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diese künstler, die mit virtual reality arbeiten, solltest du kennen

Woran vor ein paar Jahren vor allem noch Entwickler in der Gaming-Branche forschten, nutzen mittlerweile viele Künstler für ihre digitalen Kunstwerke. Digitale Welten, 3D Rendering, digitales Storytelling und Animation: Wir stellen euch die...

von Moritz Gaudlitz
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28 Juni 2016, 8:40am

via Jon Rafman, 9Eyes

Virtual Reality ist überall. Auch wenn du gerade keine Google Glass, „Oculus Rift"-Brille oder sonstige technische Spielerei auf dem Kopf trägst, bist du mitten drin. Woran noch vor ein paar Jahren vor allem Entwickler in der Gaming-Branche geforscht haben, nutzen mittlerweile sogar Spezialisten der Automobilbranche: Virtual Reality ist das ultimative Eintauchen in die digitale 360-Grad-Welt. Auch die bildende Kunst setzt sich mit digitalen Welten, 3D Rendering und digitalem Storytelling auseinander. Einige internationale Künstler und Künstlerinnen benutzen bereits Elemente und Quellen aus Video, Internet, 3D-Rendering und Animation für ihre digitalen Kunstwerke. 

Vor einem Monat hat die 9. Berlin Biennale ihre Türen geöffnet. Kuratiert von den Gründern des Online-Magazins DIS, dreht sich die Kunstbiennale um unser post-digitales Leben und die immer virtueller werdende Zukunft. Auch auf der gerade angelaufenen Manifesta-Biennale in Zürich und in zahlreichen internationalen Museen und Galerien zeigen Pioniere der digitalen Kunst ihre Arbeiten. Wir stellen euch die derzeit aufstrebenden und spannendsten Künstler vor.

Cécile B. Evans
Die belgisch-amerikanische Künstlerin Cécile B. Evans arbeitet an ihren Videos mit 3D-Renderings und Animation. Auf der Berlin Biennale zeigt sie die wohl eindrucksvollste Arbeit der gesamten Ausstellung. Im Erdgeschoss des alten Kunstwerkebaus in der Auguststraße taucht der Besucher in Cécile B. Evans Videoarbeit und Großrauminstallation What The Heart Wants ein. Wasser, Videos, interaktive Glaskästen. In ihrer Filminstallation lässt die Künstlerin eine künstliche Intelligenz sprechen, die in einer von ihr gewählten Zukunft Körper und Emotionen verwaltet. Cécile B. Evans untersucht den Grad an Gefühlen und Emotionen in der heutigen Gesellschaft und wie sich neue Technologien darauf auswirken. Für die Londoner Serpentine Galleries hat Cécile B. Evans das Auftragsprojekt AGNES entwickelt. Ganz im Sinne der virtuellen Realität ist AGNES ein Bot, der auf der Website der Serpentine Galleries lebt. Unter einem Bot versteht man eine künstliche Intelligenz, oft ein automatisiertes Programm, das nur online existiert. Auf der Website kann jeder Besucher mit AGNES interagieren. Je nach Tageszeit erfährt man die unterschiedlichsten Reaktionen. Welches Verhältnis haben wir zu digitalen Wesen? Werden wir im Laufe der Zeit selbst zu realen Abbildern des Digitalen? Einen guten Einblick in die Welt der in London lebenden Künstlerin gibt der Trailer zu ihrer 2014 entstandenen Arbeit Hyperlinks Or It Didn't Happen.

Jon Rafman
Dass das Internet und seine Technologien eine unendliche Tiefe haben, in der diverse Netz-Subkulturen Unangenehmes, Perverses und Obskures auf ewig speichern, zeigt kein Künstler so deutlich wie der 35-jährige Kanadier Jon Rafman. Der Philosoph und Literaturwissenschaftler drehte bereits einige Filme, bevor er zur Internetkunst wechselte. Bekannt wurde Rafman 2008 mit seinem Projekt Blog 9Eyes. Die Seite zeigt Screenshots von Google-Street-View. Vermeintlich unsichtbare Momente werden sichtbar gemacht, denn im Netz geht nichts verloren. Die neunäugige Street View Kamera hat alltägliche Momente eingefangen. Rafman als digitaler Flaneur sucht nächtelang nach Motiven. Ein Mann zieht eine Frau aus einem Haus, Zwillinge laufen am Ufer oder ein Mann versucht, sein Pferd auf einem Waldweg zu bändigen. Rafman nimmt uns mit in die Untiefen des Internets, zeigt uns, was wir eigentlich nicht sehen wollen. Gerade stellt Rafman seine Arbeiten an vielen Orten in Europa aus. Seine Videos werden dann in eine Installation aus Sofas, Glaskabinen oder Sperrholz verpackt. Auf der Berlin Biennale zeigt Rafman seine VR-Arbeit View of Pariser Platz auf der Terrasse der Akademie der Künste. Mit Hilfe einer „Oculus Rift"-Brille taucht man ein in die haptischen und unheimlichen Aspekte der virtuellen Realität und erlebt den Pariser Platz samt Brandenburger Tor in dramatischen, ständig wechselnden Szenen. Jon Rafman vermischt in seiner Kunst Internetmüll mit der romantischen Vorstellung echter Begegnungen abseits des Digitalen. 

Ian Cheng
In der Arbeit Emissary Forks at Perfection des 1984 geborenen amerikanischen Künstlers Ian Cheng fallen seltsame Figuren durcheinander und animierte Schlittenhunde laufen durch unendliche digitale Landschaften. Cheng, der an der University of California Kognitionswissenschaften und später Bildende Kunst an der Columbia studiert hat, beschäftigt sich in seiner Arbeit mit dem Evolutionsprozess in Bezug auf den Menschen. Ähnlich wie bei Cécile B. Evans und Jon Rafman geht es hier um die Veränderung durch äußere Bedingungen. Doch Cheng fokussiert sich noch mehr auf Mutationen und Evolutionsprozesse. In seinen virtuell animierten Echtzeit-Videosimulationen versucht er, die Mechanismen des Evolutionsprozesses für uns erfahrbar zu machen, was sich als kaum machbar herausstellt, weil sie sich die Simulation ständig verändert und dabei keiner erkennbaren Logik folgt. Die Videoanimationen fangen die Betrachter ein und wecken Gefühle. Sie verhelfen uns zu einem tieferen Verständnis für die physische Realität und den Körper; geben ein Verständnis dafür, wie seltsam er ist, wie weit wir schon von ihm entfernt sind, wie wenig Sinn er macht, wenn er in keinem Kontext steht oder wir bestimmte Lebensentwürfe haben.

Ganz im Sinne der Evolution stehen heute auch die technologischen Entwicklungen in einem engen Verhältnis zu den Menschen und zu den Künstlern, die mit digitaler Technik arbeiten. Virtual Reality, ob nun mit Brille oder ohne, bildet einen neuen Raum für künstlerisches Spiel und Diskurs. Die digitale Kunst ist nicht nur auf inhaltlicher Seite vielseitig. Auch ihre Macher übernehmen oft mehr als eine Rolle. Sie werden zu Programmierern, Technikern, Regisseuren und Geschäftsmännern. Und sie werden zu Geschichtenerzählern, die Stories in einer digitalen Realität entwickeln. 

Credits


Text: Moritz Gaudlitz