ist unisex das neue sexy?

Wird High Fashion womöglich bald vollkommen geschlechtsfrei sein? Kann sich der Otto-Normal-Kunde mit der Idee „Unisex“ anfreunden? Werden wir vielleicht eines Tages sagen: „Männlich, weiblich - ist es wirklich wichtig"? i-D erkundet das Phänomen...

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24 Februar 2015, 10:35am

J.W. Anderson's Autumn/Winter 14

„Girls who are boys who like boys to be girls" - selten war dieser Satz so wahr wie heute. Man hat das Gefühl, dass die Grenzen der Gender-Klassifizierungen schon seit einer ganzen Weile verwischt werden und wir freier als jemals zuvor sind, uns von der Geschlechtszuweisung, mit der wir geboren wurden bzw. die die Gesellschaft uns aufdrückt, zu befreien. Wir definieren uns neu und weisen jegliche Stereotypen zurück. Facebook hat letztes Jahr 70 verschiedene Geschlechteroptionen eingeführt, um sicherzustellen, dass jegliche persönliche Definition erfüllt ist. Während High Fashion schnell einen geschlechtsneutralen Ansatz adaptiert hat, J.W. Anderson seine Jungs in schulterfreien Bias-Cuts auf den Catwalk schickt und Rad Hourani die Neutralität der Mode erklärt, schafft es der Massenmarkt noch nicht ganz, diesen Trend anzunehmen.

J.W. Anderson Spring / Summer 15

Für die Millennials gibt es nichts Normaleres, als einen Jungen zu sehen, der wie ein Mädchen angezogen ist, oder umgekehrt. Niemand interessiert sich großartig dafür. Wir sind liberal, offen und glauben, dass jeder/jede machen kann, was er oder sie will. Wir tragen die T-Shirts unserer Boyfriends, während er sich unseren übergroßen Jumper ausborgt. Wenn wir auf Flohmärkten shoppen, kaufen wir das, was uns gefällt, ganz unabhängig davon, ob es ursprünglich für Männer oder Frauen gedacht war. Es geht um Stil, nicht um traditionelle gesellschaftliche Vorgaben. Das ist die Normalität, in der wir leben, aber was denkt der Durchschnittskunde?

Was ist mit denjenigen, die kein Interesse an der Genderdiskussion haben oder sich sogar gegen eine Neudefinition der Geschlechter aussprechen? Wir schauen nicht zweimal hin, wenn wir eine großartige Tranny auf der Straße sehen und für uns ist es das Normalste, dass ein Mann einen Rock trägt und noch männlich ist oder dass sich eine burschikos angezogene Frau feminin fühlen kann. Wir denken, dass die Welt offen und liberal ist, aber wenn wir ganz genau hinschauen, dann erkennen wir, dass der Großteil der Bevölkerung sich immer noch schwer tut, genderfreie Denkweisen anzunehmen. Das typische Kinderspielzeug ist immer noch überwiegend rosa für Mädchen und blau für Jungen. Erwachsene Männer lieben Bier und Fußball, während Frauen Wein und Klatsch bevorzugen. Diese Rollen haben ihre eigenen geschlechterspezifischen und richtigen Uniformen, die vom perfekten Geschäftsmann oder der perfekten Krankenschwester getragen werden sollen. Die Wahrheit ist, dass die Mehrheit mit diesen Denkweisen glücklich ist, die vorgefertigten Rollen annimmt und diese Kostüme bereitwillig trägt, weil sie ein Gefühl der Sicherheit geben. Änderungen im Bereich der Geschlechterrollen drohen, den Grundstein für die gesamte soziale Ordnung zu ändern und obwohl Frauen heute in bisher männerdominierten Bereichen und Männer in Frauendomänen tätig sind, klammert sich die Gesellschaft immer noch an die traditionellen Ideen von Männer- und Frauenkleidung.

Hier wird die Idee „Unisex" auf der High Street interessant. Im Massenmarkt kann man unisex als neutral bezeichnen - Basics, die man jeden Tag tragen kann. Früher gab es noch einen Unterschied zwischen einem einfachen T-Shirt für Männer und einem einfachen T-Shirt für Frauen, aber Marken, wie Gap, haben bereits damit begonnen, Unisex-Linien einzuführen. Einfache Stücke mit unkomplizierten Schnitten - er kann es tragen und sie kann es tragen. Mit der Produktion von bestimmten Kleidungsstücken, die Männern und Frauen stehen, und durch die Einführung von Unisex-Abteilungen in Kaufhäusern entsteht eine Grauzone, die die Welt dazu anhält, aufzuhören in schwarz und weiß, männlich und weiblich, zu denken. Unisex-Kleidung könnte ein Schmelzpunkt zwischen weiblich und männlich werden und die Kunden anstiften, einen genaueren Blick in die Abteilung des anderen Geschlechts zu wagen. Der Weg zu einer vollkommenen Neudefinierung der Geschlechter ist lang, aber indem der Durchschnittskunde „unisex" und die Ideen, die das Wort mit sich bringt, in seinen Kopf bekommt, eröffnet sich die Möglichkeit, Toleranz in der Gesellschaft zu schaffen.

Rick Owens Autuum / Winter 15 

Auf der anderen Seite befreit sich High Fashion immer weiter von Geschlechterrollen. Ein Rock ist weit davon entfernt, als ein rein weibliches Kleidungsstück gesehen zu werden, mit Rick Owens und Damir Doma, die ihre männlichen Models regelmäßig in Röcke stecken. J. W. Anderson treibt das Genderthema auf die Spitze: Saison für Saison schickt er Männer in Kleidern und feminin geschneiderten Mänteln auf den Laufsteg. Mit seiner Arbeit definiert er ein neues Bild von Männlichkeit, wenn die Models stolz in Miniröcken oder abgeschnittenen Wolljumpern in Pastelltönen über den Catwalk marschieren. In seiner Spring / Summer 15 Kollektion zum Beispiel entblößt er die Schulter - ein Teil des männlichen Körpers, der in der Herrenmode meist vollständig bedeckt ist und stereotypisch als sehr feminine Körperstelle gilt. Für J.W. Anderson geht es bei Mode nicht um das Geschlecht. Es geht ihm um die Kleidung selbst. Unisex ist das neue Sexy.

Ein anderes Beispiel ist Rad Hourani. Hourani ist ein in Paris lebender Unisex-Couture-Designer, der seine Arbeit als „aufmerksames Studium des menschlichen Körpers, das Neutralität feiert", beschreibt. Neutralität, die kein Geschlecht notwendig hat, als Stil. Er entwickelt stark reduzierte Kollektionen, die von Männern und Frauen getragen werden können. Schwarz ist die dominierende Farbe und die Looks bestehen aus absolut perfekt geschneiderten Mänteln und Hosen gemischt mit Entwürfen, die klassisch weiblich bzw. männlich geschnitten sind, aber von beiden getragen werden können. Letztes Jahr kam auch eine Ready-to-Wear-Linie auf den Markt.

Rad Houranis Unisex-Couture

Auch die klassischen Couture-Häuser, die früher das Oeuvre der schönsten weiblichen Kleidung präsentierten, entfernen sich langsam von den typischen Geschlechterrollen. Eurovision-Song-Contest-Gewinnerin Conchita Wurst, die Dame mit dem Bart, schloss im Juni die Jean Paul Gaultier Spring / Summer 14 Couture-Show. Gaultier war einer der ersten Designer, der Jungen auf Womenswear-Laufstege brachte. Bereits 2011 präsentierte Andreja Pejic - vor ihrer Geschlechtsumwandlung im letzten Jahr noch Andrej Pejic - das Hochzeitskleid, der wohl wichtigste Look einer Couture-Show. Damals noch ungewöhnlich ist es vier Jahre später fast eine natürliche Wahl.

Conchita Wurst / Jean Paul Gaultier Couture 14 

Während High Fashion womöglich bald vollkommen geschlechtsfrei sein wird, der Massenmarkt sich langsam mit der Idee „Unisex" anfreundet und das Londoner Kaufhaus Selfridges erst vor Kurzem verkündete, dass es ab sofort genderfreie Kollektionen verkaufen und die Mens- und Womenswear-Abteilungen auflösen wird, können wir nur hoffen, dass wir eines Tages sagen werden: „Männlich, weiblich - ist es wirklich wichtig?" Hoffentlich werden wir Kleidung bald ohne jegliche Klassifizierung sehen. Stil vor Geschlecht. 

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
J.W. Anderson Backstagefoto: Pizo 
Rick Owens Backstagefoto: Ash Kingston
Laufstegbilder via.style.com