das die Epidemie der Einsamkeit in diesem Land ausgelöst hat, es brachte dieses Problem lediglich ans Licht – und erlaubt uns nun sonderbarerweise, unsere Einsamkeit weniger schambelastet auszudrücken.

Einsamkeit ist sicher einer der unerfreulicheren Nebeneffekte der Zeit, in der wir leben, aber soziale Distanzierung ist jetzt enorm wichtig, um die Kurve zu verflachen und die Zahl der neuen Erkrankungen einzudämmen. Das ist die Prämisse von Quarantine Together, einer weiteren beliebten neuen Dating App, die im Schatten von Covid-19 online ging. Die App schickt dir eine tägliche Erinnerung, dir die Hände zu waschen, und schickt dich, sobald du der Aufforderung nachgekommen bist, noch in derselben Nacht auf eine virtuelles Blind Date.

“Wir wollten einen Weg finden, den Menschen zu helfen, gesund zu bleiben, indem sie zu Hause bleiben, und gleichzeitig einen Weg zu finden, sie dafür mit einem Match oder einem Date zu belohnen”, sagt Daniel Ahmadizadeh, einer der Erfinder der App. “Die Leute sind jetzt einsam und ja, sie wollen Dates und Matches, aber was die Leute wirklich suchen ist menschliche Nähe. Es ist toll, dass wir ein Mittel bereitstellen können, wodurch die Menschen sich weniger einsam fühlen und zugleich ermutigt werden, daheim zu bleiben.”

Eine weltweite Gesundheitskrise und eine Epidemie der Einsamkeit, das ist ein bisschen viel auf einmal. Vielleicht haben wir uns alle ein wenig Online-Romantik verdient, zur Nachspeise. Yume, eine Zweiundzwanzigjährige aus New Jersey, die seit dem Ausbruch von Covid-19 auf Tinder aktiv ist, pflichtet aus ganzem Herzen bei. “Ich bin vor allem aus Langeweile online, aber auch weil ich Sehnsucht habe!” sagt sie. “Die Quarantäne hat mich einsamer gemacht – und extrem nostalgisch nach Verbundenheit, menschlicher Interaktion und Intimität. Online-Sein und Nachrichten Schreiben verursacht in mir ein Gefühl der Vorfreude auf die Dinge, die im Angesicht dieser Pandemie verloren gegangen sind.”

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