Foto: Screenshots von Instagram / Collage über i-D UK

Warum sind Gesichtstattoos mittlerweile völlig normal?

Von Stigma bis Selbstvermarktung.

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Aug. 10 2018, 1:02pm

Foto: Screenshots von Instagram / Collage über i-D UK

Viele junge Leute entscheiden sich für ein Tattoo in ihrem Gesicht. Inspirieren lassen sie sich dabei von einer neuen Generation Rap, die sich auf SoundCloud herumtreibt und damit ihr eigenes Musikgenre etabliert hat: den SoundCloud-Rap. Die Musik lässt sich irgendwo zwischen Blink 182s I Miss You und Kanye Wests New Slaves verorten – eine Mischung aus Melancholie, Screamo und Kickdrums.


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Nehmen wir zum Beispiel den amerikanischen Rapper Post Malone. Über seiner rechten Augenbraue stehen die Worte "Stay Away", seine Augenringe bedecken die Schriftzüge "Always" und "Tired". Lil Xan, ein Streetwear tragender Sadboi, der Tupacs Musik als "langweilig" bezeichnet, hat gleich mehrere Tattoos im Gesicht. Darunter auch die Buchstaben "ZZZ", die uns vermitteln sollen, dass Lil Xan immer müde sein muss. Auch der verstorbene Lil Peep hat sich – tragischerweise – "get cake, die young" auf seine Stirn tätowieren lassen. Sogar Justin Bieber hat ein kleines Kreuz neben seinem Auge.

Das lateinische Wort für "Tattoo" ist "Stigma", was so viel bedeutet wie: "ein auffälliges, mitunter negativ bewertetes Merkmal". Besonders häufig wird es im Zusammenhang mit Kriminalität gebracht. Ein Tattoo in der griechischen Antike bedeutete, dass du abscheuliche Verbrechen begangen hast. Der griechische Kaiser Theophilus hat damals Rache an zwei Mönchen genommen, die ihn kritisierten, indem er ihnen elf Verse eines obszönen Jambischen Fünfhebers auf die Stirn tätowieren ließ. Heute würden die Mönche damit wohl aussehen, als ob sie gleich ein Mixtape herausbringen.

Bis vor ein paar Jahren wurden Gesichtstattoos vor allem in Verbindung mit Gangs gebracht: die Swastika-Stirn-Tattoos von Aryan Brotherhood Anführern oder die fünfzackige Krone am Hals hispanischer Knastgangs.

In andere Kulturen haben Gesichtstattoos eine religiöse Bedeutung. Die Māori-Frauen in Neuseeland tragen oft ein "moko kauae"-Tattoo auf ihrem Kinn, das sich aus einem symmetrischen Muster zusammensetzt. Dabei geht es darum, ein Zeichen ihrer wahren Identität nach außen zu tragen – jede Māori besitzt ein moko im inneren ihres Herzens, der Tattoo-Künstler bringt es lediglich zum Vorschein. Auch die Frauen des indischen Kutia Kondh Stammes tätowieren sich geometrische Linien ins Gesicht, damit sie sich gegenseitig erkennen, wenn sie das Reich der Seligen betreten.

"Leider sind Tattoos kultureller Aneignung zum Opfer gefallen", sagt Guy Neutron, ein Tattoo-Künstler von Love Hate Social Club. "Sie verlieren mehr und mehr an Bedeutung." An dieser Stelle sollte nicht unerwähnt bleiben, wie Mike Tyson auf sein Māori-Gesichtstattoo angesprochen wurde, und erklärte, dass er anfangs Herzen haben wollte, sich dann aber für "Tribal Zeug" entschieden hätte. Aber was haben SoundCloud-Rapper eigentlich mit all dem zu tun?

Diese Rapper vereint ein gewisser Nihilismus und eine Punkrock-ähnliche Nonchalance-Attitüde. "Ich wollte es einfach machen und meine Mama damit ärgern", sagt Post Malone über seine Tattoos. Auf die Frage, wofür 21 Savages Kreuz im Gesicht steht, kommt folgende verwirrte Antwort: "Es ist ein Messer." Die Kultur, die Gesichtstattoos umgibt, wird bestimmt von einer Gleichgültigkeit: Du schläfst ein und vergisst, dass dir ein Freund ein gebrochenes Herz auf deine Wange gekritzelt hat.

Genauso sehr geht es um Nonkonformismus. Lieber groß genug werden, anstatt sich einem 0815-Job hinzugeben und Excel-Tabellen auszufüllen. Lil Peep hat uns letztes Jahr im Interview erzählt, dass er sich mit 17 nur ein gebrochenes Herz auf sein Gesicht tätowieren hat lassen, damit er sich selbst dazu zwingt, wirklich etwas aus seinem Leben zu machen. Arnoldisdead, ein Rapper aus Lil Xans Xanarchy-Kollektiv, hat etwas Ähnliches gesagt, als er gefragt wurde, warum er ein Porträt von Anne Frank (bzw. "Xan Frank", wie er sie dummerweise nennt) in seinem Gesicht hat. "Nicht alle Leute hatten im Laufe der Geschichte die Macht, ihr Leben selbst zu kontrollieren und Dinge zu tun, die sie wirklich wollten."

Gesichtstattoos haben den Hoodie ersetzt – als Zeichen dafür, dass alte Menschen im Bus nicht neben dir sitzen wollen. Sie gewinnen immer mehr an Beliebtheit und andere Möglichkeiten, deine Mitmenschen zu verängstigen (wie deine Ohrläppchen auszudehnen oder deine Haare giftgrün zu färben) verlieren an Bedeutung. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis sich Harry Styles ein "get fucked"-Schriftzug auf sein makelloses Gesicht tätowieren lassen wird. Schließlich sind Gesichtstattoos sind schon lange kein Stigma mehr, sondern ein Plus in Sachen Selbstvermarktung.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.