Diese Fotografien sind eine Hommage an die bunte Vielfalt Berlins

Mit seiner Serie "Bodies That Matter" gelingt dem Fotografen Guido Castagnoli ein schillerndes Abbild der queeren Szene in unendlich vielen Grautönen.

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24 Mai 2017, 2:14pm

Kaum eine andere Stadt auf dieser Welt repräsentiert die Freiheit so gut wie Berlin – sei es die Freiheit zu lieben, nicht zwischen zwei starren Geschlechtern wählen zu müssen oder ganz einfach die Freiheit, sein zu können, wer man wirklich ist. Als es den italienischen Fotografen Guido Castagnoli vor fünf Jahren nach Berlin gezogen hat, war es genau jenes Freiheitsgefühl und die bunte Vielfalt, die in dieser Stadt entstehen konnte, die ihn inspiriert hat.


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Seine Eindrücke hat der Künstler nun in einer berührenden Schwarz-weiß-Serie unter dem Titel Bodies that Matter verarbeitet, die längst noch kein Ende gefunden hat. Warum er in seinem Projekt die queere Gemeinschaft Berlins feiern will und wie viel Vielfalt zwischen seinen monochromen Fotografien tatsächlich versteckt liegt, hat uns der Fotograf im Interview verraten.

Du bist selbst kein Teil der LGBTQ-Szene. Wie ist dieses Projekt zustande gekommen?
Mein Umzug nach Berlin war der Auslöser für die Serie. Hier bekommt man das Gefühl, dass alles möglich ist. Diese Stadt erlaubt es dir, deine Denkweise komplett auf den Kopf zu stellen, dich für Neues zu öffnen und so Dinge über dich selbst zu erfahren, die vielleicht schon immer tief in dir verborgen lagen. Berlin war und ist für mich ein weites, inspirierendes Feld, das entdeckt werden will.

Was hat dich an der queeren Szene in Berlin so fasziniert?
Vor Berlin habe ich in Genf gelebt. Ich habe den Eindruck, dass es in italienischen Großstädten keine sichtbare LGBTQ-Community gibt, weil dort alles, was außerhalb der sogenannten Norm existiert, immer noch als seltsam oder falsch wahrgenommen wird. In Italien ist kleingeistiges Denken noch weit verbreitet. Berlin dagegen ist eine Stadt, die berühmt ist für ihre Offenheit. Dass das kein leeres Versprechen ist, habe ich sofort gespürt, als ich 2012 hier hergezogen bin. Das ist das Besondere an dieser Stadt: Hier kann man sich frei ausdrücken, ohne Angst haben zu müssen, verurteilt zu werden.

Was hat die Menschen, die wir auf den Fotos sehen, vor deine Linse gezogen?
Ich denke, das war für jeden unterschiedlich. Was alle gemein hatten, war allerdings der Wille, sich zu zeigen, ins Licht zu treten, herauszustechen — etwas, das perfekt zu dem Ziel meines Projekts passt. Interessant war auch, dass ich den meisten erklären musste, dass ich kein klassisches Shooting mit Models machen wollte, wie man es aus der Modeindustrie kennt. Mir ging es darum, dass zwei Menschen, in diesem Fall Fremde, zusammenkommen, um etwas Schönes und Bedeutungsvolles zu schaffen.

Du hast mit einer Großformatkamera gearbeitet, deswegen mussten deine Models extrem still stehen. Wer hat die Posen bestimmt und welchen Einfluss hatte das auf die Porträts?
Ich gebe meinen Modellen keine Pose vor, aber versuche, sie vor dem Abdrücken darauf vorzubereiten. Eine natürliche Spannung in ihrem Körper aufzubauen zum Beispiel, um im Moment des Fotografierens etwas Authentisches einfangen zu können. Bei der Fotografie geht es aber nie nur um Dokumentation, sondern immer auch um eine Form der Darstellung. Das Stillstehen war zunächst für den technischen Prozess nötig, ist aber automatisch auch ein Teil der Sprache und des Stils der Porträts. Die Menschen auf den Fotos sagen so etwas über sich selbst aus, reflektieren aber gleichzeitig auch etwas durch die Fotografie und sogar über mich selbst. Meine Fotos sind sozusagen ein geteiltes Porträt, in dem sowohl ich selbst als auch die Menschen, die ich fotografiere, zusammen kommen.

Warum hast du dich gerade für Schwarz-weiß-Porträts entschieden?
Ich wollte, dass sich der Betrachter direkter auf den wahren Kern der Portraits fokussieren kann. Obwohl wir Menschen in Farbe sehen, ist es für unser Gehirn leichter, Schwarz-weiß-Töne zu verarbeiten. Das gibt uns die Möglichkeit, uns mehr auf das Licht mit seinen unendlich vielen Schattierungen zu konzentrieren. Ich wusste, dass durch meine Negative eine wunderschöne Vielfalt von Grautönen entstehen würde.

Was wolltest du durch deine Fotografien ausdrücken?
Fotografie ist meine Art, in einen Dialog mit der Welt zu treten. Die Welt mit Neugierde anzusehen, sie mit Sensibilität aufnehmen und das in eine visuelle, vielleicht sogar poetische Form zu übersetzen. Mit Bodies That Matter wollte ich zeigen, dass die Welt nicht nur Schwarz und Weiß ist, sondern wunderschöne Farben in unendlich vielen Grautönen und genauso viele Möglichkeiten hat.

Gibt es etwas, was du bislang durch das Projekt lernen konntest?
Der schönste Teil des Projekts ist, die Möglichkeit, in diesem Prozess Fremde kennenzulernen und mit ihnen eine intime, vertraute Beziehung aufzubauen – auch wenn es nur für eine Stunde ist. In dieser Reihe geht es für mich also auch darum, eine Beziehung mit meinem Gegenüber aufzubauen. Ich blicke auf jede meiner Begegnungen mit Liebe zurück.

Bodies that Matter feiert die Freiheit, man selbst sein zu können. Was bedeutet Freiheit für dich?
Freiheit ist Liebe. Freiheit ist Frieden. Freiheit ist Respekt. Freiheit ist Mitgefühl. Freiheit ist Schönheit. Freiheit ist ein Gefühl von Gemeinschaft. Freiheit ist Neugierde. Freiheit ist Offenheit. Freiheit ist Zuhören. Freiheit ist Verständnis. Freiheit in uns. Freiheit um uns. Freiheit ist, wofür wir alle stehen sollten.

@guidocastagnoli