Der i-D Guide zum Einsamsein (und trotzdem glücklich)

Hör auf, dich von der Like-Kultur ausbeuten zu lassen! Feier lieber deine verletzliche Seite und verbringe endlich mehr Zeit alleine. Wie das geht, verraten wir dir hier.

von Bertie Brandes; Übersetzt von Michael Sader
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08 Juni 2017, 7:50am

Sich einsam zu fühlen, das geben wir nur ungern zu. Zeit alleine zu verbringen, kann sich sehr unschön anfühlen. Doch von außen betrachtet, scheinen viele absolut nie alleine zu sein. Wenn sie schlafen, dann fotografiert sie jemand dabei. Wenn sie einkaufen gehen, wird das live aus dem Supermarkt mit den Followern geteilt. Individualität ist kostbarer denn je, aber komischerweise haben wir nicht gelernt, dass wir die Zeit mit uns selbst dabei zelebrieren. Stattdessen fangen andere unsere Leben ein. Aufdringlichkeit wurde Teil unserer Leben. Ob wir es nun zugeben oder nicht: die meiste Zeit sind wir trotzdem alleine. Wir wachen alleine auf, egal wie viele Menschen neben uns aufwachen. Wir lesen alleine, denken alleine und wählen alleine aus, wie wir unsere Persönlichkeit ausdrücken wollen. Wir starren ständig auf unsere Handys, alleine. Hinter der performativen Online-Ironie und dem aufgesetzten Image im Internet steckt eine andere Person. Und wenn wir dann mal gezwungen sind, das Handy auszuschalten und die ruhigere und verletzlichere Seite von uns selbst zu zeigen, ist das Ergebnis oft ziemlich traurig.


Auch auf i-D: Wir werfen einen Blick in die Subkulturen, auf ihre Musik und ihren Style


Zwar erlebt der Community-Gedanke ein Comeback, wir sollten dabei aber nicht vergessen, dass auch in unserer eigenen Autonomie Stärke liegt. Je mehr du von Menschen umgeben bist, desto schmerzvoller kann die Erfahrung sein. Traurig und kaum überraschend dürfte der Fakt sein, dass unsere Kultur Einsamkeit nicht akzeptiert. Sie beutet sie aus. Unsicherheit schubst die Menschen auf sehr effiziente Art und Weise in einen frenetischen Kapitalismus: teilen, vernetzen und liken, in der Hoffnung, dass sich diese Gefühle irgendwie in das reale Leben übertragen lassen. Wenn sie das nicht tun, dann kannst du dich schnell von deinem sozialen Umfeld abgeschnitten fühlen.

Traurigkeit und Frustration sind nicht lustig. Diese Gefühle sind überwältigend, zeigen aber auch, wie komplex das menschliche Dasein ist und wie wichtig es ist, dass wir eine enge Beziehung zu uns selbst pflegen. Einsamkeit ist ein weiterer Filter, ein Blick auf das Leben, aber einer, an dem man lange arbeiten muss, um ihn wieder loszuwerden. Wie das geht, verraten wir jetzt.

Schau dich selbst länger im Spiegel an
Statt das Gefühl zu haben, dass sich keiner mit dir abgeben will, kommt jetzt ein Life Hack: Entscheide einfach selbst, dass du Zeit alleine mit dir verbringen möchtest. Et voilà, du hast die Kontrolle. Sobald du aufhörst, die Macht über deine Freude und Erfüllung in die Hände anderer Menschen zu legen, kannst du anfangen, eine Beziehung zu dir selbst aufzubauen. Das klingt abgedroschen und abstrakt, aber nimm dir Zeit, um dich und deinen Körper auf den neuesten Stand zu bringen. Als Kinder und Jugendliche tun wir das oft. Damals haben wir unsere Körper aufs Genaueste inspiziert, das fördert und definiert unsere Identität. Wir ziehen Verbindungen zwischen unserer körperlichen, emotionalen und spirituellen Existenz. Und dann haben wir plötzlich damit aufgehört, weil wir lieber Kaffee kochen oder uns den Kopf darüber zerbrechen, warum uns unsere beste Freundin aus der Grundschule nicht auf ihre Verlobungsparty eingeladen hat.

Schätze die Menschen, bei denen du dich sicher fühlst und sei ehrlich mit ihnen
Wenn du das Gefühl hast, dass dir keiner außer deinen Eltern schreibt, dann schreib eben deinen Eltern. Aber baue auch auf die Menschen, die du in deinem Leben haben willst. Isolation ist keine Einbahnstraße und deine Freunde werden das bestimmt auch schon mal durchgemacht haben, was du gerade empfindest. Du hockst frustriert im Bett und wartest darauf, dass sie dir schreiben und dich fragen, wie es dir geht? Melde dich bei den Leuten, bei denen du dich am sichersten fühlst. Sage ihnen, dass du dich nicht gut fühlst oder schicke ihnen Memes, damit du keine Worte benutzen musst. Noch besser: tagge sie in einem Meme, damit du ihnen nicht mal schreiben musst. Wenn sie scheiße sind und dich nicht unterstützten, weißt du wenigstens, auf wen du nicht zählen kannst. In Wahrheit ist es aber so, dass die meisten nicht scheiße sind und sich bei dir melden werden. Ehrlich. Das hoffe ich zumindest.

Schlafe so viel du willst und habe dabei kein schlechtes Gewissen
Ich weiß schon. Es ist wahrscheinlich keine gute Idee, depressiven Menschen zu sagen, dass sie sich im Bett verkriechen und dort bleiben sollen. Aber um ganz ehrlich zu sein, ist es manchmal einfach die beste Lösung. Du willst zwei Wochen lang jeden Abend um 20 Uhr ins Bett gehen? Mache es. Du willst an einem 28-Grad-heißen Sonntag lieber den ganzen Tag im Bett bleiben und die Vorhänge zu ziehen? Go for it. Die paar Sonnenstrahlen, die du dadurch verpasst, weil du dich emotional ausgetrocknet fühlst, wirst du auf deinem Sterbebett nicht vermissen. Leben eine Weile unbewusst, gehe nachts lange spazieren, bleib im Bus sitzen und fahre die ganze Strecke mit. Lass deine Gedanken los und gönne dir selbst diese wohlverdiente Pause.

Koche dein Lieblingsessen – und zwar nur für dich
Die Vorstellung, dass du Dinge einfach nur für dich selbst machst, ist manchmal schwierig zu akzeptieren. Wenn es ums Essen geht, herrscht oft das Gefühl von "Ach nur für mich allein lohnt sich doch nicht". Alle anderen sind anscheinend auf einer Modeparty und essen Mini-Diptyque-Souffles und ich hocke hier, heule und habe wahrscheinlich eine sehr alte Süßkartoffel vor mir liegen. Jetzt ist definitiv die Zeit gekommen, deinen inneren Koch rauszulassen, oder zumindest die Zeit, etwas über deinen Lieblings-Koch zu lesen. Er würde dir wahrscheinlich sagen: Ich habe absolut keine Lust, mich in meiner Lieblingsjeans auf eine langweilige Veranstaltung zu schleppen, bei der ich nur die Hälfte der Leute aus dem Internet kenne. Ich möchte einkaufen gehen und die Zutaten für einen Lemon Polenta Loaf Cake besorgen, ihn dann kurz vor Mitternacht backen, um dann fünf Minuten später mit schrecklichen Verdauungsproblemen ins Bett zu gehen. Analog gilt das Gleiche fürs Lesen, Spazierengehen, ins Kinogehen oder Sex haben. Alles Dinge, die alleine viel besser sind als zu zweit.

Zusammenfassung
Sich aus einer existentiellen Abwärtsspirale zu befreien, dauert seine Zeit. Also wirklich lang. Wahrscheinlich sogar Jahre. Wir tun einfach so, als ob der letzte Satz nicht dasteht. Konzentriere dich auf das Unmittelbare. Du wirst schon herausfinden, was dich so runterzieht, wenn du in der Lage bist, es zu konfrontieren. Das Leben ist merkwürdig, hart und für jeden sehr anstrengend. Du bist fantastisch und wirst auch in einem Monat fantastisch sein. Und schalte öfter dein Handy aus. Fange am besten gleich damit an. Jetzt. Sofort.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.