im gespräch mit sums

SUMS ist das neue Projekt des Berliner Techno-Produzenten Kangding Ray und Barry Burns von Mogwai. Seit einer Weile arbeiten sie zusammen an Musik, die im August beim Berlin-Atonal-Festival als Weltpremiere aufgeführt wird. Wir wollten wissen, was wir...

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06 August 2015, 11:15am

Das alte Heizkraftwerk an der Köpenicker Straße, das auch den Tresor und das OHM in sich birgt, steht mit seinem hellgrauen Wellblech-Gewand eigentlich ziemlich unscheinbar rum. Erst wenn man genauer hinsieht, beginnt man zu ahnen, wie massiv es eigentlich ist. Und erst wenn man einmal drinnen war, weiß man, dass das Berghain dagegen fast kuschelig klein ist. Das Kraftwerk ist eine der beeindruckendsten Locations Berlins und mit seinem Decay Chic, der leicht verfallenen, postindustriellen Megahalle, natürlich auch very Berlin, fast schon zu viel Klischee. Das ist die Location, in der vom 19. August bis zum 23. August das Berlin-Atonal-Festival stattfinden wird. 

Nicht weit entfernt hat David Letellier alias Kangding Ray sein Studio eingerichtet. Seit vielen Jahren gehört der Franzose, der vor allem beim hochangesehenen Label raster-noton Platten veröffentlicht, zur ersten Garde derjenigen Berliner Techno-Produzenten, die ihre Tracks auf abenteuerliche und experimentierfreudige Wege schicken. Davids Dauergast ist zur Zeit Barry Burns, ebenfalls Wahlberliner und Keyboarder sowie Songschreiber der schottischen Post-Rock-Legende Mogwai. Seit einigen Wochen arbeiten sie nun schon gut versteckt und abgeschottet an ihren Computern und Instrumenten. Zusammen heißen sie SUMS und arbeiten an Musik, die extra für das kommende Berlin-Atonal-Festival entsteht. Eine sogenannte Auftragsarbeit, die am 20. August Premiere feiern wird.

Die Kollaboration ist aufregend, aber alles andere als naheliegend. Auf die Frage, was der Auftrag des Atonal-Teams gewesen sei, sagt David, dass er sozusagen eine Carte Blanche bekommen hat: „Sie sagten nur: ‚Mach' was, etwas Großes und Interessantes, etwas für das Festival und für diesen speziellen Ort.' Das ist der Ausgangspunkt. Es war für mich klar, dass ich etwas anderes machen wollte als sonst. Ich wollte mich vom Club als sinnstiftendes Element entfernen. Es sollte anders sein und irgendwie simpel, mit Bezügen zu den Einflüssen, die ich außerhalb des Techno-Kontexts habe. Deshalb habe ich Barry kontaktiert." Man kannte sich über gemeinsame Freunde und David war mit seiner Rock-Vergangenheit selbstverständlich Fan von Mogwai, doch Barry fehlte noch das Gesicht zur Musik von Kangding Ray: „Meine Frau hatte es mir schon oft vorgespielt - sie hat zu Hause die totale Kontrolle über die Musik und macht ständig was Neues an. Als mir David dann ein paar seiner Platten gab, kannte ich sie schon, ohne es zu wissen." „Das hätte ich aber nicht erwartet", ergänzt David. „Es war mir total egal, denn es geht ja darum, was wir zusammen auf die Beine stellen. Was ich vorher gemacht habe, zählt quasi nicht."

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Das Projekt SUMS ist in vielerlei Hinsicht ein Novum - für die zwei Musiker selbst und auch allgemein für die übliche Aufführungspraxis von elektronischer oder Pop-Musik. Während Auftragsarbeiten in der klassischen oder akademischen Musik und der Kunstwelt absolut gängig sind, ist es für Popmusiker eher ungewöhnlich, dass ein Veranstalter Musik in Auftrag gibt und sozusagen als Executive Producer mitwirkt. Solche kulturpolitischen Praktiken nutzen nur Festivals, denen es um mehr geht als rauschende Partys und profitable Events, wie das CTM Festival, das Unsound in Polen oder eben das Berlin Atonal, das auf der Suche nach ungehörten Abenteuern ist. Es geht ihnen um Fortschritt, sie bedienen eine Nische, setzten nicht auf Masse und sind trotzdem erfolgreich. Vielleicht ist das wieder ein Berlin-Klischee. So etwas funktioniert oft nur hier. Hier gibt es das Publikum dafür und die erwünschte Resonanz. Das drückt das Festival auch aus, findet David: „Dem Atonal geht es darum, verschiedene Stränge zu verbinden, dazu gehört Berlin, dieses Gebäude und seine Geschichte. Und ganz bestimmt nicht darum, es dem üblichen Techno-Publikum recht zu machen. Sie haben etwas zu sagen über zukunftsweisende Musik generell, nicht nur elektronische." Für beide Musiker ist es das erste Mal, dass sie einen solchen Auftrag haben, womit sie sich offensichtlich sehr wohlfühlen: Die Atonal-Veranstalter würden kein fertiges Produkt buchen, so David, sondern es mitentwickeln. „Das ist etwas, was normale Promoter niemals machen würden", bestätigt Barry. „Eigentlich übernehmen sie den Part des Kurators, wenn sie mit den Künstlern zusammenarbeiten. Sie verlangen nicht nur, dass die Show gut läuft. Vor allem verstehen sie, was wir machen und worum es uns geht."

SUMS sind also ein bisschen wie ein Überraschungs-Ei. Wenn man Kangding Rays und Mogwais Musik kennt, man kann natürlich ahnen, wie das Ergebnis dieses Projekts klingen könnte. Trotzdem sind für das Endprodukt nicht nur die musikalischen Einflüsse wichtig, sondern vor allem auch das Kraftwerk selbst mit seinen riesigen Hallräumen und die generelle Grundstimmung des Atonals: Dieser dunkle, langsame und gewaltig atmosphärische Sound, der dort passend zum industriellen Gothic-Flair der Beton- und Eisen-Halle deinen Brustkorb in Schwingungen versetzt. So ungefähr klingt es auch, als mir David ein paar Stücke vom Rechner vorspielt und Barry dazu merkwürdig gute Sachen mit seiner Gitarre macht. Live werden dann jedoch mehreren Musikern auf der Bühne stehen, deshalb man letztlich nur auf die vagen Beschreibungen der Band vertrauen kann: „Es wird emotional, aber auch sehr unheimlich", sinniert David. „Ein bisschen abstrakt, aber wir zielen eher auf etwas Klassisches und Zeitloses. Wir haben das gleiche, relativ simple Interesse an guter Musik. Wir müssen niemandem etwas beweisen."

Interessant ist, dass SUMS im Gegensatz zu fast allen anderen Acts auf die visuelle Komponente verzichten: Durch die unfassbare Deckenhöhe des Kraftwerks ist über der Bühne Platz für eine gigantische Leinwand, die über allem schwebt. Durch ihre Größe lenken die projizierten Visuals noch mehr vom Geschehen auf der Bühne ab, deshalb sich SUMS auch dagegen entschieden haben: „Direkt vor unserer Show werden Paul Jebanasam und Tarik Barri auftreten, das wird großartig aussehen und klingen. Aber wir machen eben kein audiovisuelles, elektronisches Stück, sondern sind ein elektro-akustisches Live-Projekt - es geht um die Performance!"

Alle Augen werden also auf die Musiker und ihre Instrumente - von Modular-Synthesizer bis Schlagzeug - gerichtet sein. Die Uraufführung wird ein Experiment für alle Beteiligten sein. Da ist man doch auch als alter Hase richtig nervös, oder? Barry hat den richtigen Vergleich: „Es ist, wie wenn man in einem Restaurant der erste Gast ist: Der Koch fängt gerade an zu arbeiten, hat keinen Stress und kocht dir unter Umständen ein schlechtes Gericht. Erst wenn er wirklich drin ist und eine Bestellung nach der anderen bekommt, wird er gut. So ist das immer bei Liveshows." Ihre Anspannung habe auch mit der Art der Musik zu tun, sagt David, und holt noch mal zu sinnlichen Attributen aus: „Es wird sehr deep und gefühlvoll, das heißt wir bewegen uns selbst sehr tief mit unserer ganzen Persönlichkeit in diese Musik hinein. Es wird viel intensiver, als wenn wir nur eine Stunde lang verrückte, experimentelle Drones spielen würden. Verstehst du? Wir könnten drauf scheißen, wahnsinnigen Krach machen und dadurch auf Abstand bleiben zur Musik. Aber wir wollten echte, richtige Musik schreiben!" 

Wir verlosen 2x2 Tagestickets für das Atonal Festival, das vom 19. August bis 23. August in Berlin stattfindet. Mehr Infos zum Gewinnspiel findest du hier

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@atonal

Credits


Text: Michael Döringer
Bilder via Atonal