Foto: via i-D UK

Wie du auch ohne Instagram Spaß im Urlaub hast

Das ständige Fotografieren, der Vergleich mit Freunden, die FOMO: Urlaub machen kann stressig sein. Wir geben dir sechs praktische Tipps, wie du wirklich abschalten kannst.

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Juni 27 2018, 1:32pm

Foto: via i-D UK

Viele können auch im Urlaub nicht auf die sozialen Netzwerke verzichten, so auch die 21-jährige Eva Rose. Sie war schon dreimal mit ihren Freundinnen auf Reisen, konnte sich aber an keinem Tag davon wirklich entspannen. Irgendjemand musste immer ein Foto machen und die gemeinsamen Erlebnisse in Echtzeit auf Instagram posten.


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Eva hat sich wegen ihres Körpers schlecht und sogar schuldig gefühlt. "Mit 16 bin ich zum ersten Mal in die Türkei geflogen. Da hatte ich Größe 42/44", sagt uns die Studentin. "Ich habe immer darauf geachtet, dass ich ganz hinten auf den Fotos stehe, damit man meinen Körper nicht sieht. Ich konnte auch keine Träger-Tops am Strand tragen, dafür aber hässliche Schals, die meine Arme und Schultern bedeckt haben. Und das alles, weil ich wusste, dass am Strand Bilder gemacht werden. Meine einzigen Urlaubserinnerungen sind die, dass ich mich die ganze Zeit unwohl gefühlt habe", so Eva weiter. Sie seien nur an Orte gefahren, um Fotos für Instagram zu schießen. Es sei normal gewesen, dass sie 20 Minuten für das Gruppenfoto gebraucht hätten. Danach lag jede auf ihrem Bett, um das Bild zu bearbeiten. Währenddessen hat keine so wirklich miteinander geredet. Mittlerweile genießt Eva ihre Urlaube wieder. "Ich bin so viel glücklicher, seit ich Instagram, Facebook und Snapchat gelöscht habe", sagt sie. "Anstatt Selfies zu machen, lese ich lieber ein Buch oder mache Bilder, die nur für mich bestimmt sind."

Susan Sontag hat das obsessive Fotografieren im Urlaub bereits vor 40 Jahren kritisiert. Die US-Philosophin bezeichnete es als "Sucht, die Realität durch Fotos bestätigen und die Erfahrungen durch sie verbessern zu müssen." Es scheint fast so, als hätte Susan die Verbindung zwischen den sozialen Netzwerken und der psychischen Gesundheit schon damals vorhergesehen. Besonders Instagram steht hierbei im Fokus: Die Plattform wirkt sich laut einer Studie am negativsten auf die psychische Gesundheit junger Menschen aus.

Schlechter Schlaf, geringes Selbstwertgefühl, FOMO, Angstzustände und Depressionen sind nur einige der Auswirkungen des Medienkonsums, wie uns der Psychologe Dr. Phil Lurie von staatlichen britischen Gesundheitsdienst NHS erklärt hat. Der Mediziner führt das auf einen negativen Kreislauf des Gefühls der Bestätigung zurück: Je mehr Likes ein Post bekommt, desto stärker die Bestätigung. Diese führe wiederum zu einem besseren Selbstwertgefühl. "Man kann den Moment nicht mehr genießen, weil man ständig denkt, dass dieser Moment mit anderen geteilt werden muss. Erst dann wüsste man, dass es sich um einen wirklich guten Moment handle", sagt Dr. Phil Lurie.

Doch Fotos komplett zu verbannen, hält der Wissenschaftler für unrealistisch. "Das Teilen mit anderen ist zu einem Bestandteil unseres Lebens geworden. Wir müssen akzeptieren, dass junge Menschen immer ihre Handys dabeihaben, um auf dem Laufenden zu bleiben", sagt er weiter. Die Therapeutin Katerina Georgiou stimmt ihm zu. Wir müssen nicht ganz darauf verzichten, Bilder von unserem Urlaub in den sozialen Netzwerken zu posten. Stattdessen haben uns die beiden Tipps verraten, wie du deinen Sommerurlaub entspannt verbringen kannst.

Haben die sozialen Netzwerke die Kontrolle über dein Leben?
Dass du etwas dokumentieren willst, ist völlig OK. Die Grenze zum obsessiven Gebrauch sozialer Netzwerke ist dann überschritten, wenn sie deinen Schlaf, dein Selbstwertgefühl und deine Identität negativ beeinflussen. Du solltest über deine Social-Media-Gewohnheiten nachdenken und dir ein tägliches Zeitlimit für Instagram und Co. setzen. Die Therapeutin Katerina Georgiou schlägt vor, jeden Tag eine Stunde ganz bewusst auf das Smartphone zu verzichten. Lass es im Hotelzimmer, wenn du den ganzen Tag am Strand verbringst oder Ausflüge machst. "Du fühlst dich ganz ohne Handy vielleicht zuerst wie eine Außenseiterin, aber es ist nicht das Ende der Welt, wenn du einen Tag lang nichts aus deinem Urlaub postest."

Hast du das Gefühl, dass du Momente gar nicht mehr richtig genießen kannst?
Du hast monatelang für diesen Urlaub gespart. Du bist am Strand. Aber anstatt die Sonne auf deiner Haut und den Sand zwischen deinen Zehen zu spüren, checkst du auf Instagram, wie viel Likes dein Bikini-Selfie bekommt. "Wenn das passiert, kann man den Moment nicht genießen. Alles, was zählt, ist die Dokumentation des Erlebten", sagt Phil Lurie. Aufmerksamer zu sein, kann dafür sorgen, dass die Erfahrung einprägsamer wird. "Das ist eine gute Achtsamkeitsübung: Nenne fünf Dinge, die du sehen kannst; vier Dinge, die du fühlen kannst; drei Dinge, die du hören kannst; zwei Dinge, die du riechen kannst; und eine, die du schmecken kannst", erklärt der Psychologe.

Hast du FOMO, was du alles zu Hause verpassen könntest?
"Wenn andere Menschen eine gute Zeit haben, denkt man leicht: 'Warum habe ich das gerade nicht?', ganz unabhängig von der eigenen Situation. Diese paranoide Angst macht es schwer, den Moment zu genießen. Man hat ständig das Gefühl, dabei sein zu müssen", sagt Phil Lurie weiter. "Diesen Kreislauf kannst du durchbrechen, indem du dir bewusst machst, dass das Leben auf Instagram nur eine Fassade ist. Ich nenne es 'Showreel of Happiness'. Die Social-Media-Accounts zeigen nur die besten Momente im Leben, die durch die schönsten Filter geschickt werden und meistens keine echte Darstellung der Realität sind. "Niemand dokumentiert den Alltag, also die anderen 90 Prozent."

Vergleichst du dich mit den Bildern anderer Leute?
Dank Instagram fühlte sich Eva Rose schlecht. Sie hatte sogar das Gefühl, dass sie es nicht verdient hätte, die Kleider zu tragen, die ihre Freundinnen trugen. Der Psychologe warnt davor, dass diese weitverbreitete Einstellung unter jungen Menschen zu geringem Selbstbewusstsein führen kann. In solchen Moment hilft der Perspektivenwechsel. Denk an das Showreel of Happiness. So bekommst du einen realistischen Eindruck davon, was hinter den gezeigten Bildern wirklich steckt. "Alle haben ihre Probleme, egal wie perfekt sie auf Instagram erscheinen"; sagt Therapeutin Katerina Georgiou. Eine weitere Möglichkeit ist, laut Dr. Phil Lurie, genauer unter die Lupe zu nehmen, wem man eigentlich folgt – und Accounts, mit denen man negative Gefühle verbindet, zu entfolgen. "Wenn du Neid empfindest, ist es hilfreich, dir nicht ständig diesen einen Feed anzuschauen, um nicht ununterbrochen der Quelle des Neids ausgesetzt zu sein."

Was tun, wenn du ein Opfer von Cyber-Mobbing geworden bist?
Das Problematische an den sozialen Netzwerken? Du kannst dich nicht vor der Negativität und dem Mobbing durch deine Peer Group schützen. Früher wurde man nur in der Schule oder auf dem Weg nach Hause gemobbt. Heute kann jeder ein Opfer von Mobbing durch Menschen am anderen Ende der Welt zu jeder Tages- und Nachtzeit werden. "Wenn dir etwas Schlimmes passiert ist, versuche nicht, damit selbst fertig zu werden", rät Phil Lurie. "Vertraue dich jemandem an und melde den Vorfall der Plattform. Du sollst nicht das Gefühl haben, dass du mit dieser Erfahrung alleine bist, geschweige denn leben musst. Cyber-Mobbing ist zwar leider weit verbreitet, darf aber auf keinen Fall akzeptiert werden."

Und wenn alles zu viel wird?
Wo auch immer du dich gerade auf der Welt befindest, die sozialen Netzwerke können dir trotzdem deinen Tag verderben. Egal wie sehr du versuchst, sie zu vermeiden. "Wenn sie einen überwältigen, sollte man sich professionelle Hilfe suchen", rät Katerina Georgiou. Wenn das ein zu großer Schritt für dich sein sollte, gibt es daneben kostenlose Hilfsangebote wie die TelefonSeelsorge unter 0800/111 0111 oder die Nummer gegen Kummer. Mehr Informationen und Hilfsangebote findest du auch auf der Website der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.