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wie junge künstler auf den aufstieg von pegida & co. reagieren

Die Radikalisierung Deutschlands keimt nicht erst auf, sondern wuchert gerade um sich. Darauf reagiert auch die Kunst. Wir haben uns mit in Deutschland lebenden Künstlern unterhalten, wie sie mit dieser Problematik umgehen.

von Stefanie Schneider
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08 Februar 2016, 1:55pm

Foto: Dies Irae

Der Hass, so erschreckend es ist, hat in Deutschland derzeit Konjunktur. Es vergeht beinahe kein Tag, an dem nicht eine weitere Flüchtlingsunterkunft angegriffen, Ängste instrumentalisiert und bitterböse Forderungen artikuliert werden. Die Protagonisten der rechten Bewegung erdenken sich eine abgeschlossene Welt, eine, für die die kulturelle Vielfalt beseitigt werden muss—auch wenn das bedeutet, Menschen an der Grenze zu erschießen. Menschen, die vor Krieg und Bomben fliehen.

Die Radikalisierung Deutschlands keimt nicht erst auf, sondern wuchert gerade um sich. Darauf reagiert, wie so oft, auch die Kunst. Der französisch-jüdische Künstler Camille de Toledo beispielsweise beschäftigt sich in seiner Installation mit dem Europa der Gegenwart. Ein riesiger Blätterwald, ineinander verschlungene Äste, Vogelgezwitscher, dazwischen die Wörter „Dystopia" und „Espoir" (frz. Hoffnung), die in Leuchtbuchstaben von den Wänden flackern. Europa zwischen Zuversicht und Aussichtslosigkeit, ein vermeintliches Paradies, das auf tragische Weise seine Identität definiert, indem es mörderische Grenzen zieht.

Wie es ist, an Grenzen zu stoßen, niemals akzeptiert, dafür abgeschoben und angefeindet zu werden, erzählen der in Berlin lebende Künstler und Regisseur Kevin Kopacka und die aus Ägypten stammende Aktivistin und Feministin Sarah Gaad in ihrer bewegenden Videoarbeit. Provokanter wird es bei Lukas Pusch: Der in Wien geborene Künstler parodiert die Islamophobie auf Bildern wie „Burkamadonna mit Jesuskind" und macht mit Plakaten Werbung für die von ihm gegründete Zeitschrift „Der Antist", während Street-Artist Dies Irae, eine anonyme KünstlerIn, den Neonazis durch ganz Deutschland folgt: Versammeln die sich, um ihre rassistische Hetze zu verbreiten, gestaltet Dies Irae die Stadt um. Plakate gegen Rechte statt Werbung für H&M.  Warum sich die Künstler mit diesen Themen auseinandersetzen, haben wir uns von ihnen erklären lassen. 

CHTO

Wie beurteilst du die derzeitige Situation in Deutschland?
Ich bin nicht überrascht. Europa hat es nie geschafft—auch nicht nach Ende des 2. Weltkriegs—, sich von dem Modell des Nationalstaats zu lösen. Ich habe es in Frankreich, Österreich, Ungarn gesehen ... Jetzt erreicht es Deutschland.

Wofür steht dein Werk?
Mein Werk? Ich betrachte es als niemals endende Bestrebung, Geschichte neu zu schreiben.

Inwiefern kann dein Werk dazu beitragen, dass sich was ändert?
Das kann es nicht. Außer, wenn meine Ideen von einer beachtlichen Menge an Leuten wahrgenommen werden. Und das ist es doch, worauf wir letztlich alle hoffen, oder?

Irgendwas, was noch gesagt werden muss?
Ich hoffe auf einen kollektiven Wandel, bei dem Menschen endlich aufhören, solch bestialische Vollidioten zu sein.

Lukas Pusch

Wie beurteilst du die derzeitige Situation in Deutschland?
Die politische Verblödung schreitet scheinbar unaufhaltsam voran. Leider nicht nur in Deutschland. Den etablierten europäischen Parteien mangelt es an politischem Gestaltungswillen. Das macht rechtspopulistische Parteien erst wirklich stark und gefährlich.

Wofür steht dein Werk?
Reines L'art pour l'art.

Inwiefern kann dein Werk dazu beitragen, dass sich was ändert?
Ich bin kein politischer Künstler. Als Künstler schaffe ich Bilder, nicht mehr und nicht weniger. Kunst kann die Welt nicht verändern, sondern letztlich nur die Menschen, die auf ihr leben.

Irgendwas, was noch gesagt werden muss?
Wehrt Euch gegen die Lügenpresse!

Kevin Kopacka und Sarah Gaad

Wie beurteilt ihr die derzeitige Situation in Deutschland?
Diese Hetze geht nicht nur von rechtspopulistischen Gruppierungen aus. Man stößt auf diese ambivalenten Meinungen im Freundeskreis, lauscht einem Gespräch in der U-Bahn oder liest verstörende Kommentare im Netz. Dabei geht es immer um unreflektierte Verurteilung. Ein Flüchtling bleibt nicht immer ein Flüchtling, das ist keine Eigenschaft, die ihn ausmacht.

Wofür steht euer Werk?
Es soll auf die Situation der Geflüchteten aufmerksam machen, fernab der Stimmen, die die ankommenden Menschen als Problem darstellen.

Inwiefern kann euer Werk dazu beitragen, dass sich was ändert?
Das Video soll dazu anregen, eigene Sichtweisen zu überdenken. Ob sich dadurch etwas ändert, hängt von uns allen ab. Höchstwahrscheinlich wird sich erstmal nichts ändern.

Irgendwas, was noch gesagt werden muss?
„Mia san ned deppert", wie man so schön in Österreich sagt.

Dies Irae

Wie beurteilst du die derzeitige Situation in Deutschland?
Ich habe lange Zeit nicht gedacht, dass es so notwendig ist, sich gegen Rassismus zu engagieren. Mir war zwar bewusst, dass es rechte Strukturen gibt, habe deren Repräsentanten aber als vereinzelt, ewiggestrige Vollidioten abgetan, die kein wirkliches Problem darstellen. PEGIDA hat uns gezeigt, dass das nicht der Fall ist.

Wofür steht dein Werk?
Brecht die Macht der Außenwerber, ermächtigt euch selbst und okkupiert öffentliche Werbeflächen. Die gehören euch, nicht McDonalds, nicht H&M und keinem Bierfabrikanten.

Inwiefern kann dein Werk dazu beitragen, dass sich was ändert?
Wenn es ein Rezept gegen Rechtsextremismus, Ressentiments à la PEGIDA und menschenverachtender Gesinnung gäbe, würde ich es auf ein Plakat malen und massenweise plakatieren. Nur suche ich dieses Rezept noch.

Irgendwas, was noch gesagt werden muss?
Viele Menschen machen Fotos, wenn sie vor den Plakaten stehen. Ich wünsche mir, dass die Botschaft etwas mit ihnen macht.

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Credits


Text: Stefanie Schneider
Fotos: via Camille de Toledo (CHTO) / Lukas Pusch / Kevin Kopacka und Sarah Gaad/ Dies Irae