warum rosa die mode immer noch revolutioniert

„Wer würde Blau anstatt Rosa wählen?“, hat sich Kanye West bereits 2012 gefragt. „Rosa ist offensichtlich die bessere Farbe.“ Designer von Miuccia Prada und Karl Lagerfeld bis Shayne Oliver führen diese Debatte seit Jahrzehnten.

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März 21 2017, 9:25am

Hood By Air spring/summer 16. Photography Jason Lloyd-Evans.

Hillary Clintons erste Pressekonferenz als First Lady im April 1994 ist in die Geschichte als „Pink Press Conference" bzw. „Pretty-in-pink Press Conference" eingegangen. Im State Dining Room des Weißen Hauses wehrte Clinton Fragen nach ihren unregelmäßigen Steuererklärungen aus den 70ern ab und trug dabei ein rosafarbenes Twinset. In einem Beitrag für die Washinton Post erinnerte sich die Modekritikerin Robin Givhan 1996 daran, dass das Outfit von politischen Kommentatoren sofort mit den Worten: „Das war kein rosafarbenes Twinset, das war ein PR-Trick", beurteilt wurde. 

„Das Problem von Frau Clinton ist", schrieben sie, „dass Frauen keine Uniform fürs Geschäftliche haben. Sie haben keine Kleidungsstücke, in die sie schlüpfen können, ohne dass diese modisch kommentiert werden."

Es gibt in der Modegeschichte keine Farbe, die mit so viel populärpsychologischen Bedeutungen aufgeladen ist wie die Farbe Rosa. Teilweise liegt das daran, dass Rosa in vielen Kulturen zu einer Art weiblichen Uniform geworden ist. Hillary Clinton hat Rosa bei ihrer berühmten „Frauenrechte sind Menschenrechte"-Rede vor der UN getragen.

Dass Rosa mit Weiblichkeit assoziiert wird, ist allerdings keine Sache der Vergangenheit. Und es ist längst nicht die einzige Konnotation der Farbe. Aber wenn Rosa auf den Laufstegen auftaucht, ob bei Prada, Balenciaga, Hood By Air oder Comme des Garçons, sind wir versucht, die Farbe an sich zu bewerten. Das passiert nicht mit bei anderen Farben. Grün und Blau dürfen einfach Grün und Blau sein.

Die Ausstellung Think Pink im Museum of Fine Arts in Boston hat vor drei Jahren gezeigt, wie die Farbe Rosa zu einer Mädchenfarbe gemacht wurde. Noch im 18. Jahrhundert trugen Männer und Frauen Rosa. In der Ausstellung war ein Porträt mit zwei spielenden Kindern zu sehen, der Junge trägt ein ausladendes Brokatkleid. Die Wissenschaftlerin Jo Paoletti schreibt in ihrem Buch Pink and Blue: Telling the Boys from the Girls in America, dass über Jahrhunderte hinweg Rosa hauptsächlich mit Gesundheit und Jugend assoziiert wurde. In einem Modekatalog aus dem Jahr 1918 wird Rosa noch für Jungs beworben, wie Kuratorin Michelle Finamore zu NPR gesagt hat: „Das ist eine starke und leidenschaftliche Farbe, denn sie stammt von der Farbe Rot ab."

Rosa wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Standard in der Damenmode, erklärt die Kuratorin weiter. Christian Dior stellt seinen romantisch modernen New Look vor, eine Gegenreaktionen auf die Härten der Rationalisierung in der Nachkriegszeit. Die Männer sind wieder arbeiten gegangen und die Frauen haben sich um das Häusliche gekümmert. Eine Entwicklung, auf die Unternehmen mit neuen Haushaltsgeräten in Bonbonfarben reagiert haben, die den Spaß- und Modecharakter betonen sollten. Seitdem ist Rosa die Farbe, die Frauenprodukte signalisiert. In letzter Zeit wird nicht umsonst die Pink Tax kritisiert.

Dior hat in den späten 40ern und 50ern für seinen New Look immer wieder auf Zartrosa und Grau gesetzt. Aber er setzte Rosa nicht ein, um damit Weiblichkeit zu symbolisieren. „Ich bin ein sanfter Mann, aber ich habe einen harten Geschmack", sagte der Designer einem LIFE-Journalisten, nach seinem Durchbruch, der Frühjahrskollektion 1948. „Andere Designer hätten wieder zurück zu althergebrachten Formen der Weiblichkeit und Romantik gefunden; Dior hat sich aber kopfüber ins Neue gestürzt", stellte der Journalist damals fest. „Wie alle wahren Revolutionäre auch, ist Christian Dior zu einer Schicksalsfigur geworden."

Eine andere Revolutionärin ist Elsa Schiaparello, die in der Zwischenkriegszeit einen weiteren Rosafarbton erfunden hat. Rosa, so die Designerin, „ist mutig, unmöglich, unverschämt, lebendig und wie das Licht, die Vögel und Fische ein Teil der Welt." Ihre auffällige Mischung aus Rot und Weiß wurde bekannt als „Shocking Pink", als es 1937 für ihr Parfüm Shocking! Teil der Verpackung wurde. Für Schiaparelli war Rosa „eine schockierende Farbe, pur und rein."

Wie schon die Schauspielerin Kay Thompson in ihrer berühmten „Ein süßer Fratz"-Nummer „Think Pink" singt: „Zwar sei es bei Pink um einen neuen Horizont gegangen und die Lebensfreude der späten 50er, aber es sei auch die Farbe von Shampoos, Zahnpasta und „the kitchen sink" gewesen. Eine moderne Farbe, aber auch ein Symbol für den Kommerz der Ära.

Das Gleiche ist wieder im Wirtschaftsboom der 90er passiert: Gianni Versace und Karl Lagerfeld schwelgten in Plastikpink. Claudia Schiffer hat in der Schau für Chanels Frühjahr-/Sommerkollektion 1996 einen rosafarbenen Samt-Trainingsanzug auf dem Catwalk präsentiert. In derselben Kollektion hat Lagerfeld seine berühmten Micro-BHs präsentiert und mehrere Looks mit Chanel-Einkaufstüten versehen, eine Referenz an die Extravaganz der Babyboomerjahre mit der Barbie-Plastik-Ästhetik.

Genau das war für Miuccia Prada der Grund, von der Farbe jahrelang die Finger zu lassen. Nach ihrer bonbonfarbenen Herbst-/Winterkollektion 2015, mit Hosenanzügen in Zartrosa und sogenannte Dolly-Bird-Kleidern, sagte sie Alexander Fury, dass „die Welt zum Banalen tendiert" und „dass es in den letzten Schauen deshalb um Animal Prints und Symbolen wie rosa Schleifen ging, weil die Leute das wollen." In einem Beitrag für den Independent 2004 erinnerte sich Prada daran, dass sie andere um rosa Schuhe beneidet hat, weil ihre Mutter sie selbst nur braune, flache Schuhe tragen ließ. Prada war immer skeptisch gegenüber Rosa, es sei denn sie wollte das Zuckersüße dahinter bloßstellen. Die Farbe in der Herbst-/Winterkollektion 2015 sei als ein Ausgangspunkt für eine Debatte angelegt gewesen.

Rosa hat auch eine subversive Bedeutung, das liegt vor allem an der Mode und der Ikonografie des Punk. Die erste Ausgabe von i-D, die 1980 erschienen ist, hatte ein pinkes Logo und war eine zusammengetackerte Zeitschrift der Gründer Terry und Tricia Jones. Siouxsie Sioux hat ihre Augenlider im Farbton Electric Pink geschminkt, Courtney Love hat mit ihren Kleidern den Pink Grunge erfunden und Kathleen Hanna ist mit einem Arielle-T-Shirt aufgetreten.

In den letzten Jahren wurde Rosa vor allem im Genderkontext diskutiert. Dabei ging es besonders darum, dass die Laufstege der Farbe wieder ihre Geschlechtsneutralität geben. Alessandro Michele hat einen leuchtend rosa Sweater auf dem tätowierten Model Lorens in seiner Frühjahr-/Sommer-2017-Show über den Runway geschickt. Für Shayne Oliver war die Farbe ein wichtiger Bezugspunkt für seine vom Schulleben inspirierte Frühjahr-/Sommerkollektion 2016 für Hood by Air. Alle Models jeglichen Geschlechts haben die Farbe getragen.

Zur gleichen Zeit, als Rosa die Geschlechtergrenzen wieder überschreitet, wird die Farbe zu einem Symbol des Feminismus. Beispiele dafür sind die unzähligen „Pussy Hats" bei den Anti-Trump-Frauenmärschen und dem Women's March in Washington. Auch die Popkultur hat Rosa wieder für sich entdeckt und eignet sich die Farbe als Symbol für weibliche Stärke an: Rihannas VMA-Peformance 2016 war ganz in Rosa getaucht und Blue Ivys Minianzug bei den diesjährigen Grammys auch. Wenn Gwyneth Paltrow bei den Oscars 1999 mit ihrem Ralph-Lauren-Kleid die rosafarbene Popkultur-Ikone der 90er war, dann ist es heute Solange mit ihrer rosafarbenen Jacke im Musikvideo zu „Cranes in the Sky".

Die Jacke schützt, ist aber auch verspielt. Rosa ist eine Farbe, die beruhigt. In den 60ern und 70ern hat der Wissenschaftler Alexander Schauss die psychologischen und physiologischen Reaktionen auf die Farbe Rosa untersucht und als Ergebnis den Farbton P-618 entwickelt. Die Farbe hat später als Baker-Miller-Pink Karriere gemacht. Diese Farbe führe zu einer merklichen Senkung der Herzfrequenz, des Pulses und der Atemfrequenz im Vergleich zu anderen Farben", so der Forscher. Welche Farbe wäre ein besserer Gegenpol zur aktuellen Weltlage? Wir halten es da wie der New Yorker Designer Sander Lak vom Label Sies Marjan: „Wenn du immer Rosa trägst, wirst du glücklicher."

Credits


Text: Alice Newell-Hanson