Ali & Frisbee, from Vinca Petersen's No System

"Wahrscheinlich könntest du uns Techno-Reisende nennen"

Fotografin Vinca Petersen zeigt das Leben auf der Straße Richtung Rave.

von Frankie Dunn
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24 Juli 2019, 12:30pm

Ali & Frisbee, from Vinca Petersen's No System

"Stell dir vor, du suchst nach den bedeutendsten Erinnerungen in deinem Leben und fügst ihnen dann Fotos und Erläuterungen bei. Dann stell dir vor, du bist 46 Jahre alt und hast schon wirklich viel erlebt ... genau an diesem Punkt stehe ich gerade." Als wir Vinca Petersen anrufen, steckt sie gerade in den letzten Zügen der Vorbereitung ihrer Retrospektive über Rave-Kultur und Acid House in London. Doch Sweet Harmony: Rave Today zeigt nicht die Menschen auf der Tanzfläche. Nein, Vinca hat sich für einen ganz anderen Blickwinkel entschieden.

Sie war kein gewöhnliches Club Kid – sie hat diese Kultur wirklich gelebt. Von Hausbesetzungen während des zweiten Sommer der Liebe 1989, als sie gerade mal 17 war bis hin zu ihrer Community aus 'Techno Reisenden' (wie sie sie selbst liebevoll nennt), die durch Europa von einer kostenlosen Party zur nächsten zogen oder ihre eigenen Raves auf dem Weg dorthin schmissen. Irgendwo dazwischen wurde Vinca ein erfolgreiches Model und sogar in den 90ern Praktikantin bei i-D, als Assistentin unseres ehemaligen Fashion Editors Edward Enninful.

"Ich will den Betrachter auf eine Art Reise mitnehmen, also habe ich mich für Bilder entschieden, die ein wenig abstrakter, traumähnlich sind", sagt die Fotografin über die Auswahl für ihre neueste Ausstellung, die aus ihrem Buch No System stammt. Auf einem der Bilder sehen wir einen einzelnen Menschen mit ausgebreiteten Armen umgeben von einer beeindruckenden DIY-Soundanlage. Auf einem anderen schläft eine junge Frau zufrieden auf einer Frisbee inmitten der Natur. Das sind die ruhigeren Momente des Lebens, des Raves. "In meinem Kopf war No System eine Art Broschüre dafür, wie wir gelebt haben", sagt sie weiter. "Eine Einladung, sich uns anzuschließen."

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Bayonne, No System

Es war Vincas Freundin, die großartige Modefotografin Corinne Day, die sie davon überzeugte, dass die ganze Welt ihre Arbeiten sehen sollte. "Mein Archiv zu durchforsten, war emotional und hat mich aufgewühlt. Es war sogar ein bisschen nervenaufreibend – und mit Sicherheit nicht so angenehm, wie du es dir vielleicht vorstellst", erzählt die Fotografin weiter.

Was uns erwartet und warum Vinca dich dazu einlädt, auf ihrer Hüpfburg herumzuspringen, erzählt sie im Interview.

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The River Conversation, No System

In welchem Foto deiner Ausstellung stecken die meisten Erinnerungen?
The River Conversation. Es wurde 1995 im Zentralmassiv aufgenommen ... im ersten Sommer, nachdem ich England verlassen hatte. Wir haben alle hinten im winzigen Van meiner Freundin geschlafen. Und genau in diesem Moment wusste ich: so möchte ich leben. Es ging mir gar nicht so sehr um den Rave oder die Party, dafür um diesen Fluss, eine vorübergehende Community, wunderschöne Orte und um das Freisein, zu reden und abzuhängen. Das alles hat mir mehr bedeutet als die eigentlichen Partys. Sie waren nur ein Teil der Woche, aber ich habe die ganze Woche geliebt. Ich habe lange Zeit zu den Ravern in London gehört, bin ausgegangen und am Morgen wieder nach Hause gekommen. Auch wenn ich in Squats gelebt habe, wollte ich einfach nur draußen sein.

Gab es immer Musik auf eurer Reise?
Interessante Frage. Es gibt verschiedene Arten von Reisenden: alles von irischen bis zu den Hippie-Reisenden. Wahrscheinlich könntest du uns Techno-Reisende nennen – Musik war unser Herzstück. Ob aus dem Auto oder Soundsystem: Eigentlich hast du immer von irgendwoher welche gehört. Manchmal Reggae, Drum and Bass, aber auch Punk. Natürlich gab es immer auch ruhige Zeiten, dafür habe ich den Winter geliebt. Am Wochenende hattest du den riesigen Rave und den Rest der Zeit hast du mit Holzhacken oder der Suche nach einem Parkplatz verbracht. Oder damit dich warm zu halten. In dieser Jahreszeit waren wir immer eine etwas kleinere Gruppen, deswegen ging es ruhiger zu.

Wie wichtig war es damals für dich, euren Lifestyle zu dokumentieren?
Ich habe schnell gemerkt, dass du nach einer Partynacht ziemlich viel vergisst. Während der ersten Jahre der wilden, halb-legalen Raves in und um London habe ich kaum Fotos geschossen. Aber sobald ich angefangen habe, mit einer Community herumzureisen und auch so zu leben, wollte ich das wirklich nicht vergessen. Mitte der 90er habe ich eine Fotografin [Corrine Day] getroffen, die sehr hartnäckig war, dass ich so viele Fotos wie nur möglich schieße. Sie hat mir einen Film und eine Kamera gegeben – und mich verstehen lassen, dass es vielleicht auch anderen da draußen gefallen könnte, was ich mache. Dass ich es den Leuten schuldig bin, zu zeigen, wie wir leben.

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Paula Sunrise, No System

War alles immer nur positiv?
Die meiste Zeit hat sich das Leben gut angefühlt, zu einem sehr kleinen Prozentsatz war es schrecklich. Ich habe versucht, letzteres nicht in No System zu beleuchten. Alle Artikel, die ich über Reisende und Raver gesehen habe, waren immer sehr negativ, deswegen wollte ich etwas anderes daraus machen.

Was hältst du von dem momentane Zustand der Welt?
Als ich klein war, ging es immer nur darum, gegen das Establishment zu sein. Diese Art von Aussagen sind heute immer mehr Mainstream geworden – und der Ausstieg aus der Gesellschaft wurde in einer Art Paket kommerziell gebündelt. Heute gibt es viel zu wenig Humor. Humor zu haben, ist eines der rebellischsten Dinge, weil er so unkontrollierbar ist. Meine größte Angst ist es, dass der Humor aus dem Leben verbannt wird. Junge Menschen müssen sich schon in jungen Jahren mit solch ernsten Problemen auseinandersetzen. Wenn ich jemandem etwas auf den Weg geben möchte, dann wie wichtig es ist, Spaß zu haben. Ernsthaften Spaß. Kein schmalziger, kommerzieller Spaß, sondern das, was ich umtriebige Freude nenne. Es ist etwas, das ein bisschen ungezogen ist. Und wir wurden alle geboren, um es zu tun.

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Bus and rig, No System

Vielleicht genau der richtige Zeitpunkt, um über deine Hüpfburg zu reden ...
Wir brauchen mehr Spaß! Ich fordere jeden heraus, diese Hüpfburg in der Ausstellung zu betreten und weder zu grinsen, zu lachen oder sich einzumachen. Inspiriert wurde sie von der Hüpfburg, die einige Reisende 1998 nach Indien mitgenommen hatten. Sie haben sie immer bei ihren Raves aufgeblasen. Ich wollte noch eine lange Reise machen, bevor ich ein Kind bekomme. Also sind mein Partner und ich mit dem Auto durch Ghana gefahren. Ich wollte etwas mitnehmen, um es mit den Leuten zu teilen. Ich wollte Teil ihrer Communitys werden, also musste ich sofort an die Hüpfburg denken. Wir sind damit durch ganz Afrika gefahren, dann in ein Waisenhaus in die Ukraine und dann nach Rumänien. Es muss sich ein bisschen wie ein Zirkus angefühlt haben, den wir da aufgebaut haben.

Und die Hüpfburg in der Ausstellung ist dieselbe?
Ja, genau! Sie ist super schmutzig, ich habe sie dafür nicht mal gewaschen. Darin steckt also das Lachen vieler Kinder und der Schweiß vieler Erwachsener.

Dürfen die Leute darauf herumhüpfen?
Genau dafür kämpfe ich gerade. Sie können das machen, soweit ich weiß, vielleicht bekommen sie aber Probleme mit der Galerie. Aber das hier ist eine offene Einladung der Künstlerin.

Und zum Schluss: Was würdest du gerne deinem 21-jährigen Ich sagen?
Das Leben wird einfacher, angenehmer.

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Laughter Aid, Ghana 2003
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'Sweet Harmony: Rave Today' kannst du dir noch bis zum 14. September in der Saatchi Gallery in London ansehen. Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Credits


Fotos: Vinca Petersen

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