was der csd mit der politik des feierns zu tun hat

Worum geht es beim CSD und wo liegen die Ursprünge?

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Juli 22 2016, 4:00pm

Selten ist es ruhig am Brandenburger Tor. Die Touristen, die Taschendiebe, die Fanmeile, die Pferdekutschen, die Demonstrationen, am Brandenburger Tor herrscht eigentlich immer Trubel. Das änderte sich mit der Mahnwache für die Opfer des Massakers in einem Schwulenclub in Orlando. Er herrschte auf Deutschlands bekanntesten Platz für eine Minute Ruhe. Der Verkehr brauste zwar weiter, aber Tausende Menschen bildeten eine riesige Trauergemeinde, die um ihre Brüder und Schwester aus Orlando trauert. Den Kopf nach unten gebeugt, Tränen flossen, Menschen jeder sexuellen Orientierung haben sich solidarisch die Hände gehalten. Der US-Botschafter und Stimmen aus der Community sprachen. Kerzen wurden angezündet.

Nach einem der schlimmsten Anschläge auf die weltweite LGBT-Community stellt sich zum CSD eine Frage: Können wir noch feiern, ja, müssen wir sogar gerade deswegen feiern?

Heute gehören die Berliner Straßen den Tunten, den blonden Twinks, den Hardcore-Lesben, den Muskelmännern, den Ledertrinen, kurz der LGBTQ-Community. Die Bässe werden wieder über den Kudamm, den Nollendorfplatz, an der Siegessäule und auch am Brandenburger Tor die Szenerie beschallen. Es wird wie immer reichlich Alkohol fließen. Wir demonstrieren und feiern. Es wird den Opfern dieses Hassverbrechens gedacht, ebenso wie den Opfer vergangener Hassverbrechen. Aber der CSD ist eben auch eine ausgelassene Party, ein bittersüßer Moment des Triumpfs der LGBT-Community. Von Anfang an war der CSD eine politische Party der queeren Community und das Politische wurde oft mit einer Party verbunden.

Gerard Koskovich, queerer Historiker, Kurator und Gründungsmitglied der GLBT Historical Society in San Francicso sagte i-D: „Historisch gesehen ist die queere öffentliche Kultur als Symbiose entstanden. Es wurde getrunken, gefeiert und für unsere Rechte gekämpft. Die Anfänge der modernen Schwulen- und Lesbenbewegung liegen in vielen westlichen Ländern in den Kämpfen gegen staatliche Verbote. Sie wollten uns verbieten, dass wir uns in Bars und Clubs treffen und Sex haben." Queerer Aktivismus hat immer wieder die konservative Vorstellung abgelehnt, dass Politik bieder und ernst sein muss. Partys waren seit jeher ein politisches Zeichen.

Stonewall, der angebliche Geburtsort der queeren Bewegung im Westen, war ein Aufstand, der als Demonstration gegen Polizeigewalt gegen Barbesucher aus der LGBT-Community anfing. Diese Homos—People of Color und Weiße—haben ihre Freiheit verteidigt: ihr Recht sich zu treffen, zu tanzen, zu leben und zu feiern. Zwar werden die Stonewall-Aufstände als Geburtsstunde der Schwulenrechtsbewegung bezeichnet, aber es gab schon Jahrzehnte davor Schwulenrechtsaktivisten. Wenn Stonewall aber eins war: die Geburtsstunde eines LGBT-Bewusstseins. Ein Bewusstsein, das koordiniert und verteidigt werden musste.

Der Christopher Street Liberation Day (deswegen die deutsche Bezeichnung Christopher Street Day) im darauffolgenden Jahr sorgte für Schlagzeilen. Schwulengruppen in den USA und auf der ganzen Welt formierten sich und der Anfang für Gay Pride war gelegt. Kurz darauf formierte sich der Widerstand und er war mächtig. Die rechten Heteros der Moral Majority verfolgten ein Ziel: Sie wollten uns aus den Schulen vertreiben, uns aus unseren Wohnungen vertreiben, uns unsere Jobs wegnehmen, uns den Zugang zum Gesundheitswesen verweigern und so weit sie konnten unsere Menschenrechte beschneiden. Das bedrohte die junge Schwulenrechtsbewegung. Doch unter all dem politischen Widerstand von rechts verbreitete sich etwas viel Gefährlicheres: ein Virus. Ein Virus, der die sexuelle Freiheit zum Totengräber einer lebendigen Community machen sollte. Und ein Virus, der sich so weit verbreiten konnte, weil die Reagan-Regierung schwieg. 1981 war das Geburtsjahr der Aids-Krise.

In den 15 Jahren, die vergingen, ehe ein wirksamer antiretroviraler Wirkstoff gefunden wurde, starben Hundertausende von uns. Über 35 Millionen Menschen starben weltweit. Ganze Viertel wurden von dem Virus regelrecht ausgerottet. Bestattungsinstitute lehnten Beerdigungen ab, aus Angst vor Ansteckung. Polizisten trugen Handschuhe, wenn sie uns Homos abführten, aus Angst vor unserem dreckigen Blut. Aids hieß anfangs GRID (Gay-Related Immune Deficiency) und in New Yorker Krankenhäusern wurde dazu auch WOGS (Wrath of God Syndrome) gesagt: der Zorn Gottes. Aids wurde als gerechte Pest für die Schwuchteln angesehen. Eine Pest, die die heterosexuelle Öffentlichkeit endlich von den Schwuchteln säubert und befreit.

„Das war ein Holocaust", erinnert sich Jason Jones, LGBT- und Menschenrechtsaktivist aus Trinidad und Tobago. Doch die Leute ließen sich nicht unterkriegen und hörten erst recht nicht auf zu feiern. Mit vereinten Kräften kämpften sie gegen die schwulenfeindliche Unterdrückung und gegen einen tödlichen Virus. ACT UP (The Aids Coalition to Unleash Power) veranstaltete wütende Proteste und war in queeren Clubs auf der Suche nach Spendern. Die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz, ein Orden aus Dragqueen-Nonnen, kümmerte sich um die Sterbenden und sorgte für die Abertausenden in Not für Hoffnung und Liebe. Es wurden Spendensammelaktionen wie der Life Ball oder die AmFAR Gala ins Leben gerufen, um dringend benötigte Spenden zu sammeln. Weltbekannte Kreative wie Jean-Paul Gaultier und eine Reihe weiterer haben mitgeholfen.

Die Aids-Krise ist nicht vorbei. In Berlin ist die Anzahl der Neu-Infektionen immer noch hoch. In Afrika sterben jedes Jahr immer noch Zehntausende daran. Der Fokus hat sich verschoben. Mit den Rechten im Westen brach eine Welle der Partys los. In all ganzen Jahren waren die CSDs immer ein Seismograf der Entwicklung der LGBTQ-Community. Es wurde Erreichtes gefeiert und Nicht-Erreichtes gefordert. Die CSDs sind ein festes Datum im Kalender der queeren Community und jedes Jahr wurde jeder Widrigkeit getrotzt. In Berlin feiern wir heute den 38. CSD.

Jedes Jahr wird wieder aufs Neue gemeckert, dass der CSD zu unpolitisch, zu kommerziell und eigentlich keine Demonstration mehr sei. Oder kurz gesagt: eine frivole Party für eine Community, die ihre Wurzeln vergessen hat. Dieser Politik-oder-Party-Gegensatz ist falsch. Die politische Offenkundigkeit des CSD ist seit jeher im Fluss. Wie Gerard Koskovich erklärt: „Der CSD ist ein kulturelles Ereignis, das in einem Jahr zahm sein kann und im nächsten Jahr dafür extrem politisiert ist."

Zweifel, ob internationale Großkonzerne Sponsoren sein dürfen, sind berechtigt und Kritik hat ihre Berechtigung. Die Perspektive ist für Jason Jones dabei entscheidend: „In meinem Heimatland Trinidad und Tobago könnten wir niemals einen CSD auf den Straßen haben: Wir würden körperlich angegriffen werden." CSD wie die Umzüge der Schwarzen auf der ganzen Welt sind eine Zelebrierung von Identität sagt er weiter: „Das ist der Tag, an dem man sein Schwulsein, sein Lesbischsein, sein Bisexuellsein, sein Transgendersein vollends ausleben kann und beschützt wird. Ein Tag, an dem man mit seinem Partner auf der Straße Händchen halten kann. Auf derselben Straße, auf der man die restlichen 364 Tage das nicht kann, ohne Angst haben zu müssen, anders geht oder sein gebrochenes Handgelenk versteckt. Das ist der Tag, an dem wir uns nicht verstecken müssen. Diese Freiheit wollen Leute feiern." Und das sollten sie auch.

Die CSDs wurden und werden immer kritisiert, von radikalen queeren Leuten und von Konservativen gleichermaßen, dabei variiert die Glaubwürdigkeit der Kritik. An den Feierwütigen perlt sie ab. Wenn ein Mythos ein für alle Mal beseitigt werden muss, dann der: Dass Feiern nicht politisch ist.

Wie Gerard Koskovich abschließend erklärt: „Das Recht auf Spaß wurde eine politische Forderung. Die Erfüllung von Verlangen wurde ein politischer Akt an sich. Ob sie es realisieren oder nicht: Die heutige LGBT-Generation steht in dieser Tradition". Eine Tradition, die wir nicht sterben lassen können und nicht dürfen. Happy CSD!

Credits


Text: Edward Siddons mit Material von Michael Sader
Foto: Eliie Smith