„wenn du marques almeida trägst, bist du ziemlich sicher die coolste person im raum“

Das ist ein Zitat aus der neuen Kampagne von Marques Almeida, in der Freundinnen des Labels gefragt wurden, was für sie die Marke bedeutet. Was die beiden Designer dazu zu sagen haben und warum „ihre Girls“ so wichtig sind, haben sie uns im Interview...

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30 August 2016, 7:30am

Beim Namen stolpern die meisten schon. Bei dem Versuch, sie in eine Schublade zu stecken, alle. Marques'Almeida wurde von den gebürtigen Portugiesen Marta Marques und Paolo Almeida mit der Vision, den High-End-Fashionsektor zu revolutionieren, ins Leben gerufen. Mit ihren Damenkollektionen, geprägt von dekonstruiertem Denim, einem konstanten Spiel gegensätzlicher Silhouetten und der Zusammenarbeit mit Kunden und einem kreativen Netzwerk auf Augenhöhe, gehören sie nicht zu Unrecht zu den Lieblingen der Londoner—und internationalen—Modeszene.

Vergangenen Donnerstag war das Designduo in Berlin, um die Ankunft ihrer Herbst-/Winter-Kollektion im Voo Store zu feiern. Wir haben mit Marta und Paolo über ihre unkonventionellen Ansätze und ihre Definition von Weiblichkeit gesprochen. 

Marta Marques und Paolo Almeida, Foto: Angelo Pennetta / Styling: Victoria Young

Für eure letzte Show im Februar habt ihr fast gar keine professionellen Models gebucht, sondern Freunde und Kreative aus eurem beruflichen Netzwerk, die ihr zuvor auf Instagram vorgestellt habt, die Herbst-/Winterkollektion 2016 präsentieren lassen. Nun präsentiert ihr euer neues Lookbook in Form von kleinen Liebeserklärungen eurer Maques-Almeida-Girls. Was war eure Motivation dahinter?
Marques'Almeida: Wie sagen immer, wir sind besessen von unserem Girl: einem Mädchen mit echten Launen und einer Haltung. Für uns war es eine ganz logische Entscheidung, Mädchen, die Marques'Almeida authentisch verkörpern, für unsere Show auszuwählen. Die Auswahl bestand aus Kommoillitonen, die schon während unseres Studiums als Fitting-Models herhalten mussten, unseren ersten Kundinnen sowie den Journalistinnen, die uns als erste interviewt haben. Vom Londoner i-D Team waren übrigens auch zwei Girls dabei. Sie haben alle vieles gemeinsam. Wir lieben, was sie tun und die ganz individuelle Art und Weise, wie sie unsere Kleidung tragen. Jede einzelne von ihnen öffnet uns eine komplett neue und reale Welt an Möglichkeiten und inspiriert uns für unseren weiteren Schaffensprozess.

Sofia

Ihr müsst aber bestimmt schon ein Bild von einer Frau im Kopf gehabt haben, bevor ihr euer erstes Kleidungsstück entworfen habt. Wie hat sie ausgesehen?
Marta: Für uns war sie immer eine unbemühte Person, die nicht versucht, irgendwo reinzupassen, sich gerne mal widersetzt und gegen den Strom schwimmt, dabei aber nicht laut oder provokant sein muss. Vielleicht eine Kristen Owen in einem Tanktop und Galliano-Rock. Die Ästhetik der Vintage-Supermodels der Neunziger und hat uns generell stark beeinflusst.

Apropos Supermodels: Ihr entwerft bis dato ausschließlich Damenmode, eure Designs sind aber nicht unbedingt weiblich im konventionellen Sinn. Was bedeutet Feminität für euch?
Paolo: Wir hatten immer schon einen ziemlich eigene Vorstellung von Femini..tät [Paolo verspricht sich und lachtSiehst du, ich hadere schon mit der Aussprache. Ich würde sagen, es ist die Mischung aus dem Charakter und einem konstanten Wechsel von Silhouetten.
M: Wir lieben die Kombination aus einem Oversized-Hoodie und einem nuttigen Minirock.

Kitty

Ihr seid beide in Portugal, Paolo auf dem Land und Marta in Porto, ziemlich weit entfernt von jeglichem Modekontext aufgewachsen. Woher kam euer Interesse und Ambition für Modedesign?
P: Für mich war immer klar, dass ich etwas im Designbereich machen möchte. Zuerst wollte ich Architekt werden, da Architektur in Portugal viel relevanter und präsenter ist. Ich habe aber schnell realisiert, dass ich lieber etwas entwerfen möchte, das nicht erst nach vier, fünf Jahren umsetzbar ist.
M: Bei mir war es ähnlich. Modedesign hat mich immer schon interessiert, aber ich habe mit Grafikdesign angefangen, da es sich ein bisschen mehr wie ein echter Job angefühlt hat. [Lacht]

Trotzdem habt ihr euch beide für den Mode-Bachelor-Studiengang in Portugal angemeldet und euch im Anschluss wurdet ihrs beide für den Master-Studiengang am Central Saint Martins angenommen. Wann wusstet ihr denn, dass ihr zusammen ein Label gründen möchtet?
M: Als wir unsere Masterkollektion konzipieren sollten, dachten wir, es wäre ein guter Testlauf für uns. Wir gingen ganz schüchtern auf unsere Tutoren zu und fragten: „Ist das möglich? Hat das jemals jemand vor uns gemacht?" Am Central Saint Martins geht es darum, das zu finden und umzusetzen, was für einen selbst relevant erscheint. Für uns war das eben, unter anderem, die Zusammenarbeit. Also bekamen wir unser OK. Und den Startschuss für Marques'Almeida.

Über das Studium am CSM wird viel erzählt. Die Geschichten klingen oft überzogen, ein bisschen wie urbane Mythen.
M: Ich glaube nicht, dass da irgendetwas mythisch oder unwahr ist, um ehrlich zu sein. Wenn wir mit unseren ehemaligen Kommilitonen zusammensitzen, fühlt es sich oft an wie ein Kreis von Kriegsüberlebenden. [Lacht] Die Schule hat den Grundstein gelegt für das, was wir heute machen, aber es war schon verdammt hart. Man musste bereit sein, jeden Funken Energie im Kopf und im Körper in dieses Studium zu stecken.

Jessy

Wer waren eure persönliche Designerikonen?
M: Comme des Garçons, definitiv.
P: Bei mir war und ist es der junge Helmut Lang. In den letzten Jahren sind Nicolas Ghesquiere und Raf Simons dazugekommen.

Ihr habt 2011 eure erste Kollektion fast ausschließlich mit Denim gelauncht und bis heute ist es das vorherrschende Material in euren Kollektionen. Wieso habt ihr euch damals dafür entschieden?
MA: Uns war von Anfang klar, dass wir uns im High-End-Sektor ansiedeln wollen, gleichzeitig aber unsere Generation ansprechen und deswegen genug Raum für Individualität anbieten möchten. Denim ist das beste Material dafür. Man fühlt sich fantastisch in Denim, spürt zugleich aber jeden Schritt des Herstellungsprozesses und seine eigenen Abenteuer an und in ihm.

Wie steht ihr zur neuen Slow-Fashion-Bewegung, die unter anderem von Raf Simons und auch Demna Gvasalia mit Vetements initiiert wurde?
MA: Es ist wichtig, dass die Branche nicht vergisst, den Designprozess an sich zu würdigen. Man sollte nichts tun, womit man sich unwohl fühlt. Es ist hart, einen allgemeinen Rhythmus für alle Modedesigner festzulegen. Wir machen mit den vorgegebenen Richtlinien so gut wir können mit, aber nur solange wir das Gefühl haben, dass wir in diesen Abständen auch etwas zu sagen haben. Ich glaube nicht, dass es das Ende wäre, wenn wir mal eine Saison auslassen. Das wäre nur menschlich. 

marquesalmeida.com

Jule

Rita

Credits


Text: Zsuzsanna Toth
Fotos: Via Marques Almeida