Fotos: Clara Nebeling

Unsere Stimme, unsere Zukunft

Am 26. Mai ist Europawahl. Damit sich auch wirklich alle beteiligen, hat die Fotografin Clara Nebeling das Projekt 'EUnited' gegründet.

von Marieke Fischer
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14 Mai 2019, 1:51pm

Fotos: Clara Nebeling

Die politische Lage in Europa ist beschissen. Rechtspopulistische Parteien erstarken, Minderheiten werden instrumentalisiert und Klimaziele regelmäßig nach unten revidiert – die europäische Einheit steht vor dem Zusammenbruch, nicht erst seit dem Brexit. So ungewiss die Zukunft auch scheint, so angsteinflößend sie wirkt, so sicher ist doch, dass sich etwas ändern muss. Und die Verantwortung für diese Veränderung liegt bei uns. In den Händen der jungen Generation.

Schockiert von der niedrigen Beteiligung der 18- bis 30-Jährigen an der letzten Wahl zum Europaparlament (28 Prozent!), hat die in London lebende Fotografin Clara Nebeling nun ein Projekt initiiert, das die politische Partizipation in dieser Altersklasse steigern soll: EUnited. Gemeinsam mit David Uzochukwu, Wendy Huynh und Maria Sturm hat sie beschlossen, parteiunabhängige Wahlplakate zu kreieren, die unsere visuelle Sprache sprechen. Die persönliche Geschichten erzählen. Die Identifikation und Aufmerksamkeit schaffen. Für alle zugänglich, für alle verständlich.

Uns hat Clara mehr über ihre Idee erzählt.

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Clara Nebeling 'Europe: A Story of Love': "Als Kind deutscher und portugiesischer Eltern wollte ich die Welt inter-europäischer Beziehungen, die einen riesigen Teil des Lebens in der EU bestimmen, festhalten. Solche Beziehungen kommen häufiger vor, seitdem Programme wie Erasmus geholfen haben, dass sich junge Leute frei auf dem Kontinent bewegen können. Es ist meine Art zu zeigen, dass eine pan-europäische Identität anwächst, die über Grenzen hinweg schaut und trotzdem eine gewisse nationale Identität wahrt."

Was bedeutet Europa für dich?
Europa bedeutet für mich Zuhause. Das mag sich kitschig anhören, aber nachdem ich zwischenzeitlich auf zwei anderen Kontinenten gewohnt habe, weiß ich, dass Europa für mich eine besondere emotionale Bindung hat.

Gibt es einen Gedanken, der dich besonders bedrückt, wenn du an die anstehende Europawahl denkst?
Tatsächlich die niedrige Wahlbeteiligung, die auch der Grund für dieses Projekt war. Wir haben mit der Europawahl einen der größten demokratischen Prozesse auf dieser Erde, auf keiner anderen Ebene hat man die Möglichkeit zusammen mit anderen Nationen zu wählen. Aber wir, die junge Generation, gehen nicht hin. In manchen Ländern wie Finnland liegt die Wahlbeteiligung bei gerade mal zehn Prozent, in der Slowakei bei sechs Prozent. Man hat jetzt gesehen, dass die Jugend auch aktiv werden kann, wenn es beispielsweise um das Klima geht oder den Artikel 13. Der effektivste Weg, etwas an internationaler Politik zu ändern, ist diese Europawahl.

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Maria Sturm mit Katinka Schuett und Anna Tiessen 'Europe: A Story of Culture': "Inspiriert von niederländischen Stillleben aus dem 17. Jahrhundert, haben wir uns entschlossen, die Idee zu adaptieren und eine moderne Interpretation zu kreieren, in der Lebensmittel aus allen 28 Mitgliedsstaaten nebeneinander in einem Bild zu sehen sind. Die offenen Grenzen und der freie Handel in Europa ermöglichen einen einfachen Zugang zu Gegenständen auf dem gesamten Kontinent. Etwas, das die Menschen vor hunderten von Jahren nicht hatten."

Du hast die niedrige Wahlbeteiligung angesprochen. Wie erklärst du dir die mangelnde Partizipation der jungen Generation an der vergangenen Wahl des Europaparlaments?
Ich habe mich viel mit Leuten aus meiner Generation unterhalten, auch mit einigen Nichtwählern. Tatsächlich wissen viele gar nicht, dass diese Wahlen stattfinden. Das kann man sich In der Großstadt nur schwer vorstellen, da dort natürlich mehr Wahlkampf gemacht wird. Als ich vor zwei Wochen in meiner Heimat im Rheinland war, hing noch kein einziges Plakat zur Europawahl. Und wenn sie dann mal hängen, sind sie oft an eine ältere Generation gerichtet.

Dadurch, dass die Stimmen der jungen Wähler zahlenmäßig immer weniger sein werden als die der älteren, sind sie für Parteien oft nicht interessant. Natürlich interessiert sich auch ein Großteil nicht für Politik und das ist auch OK. Wählen gehen sollte man aber trotzdem, schließlich handelt es sich um maximal 30 Minuten alle fünf Jahre.

In eurem gemeinsamen EUnited-Projekt haben Fotograf*innen aus den verschiedensten Ecken Europas ihre persönliche Interpretation von Europa visualisiert. Welche verbindende Botschaft steht hinter den Werken?
Unsere Werke verbindet auf jeden Fall der Kontinent Europa, auf dem wir alle aufgewachsen sind. Wir haben sehr verschiedene, durchmischte Hintergründe und kommen alle aus unterschiedlichen Ländern – trotzdem haben wir durch eine gemeinsame europäische Kultur viele Verbindungspunkte. Dieses "Gemeinsame" ist auch das, was unsere Projekte zusammenbringt. Über die Jahrzehnte bildet sich so langsam eine paneuropäische Identität, mit der sich viele junge Leute identifizieren.

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Wendy Huynh 'Europe: A Story of Dreams': "Meine Porträt-Reihe zeigt die französische Jugend in Paris und den Vororten. Dort, wo ich aufgewachsen bin. Auf den Bildern sind die Jugendlichen in einer Umgebung zu sehen, in der sie sich wohlfühlen – Sportvereine und Gemeinschaftsorte, wo sie etwas über das Leben gelernt haben und erfahren haben, zusammenzuarbeiten. Mein Beitrag an diesem Projekt ist ihnen gewidmet. Die jüngeren Generationen müssen zusammenarbeiten – für die Zukunft unseres Kontinents."

Welche Zukunft wünschst du dir für Europa?
Momentan ist es nicht einfach, Europas Zukunft vorauszusehen – mit all den offenen Baustellen, die vor uns liegen, gepaart mit einem wachsenden Nationalismus. Unser Projekt ist unparteiisch. Aber ich persönlich wünsche mir ein Europa, in dem wir gemeinsam die großen Probleme unserer Zeit angehen. Eine EU, die noch transparenter und demokratischer ist und weniger Spielraum für Lobbyisten, Großkonzerne und Steuerhinterziehung gibt. Ich hoffe, dass unsere Zukunft demokratisch bleibt und wir immer das Recht behalten werden, unsere Zukunft zu bestimmen.

Wie kann deiner Meinung nach das Interesse an Politik in der jungen Generation langfristig und nachhaltig gestärkt werden?
Parteien müssten mal weiter denken als die nächsten vier, fünf Jahre. Die Jungwähler von heute sind die Altwähler von morgen. Politik, so wie sie heute gestaltet ist, ist wenig ansprechend für eine jüngere Zielgruppe. Um nachhaltig die Politikverdrossenheit zu überwinden, muss es vielleicht auch mehr Vorbilder geben, die sich mit verschiedenen Themen beschäftigen, statt nur das 0815-Influencer-Leben aufzeigen.

Greta Thunberg hat zum Beispiel gut vorgemacht, dass niemand zu jung ist, um sich für unsere Generation und ihre Probleme einzusetzen. Das heißt nicht, dass alle auf die Straße gehen müssen, aber vielleicht ist es irgendwann ja genau so cool, etwas zu einem wichtigen Thema auf Social Media zu teilen, wie seinen perfekten Latte Macchiato zu präsentieren. Eine Mischung wäre doch super!

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David Uzochukwu 'Europe: A Story of Modernity': "In der Mythologie des Antiken Griechenlands gibt es eine Sage, in der Zeus die Gestalt eines Bullen annimmt und eine phönizische Prinzessin unversehrt über das Meer bringt, an die Küste von Kreta. Dort beginnt sie ein neues Leben und nimmt einen neuen Namen an – Europa. Mit diesen Fotos wollte ich die moderne europäische Jugend in diese Position von Macht und Möglichkeiten bringen. Besonders junge Erwachsene haben Probleme, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, aber das hier ist ihre Zukunft."

Welche Rolle spielt Kunst dabei?
Kunst hat schon immer eine wichtige Rolle in gesellschaftlichen Prozessen gespielt, da sie im besten Fall unabhängig ist. Unser Alltagsleben wird heute von Bildern bestimmt, die fast immer einen Hintergedanken haben. Wie verkaufe ich am besten diese Uhr? Wie sehe ich am besten aus? Wie sehen mich andere? Kunst kann ein Spiegel der Gesellschaft sein und Elemente aus unserem Leben neu arrangieren, sodass sie klarer verständlich sind. Nach der Frage, was überhaupt Kunst ist, ist auch Joseph Beuys "soziale Plastik" interessant. Zusammenarbeiten, die Gesellschaft verändern, das kann auch ein Kunstwerk sein.

Was möchtest du den Politiker*innen, den Menschen in Machtpositionen mitteilen?
Tut was für eure Kinder! Sie können gar nicht wählen und müssen mit unseren Entscheidungen leben. Gerade Personen in Machtpositionen sollten bedenken, dass ihr Handeln uns alle betrifft. Mehr Verantwortung, weniger Egoismus.

@eunited.co
#ourvoteourfuture

Alle Poster können hier kostenlos heruntergeladen werden. Und: Allen Unentschlossenen kann der Wahl-O-Mat bei einer Entscheidung helfen.

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