vetements ist mehr als demna gvasalia: diese leute stecken hinter dem angesagten label

Zum ersten Mal überhaupt tritt das ganze Vetements-Team ins Rampenlicht. Wir haben sie in ihrem Pariser Studio besucht und stellen euch die Designer um Demna Gvasalia vor.

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Juni 10 2016, 8:35am

Im April 2016 hat Vetements eine E-Mail von einem Mann aus Stuttgart erhalten, der den Polizei-Trenchcoat aus der Frühjahr-/Sommerkollektion 2016 gekauft hatte. „Er war im Park oder im Wald unterwegs", erklärt mir Demna Gvasalia, „und wurde dann von der Polizei verhaftet. Er verbrachte zwei Stunden in Gewahrsam und wurde verhört." Kein deutsches Gesetz schützt markenrechtlich das Wort Polizei, aber davon ließen sich die Behörden trotzdem nicht abgehalten. „Die Polizei hat seinen Trenchcoat konfisziert und wir haben ihm einen neuen geschickt. Ich weiß nicht, wie viele Leute in Deutschland noch deswegen festgenommen werden, denn die Trenchcoats waren sehr schnell ausverkauft", sagt Demna mit einem Lächeln. 

Seit der Gründung von Vetements im Jahr 2014 ist dem Creative Director wichtig zu betonen, dass er Kleidung um der Kleidung willen macht. Doch Vorfälle wie der in Stuttgart zeigen, welchen Einfluss das Label weltweit hat, auch wenn sie solche Ereignisse nicht bewusst forcieren. „Ich finde es toll, dass dieser blöde Trenchcoat diese Debatte auslöst", sagt er. „Schau dir Paris an. Du gehst in ein Einkaufszentrum und wirst durchsucht. Das ist unglaublich. Daran haben wir nie gedacht, als wir die Security- und Polizei-Prints gemacht haben. Aber im heutigen Kontext ergeben sie Sinn." Mit den grafischen Statements und dekonstruktivistischen Designs hat Vetements in nur vier Saisons die globale Stimmung so eingefangen, wie kein Label davor. Bei den Fittings bringt Demna und jeder seiner sieben Designer und Designerinnen, die alle aus anderen Teilen der Welt kommen, seine und ihre eigenen Gedanken und Assoziationen über dasselbe Design mit in die Diskussion ein. So entsteht ein Designansatz, der überall auf der Welt verstanden wird und Vetements zum weltweiten größten Modephänomen des Internetzeitalters gemacht hat. In einer Saison, die durchzogen war vom Verlangen nach globaler Verbundenheit und sich zuspitzenden politischen Krisensituationen—von der europäischen Flüchtlingsproblematik über amerikanische Kriegsrhetorik bis hin zur zunehmenden Kluft zwischen Links und Rechts—, steht kein Studio so sehr für die Idee einer globalen Nation wie das Pariser Label Vetements. Ihr Hauptsitz befindet sich in einem vierstöckigen Gebäude im Pariser Multikulti-Viertel, dem 10. Arrondissement, und somit ein starker Kontrast zur bürgerlichen Rive Gauche, in dem Demna die andere Hälfte der Woche als Creative Director von Balenciaga verbringt. Im obersten Stock sitzt sein CEO, sein jüngerer Bruder Guram Gvasalia, der mehrere Business-Abschlüsse absolviert hat und der sich um die wirtschaftliche Seite von Vetements kümmert.

Maja Weiss

Alain Philippe

„Ein Modelabel besteht aus zwei Komponenten: die kreative und die geschäftliche Seite. Das sind zwei Seiten derselben Medaille. Die eine kann ohne die andere nicht existieren. Innovatives Design braucht innovative Businessstrategien, um eine Erfolgsgeschichte zu werden", sagt er. Der gerade mal 30-jährige Guram, der bereits für Burberry gearbeitet hat, ist mit einer bahnbrechenden Umstrukturierung des Modesystems für Vetements ins Jahr 2016 gestartet. Während der Haute-Couture-Woche wird Vetements seine RTW-Menswear und Womenswear in einer Fashionshow präsentieren und die Kollektionen nach dem See-now-buy-now-Konzept verkaufen. Einerseits um die die global agierenden Plagiatoren bei den Verfügbarkeiten zu schlagen und andererseits auch, um das Momentum der Vetements-Ästhetik in allen Aspekten der Marke widerzuspiegeln. Für die Spring-/Summer-17-Kollektion hat er mehrere Kollaborationen mit namhaften Herstellern der Branche eingefädelt.

In Bildern: Die Vetements Nation

Demna wurde 1981, Guram fünf Jahre später, in der damaligen Sowjetunion, in der Region Abchasien in der Teilrepublik Georgien geboren—eine Region, die seit 1993 international nur von wenigen Staaten als eigenständiger Staat anerkannt wird. Nur zwei Jahre nach dem Ende des Eisernen Vorhangs brach 1991 in ihrem Geburtstort Sochumi ein Bürgerkrieg zwischen Separatisten und dem ethnischen Georgien, zu denen die Familie Gvasalia gehörte, aus. Ihr Vater, dem ein Autohaus gehörte, schloss sich dem Militär an und als die Separatisten 1993 in die Stadt einfielen und eine ethnische Säuberung durchführten, musste die Familie in den Kaukasus fliehen. „Wir konnten das Gebirge nicht passieren, weil unsere Oma dabei war und sie nicht so gut laufen konnte. Meine Mutter hat dann eine Kalaschnikow für ein Pferd verkauft, auf dem meine Oma und Guram sitzen konnten", erinnert sich Demna. „Mein Vater ist zu Fuß durch die Berge, weil er wusste, dass wir nicht die ganze Strecke schaffen würden. Es sind Leute auf dem Weg gestorben. Nachdem wir eine Woche gewartet hatten, haben uns mein Vater und mein Onkel gefunden. Sie hatten sich einen Helikopter gemietet. Es war wie im Film. Sie haben uns in den Helikopter geworfen, der schon voll mit Flüchtlingen war, und wir wurden ausgeflogen. Das war Gurams achter Geburtstag." 

Die Familie ließ sich danach in Tiflis nieder und zog schließlich in die Ukraine. „Ich musste auf eine ukrainische Schule gehen, obwohl ich die Sprache gar nicht gesprochen habe. Ich musste mich Vielem anpassen. Und wir hatten nichts, außer einem Fotoalbum."Die Familie Gvasalia ist dann weiter nach Russland gezogen und kam schließlich nach Düsseldorf, als Demna 18 Jahre alt war. „Das hat mich und Guram geprägt. Er war sehr jung. Manchmal denke ich, dass er sich mehr an die Zeit erinnert als ich. Man härtet ab. Mein Vater hat uns erzählt, dass er uns umbringen müsste, wenn sie uns fassen, damit wir nicht von ihnen gefoltert werden." Nachdem er in Westeuropa angekommen war, wurde er von einem regelrechten Kultur-Overload erfasst; ein Umstand, der Jahre später zur Gründung von Vetements beigetragen hat. „Es ist ein wirklich schlechter Vergleich: Aber es ist so, als ob du im Gefängnis sitzt und 20 Jahre lang keinen Sex hattest und dann freikommst und …", da muss er lachen. „Das war kulturelle Bulimie, einfach gesagt. Ich wollte Goth sein, ich wollte HipHop hören, Metal—plötzlich war alles möglich. Das hat meinen Designansatz geprägt. Er ist ein Flickenteppich aus vielen Einflüssen und nicht nur eine bestimmte Richtung. Wie ich mich damals angezogen habe, war komplett schwachsinnig. Schizophren. Deshalb kommen die Einflüsse bei Vetements auch aus so unterschiedlichen Richtungen.

Laura Tanzer

Diese Stimmungen und Gefühle führen oft zu (Fehl-)Interpretationen. „Das ‚You Fuckin' Asshole'-T-Shirt wurde oft kommentiert", sagt er und meint damit das Oberteil aus der Herbst-/Winterkollektion 2016. Wer ist damit gemeint? „Damit ist keine bestimmte Person gemeint. In meinem Privatleben gibt es aber viele Kandidaten, die dafür infrage kommen würden." Bis er 21 Jahre alt war, hat Demna in Deutschland BWL studiert, dann hat er sich dazu entschieden, „seinem Herzen zu folgen" und studierte Mode an der Königlichen Akademie in Antwerpen. Später folgten Jobs bei Walter van Beirendonck, Maison Martin Margiela und Louis Vuitton. „Als ich in Belgien gelebt habe, musste ich belgisch sein. Als ich in Deutschland gelebt habe, musste ich deutsch sein—was ich nie geschafft habe—, und der Umzug nach Paris war auch schwer. Ich habe es anfangs gehasst. Man passt sich aber dem Ort an, an dem man lebt und die Persönlichkeit wird zu einer Mischung aus all diesen Elementen." Das ist ein Charakterzug, der für sein internationales Designerteam wie ein Magnet gewirkt hat. Entweder sie können sich mit seinem, wie er es nennt, „zigeunerhaften" Background identifizieren oder mit der Idee, von einem Ort zu fliehen, oder eben nicht. Bei Vetements finden sie einen Ort der Vielfalt, an dem ihr einzigartiger, von ihrer jeweiligen Kultur geprägter Standpunkt, nicht nur etwas, sondern alles bedeutet.

Georg Naoum

Vetements ist nicht nur multikulturell, sondern auch multigender, multisexuell, multispirituell und hat viele Meinungen. „Woher ich komme?", fragt Laura Tanzer rhetorisch. „Überall her." Sie ist Designerin bei Vetements und wurde 1994 in Südafrika geboren. Ihre Eltern kommen aus Schottland und England. Aufgewachsen ist sie in der Schweiz, was „nett, aber langweilig" war, so die Designerin. „Die Vetements-Person ist die, die ich immer sein wollte, aber niemals war. Ich war zu Hause nicht die, die man als verrückt bezeichnen würde. Ich war einfach nur ein Jemand. Als ich hierher gekommen bin, hatte ich das Gefühl, dass ich dazugehöre." 

Für ihren Designerkollegen Georg Naoum geht die Freiheit, die er bei Vetements gefunden hat, noch tiefer. „Als Kind versuchen die Leute, dich immer in eine bestimmte Schublade zu stecken und wenn du nicht reingepasst hast, wirst du eben passend gemacht. Seitdem ich hier bin, habe ich das Gefühl, dass jeder dieses Trauma hinter sich lassen will." Georg wurde 1986 in Syrien geboren und ist als Christ aufgewachsen. Mit seiner Familie ist er im Alter von zehn Jahren nach Deutschland ausgewandert. Vetements sei ein sicherer Ort, an dem kulturelle und religiöse Grenzen nicht existieren würden, so Georg. „Wenn ich an Kleidern arbeite, ziehe ich sie mir an und spiele mit ihnen. Das ist so eine Art Therapie. Wir sind frei—und das fühlt sich unglaublich gut an. Das gibt mir unheimlich viel Kraft."

Aileen Klein

Georg studierte zusammen mit Aileen Klein in Berlin Modedesign, bevor sie Kollegen bei Vetements wurden. 1991 in einer konservativen, äußerst religiösen Kleinstadt in der Nähe von Köln geboren, unterscheidet sich Aileens Kindheit von denen von Georg und Demna. Dass das Multikulturelle so anziehend an Vetements ist, hat auch sie schnell angezogen. „Vielleicht liegt es an der fehlenden Vielfalt, die Leute im Zwischenmenschlichen erleben", erklärt sie. Die Suche nach gesellschaftlicher Akzeptanz ist nichts Besonderes in der Modebranche, doch nur bei Vetements wird die Herkunft zu einem Pluspunkt. Ständig werden die Designer ermutigt, ihre Herkunft praktisch einzusetzen, was auch immer ihre Erinnerungen sind. „Ich weiß, woran ich denke, wenn ich an pinke Hotpants denke. Und jemand aus Slowenien oder Belgien denkt völlig anders darüber. Am Ende wird daraus etwas, das viele Menschen anspricht. Es ist objektiver", erklärt Demna. „Jeder trägt das bei, wie er oder sie es von zu Hause kennt", ergänzt Laura. „Auch wenn keiner von uns wieder zu Hause leben möchte, ist unsere Herkunft uns allen sehr wichtig."

Matt Dyer

„Ich pflege immer zu sagen, dass Billy Elliot meine Geschichte erzählt, nur ohne das Getanze", sagt Matt Dyer, der am Central Saint Martins studiert und bei Vetements gerade ein Praktikum macht und vorher in einer Fleischfabrik in Barnsley gearbeitet hat, wo er 1992 geboren wurde. Dann ist er nach London gegangen und jetzt also Paris, die Stadt der Revolution. Es ist kein Zufall, dass gerade in der französischen Hauptstadt eine neue Moderebellion passiert. Robin Meason, Gründerin von RiTUAL PRojects und für die PR bei Vetements zuständig, wurde 1971 in Texas geboren und ist nach der High-School geflohen. „Ich wollte das Wort eigentlich nicht benutzen, aber, ja, so war es nun mal. Die Flucht vor der Kleinstadtmentalität des Wenn-du-anders-bist-musst-du-ein-Freak-sein. Es ist ziemlich bürgerlich hier, aber es ist eine große Stadt." In den letzten Jahren hat sie aber eine Veränderung in der überkorrekten und anständigen Attitüde der Pariser festgestellt. „Frankreich war ziemlich isoliert. Es gibt hier so eine lange, vom Wohlstand genährte Geschichte, dass die Leute sich gerne auf diesen Lorbeeren ausruhen. Unter jungen Franzosen sehe ich eine Änderung im Verhalten: mehr Vielfalt und weniger alte Pariser Attitüde."

Vincent Esclade

Vetements bietet nicht nur einen Zufluchtsort vor kleingeistiger Enge, sondern ist auch eine Zuflucht vor der konventionellen Modeindustrie, die die neue Generation nicht mehr erreicht. „Vetements ist nicht wirklich Anti-Establishment, weil wir im Establishment arbeiten, aber dieser modischen Modewelt habe ich mich nie verbunden gefühlt", so Vincent Esclade. Geboren wurde er 1988 in einem Pariser Vorort und studiert hat er in San Francisco, bevor er Teil des Designteams von Vetements wurde. Der soziologische Designansatz, eine Neuinterpretation der alten Idee „Klassiker mit einem Twist", hat bei ihm und der ganzen Internetgeneration der 90er Anklang gefunden. Für sie ist ein globaler Ansatz heutzutage eine Selbstverständlichkeit. „Jede Kultur ist im Internet zu finden", sagt Pzwerk Opassuksatit, die 1990 in Bangkok geboren wurde und die Image Designerin von Vetements ist. „Wir recherchieren auf Tumblr und in der superschnellen Internetwelt, passen es unserer Ästhetik an und geben es wieder zurück. Das ist eine Projektion der zeitgenössischen Kultur", sagt sie. „Ich liebe Justin Bieber, also dachte ich mir, dass wir einen grafischen Print mit ihm machen sollten. Das lieben wir und das ist unsere Kultur, die wir nur größer machen."

Pzwerk

Das ist natürlich mit einem gewissen Maß an Nostalgie verbunden. Da gibt es zum Beispiel den Hoodie mit dem Titanic-Filmposter aus der Frühjahr-/Sommerkollektion 2016 oder die Pentagramm-Bomberjacke aus der Herbst-/Winterkollektion 2016 mit dem Satz „Drink from me and live forever" auf dem Ärmel, der von Tom Cruise aus Film Interview mit einem Vampir stammt—Filme, die jeder Teenager aus den 90ern kennt. „Wir nehmen alles, was in unserer Jugend Kult war—Musik, Filme oder Mode—, und integrieren es in unsere Kollektionen. Die Leute können sich weltweit damit identifizieren", sagt Alain Philippe, der Supervising Designer bei Vetements. Er wurde 1989 in Hongkong geboren. Seine Eltern sind französischer und brasilianisch-dänischer Herkunft und 1997 ist die Familie nach Frankreich gezogen. „Bei Vetements geht es nicht nur um osteuropäische Kultur, alle Kulturen inspirieren uns", sagt er. Nach der Präsentation im März diesen Jahres wurde Vetements für die fehlende Vielfalt bei seinem zum Großteil aus osteuropäischen Models bestehenden Cast kritisiert. Für Demna, der zusammen mit der auch aus der Sowjetunion stammenden Stylistin Lotta Volkova für das Casting verantwortlich sind, war es ein Lernprozess.

„Ich glaube, dass wir einen sehr vielfältigen Cast hatten, eben nur nicht nach ethnischen Gesichtspunkten. Jetzt verstehe ich es aber und für mich war es eine gute Lektion. Wir sind mit dieser Kultur in der Sowjetunion aufgewachsen und mussten das Ganze niemals hinterfragen", erklärt er. „Das war absolut unterbewusst und ich habe nicht daran gedacht. Jetzt tue ich es aber. Das ist wichtig, weil ich in Westeuropa lebe und ich eine Verantwortung für das Produkt habe, was wir auf der ganzen Welt vertreiben. Und ich lebe in diesem Viertel, das sehr vielfältig ist", sagt er und deutet nach draußen auf das 10. Arrondissement. „Ich möchte nicht, dass es so wirkt, als ob ich darüber nachdenke, weil es mir gesagt wird. Das ist etwas, was ich selbst gelernt habe. Das war nicht bewusst und nicht vorsätzlich—überhaupt nicht. Wir hatten so viele unterschiedliche Charaktere. Was sexuelle Identitäten angeht, glaube ich nicht, dass es andere gibt, die so vielfältig sind wie. Aber es stimmt, dass es gewisse Aspekte gibt, über die ich vorher nicht nachgedacht habe und ich weiß ich jetzt um sie. Aber noch einmal: Ich werde mich nicht zwingen lassen, so was zu tun, nur weil es andere Leute von mir erwarten. Es gibt Modeschauen, in denen es Models aus drei unterschiedlichen Ethnien gibt und ich glaube, dass das nicht gut ist, weil es nur ein Runterrattern ist", sagt er.

Robin Meason, Vetements PR

„Vetements ist so vielfältig, wie man nur sein kann: was sexuelle Identitäten, unterschiedliche Hintergründe und Kulturen angeht", antwortet Paul Hameline bei Drinks im Le Marais mit Clara Deshayes—auch bekannt als DJ Clara 3000. 1996 wurde er „um die Ecke" geboren, ging kurz aufs Internat Aysgarth in Nordengland und verkürzte danach sein Studium in der Schweiz, um nach Paris zurückzukehren, wo er schließlich Teil von Demnas facettenreicher, globaler Gang wurde und als Model und Künstler arbeitet. Momentan ist er das gefragteste männliche Model, auch wenn er sagt, dass er nur mit Freunden zusammenarbeitet. „Es gab nichts, was uns irgendwie inspiriert hätte, also haben wir uns entschieden, das selbst in die Hand zu nehmen", erinnert er sich und erzählt, dass alles mit einer Party von ihm und Lotta Volkova in seinem Keller angefangen habe. „Wir haben alle unsere eigene Arbeit, aber wir helfen uns gegenseitig. Das funktioniert wie ein Uhrwerk." Weder er noch Clara sind osteuropäisch. Sie wurde 1989 in Versailles geboren. Trotzdem wurden sie zu den Gesichtern der aktuellen Ostblock-Welle in der Modewelt. „Für unsere Eltern, die mit der Einteilung in West und Ost aufgewachsen sind, gab es immer die Unterscheidung zwischen Gut und Böse", erklärt Clara. „Das ist bei uns nicht mehr so." Sie ist im Moment die gefragteste DJane in Paris und bastelt die Soundtracks für die Schauen von Vetements und Balenciaga.

„Ich habe keine Vorurteile. Seitdem ich klein bin, treffe ich alle möglichen Leute", sagt Maud Escudié, Tätowierin und Demnas Full-Time-Model für Vetements und Balenciaga. Sie wurde 1990 in Toulouse geboren und ist in Mauretanien, dem Senegal und Togo mit ihren Diplomateneltern aufgewachsen. „Wir sind eine Gruppe, die Entscheidungen durch gegenseitigen Austausch trifft. Jede Person ist anders und jeder denkt anders, und darin liegt die Kraft dieser Bewegung." Der Erfolg der Ostblock-Welle, deren Aushängeschilder Demna, Lotta und der russische Designer Gosha Rubchinskiy sind, schreibt sie der kulturellen Haltung dieser Generation zu. „Sie sind sehr offen und sie arbeiten sehr hart. Sie sind sehr intensiv und stark, was vielleicht damit zu tun hat, wie sie aufgewachsen sind. Es ist sehr interessant, in ihrer Nähe zu sein", sagt Maud. „Jemand hat mal geschrieben, dass Lotta, Gosha und ich mit Kinderpornos und Tschernobyl-Strahlung aufgewachsen sind und deswegen so abgefuckt sind", sagt Demna lachend. Für die Vetements-Designerin Maja Weiss, die 1982 in der slowenischen Stadt Črnomelj geboren wurde und Demna auf der Königlichen Akademie kennengelernt hat, steht die Ästhetik des Labels auf eine gewisse Weise für eine Art Heimkehr.

„Zum ersten Mal konnte ich wirklich ausdrücken, woher ich komme. Als ich in Antwerpen studiert habe, hatte ich das Gefühl, dass meine Ästhetik hinterfragt wurde, weil sie nicht von dort stammte." Zwar galt Slowenien als das offenste Land im Sowjetreich, ihren Eltern gehörte ein international operierendes Unternehmen, doch Majas Kindheit war vom Regime beeinflusst. „Zu Hause wurde mir beigebracht, Autorität zu hinterfragen, und selbstständig zu denken. In Jugoslawien hatten die Leute die Wahl, aber man wurde immer noch argwöhnisch betrachtet, wenn man mehr als der Durchschnitt verdient hat. Es war völlig normal, dass wenn man sich ein neues Auto gekauft hat, die Polizei das Haus durchsucht hat und wissen wollte, woher das Geld dafür kommt. Die aktuelle Ostblock-Welle ist für sie keine blauäugige Nostalgiewelle, sondern eine ehrlich gemeinte Form der Wertschätzung. „Die Idee dahinter war gut, wie das System theoretisch funktioniert hätte. Und ich glaube, dass es bis zu einem gewissen Grad auch funktioniert hat. So sind wir einfach und das ist die Ästhetik, mit der wir aufgewachsen sind, die einfach viel dunkler und härter ist. Wenn man einen anderen Teil der Welt besucht, vermisst man das."

„Ich denke, dass es auch eine Reaktion auf bestimmte politische Entwicklungen in der Region ist", sagt Demna. „Sie ist uns jetzt näher als es zu Zeiten der Sowjetunion war. Es ist nur natürlich, diese Bewegungen jetzt zu haben." Er will, dass wir den Zeitgeist nicht als Nostalgie trivialisieren, sondern es aus einem osteuropäischen Blickwinkel betrachten. „Alles kommt da ein bisschen später und verzögert an. Die ganzen Anti-Stimmung und die Meinungsbildungen findet dort jetzt statt—20 Jahre später." So gesehen kann die Ostblock-Welle als Form des neuen Dekonstruktivismus in der Mode interpretiert werden, und Vetements ist das führende Label dieser Bewegung. Demna vergisst dabei aber nicht zu erwähnen, dass es das Erbe von Martin Margiela ist, für den Demna zwischen 2009 und 2012 gearbeitet hat. „Es geht viel um die Angst von Teenagern und das Hinterfragen der Welt, in der wir leben. Und auf unterschiedliche Art und Weise hinterfragt Vetements die Modewelt, in der wir leben", ergänzt Maja. Die Aura einer globalen Brüderschaft und des Multi-Alles, die das Label umgibt, ist symptomatisch für die neue Generation von Modekonsumenten, für die das Neue und das Jetzt alles bedeutet.

„Das Jetzt hat alles verändert", sagt Guram zusammenfassend über seine Strategie hinter Vetements. „Social Media hat unsere Wahrnehmung von Realität verändert. Bildschirme werden sekündlich mit neuen Informationen aktualisiert. Unsere Aufmerksamkeitsspanne ist extrem kurz geworden. Die junge Generation investiert heute lieber in einen angesagten Hoodie als in ein Haus, was man vielleicht mal in 20 Jahren hat. Die Zukunft ist so weit weg: Was wirklich zählt, ist die Gegenwart." Für die Gvasalia-Brüder, ihr Design-Team und die illustre Kreativen-Gang ist die globale Nation bereits heute Realität. „Ich glaube, dass die Kulturrevolution schon im Gang ist", sagt Demna zum Schluss. „Die neue Generation hat ihre eigenen Konzepte und Prinzipien. Sie ist so stark, weil sie so gut informiert ist. Alle sind so intellektuell. Meine Generation war im Vergleich dazu ziemlich bescheuert—die MySpace-Generation", sagt er lächelnd. „Ich hatte einen Pager! Kannst du dir das vorstellen?"

Hier findest du alles aus unserer The Futurewise Issue.

Credits


Text: Anders Christian Madsen
Fotos: Willy Vanderperre
Fashion Director: Alastair McKimm
Übersetzung aus dem Englischen: Michael Sader
Haare: Anthony Turner at Art Partner
Make-up: Lynsey Alexander at Streeters for Estée Lauder Make-up
Nägel: Anatole Rainey at Premier verwendet Chanel Le Vernis und Body Excellence Hand Cream
Licht: Romain Dubus
Fotoassistenz: Corentin Thevenet, Mickael Bambi
Digitaltechnik: Henri Coutant at Dtouch
Stylingassistenz: Lauren Davis, Sydney Rose Thomas, Louise Mast
Haarassistenz: Eliot McQueen, Yusuke Tanigushi
Make-up-Assistenz: Shelley Greenhalgh, Kana Nagashima
Produktion: Floriane Desperier at 4Oktober
Produktionsassistenz: Clement Camaret
Models: Pzwerk. Maja Weiss. Robin Meason. Laura Tanzer. Georg Naoum. Matt Dyer. Alain Philippe. Vincent Esclade. Aileen Klein.
Kleidung: Vetements Herbst/Winter 16.
Lede-Collage: Tereza Mundilová