Du musst keine Filmschule besuchen, um Regisseur zu werden

Anlässlich unseres Interviews mit Sam Smith hat uns Luke Monaghan, der Regisseur hinter Sams aktuellem Musikvideo, erzählt, wie er von einem kleinen Job bei MTV zu preisgekrönten Musikvideos und seinem ersten Spielfilm gekommen ist.

von Hattie Collins
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07 November 2017, 11:53am

Foto: James Barber

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Als Luke Monaghan begonnen hat, Filme zu machen, hatte er nur wenig Wissen oder Erfahrung, aber eine gesunde Portion Leidenschaft und ein natürliches Verständnis dafür, wie man eine Geschichte schön und fantasievoll erzählt. Erste Erfahrungen sammelte er als Set-Assistent, bis Luke nach nur drei Jahren bereits mit A$AP Rocky zusammenarbeitete. Seitdem hat er, angefangen bei Sam Smith bis hin zu Disclosure, für so ziemlich alle Größen der Musikindustrie Kurzfilme gedreht, einen Emmy gewonnen, beim Video eines Oscar-gekrönten Songs und bei seinem ersten Spielfilm Regie geführt. Uns hat er erzählt, wie er das geschafft hat.

Sammle so viele praktische Erfahrungen wie möglich
"Ich war schon immer ein riesiger Fan von Filmen und Musikvideos, auch wenn ich aus einer Familie komme, in der niemand auch nur annähernd etwas mit der Film- oder Musikbranche zu tun hat. Deswegen schien mir der Job immer komplett außer Reichweite, bis ich plötzlich auf Filmsets herumrannte und Musiker filmte. Um in der Welt Fuß zu fassen, habe ich mit 18 erst mal ein bisschen bei MTV gejobbt – nach etwa sechs Monaten bot man mir dann eine Vollzeitstelle an. Ich habe dort so viele Leute getroffen und so viel gelernt, unter anderem, wie man eine Kamera bedient und Videos bearbeitet. Es gab im Büro einige Regisseure, die nach der Arbeit noch bei Musikvideos Regie geführt haben, oft war ich also nach Feierabend noch mit ihnen an diversen Sets oder drehte umsonst Hinter-den-Kulissen-Videos. Ich habe sehr viel gelernt, weil ich einfach an den Sets war und gesehen habe, wie es in der Praxis funktioniert.


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Als ich MTV verlassen und begonnen habe, bei Musikvideos Regie zu führen, hat meine Karriere recht schnell an Fahrt aufgenommen – das Geld kam dagegen nicht so schnell. Es gibt im Grunde keine feste Erfolgsregel für angehende Regisseure; man sollte einfach auf sein Bauchgefühl vertrauen. Ich musste ein Gleichgewicht zwischen weniger interessanten Jobs finden, die gut bezahlt waren, damit ich gleichzeitig auch weniger gut bezahlte Jobs annehmen konnte, die meine Kreativität gefördert und mich an meine Grenzen gebracht haben.

Als ich nach Detroit gegangen bin, um das Musikvideo zu White Noise von Disclosure zu drehen, war das für mich eine große Chance. Ich hatte eine ganz bestimmte Vorstellung für das Storytelling und den Ton und habe deshalb selbst einen Teil mitfinanziert. Bei dem Dreh habe ich nichts verdient, weil das Budget viel zu klein für das war, was wir versuchen wollten. Wenn man als Regisseur ein Musikvideo macht, in dem man eine große Chance sieht, steckt man seinen Lohn oft direkt ins Budget, damit das Geld in die Produktion fließen kann. Es ist natürlich hart, wenn man nicht viel hat, aber letzten Endes muss man in sich selbst und seine Projekte investieren. Das ist immer so."

Sei offen für neue Erfahrungen
"Lerne, gleich ja zu sagen, wenn sich eine Gelegenheit ergibt, denn bei jedem Job kannst du so viel Neues lernen. Du solltest jedes mögliche Shooting mitnehmen, auch wenn es nicht genau das ist, was du machen willst. Vielleicht hast du die Chance, einen guten Kameramann, Editor oder Produzenten kennenzulernen, mit dem du in Zukunft vielleicht zusammenarbeiten willst."

Arbeite mit dem, was in deiner Umgebung ist
"Ich bin im Westen Londons aufgewachsen. Die verschiedenen Kulturen, Dramen und das Gemeinschaftsgefühl, das man dort erlebt hat, haben meine Arbeiten auf jeden Fall geprägt. Trotzdem habe ich erst mit 18 Gleichgesinnte kennengelernt. Meine Bekannten und Freunde waren sehr ehrgeizig und mochten ähnliche Dinge wie ich – in London war ich also von sehr vielen kreativen Leuten umgeben. Außerdem war ich oft genug ziemlich betrunken, das reicht für ein ganzes Leben.

Anfangs habe ich als Regisseur mit meinen Kollegen gearbeitet, mittlerweile habe ich einen Dokumentarfilm über A$AP Rocky und sein erstes Album, Long. Live. A$AP., gedreht. Ich war damals 21, so wie Rocky, und wir haben uns auf Anhieb total gut verstanden. Als ich die Doku gemacht habe, habe ich so viel Feedback bekommen. Dann habe ich bei zwei Musikvideos von Rocky Regie geführt, zu Purple Kisses und Angels. Bei Disclosures White Noise hat meine Karriere dann nochmal einen großen Schub bekommen. Das ist ein Video, auf das mich viele Leute auch heute noch ansprechen. Mit diesen drei erfolgreichen Videos im Gepäck fühlte ich mich selbstbewusst genug, um mich an zwei Kurzfilme heranzuwagen."

Finde ein Thema, das du liebst und drehe einen Film darüber
"Nach den Kurzfilmen ergab sich für mich die Gelegenheit, bei HBOs State Of Play: Fighting Chance Regie zu führen, mit dem wir später einen Emmy in der Kategorie Beste Kurz-Sport-Dokumentation gewonnen haben. Das hat dazu geführt, dass ich bei zwei Folgen einer neuen Serie, Why We Fight, Regie führen durfte. Bei längeren Filmen mitwirken zu können, hat mir die Plattform geboten, meinen Kurzfilm Baby Gangster zu einer Doku in Spielfilmlänge auszuarbeiten – ich habe insgesamt fast drei Jahre lang daran zwischen anderen Projekten gedreht. Es geht darin um Fredrick James Staves, einen ehemaligen Drogenbaron aus dem L.A. der 80er-Jahre.

Mir wurden auch sehr viele Drehbücher für Kurzfilme zugeschickt, aber keines davon war das Wahre. Mir wurde klar, dass man eine Geschichte erzählen muss, die einem am Herzen liegt, an die man glaubt und wirklich dahintersteht. Ich begann also, nach einem Thema zu suchen, mit dem ich mich für meinen ersten Spielfilm wohlfühlen würde. Der Film, an dem ich arbeite, ist eine Mischung dessen, was mich prägt und beeinflusst. Es geht um den Kampf eines Mannes mit seinem eigenen Verstand, nachdem sein Leben durch den Mord an seinem Sohn völlig auf den Kopf gestellt wird."

Sei darauf vorbereitet, alles, was du kennst und alle, die du liebst, zurückzulassen
"2013 bin ich nach Los Angeles gezogen. Nachdem ich in London aufgewachsen und mein bisheriges Leben dort verbracht hatte, wollte ich mich selbst ausprobieren und herausfinden, wie es wäre, woanders zu leben. Außerdem wollte ich meine Arbeit voranbringen. Die größte Umstellung war kulturell gesehen, dass es in L.A. nur wenig gutes indisches Essen gibt. Aber eine Veränderung ist immer gut. Dafür bin ich jetzt ein großer Fan von mexikanischem Essen."

Finde deine Stimme
"Das braucht Zeit. Die Geschichten, die du anfangs erzählen willst, werden in fünf Jahren höchstwahrscheinlich ganz anders aussehen. Und auch die Art, wie du sie erzählen willst, verändert sich deutlich. Mit wachsender Erfahrung – durch Fehler, die man zwangsläufig macht, und natürlich durch Erfolge – findet man für sich selbst heraus, was die eigenen Stärken sind. Das hilft einem dabei, seine Stimme zu finden und die Filme zu drehen, die man machen will. Und man muss überzeugt von dem sein, was man macht. Wenn du das nicht bist und nicht genau weißt, was du eigentlich machen willst, wird es auch niemand anderes wissen."

Geh' immer weiter nach vorne
"Natürlich nur, wenn du das willst. Ich halte immer nach der nächsten Sache Ausschau, während ich an etwas arbeite. In einer Branche, in der es so viel Konkurrenz gibt, muss man dieses Verlangen haben, immer besser werden zu wollen. Aber genau deswegen liebe ich es, Filme zu machen, denn um sein Handwerk zu lernen und sein volles Potenzial zu entwickeln, braucht es Zeit und viel Arbeit. Und der Gedanke, dass diese Karriere ein ständiger Prozess ist, ist sehr beruhigend."

@lukamonaghan

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