Keine Fotografin fängt die Unbeschwertheit der Jugend ein wie Rineke Dijkstra

Sie stehen in russischer Bademode aus den 90ern am Strand oder tanzen Gabba in Nylon-Trainingsanzügen: die Menschen in Rineke Dijkstras Fotos gewähren seltene Einblicke in die Verletzlichkeit während Zeiten des Wandels.

von Alice Newell-Hanson
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06 April 2017, 2:40pm

Rineke Dijkstra spricht über ihre Karriere, als Aneinanderreihung von Zufällen — sie nennt es „Intuition". Seit 1990 führt das Jahr für Jahr zu einem umfangreichen Themenspektrum. Wie die Zeit, als sie in Liverpool im Cream Club feiern gehen wollte und die Schlange so lang war, dass sie sich ein Taxi genommen und dem Fahrer gesagt hat, dass er sie zu irgendeinem Club fahren soll. Gelandet sind sie im Buzz Club, einer Disco voller Teenager, die sie zu ihren Porträts von Clubgängern inspiriert hat.

Auch der Schritt weg von kommerzieller Fotografie — sie hat in den 80ern für Magazine und Unternehmensberichte Fotos gemacht — ist zufällig gewesen. Dijkstra hat die Geschichte mehrmals erzählt: während der Physiotherapie nach einem Fahrradunfall 1990 hat sie entschieden, sich nach 30 Runden Schwimmen selbst zu fotografieren, „als ich zu müde war, um zu posen." Das sollte zu ihrer berühmtesten Serie Beach Portraits führen, nachdem sie ihre natürliche Körpersilhouette gesehen hat, als sie aus dem Wasser stieg. Die Fotos sind zwischen 1992 und 2002 entstanden und zeigen Kinder und Jugendliche mit X-Beinen, die trotzdem stolz am Strand von den Niederlanden, den USA oder Polen stehen.


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Marianna The Fairy Doll, 2014

„Was ich immer schwierig an Auftragsarbeiten fand", sagt Dijkstra, „war, dass sich die Leute extrem darüber bewusst waren, was sie zeigen wollen. Wenn sie sich zu viele Gedanken darüber machen, sind sie nicht mehr sie selbst. Ich wollte etwas festhalten das echt ist. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich durch eine Wand muss."

Im Laufe der Jahre hat Dijkstras Intuition dazu geführt, dass sie Verschiedenes fotografiert: Mütter mit ihren Neugeborenen, Stiefkämpfer nach dem Kampf, bosnische Flüchtlinge oder eine junge Balletttänzerin, die für ein Vortanzen probt. Sie fängt die Momente ein, in denen sich etwas verändert. Im März hat die Hasselblad Foundation die Fotografin mit dem angesehenen Award ausgezeichnet und wird im Herbst ihre Werke in einer Ausstellung zeigen. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie es ist, 30 Jahre lang junge Menschen zu fotografieren.

Wie hat dein Unfall 1990 zu der Serie Beach Portraits geführt?
Ich bin in einer Kleinstadt drei Kilometer vom Strand entfernt aufgewachsen. Mich hat schon damals fasziniert, dass das Meer in verschiedenen Farben und Lichtverhältnissen immer anders aussieht. Das kam nach dem Selbstporträt in der Schwimmhalle. Ich wollte eine natürliche Pose finden, bin wieder an den Strand gegangen und habe angefangen, Menschen dort in ihrer Bademode zu fotografieren. Ich wollte aber nicht nur junge Menschen vor der Linse haben. Eines meiner ersten Fotos war von einem 13-jährigen Mädchen. Das ist dieses Alter, in dem man sich von einem Kind zu einem Erwachsenen entwickelt, das war schön. Danach wurde ich ins Hilton Head Island in South Carolina eingeladen und habe meine Kamera mitgenommen. Da habe ich gemerkt, dass sich die amerikanische von der niederländischen Kultur unterscheidet. Die Holländer sind sehr bodenständig und nicht glamourös. Hilton Head war ein Resort für reiche Familien, da ging es nur um Körperkult und Glamour. Die haben diese Modemagazine gelesen und wollten so aussehen.

Danach wollte ich nach Russland, weil es angeblich das Gegenteil von Amerika wäre. Letzten Endes bin ich nach Polen gefahren, das war wie eine Zeitreise zurück in die 60er. Dort habe ich auch realisiert, dass ich in meinen Fotos etwas anderes brauche. Dass ich den Motiven nicht viele Anweisungen gebe, heißt nicht immer, dass daraus ein gutes Foto entsteht. Ich brauchte eine Spannung, etwas an ihrer Haltung, dass sie von anderen unterscheidet. Das kann in den kleinsten Details stecken.

Ich habe danach angefangen, alle möglichen Menschen zu fotografieren, aber Kinder und Jugendlichen stehen für die Ungewissheit, ihre Emotionen befinden sich noch mehr an der Oberfläche. Sie sind noch offen. Ältere Menschen haben schon eine gefestigte Persönlichkeit. Jüngere sind da noch flexibler, alles ist noch im Fluss. Das finde ich interessant.

Hilton Head Island, June 24, 1992

Gab es Unterschiede zwischen den Jugendlichen in den USA und Polen?
Die Polen waren schüchterner und weniger selbstbewusst. Das war 1992, drei Jahre nach dem Fall der Mauer, und der Kommunismus war noch überall spürbar. Modisch gab es einige Defizite und sie hatten auch noch kein MTV.

Wie haben die Jugendlichen darauf reagiert, dass du sie fotografieren wolltest?
Weil ich mit einer Stativkamera arbeite, sind die Leute fasziniert. In Polen ist es mir passiert, dass die Leute sich darüber sehr gefreut haben und sich immer eine Traube an Menschen um mich herum gebildet hat. Mit der Großformatkamera zu arbeiten, hat für konzentriertes Arbeiten gesorgt. Die Leute haben gesehen, dass das nicht nur ein Schnappschuss wird.

Wie viel Anweisungen gibst du deinen Motiven?
Ich möchte immer eine natürliche Pose einfangen, ich rede mit ihnen und beobachte sie. Sie sollen entspannt sein und sich wohl fühlen. Es soll einen Moment der Unbefangenheit geben.

Seit damals hat sich einiges verändert. Heute fotografieren sich Teenager viel mehr, weil sie mit ihren Handys eine Kamera in ihren Händen haben. Hat sich das auf deine Beziehung zu deinen Motiven ausgewirkt?
Junge Leute sind heute vielleicht selbstsicherer und haben weniger Angst vor Kameras. Das kann ich nur schwer beantworten, weil ich nicht aus der Generation stamme. Ja, die Leute machen viele Selfies, aber man kann nie das Bild von sich selbst kontrollieren. Heutzutage sind sich die Leute darüber bewusster, wie sie aussehen.

Vondelpark, Amsterdam, June 10, 2005

Ich finde deine Videos von tanzenden Clubgängern gut. Die sind wie Zeitkapseln aus den 90ern, aber sie fangen auch dieses universelle Gefühl ein, dass man sich beim Tanzen verlieren kann. Wie bist zur Videoarbeit gekommen?
Ich habe für ein Projekt in Liverpool in Schulen fotografiert. Mein Assistent und ich waren Anfang 30 und wir sind gerne in Clubs gegangen. Wir haben von Cream in Liverpool gehört und wollten unbedingt rein, aber es gab eine riesige Schlange. Also haben wir einen Taxifahrer gefragt, ob er uns woanders hinbringen kann. Er hat uns bei The Buzz Club rausgelassen. Das war ein Club für 15-jährige Mädchen. Ich hatte so was noch nie gesehen. Die standen eine halbe Stunde in der Schlange mit kurzen Röcken und keinen Mänteln. Das hat mich fasziniert. Ich dachte mir, dass ich den Manager frage, ob ich fotografieren darf. Und der sagte: Ja, klar! Das ist jetzt 20 Jahre her. Ich habe im Club vor weißem Hintergrund in einem Hinterzimmer fotografiert. Es gab Musik, die Leute haben geraucht, das konnte ich nicht alles in Bildern festhalten. Ein Freund hat mir dann vorgeschlagen, dass ich mal versuchen sollte ein Video zu drehen. Ich hatte keine Ahnung vom Filmen, aber ich habe eine kleine Sony-Camcorder gekauft. Das hat mir neue Möglichkeiten eröffnet.

Ich finde es gut so zu arbeiten. Man muss ja irgendwo anfangen. Wenn man etwas zu sehr durchdenkt, wird man nie etwas tun. Ich finde es gut, wenn ich Ideen beim Arbeiten bekomme. Da ist immer viel Improvisation im Spiel. Als ich das ganze Material zusammen hatte, wollte ich in einen anderen Club, in den Niederlanden und habe endlich mit den sogenannten Gabbern (niederländischen Hardcare-Techno-Fans) zusammengearbeitet. Im Buzz Club haben die Frauen das Sagen, aber Gabber waren hauptsächlich Männer. Die waren ziemlich hart und der Club hat mir überhaupt nicht gefallen, aber das war ein guter Kontrast. Am Ende kam eine Projektion auf zwei Bildschirmen heraus, auf denen man den Verlauf einer Partynacht miterleben konnte.

Amy, The Krazy House, Liverpool, December 23, 2008

Wie kooperativ waren die Gabber?
Sie sahen furchterregend aus, aber sie waren wirklich nett. Aber nach 3 Uhr konnte ich nicht mehr mit ihnen arbeiten, sie waren durch Drogen und Alkohol total dicht. Ich musste immer relativ früh nach Hause.

Wonach suchst du in deinen Motiven?
Authentizität. Ich mag es, wenn sie etwas Originelles haben. Das ist aber eine intuitive Entscheidung. Für meinen zweiten Film The Krazyhouse habe ich nachts gecastet und tagsüber gedreht. An einem Tag war ich so müde, dass ich meinen Assistenten gebeten habe, die Auswahl zu treffen. Sie hat monatelang mit mir zusammengearbeitet und wusste wonach ich suche. Es ging dabei aber nicht um Geschmack, es ging um ein Gefühl. Es muss einfach Klick machen.

Deine Arbeit wird oft beschrieben als das Festhalten von Leuten in Übergangsmomenten. Interessieren dich politische Übergänge genauso wie persönliche?
Ich bin Porträtfotografin. Ein Porträt vermittelt Emotionen, Ideen und Umstände. Ein junges Pärchen im Park, ein junges Mädchen im Club oder ein bosnisches Flüchtlingsmädchen im Asylbewerberheim. Ich möchte Subjekte in einem besonderen Zustand festhalten. Mit meinen Porträts möchte ich immer eine Bandbreite an Emotionen vermitteln.

Almerisa, Leidschendam, December 9, 2000

Arbeitest du an einer neuen Serie?
Ich habe gerade eine Serie über drei Schwestern beendet. Zwischen jedem der Mädchen gibt es einen Altersunterschied von sieben Jahren. Ich habe sie von 4 bis 23 Jahren: Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter.

Wie viel möchtest du von deinen Motiven wissen?
Ein Porträt von jemandem zu fotografieren, ist ein intimer Vorgang. Man kommt einer Person nah, man sieht ihre Gefühle, aber man muss nicht alles über diese Person wissen. Mit einigen, wie Almerisa, die ich 23 Jahre begleitet habe, habe ich mich angefreundet. Manchmal kommen sie auch zu Eröffnungen und es ist schön, dass ihnen die Porträts auch etwas bedeuten. Aber das Foto selbst entwickelt ein Eigenleben. Es ist immer noch die Person, aber gleichzeitig ist es auch abstrakt. Was bleibt ist das Bild, es spricht für sich selbst. Wenn es ein wahrhaftiges Bild ist, macht es den Betrachter neugierig. Daran möchte man glauben.

Credits


Fotos: Rineke Dijkstra

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