„ein musikvideo nimmt sich heutzutage viel zu ernst“

„Ich hatte schon immer eine Faszination für, sagen wir mal, Internet-Trash oder, und das soll jetzt gar nicht negativ konnotiert sein, Datenmüll—einfach merkwürdige Sachen aus dem Internet.“ – Kurt Prödel und Timo Milbredt sind die kreativen Köpfe...

von Jan Wehn
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12 April 2016, 10:30am

Keine Frage: Die interessantesten deutschen Rap-Videos kommen derzeit von Timo Milbredt und Kurt Prödel. Während Milbredt in seinen Clips für LGoony, Crack Ignaz, Gold Roger oder Bambus auf klassisches Composing und raffiniertes Colourgrading setzt, bedient sich Kurt Prödel mit seinen Video-Collagen für Money Boy, MC Smook oder Juicy Gay am retro- und trashverliebten Zeitgeist.

Im gemeinsamen Interview erzählen die beiden von ihren Einflüssen, der Bedeutung von Money Boy für deutschen Rap und verraten, warum eine gute Post-Produktion ihrer Clips niemals länger als vier Stunden dauern darf.

Kurt, Timo, ihr wart gerade in Berlin und habt dort das Video zu WKM$N$HG" von Fruchtmax, Hugo Nameless und Juicy Gay gedreht.
Kurt Prödel: Das war mehr das Projekt von Timo. Ich habe nur hier und da ein paar Ratschläge gegeben. Aber ich hätte auf jeden Fall Bock, in naher Zukunft mal etwas gemeinsam mit ihm zu machen.
Timo Milbredt: Ja, definitiv. Das wäre dann sicherlich auch ein Musikvideo für Leute aus diesem Umfeld. Wenn man sehr lange verkopften Deutschrap gehört hat, dann sind Leute wie Juicy Gay einfach eine Offenbarung.
Kurt Prödel: Absolut. Ich spüre bei ihm, oder auch Haiyti, eine Frische und einen Humor—alles Sachen, die man bei eingerosteten Künstlern, die nur alle zwei Jahre ein Album bringen, vermisst.

Wie seid ihr beiden überhaupt dazu gekommen, Videos zu machen?
Kurt Prödel: Ich hatte schon immer ein großes Interesse für Fotografie und Bewegtbild. Das war bei mir die klassische Story: Ich hatte früh eine Kamera und habe verschiedene Sachen ausprobiert. Irgendwann habe ich dann angefangen, Filmregie zu studieren. Aus diesem Studium und der dortigen Arbeitsweise ist irgendwann der Wunsch gewachsen, etwas zu machen, dass das komplette Gegenteil ist. So ist dann das jetzige Projekt entstanden, bei dem akribische Vorarbeit total egal ist.
Timo Milbredt: Bei mir war es so, dass ich angefangen habe, Grafikdesign zu studieren. Im Studium konnte ich aber recht flexibel alles ausprobieren und auch Foto- oder Filmkurse belegen. Ein guter Freund von mir, Gold Roger, hat zu der Zeit beim Video-Battle-Turnier MOT mitgemacht und hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, seine Videos zu drehen. Ich habe dann alle seine Videos für das Turnier gedreht, wir haben gewonnen und sind auf dem splash! Festival aufgetreten. Danach kam Olski vom Kölner Label Melting Pot Music auf ihn zu und wollte ihn signen—und von da an habe ich die Videos für die MPM-Künstler übernommen. Seitdem hat sich mein Fokus auf das Videodrehen verschoben. Ein paar Grundlagen habe ich aus dem Studium schon mitgenommen. Den Rest habe ich mir dann eigentlich selbst und über das Schauen von Videos im Internet beigebracht.

Und wie ging's dann weiter?
Kurt Prödel: Das erste Video habe ich für Money Boy gemacht—und zwar zu dem Song „Im Herzen Rapper". Ich habe den Song gehört und war so geflasht, dass ich ein Found-Footage-Video geschnitten und dem Boy geschenkt habe. Ich mochte den Song, weil ich fand, dass man da mal ein bisschen unter die Oberfläche schauen konnte. Durch das Video ist dann MC Smook auf mich aufmerksam geworden und das Video zu seinem Song „Grinden mit Delphinen" wurde dann stilprägend für meine Arbeit. Ich hatte damals aber relativ wenig Zeit für das Projekt und habe MC Smook gebeten, dass er sich doch bitte vor einem aufgehängten Bettlaken filmen solle. Ein paar Stunden später hat er mir drei oder vier Takes, mit denen ich dann arbeiten konnte, geschickt. Generell funktioniert eine solche Arbeitsweise nur, wenn die Künstler Vertrauen in einen haben und bereit sind, etwas zu wagen.

Timo Milbredt: Wann war das denn, Kurt?
Kurt Prödel: Das war, meine ich, im Sommer 2014.
Timo Milbredt: Ich hatte das schon immer alles auf dem Schirm, aber habe das nie so intensiv gefeiert. Das erste Video von ihm, das mir richtig gefallen hat, war „High & Twisted", das ja auch von Kurt Prödel gemacht worden ist. Erst ab da habe ich mich mit der Musik von Money Boy und den Leuten um ihn herum beschäftigt. Ich habe mir dann die Discographie reingezogen und fand es echt geil.

Kurt, du hast gerade schon das Grinden mit Delphinen"-Video angesprochen. Wie bist du auf die Idee gekommen mit diesen Vaporwave- und Seapunk-Elementen zu spielen?
Kurt Prödel: Ich weiß auch gar nicht, wie man das alles genau nennt. Die Grenzen dieser Genres sind doch ohnehin sehr fließend. Ich hatte schon immer eine Faszination für—sagen wir mal—Internet-Trash oder, und das soll jetzt gar nicht negativ konnotiert sein, Datenmüll—einfach merkwürdige Sachen aus dem Internet. Ich mag zum Beispiel Tutorials für 3D-Freeware wie Blender, in denen Leute eine Schneelandschaft nachbauen und da richtig viel Arbeit reinstecken, es aber nach drei Monaten immer noch total bescheuert aussieht. Das fasziniert mich.

Timo, du hast eben schon gesagt, dass dir das Hight & Twisted"-Video von Kurt Prödel sehr gefallen hat. Warum?
Timo Milbredt: Es war einfach eine andere Ästhetik als das, was ich bis dahin aus deutschsprachigen Rap-Videos kannte. Mittlerweile gibt es eine Flut an Deutschrap-Videos und -Filmemachern und wenn da jemand seinen eigenen Style fährt, dann sticht er schnell aus dieser Masse hervor und man schaut sich seine Videos gerne öfter an.
Kurt Prödel: Ich habe an der Art, wie er das macht, sofort gesehen, dass es ein Video von ihm ist—und das finde ich gut. Als Kurt Prödel versuche ich auch, meinen Videos eine eigene Handschrift zu geben—genau so wie ein Musiker das tut und damit zeigt, dass er kein Dienstleister ist. Natürlich könnten wir ohne Probleme Sachen fett produzieren und ein klassisches Video draus machen. Das ist alles nur eine Frage des Budgets, aber wird jedoch niemals der Anspruch von Kurt Prödel sein.

Was ist denn in euren Augen das Problem an der Masse an Musikvideos, die ihr eben angesprochen habt?
Kurt Prödel: Heutzutage ist es beinahe schon Standard, dass zu einem Musikstück auch ein Video gedreht wird. Alleine durch Videobattle-Formate wie das VBT, MOT oder JuliensBlogBattle haben Videos einen viel größeren Einfluss bekommen. Dadurch wird nämlich binnen kürzester Zeit eine gigantische Masse an Videos produziert, die optisch und in ihrer Machart einen gewissen qualitativen Standard im Bezug auf die technische Umsetzung haben. Die Technik ist erschwinglicher geworden und das Drehen in einer großen Auflösung ist auch kein Ding mehr. Es fehlt jedoch total an unkonventionellen Ideen und dem Mut der Videomacher und der Künstler.

Welchem Standard?
Kurt Prödel: Einerseits dem optischen Standard, andererseits aber auch an anderen Dingen. Ein Musikvideo nimmt sich heutzutage viel zu ernst. Es gibt viel zu selten Clips, die eine ironische Haltung oder Humor erkennen lassen. Ich sehe da in erster Linie Produktionsfirmen, die versuchen, fette Videos zu drehen. Und verstehe mich nicht falsch, aber es gibt selbst bei Video-Battle-Turnieren originellere Videos, die von den Konzepten oft besser sind und selbst visuell mithalten können. Dabei muss bedacht werden, dass diese Videos für einen kleinen Bruchteil der Budgets der Produktionen hergestellt werden. Oftmals sogar ohne Budget. Da müssen die großen Namen einfach mal nachlegen. Die Jungs von The Factory sind ohnehin die einzigen in Deutschland, die es richtig drauf haben. Das sieht man in der Kameraarbeit, dem Licht, dem Schnitt und Inszenierung. Besonders fett: Das „Alpha"-Video.
Timo Milbredt: Es gibt natürlich fette Produktionen, hinter denen viel Geld steckt und die komplett geskriptet sind—das kann gut funktionieren. Aber sobald da nicht alles stimmt, geht die ganze Sache in die Hose. Ich kenne die meisten Leute, für die ich Videos drehe, in den meisten Fällen relativ gut oder wir sind sogar Freunde. Dadurch entwickelt sich beim Dreh eine krasse Eigendynamik, die es einem auch erlaubt, ganz ohne Plan oder nur mit eine paar Notizen an den Dreh heranzugehen.

Braucht man auch bessere Technik, um sich vom Rest abzusetzen?
Timo Milbredt: Jein. Ich arbeite teilweise aber auch mit Mini-DV-Kameras, die einen ganz eigenen, überhaupt nicht teuren Look haben. Das „Opernsänger"-Video von Yung Hurn haben die Live-From-Earth-Jungs zum Beispiel auch komplett mit einer Mini-DV-Kamera gedreht und das ist megageil geworden. Man braucht also nicht unbedingt neue Technik, aber es hilft natürlich dabei, sich von der Masse abzusetzen. Ich drehe gerade zum Beispiel mit einer 5D Mark 3. Das Video zu „Wie kann man sich nur so hart gönnen" von Juicy Gay, Fruchtmax und Hugo Nameless haben wir aber mit einer Blackmagic 4K gedreht. Ich möchte mein Game da auf jeden Fall ein bisschen upsteppen und dann versuchen, Mini-DV-Footage mit 4K-Bildmaterial gegenzuschneiden.

Kurt, was bei dir sicher aufwendiger ist, ist die Post-Produktion. Womit machst du die?
Kurt Prödel: Das mache ich mit Final Cut oder Premiere—je nach dem, wie mir gerade so ist. Wichtig ist vor allem, dass es schnell geht. Die Faustregel der Kurt-Prödel-Filmproduktion lautet: Zwei Stunden für den Dreh, nicht mehr als vier Stunden für die Nachbearbeitung—wobei das tendenziell fast schon zu lange dauert. Ich schneide meist so lange daran, wie ich Spaß habe, und wenn ich merke, dass die Energie raus ist, exportiere ich es, lösche die Projektdateien und dann ist das Video fertig. Dabei ist ganz wichtig, dass das fertige Video nochmal auf VHS überspielt und dann wieder digitalisiert wird. Vieles von dem, was ich mache, ist ja sehr collagenhaft. Das Überspielen und Re-importieren ist eine relativ einfache Methode, um das Ganze optisch zusammenzuschweißen. Außerdem bin ich einfach ein großer VHS-Fan.

Woher kommt denn dieses Faible für VHS-Optik und trashige Elemente?
Kurt Prödel: Ich weiß es nicht genau. Ich betrachte das Verwenden von seltsamen Grafiken und Videos ein bisschen wie das Sampling in der Musik. Durch das Einarbeiten in meinen visuellen Kontext bekommen die Videos, die irgendwann 2008 auf YouTube hochgeladen wurden und 124 Clicks haben, eine andere Bedeutung und werden unsterblich—und den Gedanken mag ich gerne. Auf dem Flohmarkt gibt es manchmal auch Dudes, die random Videokassetten verkaufen. Da kann alles Mögliche drauf sein, von Fernsehmitschnitten bis hin zu Privataufnahmen, da schlage ich dann gerne zu. Für das Mighty-Marines-Video zu „Abtauchen" habe ich zum Beispiel eine Super-8-Spule, auf der Urlaubsvideos von irgendwelchen Menschen aus den 70ern in Amerika waren, auf dem Flohmarkt gekauft. Die habe ich dann digitalisiert und an ein paar Stellen eingebaut. Wenn die nur wüssten.

Wir haben Crack Iganz und Wandl in Wien besucht.

Ebenfalls sehr trashig ist deine Twitter-Webvideo-Serie Kurt ihm sein Hund". Wie kam es dazu?
Kurt Prödel: Ich habe einfach eine Faszination dafür und mir irgendwann gedacht, ich müsste doch mal mehr eigene 3D-Modelle benutzen. Also habe ich mir eine alte Software, mit der man Figuren animieren und verformen kann, besorgt und habe angefangen, mit einem Hund herumzuspielen und die Videos bei Twitter gepostet. Dazu kommt, dass ich in der Form narrativ arbeiten kann und kleine Geschichten erzählen kann.

Außerdem arbeitest du gerade noch am längsten Musikvideo der Welt, oder?
Ja, ich habe ein circa 29 Stunden langes Money-Boy-Musikvideo geschnitten, das alle seine Mixtapes bis Heatwave visualisiert. Das ist eine große Found-Footage-Collage und vielmehr ein Datenexperiment. Es ist geplant, das Video Ende April auf einer Kurt-Prödel-Ausstellung am Stück zu zeigen und später online zu veröffentlichen.

Im Interview mit Markus und Michael Weicker, den kreativen Köpfen hinter The Factory, haben wir uns über neue Impulse, die richtige Bildkomposition und ihre Leidenschaft für deutschen Rap unterhalten.

Es wurde in den letzten Jahren ja immer von Humor und Selbstironie im Rap geredet. Aber letztendlich war das auch nur die kalkulierte Konstruktion eines Images.
Kurt Prödel: Ja, absolut. Es gab ja Leute wie Kollegah, die sich in ihren Blogs immer von ihrer lustigen Seite gezeigt haben, die jedoch in den Blogs und Spaßsongs halt völlig überstrapaziert wird und einfach für jeden zugänglich gemacht wird. Aber das hat mich null gereizt und war nicht die Art von Humor, die man bei Künstlern, von denen wir eben gesprochen haben, wiederfindet. Bei denen ist es eine ganz andere Haltung—oder vielleicht überhaupt eine Haltung—zur Musik und zu ihrer Kunst. Viele neue, junge Rapper haben den alten Hasen in diesem Genre sehr viel voraus.

Für wen würdet ihr denn gerne mal ein Musikvideo drehen?
Timo Milbredt: International würde ich gerne mit Drake, James Blake oder Juelz Santana zusammenarbeiten. Bei den deutschen Künstlern würde ich am liebsten mit Celo & Abdi drehen, da ich deren Humor abfeiere und es dadurch am Set vermutlich auch sehr entspannt sein dürfte.
Kurt Prödel: Puh. Ich würde sehr gerne ein abgedrehtes Video für Haftbefehl drehen. Oder einen Clip für Nickelback, aber nur wenn Avril Lavigne auch mitspielt. Sind die eigentlich wieder zusammen?

@timomilbredt

@kurtvideo

Credits


Text: Jan Wehn

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