So lernst du, in der Modewelt Nein zu sagen

"Es kann doch nicht sein, dass man nach dem Abschluss einer Ausbildung, die mehrere tausend Euro gekostet hat, immer noch für einen Hungerlohn arbeiten muss, um sich einen Job zu sichern."

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11 Dezember 2017, 12:38pm

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Markus Wernitznig hat an der renommierten Central Saint Martins Modedesign studiert und dieses Jahr seinen Abschluss gemacht. Aktuell berät er mehrere Modelabels. Während seiner akademischen Karriere hat er bei mehreren Luxus-Labels Praktika absolviert, wodurch er viel Erfahrung sammeln konnte und einen einzigartigen Einblick in die Hierarchie größerer Unternehmen bekommen hat. Wir haben einen Auszug aus der fünften Ausgabe des 1 Granary für dich, in dem er uns erklärt, warum wir in dieser Branche öfter Nein sagen müssen.

"Bei uns Leuten aus der Modewelt ist es ganz normal, dass wir uns beschweren. Im Grunde ist uns dabei jedes Thema recht. Wie schlecht die letzten Kollektionen waren, wie richtungslos die Mode geworden ist, oder wie überarbeitet und unterbezahlt wir alle sind. Wir sprechen ständig darüber, was in unserer Industrie nicht stimmt. Es kommt allerdings nur äußerst selten vor, dass jemand etwas ganz Bestimmtes kritisiert, weil es nunmal in der Natur dieser Branche liegt, alles mit 'wundervoll, Darling' zu kommentieren. Die letzte Person, die meiner Erinnerung nach ausgesprochen hat, was sie dachte, war Lucinda Chambers in ihrem erfrischend ehrlichen Interview auf vestoj.com. Unter anderem hat sie kritisiert, dass die Branche unfähig ist, wahre Talente zu fördern. Und ich stimme ihr da voll und ganz zu. Ich habe das Gefühl, dass Designer, die ihr eigenes Label starten (vor allem in London), viel Unterstützung erfahren. Dabei wird aber übersehen, dass es nur wenig Unterstützung für diejenigen gibt, die sich dafür entscheiden, hinter den Kulissen zu arbeiten. Höchste Zeit, das alles auch mal aus der Perspektive eines frischen Absolventen zu beleuchten.

Wir alle haben zu Beginn unseres Studium diese naive und romantische Vorstellung davon, wie es ist, in der Modebranche zu arbeiten. Alles erscheint uns total aufregend, bis uns die harte Realität einholt. Wir haben zwar unseren Abschluss, dafür aber auch einen riesigen Schuldenberg (wegen der Studiengebühren) und können keinen richtigen Job, dafür aber einen Praktikumsplatz finden. Mit "richtigen Jobs" meine ich solche, mit denen man sich über Wasser halten kann, ohne parallel noch zwei Nebenjobs haben zu müssen. Es gibt diese Vorstellung von Mode als eine total glamouröse Karriere – versteht mich nicht falsch, das kann sie auch sein – aber die Realität eines Absolventen sieht ein bisschen düsterer aus. Kein Champagner und schicke Ballkleider, sondern Fast Food aus dem Supermarkt und Second Hand-Designer-Teile (wenn man Glück hat). Es ist ein Teufelskreis, der bereits in der Uni beginnt und dazu führt, dass viele Leute dieser Karriere nach ihrem Abschluss den Rücken kehren. Wie viele Absolventen finden tatsächlich einen Job im Bereich Mode?


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Ist es heutzutage überhaupt noch möglich, sich in diesem Bereich eine nachhaltige Karriere aufzubauen? Wie viele Leute können es sich leisten, umsonst zu arbeiten, um in manchen Fällen erst viele Jahre nach ihrem Abschluss einen gut bezahlten Job zu finden? Vielleicht sollten wir uns erstmal auf eine Definition des beliebten Begriffs 'nachhaltig' einigen, und zwar in Hinblick auf die Mode-Ausbildung und -Karriere. Ich frage mich, ob es für einen Studenten oder Praktikanten nachhaltig ist, während seines Bachelor-Studiums zahlreiche Praktika zu absolvieren, um dann nach seinem Master trotzdem nur weitere Praktika-Angebote statt eines festen Jobs zu bekommen. Ist unsere Ausbildung noch nicht gut genug, nachdem wir jahrelang studiert und gearbeitet haben? Offensichtlich. Ist unsere Ausbildung mangelhaft? Erfüllen wir nicht die Anforderungen der Branche?

Wenn jemand nach seinem Abschluss weiter Praktika annimmt, macht er sich selbst zu einem 'Wegwerf'-Arbeiter, weil Praktikanten alle paar Monate ausgetauscht werden. Es gibt dubiose Richtlinien, die es den HR-Abteilungen ermöglichen, neue Talente einzustellen, sie auszusaugen und dann wieder loszuwerden. Oft wird einem auch versprochen, nach Ende des Praktikums angestellt zu werden, aber in Wahrheit sieht es oft ganz anders aus. Alle Großkonzerne haben ihre Programme und Veranstaltungen, um zu zeigen, wie sehr sie 'junge Talente fördern'. Bilder von Sekt-Abenden mit dem Unternehmenslogo im Hintergrund fluten Instagram, es sind junge Absolventen zu sehen, die sich mit den Top-Recruitern großer Modehäuser unterhalten, doch kaum jemand bekommt nach diesen von den Unis unterstützen PR-Events auch wirklich ein Jobangebot. Diese Veranstaltungen dienen den Unternehmen lediglich dazu, auf dekadente Art und Weise für sich selbst zu werben. Und das Traurige daran: Für das Geld, das ein solches Event kostet, könnte ein dutzend Absolventen einen gut bezahlten Job bekommen.

"Brauchen wir also wirklich mehrere hundert Mode-Absolventen pro Jahr, wenn es nicht annähernd so viele Jobs gibt?"

Die Zahl der Leute, die ein Jahr nach ihrem Abschluss einen Job in ihrem Beruf finden, ist erschreckend gering. Offizielle Angaben werden dadurch aufgebessert, dass sie auch Praktika oder andere Jobs berücksichtigen. Lasst euch also nicht von den Angaben einiger Unis über die Beschäftigungsquoten täuschen, denn sie sind weder ganz ehrlich, noch transparent. Unternehmen geben ihre Verluste an, aber Unis müssen das nicht öffentlich tun. Brauchen wir also wirklich mehrere hundert Mode-Absolventen pro Jahr, wenn es nicht annähernd so viele Jobs gibt? Ist das vielleicht auch Teil des Problems?

Die Mode-Ausbildung ist im Grunde genauso schnell zur Massenproduktion geworden, wie Fast Fashion in den vergangenen Jahren zugelegt hat. Man muss kein Superhirn sein, um zu verstehen, dass es in der Mode nicht nur um Kreativität geht, sondern auch um Verkaufszahlen. Und auch die Ausbildung ist nicht großartig anders: es ist ein Business, mit dem die Unis Geld verdienen. Liegt hier das Problem? Wäre es vielleicht nachhaltiger, weniger Absolventen zu haben, die dafür fit für den Arbeitsmarkt wären? Es kann doch nicht sein, dass man nach Abschluss einer Ausbildung, die mehrere tausend Euro gekostet hat, immer noch für einen Hungerlohn arbeiten muss, um sich einen Job zu sichern.

Eine Lösung, um die Situation zu ändern, wäre, die Praktikumsangebote nach dem Uni-Abschluss konsequent abzulehnen. Praktika sind dafür da, während des Studiums seine Kenntnisse zu vertiefen – sie sollten aber keine Alternative zu billigen Arbeitskräften sein. Wenn die Unternehmen keine billigen Arbeitskräfte mehr bekommen, überdenken sie vielleicht ihre Vorgehensweise. Es kann sich nur etwas verändern, wenn die Leute gemeinsam für das Gleiche einstehen. Ich selbst habe als Praktikant erlebt, dass Unternehmen einen behalten wollen, wenn man gute Arbeit leistet. Natürlich ist das nicht überall der Fall, aber es ist mir schon einige Male passiert. Wenn deine Vorgesetzten gut sind, kannst du den Job bekommen, aber du musst auch danach fragen. Keiner wird bei dir an der Tür klopfen und dir einfach so einen Job anbieten. Es ist gut, Nein zu Leuten zu sagen, wenn du bereits ein 12-monatiges Praktikum hinter dir hast. Es ist in Ordnung, dein eigenes Talent zu sehen und dafür anerkannt werden zu wollen. Auf lange Sicht wird es dazu führen, dass du keine weiteren Praktika mehr machen musst."

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