Fotos: The Garden Of Good And Evil

Willkommen im Garten der sexuellen Freiheit

Zwischen BDSM, Fetisch und Clubkultur ergründet die Illustratorin von 'The Garden Of Good And Evil' unsere Lust.

von Imke Rabiega und Dana Hajek
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17 September 2019, 10:22am

Fotos: The Garden Of Good And Evil

In Dessous und Morgenmantel serviert eine Frau ihrem Liebhaber neben Zimtschnecken auch Dildo und Peitsche auf dem Frühstückstablett. Ein anderes Mal reitet sie auf dem Rücken ihres Sklaven, der in Ledergeschirr und Gummimaske auf dem Boden kniet. Irgendwo zwischen Manga und Pin-Up kreiert die Künstlerin von The Garden Of Good and Evil erotische Illustrationen. Damit möchte sie den Menschen offene Einblicke in die Vielfalt von Sex und Lust geben. Ihr Ziel? Sexuelle Tabus in unserer Gesellschaft auflösen.

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© The Garden Of Good And Evil

Für ihr Studium kam die Künstlerin – die anonym bleiben möchte –, 2009 nach Berlin, verliebte sich in die tolerante Mentalität der Stadt und blieb. Ihre Erfahrungen aus der Club- und BDSM-Szene brachten sie vor zwei Jahren auf die Idee zu ihrem fortlaufenden Projekt The Garden of Good and Evil. Dahinter verbergen sich digitalisierte schwarz-weiß Zeichnungen, die von sexuellen Sehnsüchten und sinnlichen Fantasien handeln. Auf ihrem Instagram-Account teilt sie – trotz der strengen Zensur – ihre Kunstwerke mit der Öffentlichkeit.

Im Gespräch mit i-D erzählt sie, was ihr eigenes Herz bewegt.

The Garden Of God And Evil
© The Garden Of Good And Evil

Was mir besonders an deinen Werken gefällt, ist ihre unmissverständliche Sexualität. Woher kommt dieses Interesse für erotische Kunst?
Früher war ich eher an Erotik in Literatur und Film interessiert. Ich habe mir Fragen gestellt wie: 'Was verführt, erregt, reizt uns und warum? Welche Rolle spielt Angst, Wut, Eifersucht, Macht, Scham und Schuld? Wobei unterscheiden sich hierbei Individuen, Kulturen und Geschlechter voneinander?'

Antonio Varone beschreibt es in seinem Buch Eroticism in Pompeii sehr schön: "Erotik ist subtile Magie. Ein unklarer Grund zwischen Geist und Sinnen, bei dem Emotionen mit Versuchungen verwechselt werden. Obwohl unausweichlich mit Sex verbunden, ist es das Gegenteil von roher Sexualität. Erotik hat eine auffallend kulturelle und sehr anspruchsvolle Dimension, und die Übertretung ist eine ihrer mächtigsten Verbündeten."

Instagram hindert erotische Künstler_innen und Sex Arbeiter_innen oft daran, ihre Profile zu promoten und Inhalte zu teilen. Wie erklärst du dir diese strenge Zensur?
Instagram toleriert erotische Inhalte, solange keine vollständige Nacktheit oder eindeutige sexuelle Handlungen zu sehen sind. Allerdings arbeitet die Seite mit Robotern, also Künstlicher Intelligenz, die die Inhalte automatisch scannen und einordnen. Dabei passieren viele Fehler.

Inwiefern beeinflusst das deine Arbeit?
Es wurden bereits einige Posts von mir gelöscht, obwohl sie zensiert waren. Mein Profil wurde auch schon einmal für ein paar Tage deaktiviert. Ich versuche es mit Eigenzensur auf Instagram und verweise meine Follower auf mein Twitter-Profil, auf dem ich Originale und unzensierte Zeichnungen präsentiere. Ich bin dennoch sehr dankbar für die App. Durch sie habe ich sehr viele interessante Menschen kennengelernt und kann meine Arbeit mit einem viel größeren Publikum teilen. Zum Glück gibt es aber auch andere Plattformen, die nicht so streng sind.

Es scheint, als würden deine Illustrationen verstärkt von Leuten aus dem Nachtleben geteilt werden. Woran glaubst du liegt das?
Wahrscheinlich, weil ich selbst Teil der Clubkultur bin und daher viele Fans aus dem Nachtleben habe. Meine Verbindung zur elektronischen Musikszene ist auch ein Punkt, der mich von anderen erotischen Künstler_innen unterscheidet. Meine Follower haben großes Interesse an musikbezogenen Inhalten, daher werde ich bald beginnen Podcasts aufzunehmen und hoffentlich zum Ende des Jahres meine erste eigene Partyreihe launchen.

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© The Garden Of Good And Evil

Die Kink- und Fetischszene in Berlin ist sehr groß. Hat dir das geholfen, deine Identität zu formen und deine Arbeit weiterzuentwickeln?
Ja, das war tatsächlich sehr hilfreich. Berlin ist eine sehr offene Stadt, man kommt hier schnell in Kontakt mit vielen außergewöhnlichen und verrückten Menschen. Es gibt die Pride Parade, Swinger Clubs oder die Pornceptual. Du musst einfach einige Sachen ausprobieren, um festzustellen, was dir gefällt und was vielleicht zu klischeebehaftet ist. Persönlich sehe ich mich trotzdem nicht als Teil der Kink- oder Fetischszene. Ich leihe mir Elemente aus, die mir gefallen, und integriere sie in meine eigene Arbeit. Wenn überhaupt bin ich eher ein RAW-Club-Kid, geprägt durch meine Zeiten im Berghain.

Inwiefern unterscheidet sich deine heutige Arbeit von den Anfängen?
Meine heutigen Arbeiten entstehen aus einer selbstbewussten und gesunden Seele heraus. Früher habe ich nur gezeichnet, wenn ich mich schlecht gefühlt habe. Heute bin ich sehr zufrieden mit meinem Leben und brauche keine Krise, um kreativ zu sein.

Ist deine Kunst politisch?
Meiner Meinung nach muss Kunst nicht politisch sein – dennoch kann ich nicht leugnen, dass das Publikum heute Abwechslung und Vielfalt einfordert und diese Stimmen auch einen Einfluss auf uns Künstler_innen haben. Für mich ist es allerdings wichtiger, mit Fantasien und Sehnsüchten der Menschen unabhängig ihres Geschlechts zu spielen. Ich denke, wir schwanken alle ständig zwischen eher weiblichen und eher männlichen Energien in uns. Deswegen mag ich BDSM so sehr: Es erlaubt uns allen, sich mit der Art von Energie zu verbinden, der wir uns gerade am nächsten fühlen.

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© The Garden Of Good And Evil

Für wen machst du deine Kunst?
Meine Bilder sind Entdeckungsreisen, die zu einem besseren Verständnis für mich selbst und andere führen sollen. Sie richten sich an alle, die sich ihnen verbunden fühlen. Primär zeichne ich aber für mich selbst. Es ist ein essenzielles Bedürfnis. Außerdem fühle ich mich damit weniger einsam. Meine Kunst gibt mir Hoffnung, sie ist eine Art Selbstfindung. Mit meiner Arbeit an die Öffentlichkeit zu gehen, hat sich angefühlt, als würde ich einen Garten zugänglich machen. Ich freue mich über jede private Nachricht von Unbekannten, die ihre intimen Geschichten mit mir teilen.

Und was lässt dein Herz höher schlagen?
Mein Freund. Mit ihm ist das Leben so aufregend, dass ich nicht einschlafen kann, weil die Realität besser ist als jeder Traum.