Still aus M/M

Dieser queere Techno-Experimentalfilm ist alles andere als berechenbar

Matthias lebt in Berlin. Matthias mag Techno. Matthew mag Matthias. Matthew will Matthias. Matthew will Matthias sein.

|
Juli 20 2018, 1:52pm

Still aus M/M

Ja, die Liebe ist ein komisches Konstrukt und manchmal ertappen wir uns dabei, dass wir an nichts anderes als an diesen einen Menschen denken können. Wir träumen von ihm, wir denken an ihn – und wir schauen konsequent alle paar Minuten auf unser Handy, weil wir auf eine Nachricht von ihm warten. Wenn du denkst, dass dieses Verhaltensmuster schon als obsessiv gelten könnte, solltest du dir unbedingt M/M anschauen. Das Spielfilmdebüt des kanadischen Regisseurs Drew Lint hebt Obsession auf ein neues Level und vermischt dabei Psychothriller mit Science-Fiction. "Es ist ein Film über das Verlangen dazuzugehören", erklärt Drew, der selbst vor knapp fünf Jahren von Toronto nach Berlin gezogen ist, auf der Suche nach sich selbst und seiner Community.


Auch auf i-D: Wir haben die deutschen Jungschauspieler von morgen getroffen


Ähnlich geht es auch Matthew in M/M. Er ist gerade frisch nach Berlin gezogen, als er auf Matthias trifft und sich von der ersten Sekunde unglaublich angezogen von ihm fühlt. Wer glaubt, es würde sich hierbei um eine typische Liebesgeschichte handeln, hat sich geirrt. "Ich wollte einen Film machen, der queer ist, sowohl in seiner Thematik als auch in seiner Form", so Drew über sein Spielfilmdebüt. "Trotzdem wollte ich damit keine typische Story erzählen, in der es darum geht, Liebe zu finden." Worum es dem Kanadier wirklich dabei ging und welche Rolle das Berliner Nachtleben dabei spielt, hat er uns im Interview erklärt.

Still aus M/M

Inwiefern hat dein Debütfilm autobiografische Züge?
Natürlich spiele ich ein bisschen damit, schließlich mache ich einen Film über einen Kanadier, der neu in Berlin ist. Die Geschichte an sich ist aber frei erfunden. Berlin zieht ständig neue Menschen an, die nur für eine kurze Zeit hier bleiben. Neu in einer Stadt zu sein, gibt dir die Möglichkeit, zu sein, wer auch immer du sein möchtest. Die wirklich persönlichen Elemente stecken dagegen unter der Oberfläche: Das Verlangen dazuzugehören, die Suche nach einer Community und der eigenen Identität sowie der gesellschaftliche Druck, sich so zu verhalten, wie es traditionelle Geschlechterrollen von dir erwarten.

Die Bilder und Interaktionen spielen in M/M eine größere Rolle als die Dialoge. Warum hast du dich für diesen Zugang entschieden?
Bilderwelten miteinander zu verbinden, ist für mich eines der wichtigsten Werkzeuge, um eine Geschichte zu erzählen – auch wenn die Atmosphäre und Stimmung des Films auch viel dazu beitragen. Was den Stil angeht, halte ich es gerne minimalistisch. Es steckt absichtlich nur wenig Dialog in M/M, um das Gefühl von Isolation der Charaktere zu verdeutlichen. Sie sprechen kaum miteinander – und wenn sie es doch tun, drücken sie nicht wirklich viel mit ihren Worten aus. Oft sagen wir mehr mit dem, was wir nicht sagen.

Still aus M/M / Mark Peckmezian

Was fasziniert dich am Medium Film?
Schon als kleines Kind habe ich Filme geliebt und hatte eine riesige Filmsammlung. Natürlich hat sich die Art, wie ich über Filme denke, seitdem stark verändert. Ab einem gewissen Punkt habe ich meinen Schwerpunkt darauf gelegt, hinter der Kamera zu stehen und mit dem Filmstudium in Toronto angefangen. Trotzdem muss man dazu sagen, dass ein Film im Kino anders funktioniert als im Fernsehen oder online. Ein Spielfilm erfordert ein bestimmtes Engagement von den Zuschauern und ein beidseitiges Vertrauen. Schließlich investiert sowohl das Publikum als auch der Filmemacher in eine 90-minütige Erfahrung. Ich mag den Gedanken, dass Filme die Zeit überdauern und für verschiedene Menschen unterschiedliche Bedeutungen haben.

Still aus M/M

Einer der Hauptdarsteller ist im echten Leben der Mitbegründer von Herrensauna, einer Underground-Techno-Partyreihe in Berlin. Welchen Einfluss hat das Club-Setting auf den Film?
Wir hatten nur wenig Budget, also habe ich selbst das Casting übernommen und vor allem Freunde und Bekannte gefragt. M/M hätte überall spielen können, aber ich habe mich bewusst für das Nachtleben in Berlin entschieden. Techno war die perfekte musikalische Komponente für das Draufgängertum, das der Film widerspiegelt. Als ich vor knapp fünf Jahren nach Berlin gekommen bin, war diese Szene völlig neu für mich. Hier sucht man nach seiner Identität und Community und auch das queere, soziale Leben spielt sich oft auf – oder in der Nähe – der Tanzfläche ab.

Welches Bild möchtest du von Berlin vermitteln?
Ich wollte dieses berauschende Gefühl nachstellen, wenn die Tage kürzer werden, Berlin in der Dunkelheit versinkt und diese Art von Schwere in der Luft liegt, die dich ganz schwindelig macht. Ich wollte eine andere Seite von Berlin zeigen. Eine, die nicht wirklich oft in Filmen dargestellt wird. Dabei habe ich mich von Andrzej Żułowskis Film Possession inspirieren lassen – sowohl von der Stimmung als auch von dem düsteren Setting und dem Experimentieren mit verschiedenen Genre.

Welchen Rat würdest du jedem jungen Filmemacher mit auf den Weg geben?
Es hat mehr als vier Jahre gedauert, diesen Film zu machen. Das Geld für die Produktion zusammenzukriegen, war ein Kampf, aber am Ende bin ich aber extrem stolz auf das Ergebnis. Letzten Endes will ich damit sagen, dass es zwar viel Zeit und Energie kostet, aber wenn du eine Geschichte erzählen möchtest, wirst du auch einen Weg finden.

@drewlint

"M/M" kannst du dir ab sofort im Kino anschauen.