diese künstlerin erschafft mitten in münchen tropische oasen

Die Bildhauerin Susi Gelb verwandelt in ihrem Kunstprojekt prominente öffentliche Münchner Plätze in kleine Oasen mit Palmen, Bananenpflanzen und Reptilien.

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Juli 26 2017, 9:09am

Susi Gelb, Space Enquiry Loading, Still02 22 06 © Susi Gelb

Obwohl es in Großstädten immer mehr Bemühungen gibt, das Stadtbild mit Parks, Grünflächen oder botanische Gärten etwas zu begrünen, dominiert Beton immer noch die Umgebung. München beherbergt zum Beispiel mit dem Englischen Garten zwar den größten Stadtpark der Welt, befindet man sich jedoch abseits der Grünanlage, sieht man nicht viel mehr als Grau, Grau, Grau. 

Doch das soll sich nun ändern! Für das aktuelle Kunst im öffentlichem Raum-Projekt der Stadt hat die Künstlerin Susi Gelb drei Plätze im Zentrum in tropische Erholungsstationen umgestaltet und damit völlig neue Orte geschaffen. Im Rahmen von "No Such Things Grow Here" wächst jetzt aus den Pflastersteinen vor der geschichtsträchtigen Feldherrenhalle am Odeonsplatz eine riesige Palme. "Ich wollte Kunstwerke im öffentlichen Raum schaffen, die nicht sofort als Kunst wahrgenommen werden", erzählt uns Susi Gelb in ihrem Atelier ein paar Tage vor der Eröffnung. Lebendige Dinge an ungewöhnlichen Orten zu platzieren, sie aus ihrem Kontext zu nehmen, ist eine ihrer künstlerischen Herangehensweisen. Für das Publikum sind es auf den ersten Blick nur Pflanzen, die dort wachsen, wo sie eigentlich nicht wachsen; sieht man dann genauer hin, erfährt man das eigentliche Konzept.

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Susi Gelb ist aber viel mehr als nur Konzeptkünstlerin. Seit Jahren experimentiert sie mit verschiedenen chemischen Prozessen und intelligenten Materialien, wie beispielsweise Beton oder Epoxidharz, und entwickelt so ihre Skulpturen und Kunstwerke. Vor der Münchner Staatsoper, einem schön-hässlichen Nichtort, an dem tagsüber Reisebusse Touristen in die Altstadt ausschütten, und nachts das Opernpublikum schnell in ihre Limousinen springt, hat Susi Gelb das Herzstück von "No Such Things Grow Here" installiert. Hier kommen all ihre künstlerischen Ideen und Methoden zusammen. Pflanzen, Skulpturen, Kacheln und eine Videoinstallation auf einem riesigen LED-Screen machen den Betonplatz zu einer wunderbaren Biosphäre. "Der Opernplatz ist ja eigentlich das Gegenteil einer Oase und damit wollte ich spielen", sagt Susi Gelb. Seit mehreren Jahren verwendet sie intelligente Materialien, die ein Eigenleben führen und nicht wirklich beherrschbar sind. So verändern sich ihre Skulpturen mit der Zeit und werden durch Wärme, Kälte oder Luftfeuchtigkeit beeinflusst. Für die Künstlerin sind alle Dinge lebend — was sie zur Kunstforscherin zwischen Alchemie und Naturwissenschaft macht. "Mich hat es immer sehr interessiert, dass Materialien eine gewisse Eigendynamik haben, die ich als Künstler nicht beherrschen kann und auch nicht beherrschen will." Die Natur ist für Susi Gelb ein Medium, ihre Materialien müssen sich immer neuen Umgebungsbedingungen anpassen.

Growhere, Draft for Max Joseph Platz © Susi Gelb

Aber zurück zur Münchner Staatsoper: Auf dem Videoscreen läuft ein eigens für das Projekt entwickelter Film, der den Betrachter in den facettenreichen Forschungskosmos, in die intensiven Recherchen und Visionen der Künstlerin entführt. Für den Dreh ist Susi Gelb nach Sri Lanka gereist, um Aufnahmen im Dschungel und mit Reptilien zu machen. Zu sehen sind ein fliegender Adler, verlangsamt sprudelndes Wasser, die oszillierenden, sich ständig verändernden Farben und Muster einer chemischen Reaktion, eine Echse, die über eine Computertastatur läuft, oder eine schwimmende weißgelbe Python. "Ich träume auch manchmal von der Schlange, die ist für mich ganz wichtig", erzählt Susi Gelb, die mit dem Reptil in einem Münchner Privatpool für Unterwasserfilmaufnahmen abgetaucht ist.

Filmstill 8, No such things grow here 2017 © Susi Gelb

An der dritten Station am Lenbachplatz hängt eine große Plakatwand mit einem türkis-blauen Camouflagemuster, darunter stehen Bananenpflanzen. Die Camouflage hat aber keinen militärischen Charakter, sondern sieht vielmehr wie die Makroaufnahme einer Kristallisation aus. Hier inszeniert die Künstlerin mithilfe digitaler Werkzeuge in der Natur vorkommende Farbwechsel und chemische Prozesse.

Susi Gelb schafft es, mit ihrem aufwendigen und spannenden Projekt "No Such Grow Here" schwierig bespielbare Plätze Münchens in einzigartige, erholsamem Oasen umzuwandeln. Außerdem ermöglicht sie einen sehr guten Einblick in ihren gigantischen Schaffenskosmos, der weitaus mehr ist als nur die Bildhauerei. Susi Gelb ist die neugierige Naturwissenschaftlerin der jungen, zeitgenössischen Kunst.

No Such Things Grow Here von Susi Gelb ist noch bis zum 21. August an drei verschiedenen Plätzen in der Münchner Innenstadt zu sehen. Mehr Informationen findest du hier

Credits


Text: Moritz Gaudlitz
Fotos: Susi Gelb