gaspar noé: love is the drug

Wir trafen den kontroversen und innovativen Regisseur und sprachen mit ihm über seinen neuen Film „Love“.

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Aug. 31 2015, 9:25am

Dein neuester Film heißt einfach nur Love. Wolltest du keinen ausgefalleneren Titel?
Für was? Mich überrascht eher, dass es nicht viel mehr Filme mit solchen Titeln gibt. Es gibt nicht viele Regisseure, die ihre Filme „Leben", „Kosmos" oder „Mensch" nennen würden. Wahrscheinlich wäre nur Terrence Malick so anmaßend genug, um es zu tun. Wir denken und sprechen über Liebe, wir drucken uns das Wort auf T-Shirts, aber wir haben Angst davor, einen Film so zu nennen.

Deine Heroen haben unterschiedliche Definitionen von Liebe. Einige sind zynisch und andere romantisch. Wie definierst du Liebe?
Jemand hat mal gesagt, dass „Liebe wie eine harte Droge wäre". Ich stimme dem zu. Es geht nicht mal um eine Verbindung zu einer bestimmten Person, es geht um das Gefühl an sich. Das eigene Verlangen kann einen high machen, weil man verliebt ist, kommen die Hormone in Wallung, als ob man high wäre. Ein Junkie wacht auf und denkt an nichts anderes als Heroin. Der Unterschied zu Liebe ist der, dass man nicht aufhören kann, an dieses Mädchen zu denken. Ihr fickt, geht ins Kino. Fickt wieder und wieder, deine Pflichten und Beziehungen zu anderen Personen hören auf, wichtig zu sein. Liebe macht sehr abhängig und Schlussmachen kann so schwer sein wie mit Drogen aufzuhören.

Love hat mich an Irreversibel erinnert. Im Film gibt es viele Rückblenden und die Protagonisten sind sich nicht über ihr Unglück oder die Dinge, die in Zukunft passieren werden, im Klaren.
Die Ideen zu Irreversibel, Love und Enter the Void entstanden alle zur gleichen Zeit. Ich hatte am meisten für Enter the Void übrig, aber ich wusste auch, dass er der teuerste Film werden würde. Deshalb entschied ich mich, etwas Billigeres zuerst zu drehen. Ich schrieb eine kurze Zusammenfassung von Love und ich bin Vincent Cassel zufällig in einem Pariser Club begegnet. Er war interessiert und sagte ‚Vielleicht können ja Monica Bellucci und ich die Hauptrollen spielen?'. Das gefiel mir und ich schrieb dann schnell das Drehbuch. Als Vincent und Monica begriffen, dass sie wirklich Sex vor der Kamera haben würden, sagten sie mir, dass ich verrückt geworden sein müsste. Aber sie wollten weiterhin mit mir arbeiten, also haben wir stattdessen Irreversibel gemacht.

Die Hauptfigur in Love ist der junge Kameramann Murphy - er hat etwas von einem narzisstischen Arschloch.
OK, ich verrate dir jetzt was. Murphy ist eine Parodie auf mein 20-jähriges Ich. Wenn ich weniger talentiert wäre, wäre ich wahrscheinlich wie er. Er spricht viel über seine potenzielle Karriere, aber ich denke nicht, dass er jemals einen guten Film machen könnte, weil er ziemlich oberflächlich ist und keine interessanten Gedanken hat. Ich hoffe, da unterscheide ich mich von ihm. Für lange Zeit dachte ich, dass mein Leben kurz und hässlich ist, deshalb brauchte ich ein Pseudonym. Manchmal habe ich mich Mädchen gegenüber als Murphy vorgestellt. Ich dachte, dass es cool und Englisch klingen und mir die Aura eines Filmemachers verleihen würde.

Was hast du noch gemeinsam mit Murphy?
Als ich so alt war wie er, haben mich meine Freunde auch immer zu dummen Sachen überredet. Zum Beispiel sagten sie mir: ‚Komm schon, du musst mal Sex mit einem Transvestiten ausprobieren!' Wie habe auch einen ähnlichen Filmgeschmack. Wir lieben beide Pasolini, Fassbinder und Kubrick. Ich denke, dass du zu hart zu ihm bist.

Wirklich?
Ich weiß, dass er einen speziellen Humor hat und er erzählt dreckige Witze, aber wer hat das nicht gemacht? Daneben hat er eine Schwäche für Drogen und manchmal tun sie ihm nicht gut. Ich habe viele Freunde, die nüchtern total süß sind, aber sobald sie einen Tropfen Alkohol intus haben, werden sie unausstehlich. Andere haben kein Problem mit Alkohol, aber nachdem sie Drogen ausprobiert haben, stellen sie fest, dass Drogen das Leben zur Hölle machen können. Es ist wie mit einem Partner, der anfangs perfekt rüberkommt, aber nach einer extremen Situation sein wahres Gesicht zeigt.

An einem Punkt sagt Murphy zu seiner Freundin: „Ich hoffe, sie macht aus unserem Sohn keine Schwuchtel". Hast du nicht befürchtet, dass das einige als homophob auffassen könnten?
Irgendjemand hat das mit Sicherheit gestört, aber das ist nicht mein Problem. Ich habe mich nach Irreversibel daran gewöhnt. Ich begreife die ganze Aufregung nicht. Ich bin hetero und ich habe kein Problem mit Schwulen und Lesben. Ich finde Murphys Satz einfach nur lustig.

Ich mag die Szene, in der Murphy und seine Freundin eine benachbarte Blondine zum Dreier einladen. Sie fragen sie nach ihrem Alter und sie antwortet ‚Fast 17', und Murphy, Amerikaner, antwortet: ‚Verdammt, ich liebe Europa'.
In Frankreich ist es legal, ab 15 Jahren Sex zu haben. Ich glaube, in Spanien oder in den Niederlanden ist das Alter noch niedriger. Love ist auch eine Parodie auf amerikanische Teenie-Filme. Ich benutze die 3D-Technologie und erzähle eine Klischee-Geschichte über einen jungen Amerikaner, der auf einen Coming-of-Age-Trip nach Europa geht. Gleichzeitig habe ich versucht, so viel Dinge, die Amerikaner nicht mal im Traum drehen würden, wie möglich zu drehen.

Welcher Film hat dich als letztes stimuliert?
Spring Breakers! Endlich hat mal ein amerikanischer Regisseur gezeigt, dass amerikanische Teenager auch gerne Sex haben. Sie waren sich ihrer Sexualität bewusst und dass man damit Spaß haben kann.

Was hältst du von normaler Pornografie?
Ich glaube, dass Pornografie aus seinem Ghetto geholt werden muss. Wenn das Kino fast jeden anderen Aspekt unserer Leben zeigt, wieso haben wir dann so ein Problem mit Sex? Wieso muss man auf RedTube gehen, wenn man zwei Leute beim Ficken sehen will?

Warum ist Sex immer noch ein Tabu? Wegen der Religion?
Ich glaube, teilweise ja. Katholiken und Juden sind besessen von Sex, aber Muslime sind noch schlimmer, was das angeht. Schau dir nur die Kleidung an, zu der sie ihre Frauen zwingen. Aber Religion ist nur eine Ursache dieses komplexen Problems. Sexualität ist eine der Dinge, die auf vielfältige Weise unterdrückt wird. Eltern kontrollieren das Sexleben ihrer Kinder, Reiche kontrollieren das Sexleben der Armen. Für mich ist das alles Teil eines größeren, patriarchalen Systems, dass trotz der Illusion vom Sieg der Moderne immer noch in seinen Grundfesten steht.

Spürst du das patriarchale System auch in der Welt des Kinos?
Natürlich. Schau dir nur die Zensur an. Der Glaube, dass Autoritäten das Recht haben, den Leuten zu sagen, was sie sehen dürfen, bildet das Fundament des Systems Kino. Das ist sehr arrogant. Diese Leute haben Vorführungen von Love in Russland verboten. Aber hoffentlich wird es dank des Internets bald zusammenbrechen. Verbote und Warnungen werden bedeutungslos, wenn jedes Kind in sein Zimmer gehen kann und alles innerhalb von fünf Sekunden im Internet finden kann.

Bei den Dreharbeiten zu Enter the Void hast du gesagt, dass Paris dich ermüdet. Wieso bist du für Love wieder zurück gegangen?
Irgendwann habe ich mich wie Phil Connors in Und täglich grüßt das Murmeltier gefühlt. Jeder Tag begann gleich. Ich wusste, wer mich wann anrufen würde. Ich wusste, was der Zeitschriftenhändler zu mir sagen würde. Aber nachdem ich für die Dreharbeiten nach Tokio gezogen bin, besserte sich dieses Gefühl und es war OK, nach Paris zurückzukehren. In Paris gibt es viele Museen, Kinos und jede Menge Orte, die dich inspirieren. Viele meiner Freunde leben dort und viele kommen für eine bestimmte Zeit hierher. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich nach Love einen vorübergehenden Ortswechsel brauche. Ich würde gerne für zwei Wochen nach Afrika, um meinen Kopf freizubekommen.

Du sprichst oft über deine Entkopplung vom bürgerlichen und konservativen französischen Kino. Hasst dich das Pariser Film-Establishment dafür?
Ich glaube nicht. Ich habe lediglich gesagt, dass manche französische Filme mich schrecklich langweilen. Es gibt französische Filmemacher, die ich immer bewundern werde, zum Beispiel Jean Vigo, Jean Eustache oder Jean-Luc Godard.

Die letzte Frage: Stimmst du der Aussage von Mädchen aus Love zu, dass „es nichts Besseres gibt, als Sex nach dem Heroinkonsum?"
Ich weiß nicht, ob ‚es nichts Besseres gibt', aber ich habe es ein paar Mal ausprobiert und es war jedes Mal sehr angenehm. Aber MDMA und Heroin zusammen sind noch besser. Es fühlt sich an, als ob man mit zwei Frauen auf einmal Sex hat, ich schwöre.

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Credits


Text: Piotr Czerkawski