in erinnerung an david bowie, die modeikone

Kleidung ist Ausdruck für den Charakter eines Menschen, unterstreicht die Persönlichkeit und nicht das Geschlecht. Heutzutage fast nicht mehr erwähnenswert, gingen noch Aufschreie durch die Presse, als David Bowie bereits in den 70ern begann, mit...

von Lisa Riehl
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12 Januar 2016, 12:20pm

via Imago

Den Musikexperten mag es vermessen erscheinen, angesichts des traurigen Todes von David Bowie am 10. Januar 2016 einen Text allein seiner Mode zu widmen. Dafür ist das Werk, das er hinterlässt und erst wenige Tage vor seinem Tod mit dem Album Blackstar vollendet hat, musikhistorisch zu wertvoll, die Mode als Kulturgut hingegen schlicht zu trivial. Trotzdem hätte David Bowie, der Rock Star, nicht ohne David Bowie, die sich stets verwandelnde Stilikone, funktioniert. 1987 erklärte er im Interview mit i-Ds Tricia Jones: „Ich denke nicht, dass ich die mentale Stärke gehabt hätte, einfach da rauszugehen und meine Songs zu singen. Für mich ging es immer darum, einen interessanten Charakter zu entwickeln."

Im Januar 2016 sind wir, so scheint es, tatsächlich in einer Zeit angekommen, in der das angeborene Geschlecht nicht mehr primär über Geschlechtsteile definiert wird und schon gar nicht identitätsstiftend ist. Crossdressing, Transgender, Agender. Die Genderdebatte ist längst vielmehr eine Anerkennung selbstbestimmter Identität denn eine Diskussion, in der noch Pro -und Contra-Argumente angeführt werden müssen. Die Mode funktioniert gleichsam als geschlechtsunterstreichend wie geschlechtsverwischend. Unverkennbar ist dabei der Einfluss David Bowies, dessen schillernde Extravaganz, die Lust zur Kostümierung, zu expressivem Make-up und ausdrucksstarken Frisuren bereits in den späten Sechzigerjahren die Grenzen der Geschlechterrollen negierte, als dies noch etwas bedeutete. Nach fünfzig Jahren erscheinen die geschlechtslosen Charaktere, die David Bowie erschaffen hat, und die Outfits, die diese trugen, immer noch zeitgemäß und relevant. Das wird man wahrscheinlich in fünfzig Jahren, ja, nicht einmal in zwanzig, über keine der heute als Modechamäleon bezeichneten Popmusikerinnen schreiben können.

Nach einer typisch-britischen Mode-Phase (David Bowie wurde in Brixton, London geboren) wurden seine Outfits schnell verrückter. Als junger Mann in seinen Zwanzigern und mit seinem dritten Album The Man Who Sold The World präsentierte er sich als romantischer Bohème mit langen, goldblonden Haar, der Seidenkleider trug und sich darin auf einem Samtsofa räkelte. Anschließend erschuf er seine wohl ikonischsten Figuren, sein berühmtes Alter Ego Ziggy Stardust auf der einen und The Thin White Duke auf der anderen Seite. Ziggy Stardust begründete den Glam Rock. Als Ziggy Stardust trug Bowie glitzernde Overalls, tiefe Ausschnitte und knappe Shorts zu aufwendigem Make-up (der Blitz) und beinah clownesker Frisur (die Henna-gefärbten, roten Haare). Der Jumpsuit mit weit ausgestellten Beinen des japanischen Designers Kansai Yamamoto ist bis heute Bowies bekanntester Look. Und am 11. Januar, dem Tag an dem der Tod David Bowies gemeldet wurde, das vielleicht meist geteilte Bild in sozialen Netzwerken.

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Als The Thin White Duke durchlief David Bowie eine radikale, wenn auch nicht weniger feminine, Verwandlung. Er trug blondes, zurückgekämmtes Haar zu Anzügen mit weit ausgestellten Hosenbeinen und schmaler Taille, die eher wie eine Reminiszenz an Marlene Dietrich und Greta Garbo in den Dreißigerjahren erschienen als ein Manifest der Männlichkeit. Und auch in den Achtzigerjahren erinnerten seine farbigen Anzüge - von Pfefferminzgrün bis Kirschrot - mehr an emanzipierte Frauen als 4 an Gordon Gekko. Stilprägend war in den Achtzigerjahren ebenso sein Look als Koboldkönig Jareth in dem Film Die Reise ins Labyrinth, mit der er einen New Romanticism begründete. Der blonde Vokuhila, die finster geschminkten Augen und der glitzernde Blazer zur gerüschten Bluse dürfte dem ein oder anderen Kind zu dieser Zeit in seinen Alpträumen erschienen sein.

Die Modestrecken in Magazinen, in denen Models wie David Bowie gekleidet, geschminkt und frisiert wurden, sind zahlreich. Darunter findet sich so manche auch in i-D. Ähnlich unzählig sind die Referenzen, die Designer immer wieder auf den Laufstegen zeigen - für die Männer wie für die Damen. Walter van Beirendonck druckte schon glitzernde Blitze auf Jacketts, John Gallianos aktuelle Kollektion Frühjahr/Sommer 2016 für das Maison Margiela kann als eklektisches Sammelsurium an Bowie-Stilistiken interpretiert werden und Jean Paul Gaultier widmete Ziggy Stardust zuletzt mit der Saison Frühjahr/Sommer 2013 gleich eine ganze Kollektion. Kansai Yamamotos Jumpsuit erschien in Variationen bei Balmain (Herbst/Winter 2011/12) oder bei Dior Haute Couture (Frühjahr/Sommer 2015). The Thin White Duke tritt immer wieder bei Hedi Slimanes Saint Laurent oder bei Lanvin auf den Laufsteg.

Als am 11. Januar 2016 der Tod von David Bowie bekanntgegeben wurde, fand am Nachmittag die Männermodenschau von Burberry in London statt. Die Show zeigte die Wirkungskraft des Künstlers gleich doppelt: Ganz bewusst, wenn vor und nach der Show seine Songs gespielt wurden, wenn die Wangenknochen der Models mit Glitzerstaub betont wurden und wenn „Bo-wie" auf die Handflächen der Models gekritzelt wurden. Subtil zeigte sich David Bowie im Styling der Models, die männlich wie weiblich, nicht immer gleich auf den ersten Blick einem Geschlecht klar zugeordnet werden konnten. Diese Referenz mag unbewusst gewesen sein und zeichnet vielmehr den Zeitgeist, unterstreicht dennoch den mehr als fünfzigjährigen Einfluss des Künstlers. Wir sind uns sicher, dass noch zahlreiche Modedesigner der Modeikone David Bowie während der kommenden Schauen im Februar und März Tribut zollen werden. David, wir werden dich nie vergessen. 

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Text: Lisa Riehl 
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