bruce labruce hat einen film über eine radikal lesbische terroristenzelle gedreht

„The Misandrists“ ist das neueste Meisterwerk des queeren Filmemachers. Wir haben mit dem kanadischen Regisseur über Pornografie, Schwulenkultur und Feminismus gesprochen und zeigen euch Backstageaufnahmen der Dreharbeiten.

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07 März 2017, 3:38pm

Der neueste Film The Misandrists von Bruce LaBruce spielt in einem angeblichen Mädcheninternat, aber tatsächlich verbirgt sich dahinter eine lesbisch-feministische, terroristische Befreiungsfront, die „Army of Lovers". Susanne Sachsse, die auch die an Gudrun Ensslin angelehnte Figur in LaBruces The Rasperry Reich gespielt hat, übernimmt die Rolle der Big Mother und ist mit Zeilen wie „Keiner fickt mit einer Nonne", der heimliche Star des Films.

Gedreht wurde der Film im Berliner Umland und ist als Pendant zu The Rasperry Reich gedacht. Der Cast besteht übrigens fast nur aus Frauen. So wie seine anderen Filme (Hustler White, No Skin Off My Ass, Otto etc.) gibt es Pornoszenen, aber sie sind so viel smarter, überdrehter und artikulierter als jeder 0815-Porno, außerdem gibt es einen neuen Song des experimentellen Elektromusik-Duos No Bra, den man garantiert beim Verlassen des Kinos mitsummen wird.

The Misandrists hat seine Weltpremiere auf der diesjährigen Berlinale gefeiert. Wir haben mit Bruce LaBruce, dem Godfather of Independent Queer Cinema, über Schubladendenken in der Schwulencommunity, Pornografie und Feminismus gesprochen.

Warum The Misandrists und warum jetzt?
Das ist ein Film, an dem ich seit The Rasberry Reich 2005 gearbeitet habe, der eine Kritik an der radikalen Linken war und von Terrorismus der Roten Armee Fraktion handelt. Susanne Sachsse hat darin eine Revolutionärin gespielt, die ihre heterosexuellen, männlichen Kameraden zum gegenseitigen Sex zwingt, um deren revolutionäre Haltung zu überprüfen. Viele meiner lesbischen Freundinnen waren damals enttäuscht, dass keine Lesben Teil dieser Homo-Intifada waren. Deshalb habe ich gesagt, dass ich irgendwann mal einen lesbisch-feministischen Terrorfilm drehen werde, ich löse also nur mein Versprechen ein.

Hast Du nicht irgendwann gedacht, dass es problematisch sein könnte, wenn Du, ein Mann und Mitglied des schwulen Patriarchats, einen feministisch-lesbischen Film dreht?
Definitiv. Ich habe es mir nicht leichtgemacht. Das Schwierigste war das Drehbuch. Es kam darauf an, den richtigen Ton zu treffen und die Balance wie im Raspberry Reich zu finden. Das war genauso sehr eine Kritik an der radikalen Linken wie eine Hommage. Es ging darum, die linksradikalen Ideen der Figuren gutzuheißen, aber gleichzeitig auch die Umsetzung zu kritisieren und zu zeigen, wie man als Terrorist die Ideale verrät, die man anfangs noch propagiert hat. Terroristen rechtfertigen sich mit asymmetrischer Kriegsführung, aber sie stecken eigentlich in einer Krise, die wie Krieg ist, und wollen nicht, dass die gleichen Regeln und die gleiche Moral an sie angelegt werden können.

Warum spielt The Misandrists im Jahr 1999?
Ich wollte diesen Moment der Hoffnung, eine Zeit, in der die Befreiung zum Greifen nah war, nachempfinden. Essentialistische Feministinnen — viele davon waren damals gegen Pornos — gehörten für uns zu unseren schlimmsten Feinden. In dem Film geht es um diese Vorstellung und die Idee des Postfeminismus. Laut Postfeminismus sollten Frauen in der männerdominierten Welt die Macht und die Positionen innerhalb der existierenden Strukturen nutzen, um Erfolg zu haben, aber wie ich mit The Misandrists zeige, ist das eine fehlgeleitete Idee, weil es dem System nützt. Die Idee des essentialistischen Feminismus ist, dass Frauen etwas Besonderes besitzen, durch das sie die Gesellschaft auf eine andere Art und Weise strukturieren können. Männer lassen Frauen nur unter bestimmten Bedingungen an der Macht teilhaben.

Wie müssen wir uns den Castingprozess vorstellen?
Das Casting lief eher konventionell ab. Wir haben mit einigen Agenten gearbeitet, weil ich mit jungen Schauspielern zusammenarbeiten wollte, die hungrig auf ihre Schauspielkarriere sind, die es ernst meinen. Sam und Serenity Rosa sind die beiden 18-jährigen, dänischen Girls, die selbst Filmemacherinnen sind. Kita Updike, die Transfrau, habe ich über einen Facebook-Castingaufruf gefunden. Das war magisch, dass sie sich darauf gemeldet hat. Als ob die Rolle nur für sie geschrieben worden wäre. Alle haben sich am Set so gut verstanden, dass es während der Dreharbeiten eine Welt gab, zu der ich keinen Zugang hatte. Mehrere Schauspielerinnen haben mir gesagt, dass sie ungewöhnlich fänden, fast nur Schauspielerinnen am Set zu haben. So etwas hätten sie noch nie erlebt.

Katy Perry nennt ihre Musik jetzt Purposeful Pop. Vielleicht ist ja Purposeful Pornography ein guter Begriff für Deine Filme?
Die Wurzeln meiner pornografischen Arbeiten waren immer politisch und hatten ein Zweck. Ich habe Pornofotos als direkten Angriff auf die homophoben Heteropunks eingesetzt. Meine Freunde und ich haben die Schwulenszene in den 80ern verlassen, weil wir sie als zu konservativ empfunden haben. Wir haben uns gedacht, dass der Punk frischer, ästhetisch interessanter, politisch dynamischer und radikaler sei. Dann mussten wir aber feststellen, dass es im Punk eine starke homophobe Strömung gab, zumindest in Amerika. Wir haben das Schwulen unter die Nase gerieben. Queerer Punkporno war unsere Botschaft an sie: ‚Wenn ihr so radikal seid, warum kommt ihr dann nicht mehr so klar?'. Ich verstehe nicht, warum nicht mehr Leute Pornografie als Propaganda einsetzen. Jeder schaut Pornos, aber ich möchte nicht allzu sehr nach Machiavelli klingen. Das wäre noch einfacher, wenn Pornos mehr Erzählelemente hätten. Das ist einer der Gründe, warum ich narrativen Porno vermisse, in dem man expliziten Sex kontextualisiert.

Gibt es im Kino noch Tabus?
Für Independent-Filme gibt es keine Limits, außer den Gesetzen. Wenn man bestimmte Tabus wie kindliche Sexualität in seinen Filmen erkundet, ist es eine Frage von Gesetzen und Moral, je nachdem wohin der eigene moralische Kompass zeigt. Ich mache immer noch Filme über provokative Themen, versuche aber höhere Budgets zu bekommen. Dann realisiert man, wie konservativ das Kino eigentlich ist und wie sehr es eine dominante Ideologie unterstützt. Wenn man eins über The Misandrists sagen kann, dann dass er den Bechdel-Test mit 1000 Prozent bestehen würde.

Wie sieht die Realität als queerer Independent-Filmemacher im Jahr 2017 aus?
Als wir in den 80ern angefangen haben, war das eine Reaktion gegen den schwulen Mainstream. Selbst damals dachten wir, dass die Schwulen bürgerlich sind. Dass die Szene ein hierarchisches soziales System ist; dass es Rassismus, Sexismus und Homophobie gibt; und dass sie uns mit unterschiedlichen Schubladen wie Schwul, Lesbisch und Klassen auseinanderdividieren wollen. Ich habe erfahren, dass es ein großes schwules Filmfestival The Misandrists nicht zeigen wollte, weil es ein Film über Lesben von einem schwulen Mann ist. Die Leute sind so in ihren Schubladen verhaftet und denken ‚Oh, unser Publikum wird das nicht mögen' oder ‚Das wird sich nicht verkaufen'.

Ist die Zukunft weiblich?
Die Zukunft wird nicht weiblich, wenn es ein Slogan auf einem Abercrombie & Fitch-T-Shirt ist oder wenn es Hillary Clinton sagt. Scheiß auf sie, sie hat mit Feminismus nichts zu tun. Sie ist der größte postfeministische, kapitalistische Albtraum. Neoliberalismus ist das Schlimmste.

Credits


Text: Russell Dean Stone
Fotos: Bruce LaBruce