dance to your own rhythm: wolfgang tillmans interviewt und fotografiert arca

Arcas neues Album „Arca“ ist offen, ehrlich und authentisch. Zur Veröffentlichung der ersten Single „Piel“ hat der preisgekrönte Fotograf und Künstler Wolfgang Tillmans den Musiker für uns getroffen und mit ihm darüber gesprochen, wie wir mit...

von Wolfgang Tillmans
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24 Februar 2017, 4:39pm

Auf seinen ersten beiden Alben Xen und Mutant hat Arca einen Sound gepflegt, der in der Dance-Musik selten ist. Seine Musik wurde mit allerlei Superlativen und Adjektiven versehen und seine Platte brillierten durch ihre flirrenden Rhythmen, ihren brummenden Deep Bass und die mitreißenden Melodien. Das der 23-Jährige über ein außergewöhnliches Talent verfügt, blieb auch anderen nicht verborgen: Er hat Songs für Kanye West und FKA Twigs produziert und mit Björk an vielen Tracks für ihr Album Vulnicura gearbeitet. Mittlerweile ist er beim Label XL unter Vertrag und veröffentlicht bald Arca, auf dem er zum ersten Mal in seiner Muttersprache Spanisch singen wird. Mit seiner Stimme, mit diesem traurigen und elegischen Timbre, verwandelt er Tragisches in etwas Schönes. Das Album ist offen, ehrlich und ein Meisterwerk in experimenteller elektronischer Musik. Sein enger Freund Wolfgang Tillmans, mit dem er schon mehrmals zusammengearbeitet hat, hat Arca für i-D nicht nur fotografiert, sondern mit ihm auch über Pop, Politik und das Schöne am Traurigen gesprochen.

Warum hast du dich für ein Album mit deinem Namen entschieden?
Das war keine bewusste Entscheidung, sondern es war eher so, dass sich alle anderen Namen falsch angefühlt haben. Ich habe ein Jahr lang andere Namen probiert, aber sie haben sich alle nicht richtig angefühlt. Weil ich meine Stimme zum ersten Mal so einsetze, war es daher nur natürlich, es auch Arca zu nennen.

Was bedeutet Arca? Deine Freunde nennen dich Alejandro.
Ich besitze gegenüber dem Konzept von Identität, und was verschiedene Persönlichkeiten angeht, eine gesunde Dosis Skepsis, einfach aufgrund meiner Erfahrungen. Identität kann man sich so leicht formen. Ich würde zwar nicht behaupten, dass der Name realer ist als der andere, aber gleichzeitig ist es schon so — vielleicht ist das ein Widerspruch —, aber Alejandro fühlt sich persönlicher an, Arca weniger. Es geht mir bei dem Namen Arca mehr um meine Gefühle, als um meine Erfahrungen. Ich kann dadurch auf der Bühne emotionaler sein. Wenn ich Songs schreibe, denke ich nicht wirklich an meinen Namen. Ich bin weder der eine noch der andere. Arca bedeutet im Altspanischen „Schachtel" oder „Holz". Das ist ein zeremonieller Behälter, indem man Schmuck oder andere Wertgegenstände aufbewahrt. Eine leere Schachtel, die ich mit der Musik und meiner Bedeutung füllen kann, so wie ich möchte. Mir war beim Albumtitel wichtig, dass es kein Wort ist, das bereits existiert, sondern das ich mit Inhalt füllen kann.

Das Album macht süchtig. Das ist wirklich neue Musik — ein Sound, den ich noch nie gehört habe und die Songtitel sind ansprechend. Du bist als äußerst vielseitig, super talentiert und als wunderbarer Partner bei Kollaborationen bekannt. Das neue Album ist aber etwas ganz Anderes als was wir bisher von dir gewohnt sind. Warum?
Es gibt doch dieses Sprichwort: Hinterher ist man immer klüger. Sobald man einmal Dinge mit seinem Publikum teilt, kann man sie dadurch unterbewusst besser verstehen. Die Antwort, die ich jetzt gebe, kann in ein paar Jahren schon ganz anders aussehen. Aber ich glaube, dass hat mit meinen persönlichen Entwicklungen und meinem Drang zu tun. Ich möchte immer, dass sich die Platten unterschiedlich anhören. Sagen wir zum Beispiel, dass ich eine Platte gemacht habe, die durch HipHop beeinflusst wurde, das würde ich dann nicht mehr bei der nächsten machen. Alle Alben sind natürlich miteinander verbunden, aber es ist wichtig, dass man sich nicht wiederholt. So lernt man durch die Arbeit immer etwas Neues über sich selbst.

Das ist das erste Album, auf dem du selbst singst.
Ja, das ist wirklich das erste Mal, dass ich mit traditionellen stimmlichen Effekte wie mit Hall oder Verzögerung arbeite, anstatt die Tonlage zu ändern. Meine Beziehung zu meiner Stimme als Instrument war schon immer eher spielerisch. Mal verwende ich sie, mal nicht. Das fühlt sich schon schräg an, aber das ist auch etwas Neues für mich. Es hat für mich eine persönliche Bedeutung. Es ist so, als ob ich wieder mit meinem jugendlichen Ich spreche. Ich mag den Widerspruch.

Dem kann ich mich nur anschließen. Ich greife als Künstler auch oft auf Erinnerungen aus meiner Jugend zurück. Als Jugendlicher verfügt man noch über eine Energie und eine Unschuld, die stärker ist, als man sich später eingesteht. Die meisten denken, dass man Jugendliche nicht ernst nehmen sollte, aber wenn man selbst zurückschaut und sich erinnert, wie stark man in dem Alter empfunden hat, dann ist das doch verrückt …
… und wie stark man auch als Kind empfunden hat. Ich habe mit 13 das Tagebuch wiedergefunden, das ich mit 9 Jahren geschrieben habe und habe es kommentiert. Mein neunjähriges Ich hat sich gefreut und war emotional, mein 13-jähriges Ich war sehr urteilend, zum Beispiel: „Urgh, wer ist dieses Kind?". Wenn ich jetzt mit 27 Jahren das Tagebuch durchlese, kann mich mehr mit meinem neunjährigen Ich, mit dem Jungen, der noch nicht verdorben ist und seine Gefühle offen zeigt, identifizieren.

Woher kommen die Songtexte?
Die sind alle neu entstanden und außer einem alle improvisiert. Ich habe die Texte nie redigiert und ein Wort durch ein besseres ergänzt. Ich habe die Melodien mit den Lyrics aufgenommen, aber wenn sie ehrlich genug waren, habe ich sie so gelassen. Ich habe nicht zugelassen, dass mein Geist die Resultate beeinflusst.

Gibt es peinliche Stellen? Oder anders gefragt: Hast du jemals gedacht, dass du es besser machen könntest, aber du hast es trotzdem so gelassen?
Total, ja. Nicht nur textlich, sondern auch was die Performance angeht. Viele waren die ersten Aufnahmen. Ich habe nichts editiert. Wenn ich eben komisch klinge, dann klinge ich komisch, mein Ins-Mikro-Spucken, Asthma oder wenn ich Probleme beim Singen habe. Bei vielen Songs weine ich am Ende, ich weine mit meinem Asthma und das habe ich nicht weggeschnitten.

Du sprichst viel über Verletzlichkeit, aber ich würde da auch Melancholie einordnen, weil Verletzlichkeit weder positiv noch negativ ist.
Als ich jünger war, habe ich immer gesagt ‚Ich mache keine Musik, Ich befreie mich aus meinen Gefühlen'. Für mich ist diese Verletzbarkeit ein Akt der Enthüllung. Die Idee, dass man seine Schutzpanzer ablegt und den Schmerz zulässt. Ich offenbare auf diesem Album den riesigen Ozean der Traurigkeit, den ich in mir als Person trage. Ich will zwar nicht wie Freud zu klingen, aber vielleicht hat es damit zu tun, was uns als junge Menschen prägt, wenn wir anfangen zu begreifen, was uns von unseren Eltern unterscheidet. Auf der Welt herrscht so viel Traurigkeit. Ich möchte daraus etwas wirklich Schönes schaffen, zum Wohl meiner Musik und zum Wohl meiner Person.

Du sprichst nicht ausschließlich negativ über Traurigkeit. Es klingt so, als ob du es teilweise auch genießt?
Absolut. Vor sehr langer Zeit habe ich begriffen, was Traurigkeit wirklich bedeutet und dass sie ein Privileg ist, anstatt so zu tun, als würde sie nicht existieren. Wenn Traurigkeit im Leben eine große Rolle spielt, dann muss man einen Weg finden, mit ihr in Harmonie zu leben, denn sie wird einen nie verlassen. Man kann kein Gefühl, das tief mit einem verwoben ist, nicht auslöschen. Wichtiger ist, dass man sich damit arrangiert und es als Teil des Lebens anerkennt. Das ist Heilung — und nicht dass man etwas vergisst oder leugnet, sondern wenn man damit in Harmonie lebt.

In den Fotos, die wir beide zusammen gemacht haben, hast du dir mit Make-up ein blaues Auge geschminkt. War das für die Dramatik oder ein Gefühlsausdruck?
Ich deute lediglich Gewalt an. Ich verherrliche in meinen Videos oder Fotos keine Gewalt. Interessant ist, wie ein Mensch nach einer Gewalterfahrung damit umgeht. Ob man die Gewalt, die man selbst erlebt hat, einer anderen Person antut oder ob man sich der Traurigkeit der Tat bewusst wird, den Ursachen auf den Grund geht und sie in etwas anderes überführt. Das interessiert mich visuell. Mir ist es egal, ob andere das als Gewaltverherrlichung interpretieren oder nicht. Das Risiko gehe ich gerne ein. Wenn ich das Album beschreiben müsste, dann wäre es zuckersüß und verletzlich. Ich fühle mich zu Menschen hingezogen, die so sind, aber die auch Gefühle zeigen können. Das Album ist wie ein schöner Song einer verwundeten Kreatur. Das ist doch ein schönes Bild. Wie der Schwanensong oder diese Vorstellung von einem Lied, das man singt, bevor man stirbt. Ich weiß nicht warum, aber ich liebe diese Idee.

Kommen wir wieder zur Musik. Wer hat das Album produziert?
Ich habe es selbst aufgenommen, abgemischt und produziert. Ich habe unglaublich viel musikalische Unterstützung durch meinen besten Freund Jesse Kanada und Björk bekommen. Ich weiß nicht, ob ich ohne Björk überhaupt gesungen hätte. Wir saßen zusammen im Auto und ich habe aus Spaß gesungen. Sie hat sich zu mir umgedreht und mich gefragt, ob ich schon mal daran gedacht habe, zu meiner Musik zu singen. Das habe ich erstmal ausgeschlagen. Ich nehme sie sehr ernst, weil ich sie als Sängerin respektiere. Sie hat mir so viel beim Album geholfen und das ist mir wichtig, wenn ich über das Album rede.

Gibt es neben Jesse und Björk noch andere Musiker, bei denen du dir Rat holst oder denen du Tracks vorspielst?
Die beiden Personen, deren Meinung mir auch schon sehr früh viel bedeutet haben, sind Jesse und Björk. Und natürlich habe ich das Album auch meinen engsten Freunden vorgespielt, aber erst später. Die Anfangszeit ist für mich sehr wichtig.

Wenn du an einem Album arbeitest, wie weißt du da, wann du aufhören musst? In meinem Atelier hängt ein Schild mit der Aufschrift ‚Know when to stop', aber in der Musik gibt es wie auch in der Kunst unendlich viele Möglichkeiten …
Da stimme ich dir auf jeden Fall zu, und ehrlich gesagt ist es mir noch nie schwerer gefallen, zu wissen, wann Schluss ist, als bei diesem Album. Immer, wenn ich dachte, ich sei fertig, kam mir eine neue Idee und ich hatte einen weiteren Song im Kopf. Bei manchen Alben weiß man ganz genau, wann sie fertig sind, und bei anderen muss man geduldig sein und ihnen mehr Zeit geben. Es ist wie beim Kochen; manchmal kocht man ein Gericht, das innerhalb weniger Minuten fertig ist, beispielsweise, wenn man sich ein Stück Fisch brät oder so. Andere Dinge muss man aber vielleicht zuerst einlegen oder vergären, und das braucht seine Zeit. Es muss eine chemische Reaktion geben, damit das Ergebnis gut und emotional ist. Keine Musik zu machen ist die beste Methode, um zu wissen, wann man aufhören sollte. Ein paar Tage Urlaub oder ein paar Stunden Pause sind unglaublich wichtig, ansonsten wird der Teil im Gehirn, der für die Entscheidungsfindung verantwortlich ist, müde. Ich nehme mir also manchmal zwei Wochen Zeit, in denen ich gar keine Musik höre. Wenn ich dann wieder damit anfange, sehe ich alles viel klarer und weiß, ob noch etwas fehlt oder nicht.

Wie viel deiner eigenen Musik spielst du, wenn du auflegst?
Ich würde sagen, dass etwa 90 Prozent der Musik Edits sind, die ich aus Musik von anderen Künstlern gebastelt habe und Aufnahmen, die man sonst nirgendwo anders finden wird. Das ist für mich das Spannende: Man geht in einen Club und kennt und erkennt nichts von dem, was gespielt wird. Genau das will ich erreichen. Es ist ziemlich aufwändig, aber gleichzeitig macht es unglaublich viel Spaß.

Vielleicht klinge ich jetzt wie ein alter Mann, aber als ich letztes Jahr auf der Party im Berghain war, bei der du aufgelegt hast, haben sich alle zur Musik bewegt, aber es gab keinen Beat. Es gab ein Schlagzeug, aber keinen 4-to-the-floor Beat. Und trotzdem war das Ganze gleichzeitig unglaublich rhythmisch. Was bedeutet diese komplette Gebrochenheit für Mittzwanziger?
Momentan ist die Ästhetik der Dekonstruktion weitverbreitet. Diesen negativen Raum in einem Club zu haben, ist doch eine willkommene Abwechslung, denn weniger Sound aus riesigen Lautsprechern ist doch spannend. Es kommt zu einer Art sensorischer Reaktion. Ich glaube, die erste Person, die ich jemals auf diese Weise dekonstruieren gehört habe, war Shayne Oliver im GHE20G0TH1K. Ich habe noch nie zuvor jemanden so auflegen gehört. Er und Total Freedom haben mich sehr stark beeinflusst und waren wahrscheinlich die beiden Leute, bei denen ich das das allererste Mal gehört habe. New York ist schon immer auf chaotische Weise die Wiege des Punk und der Dekonstruktion gewesen. Wenn ich einen besonderen Moment nennen sollte, den ich in der Clubmusik erlebt habe, dann wären das die Jahre, in denen Shayne im GHE20G0TH1K aufgelegt hat. Diese Zeit hat mich wirklich sehr stark geprägt.

Von welchem Jahr sprechen wir hier?
Das muss vor fünf oder sechs Jahren gewesen sein. Das war ein goldenes Jahr, das einfach unglaublich war. Shayne hat die Musik auf eine Weise dekonstruiert, die man so zuvor noch nie gehört hatte und viele Leute wurden daraufhin auf ihn aufmerksam. Dann hat er sich aber dazu entschlossen, aufzuhören und mit Hood by Air einfach sein Ding zu machen. Komischerweise ist die Geschichte nie besonders gnädig zu DJs, aber die DJ-Kultur und Clubkultur sind wahre Inkubatoren für unterschiedliche Ideen, die im Studio nie zustande gekommen wären. Es musste unter dem Druck entstehen, mit dem Publikum, das direkt vor einem stand, ein Risiko einzugehen; unter Druck entstehen Diamanten.

Die Clubkultur hatte immer einen großen Einfluss auf dich.
Sie ermöglicht einen kulturellen Austausch, der sonst in keiner intellektuellen Umgebung möglich ist. Es gibt nichts Formales, die Clubkultur ist wie ein Tier. Die Geschwindigkeit, in der sich dort über neue kulturelle und konzeptionelle Dinge ausgetauscht wird, ist so viel höher als in einem Literatur- oder Kunstmagazin. Man kommt da kaum mit, auch wenn man es noch so sehr versucht. Die Clubkultur ist schon einmalig. Eine Party, bei der sich jeder entspannen, seinen Geist öffnen und nach der Arbeit wieder zu sich finden kann, ist etwas ganz Besonderes. Diese Verbindung von Geist und Körper ist einmalig.

Und sie muss geschützt werden.
Da ist mir nicht bange. Auch wenn die Welt untergeht, es wird immer Underground-Partys geben. Wenn die Apokalypse unmittelbar bevorstehen würde, würde es Partys geben. Die Clubkultur ist viel hartnäckiger als die Politiker glauben, die sie zerstören wollen. Die haben keine Chance.

Ich hoffe deine Worte bewahrheiten sich und ich werde auf der letzten Party mit dabei sein!
Wir sehen uns da.

Hier findest du alles aus unserer neuen The Family Values Issue.

Credits


Interview und Fotos: Wolfgang Tillmans
Einleitung: Felix Petty

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