Im Anime "your name" tauschen ein Junge und ein Mädchen ihre Körper

Wir haben mit dem Regisseur des erfolgreichsten japanischen Animes aller Zeiten, Makato Skinkai, gesprochen.

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Nov. 17 2016, 8:06am

Dass wir große Fans des japanischen Kinos sind, dürfte kein Geheimnis sein. Anfang September haben wir euch bereits sieben Animes vorgestellt, die euch für das japanische Kino begeistern werden. Zu der Zeit brach ein Anime alle Einnahmerekorde im Land der aufgehenden Sonne: Your Name. Ein Anime über zwei Jugendliche, die ihre Körper tauschen. Das Besondere an dem Film ist, dass ein Junge und ein Mädchen in den Körper und das Leben des jeweils anderen schlüpfen.

Bekannter Vorläufer für Your Name ist der Hollywood-Film Freaky Friday, der ein paar interessante Fragen aufgeworfen hat: Wie wurde es sich anfühlen, wenn man morgens aufwacht und als erstes das Gesicht von Lindsay Lohan sieht? Wie würde es sich anfühlen, im Körper einer anderen Person zu stecken? Eine Frage, die Freaky Friday allerdings nicht gestellt hat: Was passiert, wenn die Person einem anderen Geschlecht angehört? Was passiert, wenn man eines Morgens aufwacht, unter die Decke guckt und statt eines Penis eine Vagina sieht?


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Doch genau diese Frage stellt der japanische Anime Your Name, der neun Wochen lang die japanischen Kinocharts angeführt hat. In dem Film tauschen zwei Teenager, ein Junge aus Tokio und ein Mädchen vom Land, über Nacht ihre Körper. Der Junge, gefangen in seinem neuen weiblichen Körper, schaut ungläubig runter auf seine neuen Brüste. Er fasst sie an. Das Mädchen ist auch neugierig. Sie tauschen mehrmals ihre Körper und haben Spaß dabei, mit dem Leben des jeweils anderen zu spielen, zu daten und zu simsen. Aber warum passiert das gerade den beiden? Hat es vielleicht sogar etwas mit dem riesigen Kometen zu tun, der über Japan gesichtet wurde?

Der Anime von Makato Skinkai ist eine Romanze, die sich vor der nahenden Katastrophe abspielt. Es ist eine Teenie-Comedy mit Body-Swapping-Elementen, die Liebesgeschichte und Katastrophenfilm zugleich ist. Und etwas noch nie Dagewesenes. Wir haben mit dem Regisseur darüber gesprochen, warum der Film in Japan so ein Erfolg war, klären, was das Erdbeben 2011 damit zu tun hat, und wie es sich mit dem Titel Erbe von Hayao Miyazaki leben lässt.

Wie bist du auf die Idee zu dem Film gekommen?
Das ganze Thema, Junge und Mädchen tauschen ihre Körper, kommt ziemlich oft in der japanischen Fiktion vor: in Filmen, in Mangas. Schon vor tausend Jahren gab es eine Geschichte darüber, wie ein Mann und eine Frau ihre Körper getauscht haben [Torikaebaya Monogatari]. Aber das Thema ist nur ein Aspekt des Films. Die Geschichte fängt so an, aber sie endet nicht damit. Ich wollte die Zuschauer überraschen, weil viele denken: "Ah, das ist eine Junge-und-Mädchen-tauschen-den-Körper-Geschichte", aber darum dreht sich der Film in erster Linie gar nicht.

Man hat das Gefühl, dass aus einem Teeniefilm ein Animationsfilm gemacht wurde. Glaubst du, dass es schwieriger ist, die Nuancen in einem animierten Coming-of-Age-Film darzustellen als im Vergleich zu einem Realfilm?
Ich glaube nicht, dass das eine schwieriger als das andere ist. Es sind zwei unterschiedliche Genres. Ein Realfilm ist zwar die Idee eines Regisseurs, aber der Film wird von Schauspielerin beeinflusst. Bei einem Animationsfilm habe ich alles unter Kontrolle. Wir haben die Charaktere extra für den Film erschaffen. Diese Charaktere sind nicht in anderen Rollen zu sehen. Wenn man also Geschichten auf einzigartige Art und Weise erzählen will, dann ist Animation eines der besten Genre, finde ich. Manches ist bei beiden gleich: Aufnahmen der Hände und der Füße. Aber es nicht schwieriger, denn ich zeichne die Charaktere ja. Ich habe die Kontrolle.

Der Film war in Japan ein großer Erfolg. Warum, denkst du, wollten ihn so viele sehen?
Ich würde es selber gerne wissen. Ich hatte viel Glück. Es gibt so viele Animationsfilme in Japan und sie sind auch wirklich gut. Dieser Film hat eine stringente Junge-trifft-Mädchen-Geschichte und bei Jugendlichen muss es einen ungestillten Hunger nach solchen Geschichten gegeben haben. Sie wollten eine gute Junge-trifft-Mädchen-Geschichte sehen. Und mein Film kam zur richtigen Zeit in die Kinos.

Fans haben die Locations besucht, die im Film Pate standen. War es dir wichtig, mit Orten zu arbeiten, die es wirklich gibt?
Ich wollte einfach zeigen, wie schön es hier ist, da wo ich lebe. Das soll jeder sehen können. Tokio ist so schön, aber hier gibt es so viel negative Sachen wie die vollen Züge und die Plätze sind überfüllt. Deshalb ist es so schön, versteckte Kleinode zu finden. Dadurch fühlen sich die Leute besser und ich möchte, dass sich Leute in Tokio wissen, dass Tokio schön ist. Das würde mich stolz machen. Ich höre so oft von Ausländern, die nach Tokio kommen: "Ich liebe deinen Film und deswegen sind wir hier". Das ist toll.

Im Hintergrund schwingt immer die Gefahr einer Naturkatastrophe mit. Ist die Gefahr von Zerstörung im Film etwas, das durch das reale Leben in Japan beeinflusst wurde?
Ja, ohne das große Erdbeben 2011 wäre die Geschichte eine ganz andere. Das Ereignis hat uns daran erinnert, wie verwundbar Japan ist. Es gibt diese Zeile im Film: "Man weiß nie, wann Tokio verschwinden wird", die Leute sind sich dessen bewusst. Die Leute denken nicht bewusst jeden Tag daran, aber die Japaner wissen, wie verwundbar unser Land ist. Im Film geht es nicht nur um Traurigkeit, ich wollte ein Wunder kreieren.

Wie würden deiner Meinung nach japanische Teenager reagieren, wenn sie tatsächlich wüssten, dass das Ende nah ist?
Das ist schwierig zu sagen, aber realistisch betrachtet, können Teenager wenig tun. Im Film gibt es den Kometen und die Jugendlichen wenden sich an ihre Bürgermeister und versuchen, die Erwachsenen zum Handeln zu bewegen, weil sie wissen, dass sie nicht viel ausrichten können. Das Wichtige an dem Film: Er ist fiktiv, aber die Darstellung sollte nicht unrealisitisch sein. Die Teenager sollten kein Wunder vollbringen. Ich wollte, dass sie zu den Erwachsenen gehen und sich überlegen, was sie tun können, das finde ich realistischer.

Welche Filme oder Regisseure beeinflussen sich?
Interstellar von Christopher Nolan hat mich beeinflusst. Den Film habe ich mir angeschaut, während ich an an Your Name gearbeitet habe und ich habe ein paar Parellelen gefunden. Dann gibt es einen Film aus Südkorea, The Beauty Inside. Darin geht es um einen Charakter, der jeden Tag als eine andere Person aufwacht. Das hat mir gezeigt, dass das, was ich mache, eine aktuelle Relevanz hat. Das hat mich darin bestärkt, meinen Plan weiterzuverfolgen.

Du wirst der Erbe von Miyazaki genannt. Was sagst du dazu?
Ich fühle mich sehr geehrt, aber das ist dann doch ein bisschen zu viel. Miyazaki steht über mir. Ja, der Film hat Rekordeinnahmen an den Kinokassen eingespielt, aber das war nur ein Mal. Miyazaki hat es so viele Male geschafft. Ich möchte mich aber mehr anstrengen und ihm näher kommen.

Fotos: Screenshots von YouTube aus dem Video „Your Name (君の名は / Kimi no Na wa): trailer" von TOKYOPOP TV