die jungfrauen auf amerikas purity balls

David Magnusson tauchte in die Welt von christlichen Keuschheitszeremonien ein und sprach mit i-D über den Versuch, objektiv zu bleiben.

von Alice Newell-Hanson
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22 Mai 2015, 9:20am

2011 stand der schwedische Fotograf David Magnusson auf der Bühne des Ark La Tex Purity Balls in Shreveport und überzeugte die Teilnehmer davon, dass er sie fotografieren darf. Magnusson hatte sich wie viele der anwesenden Männer einen Anzug von Al's Formal Wear in der Nähe des Veranstaltungsort ausgeborgt. Die meisten Mädchen im Publikum (alle um die 11 bis 13 Jahre alt) trugen bauschige weiße Kleider und hatten ihre Haare hochgesteckt. Sie sahen aus, als ob sie auf ihren Abschlussball gehen, außer dass ihre Dates keine Teenies mit Zahnspangen waren. Früher an diesem Abend stand jedes Mädchen neben ihrem Vater und legte ein Keuschheitsversprechen ab. Ihre Väter gelobten im Gegenzug, dass sie ihren Töchtern bei der Wahrung dieses Gelübdes bis zur Ehe helfen würden.

Das war der Anfang von Purity, Magnussons Porträtreihe von Mädchen und ihren Vätern, die 2011 und 2012 in Louisiana, Arizona und Colorado an Purity Balls teilnahmen. Letztes Jahr veröffentlichte der schwedische Verlag Bokförlaget Max Ström ein Bildband mit einer Auswahl von 28 Bildern und die Bilder schlugen hohe Wellen. Dieses Jahr wurden sie auf dem Hyères-Festival in Frankreich gezeigt und Anfang diesen Monats bei Paris Photo in Los Angeles.

Wir sprachen mit David Magnusson über amerikanische Teenie-Jungfrauen und über die Kontroversen, die seine Bilder ausgelöst haben.

Wo hast du zum ersten Mal über Purity Balls gehört?
Ich hatte einen kurzen Artikel in einem schwedischen Magazin gelesen. Anfangs hatte ich Angst vor diesen Vätern, die bei allem Panik schoben, was die Ehre ihrer Töchter oder die ihrer Familie verletzen könnte. Aber gleichzeitig faszinierte mich das Phänomen und dessen dramatische Symbolik. Alles erinnert einen an Hochzeiten. Je mehr ich über diese Mädchen und ihre Väter las, desto mehr verstand ich, dass sie einfach das taten, was ihnen ihre Religion beigebracht hat. Ich wurde auch von meinen eigenen Vorurteilen überrascht, weil ich diese Leute so schnell verurteilt hatte und doch wenig über sie wusste. Ich wollte ein Projekt realisieren, bei dem sich der Leser ein eigenes Urteil bilden kann.

Wieso bist du dann in Louisiana gelandet?
Es hat sechs Monate voller E-Mails und Telefonanrufe gedauert, bevor ich endlich einen Organisator fand, der zuhörte und der verstand, was ich geplant hatte.

Wieso glaubst du, dass die Mädchen und ihre Väter mitgemacht haben?
Das ist eine schwierige Frage. Für mich ging es bei diesem Projekt darum, Porträts zu machen, die so schön sind, dass die Teilnehmer darauf stolz sein können, und gleichzeitig sollte dasselbe Porträt für Betrachter mit anderen kulturellen Hintergründen eine ganz andere Geschichte erzählen.

Ich wollte mich auch auf die Personen konzentrieren. Deshalb habe ich in dem Buch Interviews veröffentlicht, um den Vätern und Töchtern eine eigene Stimme zu geben. Ich habe wirklich versucht, meine eigene Meinung außen vor zulassen. Und ich denke, dass das einer der Gründe war, wieso sie Teil dieser Arbeit werden wollten. Sie haben mir sehr vertraut. Diese Mädchen sind 11, 12 oder 13 Jahre alt und sprachen mit mir über ihre Ansichten zu Familie und Sexualität.

Du hast erwähnt, dass es oft die Töchter sind, die sich freiwillig für die Teilnahme an diesen Bällen melden.
Einige der Mädchen, die ich getroffen habe, sind unglaublich stark und unabhängig. Für sie wurzeln ihre Entscheidungen in ihrem Glauben und in ihren Interpretationen der Bibel. Aber die Vielfalt der Gründe hat mich überrascht. Ein Mädchen sagte, dass sie erst einen Abschluss und Karriere machen will und dass für sie Dating etwas ist, das man vor der Ehe macht. Sie möchte damit aber bis zur Ehe warten. Die meisten Väter versuchen, die besten Väter zu sein, die sie sein können.

Was für eine Rolle spielen die Mütter bei dem Ganzen?
Ich war überrascht, als ich in die USA kam, dass 80 bis 90 Prozent der Organisatoren die Mütter der Mädchen waren. Der Grund aber, wieso gerade Väter an der Zeremonie teilnehmen, liegt in den Anfängen dieser Balls begründet. Das ist ein ziemlich neues Phänomen. Der erste Purity Ball wurde 1998 in Colorado Springs von Reverend Randy Wilson und seiner Frau Lisa organisiert. Sie sprachen sich gegen die Kommerzialisierung von Sexualität und gegen den ihrer Meinung nach unangemessenen Druck auf Teenager, zu daten und sexuell aktiv sein zu müssen, aus.

Sie haben sich für dieses bestimmte Vater-Tochter-Format für die Purity Balls entschieden, weil sie der Meinung waren, dass viele Väter im Leben der Töchter keine ausreichende Rolle spielen. Das ist offensichtlich aus sehr christlichen, konservativen Kreisen, in denen der Vater oft der Brötchenverdiener ist, der viele hungrige Mäuler zu stopfen hat. Ich denke auch, dass die Zeremonie mit dazu beitragen soll, eine stärkere Vater-Tochter-Bindung aufzubauen.

Was passiert während der eigentlichen Zeremonie?
Es gibt verschiedene Arten von Purity Balls. In Colorado fängt es mit einem formellen Abendessen an, während auf der Bühne Redner über die Ehe und Reinheit sprechen, dann legen die Töchter und Väter ihre Gelübde ab. Danach folgt eine Zeremonie, in der die Mädchen eine weiße Rose nehmen und sie dann am Fuß eines Kreuzes als Zeichen ihres Versprechens an Gott ablegen. Es endet in einer großen Party.

Gab es Zeiten, in denen du deine eigene Meinung nicht unterdrücken konntest?
Natürlich, das war eine Herausforderung. Aber die Purity Balls sind viel komplizierter, als ich ursprünglich dachte. Verallgemeinern ist leicht. Aber während ich an diesem Projekt gearbeitet habe, traf ich ungefähr 50 Vater-Tochter-Paare. Die schiere Vielfalt ihrer Gründe war erstaunlich. Meistens geht es natürlich auf ihre religiösen Ansichten zurück. Aber alle sind Individuen mit ihren jeweiligen Erfahrungen, Hoffnungen und Träumen.

Was war die interessanteste Reaktion auf das Projekt?
Als Purity zum ersten Mal letztes Jahr in Stockholm ausgestellt wurde, fühlten sich einige Leute derart davon provoziert, dass sie zum Boykott aufriefen. Wir Schweden betrachten uns selbst als eines der tolerantesten Länder gegenüber anderen Kulturen. Es ist also interessant, dass diese spontanen, sehr emotional gesteuerten Reaktionen ausbrechen.

Kurz nach der Buchveröffentlichung gab es eine Menge an unfreundlichen Berichten. Das Internet kann ein dunkler Ort sein. Es gab einen Blogeintrag, der innerhalb von 24 Stunden 5800 Kommentare hatte. Es war verrückt. Die interessanteste E-Mail, die ich bekommen habe, stammt von David Clampitt, der mit seiner Tochter Jamie auf dem Buchcover ist. Er schrieb mir, dass er die Debatte im Internet verfolgte und dass, obwohl sie wussten, dass es für viele Leute etwas sehr Provokatives darstellt, sie stolz auf das sind, woran sie glauben, und dass sie sich freuen, dass sie ihre Sichtweise darstellen konnten. Das bedeutete mir viel. Ich kann für die Arbeit nur bis zu einem bestimmten Punkt Verantwortung übernehmen, danach entwickelt sie ein Eigenleben - gerade im Internet.

davidmagnusson.se

Credits


Text: Alice Newell-Hanson
Fotos: David Magnusson

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