Miles Heizer über die Darstellung von psychischen Problemen in “Tote Mädchen lügen nicht“

Mit seiner Rolle in der viel diskutierten Fernsehserie “Tote Mädchen lügen nicht“ und seinem Wunsch, ein Gespräch über die psychische Gesundheit von Teenagern auf den Bildschirm zu bringen, könnte Miles Heizer die Welt verändern.

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Aug. 14 2017, 10:28am

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer The Acting Up Issue, no. 349, 2017.

"Ich bin gerade in San Francisco, irgendwo am Wasser. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht genau, wo", sagt uns der 23-Jährige aus Kentucky am Telefon. Es war gar nicht so leicht, einen Termin für ein Gespräch mit ihm zu bekommen, aber wenn man versucht, mit einem Schauspieler Kontakt aufzunehmen, der in der Netflix-Serie des Jahres mitgespielt hat und bald in einigen kommenden Hollywood-Blockbustern zu sehen sein wird, ist das auch nicht weiter verwunderlich.


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Miles ist unglaublich stolz darauf, Teil der kontroversen Serie Tote Mädchen lügen nicht zu sein. "Ich habe gespürt, dass sie toll werden würde. Aber zu sehen, dass es dann echt so war, ist unglaublich." Obwohl sich die Dreharbeiten dazu ein bisschen wie ein "Ferienlager" angefühlt haben, sind die Themen, die darin angesprochen werden, alles andere als unbeschwerter Teenager-Spaß. Die Serie, die sich auf ungeschönte Weise mit dem Selbstmord auseinandersetzt, hat das Internet bezüglich der Darstellung psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen gespalten.

Aber auch Miles' nächster Film beweist, dass der Schauspieler eindeutig Rollen wählt, die wichtige Diskussionen anregen. In Simon Vs. The Homo Sapiens Agenda geht es um die komplizierte Coming-out-Story eines 16-jährigen Schülers. Wie auch vielen anderen seiner gleichaltrigen Kollegen geht es für Miles beim Schauspielen um mehr als nur darum, eine Geschichte zu erzählen. Im Interview erklärt er uns, worauf es für ihn wirklich ankommt.

Hoodie und Jacke: Enfants Riches Déprimés. Jeans: Levi's.

Erzähl uns ein bisschen von dir.
Ich komme aus Lexington, Kentucky. Ich bin früher in Kindertheaterstücken aufgetreten — , die rückblickend wahrscheinlich total peinlich waren — und bin so zur Schauspielerei gekommen. Meine Mutter hat mich bei meinem Traum von einer Schauspielkarriere immer unterstützt. Schließlich bin ich nach L.A. gezogen, wo ich angefangen habe, zu Vorsprechen zu gehen und in ein paar Krimiserien mitgespielt habe.

Du warst auch einige Jahre in der Serie Parenthood zu sehen. Wie war es, deine prägenden Jahre am Set zu verbringen?
Ich kenne es ja nicht anders. Rückblickend ist es interessant, dass ich nicht auf die Highschool gegangen bin. Ich wurde zuhause unterrichtet und hatte damit echt Glück. Ich kenne viele, die in diesem Alter viele negative Erfahrungen gemacht haben: Die Leute entdecken sich selbst und können manchmal fies zueinander sein. Ich bin echt froh, dass ich mit guten Menschen um mich herum aufgewachsen bin, die ein bisschen älter waren als ich. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich meiner Kreativität freien Lauf lassen kann, was an einer normalen Highschool wahrscheinlich anders ausgesehen hätte. Ich habe schon immer das getan, was ich liebe, und das mit Leuten, die ich mochte. Die anderen Schauspieler aus Parenthood sind zu meiner Familie geworden, und dafür bin ich echt dankbar.

"Die meisten Leute, die ich kenne und sich die Serie angeschaut haben, sagen, dass es ihnen entweder sehr geholfen hat oder sie dadurch mit ihrer Familie über Dinge reden konnten, die sie sich vorher nicht getraut haben, anzusprechen."

Wie waren die Dreharbeiten zu Tote Mädchen lügen nicht für dich angesichts der Tatsache, dass du nie zur Highschool gegangen bist?
Witzig, dass du fragst. Ich habe nämlich erst vor Kurzem darüber nachgedacht. Ich habe geglaubt, ungefähr zu wissen, wie der Highschool-Alltag aussehen würde, weil ich in Parenthood ja auch einen Schüler gespielt habe. Ich hatte also bisher nie das Gefühl, dass ich etwas verpasst habe. Die Dreharbeiten zu Tote Mädchen lügen nicht waren wie eine Art Ferienlager. Man ist immer zusammen und arbeitet bis spät in die Nacht. Man hört ja immer diese Horrorgeschichten von Sets, auf denen schreckliche Leute allen die Stimmung vermiesen, aber das war bei uns nicht der Fall.

Bist du mit der ersten Staffel von Tote Mädchen lügen nicht zufrieden?
Total. Schon als ich das Drehbuch gelesen habe, habe ich gespürt, dass die Serie ein Erfolg werden würde, aber als es dann tatsächlich so kam, hat mich das echt umgehauen. Ich war und bin stolz, Teil des Ganzen zu sein. Auch die Reaktionen der Zuschauer waren überwältigend – man denkt einfach nicht daran, wenn man dreht. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass andere Leute genauso auf etwas reagieren wie man selbst.

Jacke: AG Jeans. Hose: Saint Laurent by Anthony Vaccarello.

Und was denkst du über die negativen Kritiken auf die Show und die Art, wie der Selbstmord von Teenagern dargestellt wurde?
Es bringt die Leute dazu, darüber zu sprechen. Klar hat es auch negative Kritiken gegeben, aber die positiven Reaktionen haben ganz klar überwogen. Den negativen Kommentaren wird in der Regel einfach mehr Beachtung geschenkt, denke ich. Die meisten Leute, die ich kenne, die sich die Serie angeschaut haben, sagen, dass es ihnen entweder sehr geholfen hat oder sie dadurch mit ihrer Familie über Dinge reden konnten, die sie sich vorher nicht getraut haben, anzusprechen. Viele aus meiner Familie gehen noch auf die Highschool und ihre Eltern haben mir geschrieben, dass die Serie zwar sehr heftig sei, es aber großartig wäre, was für Gespräche sie mit ihren Kindern dadurch führen konnten — und das finde ich fantastisch.

"Ich denke es ist normal, Depressionen und Angst zu haben, also ich habe das definitiv schon erlebt."

Ich habe mir den Kurzfilm Home Movies angeguckt, in dem zusammen mit Brandon Flynn aus Tote Mädchen lügen nicht mitspielst. Wie bist du da reingekommen und was hat dich am Drehbuch fasziniert?
Der Regisseur des Films ist ein Freund von Brandon und mir und hat uns gefragt, ob wir mitmachen wollen. Er hat eine wichtige Botschaft: Es geht um unterschiedliche sexuelle Orientierungen, und es ist wichtig, darüber zu sprechen. Es ist wichtig, den Leuten zu sagen "Hey, wir wissen, was passiert, und wir unterstützen euch."

Welche anderen Geschichten sollten deiner Meinung nach gerade jetzt erzählt werden?
Angesichts des aktuellen politischen Klimas sind viele Leute gestresst, genervt oder fühlen sich angegriffen. Es ist wichtig, dieses Gefühl rüberzubringen, denn wenn man sieht, wie Leute diese Dinge erleben, bekommt man einen Einblick in ihre Situation und kann besser verstehen, wie man etwas verändern kann. Ich verstehe einfach nicht, warum die Leute nicht entspannter miteinander umgehen können. Es gibt so viele Dinge, die man vielleicht selbst macht und von denen man nicht mal weiß, dass sie andere verletzen könnten. War das vage genug? Das war ziemlich vage.

Jacke: Rudy Grazziani. T-Shirt: Adidas. Hose: Enfants Riches Déprimés.

Also wählst du die Rollen, die du spielen willst, nach den Erfahrungen aus, die du selbst gemacht hast?
Auf jeden Fall. Ich denke es ist normal, Depressionen und Angst zu haben, also ich habe das definitiv schon erlebt. Es fühlt sich sehr befreiend an, das auf dem Bildschirm rüberbringen zu können. Auf gewisse Weise ist es wie eine Erleichterung. Ich konnte mich auf jeden Fall mit meiner Rolle in Tote Mädchen lügen nicht, identifizieren. Als ich jünger war, wusste ich nicht mal, warum ich mich so gefühlt habe. Diese Serie hat die Leute dazu gebracht, endlich über diese Themen zu sprechen, vor allem die Betroffenen trauen sich nun eher, darüber zu reden.

Dir folgen unglaublich viele Leute auf Social Media, von denen die meisten wahrscheinlich sehr jung sind. Fühlst du dich deinen drei Millionen Followern gegenüber verantwortlich?
Ein wenig schon, ja. Ich würde es aber nicht Verantwortung nennen. Ich kann damit einen kreativen Raum schaffen, einen Safe Space. Ich finde es toll, dass mir so viele Menschen folgen, und bin unglaublich dankbar dafür.

"Ich mache Musik und lade sie auch im Internet hoch, aber niemand hört sie sich an."

Was machst du so, wenn du nicht gerade einen Film drehst?
Ich mache Musik. Ich war sogar kurz an einer Musikschule, bevor ich die Rolle in Tote Mädchen lügen nicht bekommen habe. Ich lade sie auch im Internet hoch, aber niemand hört sie sich an. Aber es macht mir Spaß und ich muss mir so keine Sorgen über die Reaktionen machen. [Lacht] Ich würde gerne touren und Konzerte geben, aber es ist auch angenehm, dass das nicht mein Beruf ist.

Was für Musik machst du?
Es geht ein bisschen in die elektronische Richtung, aber ich spiele auch Gitarre und ich singe ein bisschen, auch wenn ich nicht der begnadetste Sänger bin. Manchmal kombiniere ich aber auch noch traurige HipHop-Beats — Oh Gott, das hört sich jetzt echt schlimm an.

Credits


Fotos: Daria Kobayashi Ritch
Styling: Henna Koskinen
Grooming: Anna Bernabe / Exclusive Artists Management verwendet Leonor Greyl Paris und Glossier.
Setdesign: Rudy Grazziani.