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people berlin: wie straßenkinder erneut zu modedesignern werden

Die Mitarbeit an einem gemeinsamen Modelabel hilft ihnen, wieder Struktur und Routine in ihren Alltag zu bringen. Wir haben uns die zweite Kollektion von People Berlin genauer angeschaut.

von Lisa Leinen
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23 August 2016, 1:15pm

Hast du dich schon einmal gefragt, was der Begriff Heimat für dich bedeutet? Ist es ein physischer Ort oder eher ein Gefühl, das dich überkommt, wenn du mit gewissen Leuten Zeit verbringst oder nächtelang durchredest? Bei der zweite Edition von People Berlin, ein Projekt der Hilforganisation Karuna e.V., Hilfe für Jugendliche in Not, bei dem die beiden Modedesignerinnen Eva Sichelstiel und Ayleen Meissner zusammen mit Straßenkindern Mode machen, geht es genau darum. „Wenn wir unser Zuhause verlassen, die Reise beginnen zu dem Ort, an dem das Meer über uns schwebt und wir auf den Wolken gehen. Es ist dieser Platz, diese fantastische Insel, auf der das Unmögliche möglich wird - wie Schnee im Sommer", heißt es im Kollektionstext. Die Kinder arbeiten zusammen mit den beiden Designerinnen nicht nur an den Kleidungsstücken, sondern sind auch in die ganze visuelle Umsetzung einbezogen.

Die zweite Edition trägt den Titel Edition 2_Schnee im Sommer und zu kaufen gibt es auch dieses Mal Kollektionsteile, die wir sofort tragen wollen: Jumpsuits, Kleider, Mäntel und Culottes in Creme-, Blau- und Grautönen, einfarbig oder mit bunten Prints versehen. Viele der Pieces kommen in Cut-Off-Optik daher, andere dagegen sehr schlicht, aber mit Augenmerk auf das Detail im Schnitt. Besonders angetan hat es uns der Jumpsuit, der aus verschiedenen Stoffen zusammencollagiert wurde und ein Rock, der auf den ersten Blick wie ein Oversized-Hemd in Wickeloptik aussieht. Löcher in Pullover und Jeans haben wir mittlerweile zu genüge gesehen, anders aber als viele große Modeketten, haben die Kids eine wichtige Botschaft, die sie mit ihren Entwürfen vermitteln wollen. Es geht ihnen um Freiheit, ums Ausbrechen, um das Durchatmen können, statt eingepackt zu werden. 

Für viele der Kinder ist People Berlin ein Schritt Richtung geordneterem Leben: So erzählt ein Mädchen, dass sie durch das Projekt ihre Motivation und Arbeitsbereitschaft wieder für sich entdeckt habe und nun eine Ausbildung zur Kosmetikerin beginnen werde, und ein anderes blickt auf ihre Vergangenheit voller Alkohol und Drogen zurück und ist sich sicher, dass die Mitarbeit ihr geholfen habe, wieder Struktur in ihr Leben zu bringen. Ihr nächster Schritt sei eine Therapie, auf die sie schon lange hofft. Ein Schritt, den M. bereits gegangen ist. „Meine Trauminsel ist ein ganzer Planet. Der Mond ist Mensch und die Sonne seine Mutter. Es gibt keine Kriege und alle sind nett zueinander", erzählt sie zum Thema Heimat. Nach einer schwierigen Kindheit, hat sie bei Eva und Ayleen und der Arbeit im Atelier den Halt gefunden, den sie lange verloren geglaubt hatte. Jetzt wird sie bald die Praktikantin des kleinen Labels. 

„Die Jugendlichen waren sehr misstrauisch gegenüber unserem Vorhaben, einen Laden in Mitte zu eröffnen, in einem Ihnen fremden Viertel. Das war uns klar, denn unser Projekt steht für eine Begegnung zwischen zwei verschiedenen Lebenswelten", erzählen Eva und Ayleen über den Pop-Up-Store, der den Höhepunkt der Zusammenarbeit bildet. Einige Teilnehmer werden zwar im Store arbeiten, deren Namen werden aber bewusst nicht mit der Öffentlichkeit geteilt. People Berlin versteht sich als Einheit, als Team, als Familie, die viele von ihnen nie hatten oder früh verloren haben. Mode kann sehr oft sehr oberflächlich sein, aber es gibt sie, die Projekte, bei denen sie wirklich Sinnvolles bewegen und anregen kann—People Berlin ist eines davon.

Credits


Text: Lisa Leinen
Fotos: Sebastian Mayer
Make-Up: Artur Galeno / Laura Sanson
Models: Lucy und Margaryta I Viva Models
Schuhe: People Berlin x Réka Tihanyi 
Zeichnungen: via People Berlin

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