warum „beautiful thing“ immer noch der beste schwule coming-of-age-film aller zeiten ist

Der Kultfilm feiert dieser Tage sein 20. Jubiläum. Wir haben Drehbuchautor Jonathan Harvey getroffen, um über seinen anhaltenden Erfolg zu sprechen.

von Nick Levine
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24 Juni 2016, 11:30am

​Alle Fotos: © [2016] Salzgeber & Co. Medien GmbH

Bahnbrechend ist ein oft überstrapaziertes Wort, aber beim Film Beautiful Thing trifft es zu. Das Theaterstück von Jonathan Harvey über die Geschichte von zwei jungen Schwulen aus Süd-London, die sich sich ineinander verlieben, hat viele bewegt, als es 1993 am Londoner Bush Theatre uraufgeführt wurde und ein Jahr später ins West End umgezogen ist. Die Filmversion, die diese Woche vor 20 Jahren in Großbritannien in den Kinos anlief, hat unzähligen aus der LGBT-Community mit seiner Wärme, seinem Mitgefühl und der optimistischen Darstellung junger Liebe zwischen dem süßen, aber gehänselten Jamie und seinem ungeouteten Klassenkameraden Ste bewegt. Aus Anlass des 20-jährigen Jubiläums haben wir mit Jonathan Harvey gesprochen, der heute ein gefeierter Fernsehautor und Schriftsteller ist, und mit ihm über den anhaltenden Erfolg des Kultfilms gesprochen.

Du musst dich gefreut haben, als Film 4 gesagt hat, dass sie aus dem Theaterstück einen Film machen wollen? Oder warst du skeptisch?
Nein, das wollte ich von Anfang an. Mein Agent hatte Film 4 das Stück vor der Uraufführung gegeben. Sie mochten das Stück und sagten zu mir: „Du kannst offensichtlich schreiben. Hast du jemals daran gedacht, das Drehbuch für einen Kurzfilm zu schreiben?". Und ich habe ziemlich arrogant darauf geantwortet: „Das interessiert mich nicht wirklich". Dann sind wir auseinandergegangen. Als das Theaterstück aber dann ein Erfolg wurde, haben sie eine Kehrtwende gemacht und haben sich wieder gemeldet und gesagt: „Wir möchten daraus einen Film machen."

Was waren die größten Herausforderungen, aus dem Theaterstück ein Kinofilm zu machen?
Die größte Herausforderung bestand wirklich darin, dass ich sehr jung war und so was noch nie vorher gemacht hatte. Ein Theaterstück ist sehr verbal orientiert. Du blickst in einen schwarzen Kasten, in dem Dinge passieren und die Geschichte wird über die Dialoge erzählt. Bei einem Filmdrehbuch geht es viel um Nonverbales. Ich hätte zwanzig Zeilen Dialog schreiben können, darüber wie jemand jemanden anhimmelt, aber im Kino kannst du das mit einem Blick ausdrücken. Es ging darum, welche Stellen man weglässt, welche man behält. Das Stück ist sehr klaustrophobisch, es spielt in dem Zimmer und auf dem Gang vor den Wohnungen. Es war wichtig, an welchen Punkten in der Geschichte wir dieses Setting verlassen und an andere Orte gehen. Als ich mit der Kinoadaption angefangen habe, habe ich den Wohnblock zu schnell verlassen. Ich weiß noch, wie ich dachte: Mein Gott, was für sehr lange, sehr langweilige Folge von Grange Hill, in der sich jemand outet. Die gute Sache war, dass Hettie MacDonald die Regie übernehmen sollte. Sie hat auch bei allen drei Theaterproduktionen Regie geführt und war der Meinung, dass Stück nur dann funktioniert, wenn der Film so eng wie möglich am Theaterstück bleibt. Weil es letztendlich eine Geschichte über zwei Leute ist, die sich verlieben. Es gibt keine Autojagden und keine Schießereien.

Warum ist Beautiful Thing nach so vielen Jahren immer noch so beliebt? Den Film zu gucken, wurde für viele junge Schwule zu einer Art Initiationsritus.
Ich weiß es nicht und dass ist keine falsche Naivität oder falsche Bescheidenheit. Ich dachte eigentlich, dass es jetzt ein ähnlich erfolgreiches Theaterstück darüber geben würde, was es bedeutet, jung und schwul zu sein. Beautiful Thing ist in vielerlei Hinsicht reif fürs Museum. Jamie und Ste haben sich in einer Zeit verliebt, als noch keine Handys gab, und das Internet gab es auch noch nicht. Wir leben jetzt in einer ganz anderen Welt. Als ich mal versucht habe, den Erfolg zu analysieren, kam ich zu dem Schluss, dass es an der Universalität des Themas liegt. Man kann den Film auch toll finden und nicht schwul sein. Die erste Liebe und jemanden anhimmeln, den ersten Schritt machen, auf die Reaktion des Gegenüber warten und herausfinden, dass es doch irgendwie OK ist: Ich glaube, dass wollen die Leute sehen. Man möchte nicht immer nur trostlose schwule Szenen sehen. Ich habe das Stück 1992 geschrieben—eine Zeit, in der Theaterstücke über die schwule Erfahrung berechtigterweise aufgrund der Aids-Epidemie sehr tragisch waren. Ich wollte deswegen eine Geschichte erzählen, die anders ist, die fröhlicher und lustiger ist. Vielleicht erklärt das den Erfolg: dass es eine optimistische Geschichte ist.

Sogar heute sind Geschichten über zwei junge Schwule, die sich verlieben, selten. Der Grund, weshalb ich damit überhaupt angefangen war, liegt in der sogenannten Clause 28: Thatchers Verbot der „Förderung von Homosexualität in Schulen". Ich war damals Lehrer und es war eine schreckliche Regierung, unter der wir arbeiten mussten. Als im House of Lords über Homosexualität debattiert wurde—das Schutzalter sollte von 21 auf 18 gesenkt werden—ging es um „Sodomie", solche Wörter wurden da benutzt. Es ging nicht um Liebe oder um Gefühle, auch deswegen habe ich Beautiful Thing geschrieben. Es war ziemlich politisch, aber nicht laut. Das sollte aber nicht mit seinem langanhaltenden Erfolg zu tun haben, oder? Es sollte eigentlich nur eine mäßig wütende Antwort auf eine bestimmte Zeit sein. Deswegen verwundert es mich immer, wenn mich mein Agent anruft und mir sagt, dass schon wieder ein Theater das Stück aufführen will oder dass es noch ein Screening des Films zum 20. Jubiläum gibt. Ich bin mir sicher, dass es genügend alte Tunten wie mich gibt, die sich daran erinnern, wie es war, als sie den Film vor 20 Jahren gesehen haben und deswegen gerne an den Film denken. Es ist wahrscheinlich auch sentimental.

20 Jahre nachdem der Film in den Kinos lief, hat sich die Repräsentation von LGBT-Menschen im Film und im Fernsehen verbessert?
Ja, sie ist viel besser geworden. Aber ich habe aufgehört, den Sendern schwule Ideen zu pitchen. Als Film4 entschieden hat, Beautiful Thing umzusetzen, bedeutete das, dass sie nichts anderes „Schwules" in diesem Jahr machen würden. Was sich verändert hat: Die Auftraggeber sind viel besser darin geworden, nicht mehr homophob zu klingen, wenn sie Ideen ablehnen. Sie sagen nicht mehr „Das ist ist ein bisschen schwul", sondern sie sagen jetzt „Das war sehr kosmopolitisch". Und du weißt einfach, dass sie ein anderes Schwulendrama in Arbeit haben oder sie keine Lust auf ein Schwulendrama haben. Freunde von mir, die auch Autoren sind, und die einen Migrationshintergrund haben, sagen: „Sie werden dieses Jahr mein Projekt nicht umsetzen, weil sie bereits soundso machen". So ist es immer. Aber es ist auf jeden Fall besser als damals. Wir haben im Fernsehen Dramaserien, in denen Schwule im Fokus stehen wie London Spy oder Cucumber, aber sonst fällt mir nichts ein, was in den letzten 18 Monaten wirklich schwul gewesen wäre. Seifenopern tun auch ihr Bestes, um auf den Trend mit LGBT-Charakteren aufzuspringen. Es könnte besser sein, aber jede Minderheitengruppe—wie wir genannt werden—würde sich ähnlich fühlen.

Welche schwulen Geschichten müssen 2016 erzählt werden?
Ich habe über meine Lebenserfahrungen geschrieben und ich weiß nicht, wie diese Lebenserfahrungen 20 Jahre später aussehen. Deswegen kann ich das nicht beantworten. Aber ich wette, dass das ein grandioser 24-jähriger Autor, den es gibt, besser tun kann. Ich habe von Chemsex-Partys und Slamming gehört, vielleicht ist das etwas, worüber geschrieben werden sollte. Aber jemand anderer, jemand, der jünger ist und das tatsächlich kennt, sollte über die Chemsex-Szene schreiben, weil ich sie nicht wirklich verstehe. Ich höre mich jetzt ziemlich langweilig an, oder?

Beautiful Thing ist überall im Handel erhältlich. 

Credits


Text: Nick Levine
Alle Fotos: © [2016] Salzgeber & Co. Medien GmbH

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