Foto: Hugo Scott

Die brasilianische LGBTQ- und Black Community über die Zukunft ihres Landes

"Informiere dich, denn keiner kann dir dein Wissen nehmen. Je mehr du davon hast, desto mehr Dinge machen plötzlich Sinn."

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29 Oktober 2018, 2:46pm

Foto: Hugo Scott

Brasilien ist ein zwiegespaltenes Land. Auf der einen Seite wird es für seinen Fortschritt über die letzten fünf Jahre bejubelt, war Gastgeber der Olympischen Spiele und konnte den Sieg der Fußballweltmeisterschaft für sich beanspruchen. Auf der anderen Seite steckt das Land in einer unübersehbaren sozialen Krise.

Im März 2018 wurde die Kongressabgeordnete Marielle Franco, eine lesbische Person of Color und Ikone des brasilianischen Black Movements, brutal in Rio de Janeiro hingerichtet. Es ist eines der grausamsten, ungelösten Verbrechen unserer Zeit. Seitdem regiert Gewalt die Straßen des Landes. Rassismus, Homophobie und Transphobie gehören mittlerweile zum Alltag, brutale Übergriffe auch. Den 22-jährigen Transgender Künstler Matheusa Passarelli ereilte wenige Monate nach Franco das gleiche Schicksal.


Auch auf i-D: Wir brauchen soziale Medien, um uns zu informieren. Doch was, wenn wir auch 2018 keinen Zugang zu ihnen haben?


Gerade steckt Brasilien mitten in den Präsidentschaftswahlen. Auslöser dafür ist ein Coup d'état: Die erste Präsidentin in der Geschichte Brasiliens wurde durch ihren Vizepräsidenten Michel Terner ihrer Position entmächtigt. Wir haben mit den jungen Brasilianern aus der LGBTQ- und Black Community gesprochen, die Widerstand als Form der Existenz praktizieren.

Wesley Baiano
Weslley Baiano

Weslley, 18, Tänzer

Erzähl uns von der kreativen Community hier.
Ich liebe unsere freie Art, wie wir mit Dingen umgehen – das macht alles so viel einfacher!

Was möchtest du verändern?
Ich will, dass wir uns noch mehr unterstützen, damit wir all das hier gemeinsam lösen können.

Wie kann jeder einzelne dabei helfen?
Indem jeder sein Ego zu Hause lässt.

@weslleybaiano

Igi Ayedun
Igi Ayedu

Igi, 28, Multimedia-Künstlerin und Malerin

Wie würdest du die Situation für die Black Community in Brasilien beschreiben?
Wir können nicht einen Tag ruhen, weil die Qualität unserer Arbeit immer in Frage gestellt wird, wer wir sind und was wir wollen. Rassismus in Brasilien ist struktureller Natur und schwarze Menschen werden als weniger wertvoll angesehen.

Was soll sich in Zukunft verändern?
Das brasilianische Bild von dem, was richtig oder falsch, schön oder hässlich, arm oder reich, schwarz oder weiß, binär oder nicht-binär ist.

@igiayedun

Slim Soledad
Slim Soledad

Slim, 20, Model und DJ

Welche Erfahrungen hast du als Mitglied der LGBTQ-Community in Brasilien gesammelt?
Das Wort Unsicherheit beschreibt es ganz gut, weil unser Land sehr rassistisch sein kann. Unsere Minderheiten müssen sich täglich mit Belästigung und Schikane auseinandersetzen, sowohl körperlich als auch verbal. Wir verursachen "Angst" in diesen Menschen, weil wir nicht der Norm entsprechen. Ich fühle mich gut in meiner Haut, aber die Ungerechtigkeit hier macht mich wütend.

Wenn du der Welt eine Sache sagen könntest, welche wäre das?
Informiere dich, denn keiner kann dir dein Wissen nehmen. Je mehr du davon hast, desto mehr Dinge machen plötzlich Sinn.

@slimsoledad

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Kelton Campos.

Kelton, 21, Visual Artist

Erzähl uns von deiner Arbeit.
Ich lebe in Brasilandia [ein Viertel in Sao Paolo] und meine Arbeiten handeln viel von Favelas, weil ich dort aufgewachsen bin. Das Ghetto ist schön, ich will damit arbeiten, fernab von Stereotypen.

Welche persönlichen Erfahrungen hast du als Mitglied der Black Community in Brasilien gemacht?
Ich versuche viel zu lesen, um meinen ganzen Prozess als schwarzer Mann in Brasilien zu verstehen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Referenzen für unseren Kampf sehr an Amerika gekoppelt sind. Ich respektiere das, vermisse aber auch das Gespräch darüber, wie es sich als schwarzer Mensch in Lateinamerika anfühlt.

@1nn6

Lay
Lay.

Lay, 26, Musikerin

Wie würdest du die Situation der Black Community in Brasilien beschreiben?
Es ist bedauerlich, wie wir ohne schwarze Referenzen aufgewachsen sind. Hier in Brasilien ist es sehr gängig, dass sich weiße Menschen unsere Kunst und Ästhetik aneignen, um ihre eigenen Versionen daraus zu kreieren. Die avantgardistische Black Community findet zwar ihren Platz mit ihrer Kunst, aber die rassistischen Gesellschaftsstrukturen verursachen immer noch Probleme, die in finanziellen, psychologischen und emotionalen Problemen gipfeln.

Was ist das Besondere an deiner Community hier?
Nach dem Amtserhebungsverfahren der einzigen Präsidentin des Landes, dem Mord an der Kongressabgeordneten Marielle Franco und so viel weiteren Gräueltaten ist es schwer noch daran zu glauben, dass wir morgen aufwachen und alles gut wird.

@layfestyle

Ricardo Boni Estileras
Ricardo Boni.

Ricardo, 21, Modedesigner und Mitbegründer von Estileras

Wie würdest du die Situation für die LGBTQ-Community in Brasilien beschreiben?
Wenn ich an ganz Brasilien denke, befinden wir uns in Gefahr. Wir werden gedemütigt und getötet. Auch wenn sich die Industrie langsam verändert, werden wir weder eingestellt, noch wird unsere kreative Arbeit wertgeschätzt. Trotz bunter Regenbogen-Poster sind wir immer noch Menschen zweiter Klasse.

Welche persönlichen Erfahrungen hast du bislang gesammelt?
Ich kann mich glücklich schätzen, weil meine Familie immer hinter mir steht und mich nie dazu gezwungen hat, etwas zu sein, das ich nicht bin. Seit der Grundschule ziehe ich an, was ich will und spüre bis heute das Gelächter und die Blicke auf mir. Du bist exotisch, musst dein Kleid rechtfertigen und auch jeden Atemzug, den du machst. So fühlt es sich an als LGBTQ+ in Brasilien zu leben.

Was muss sich verändern?
Wir brauchen mehr Möglichkeiten für Minderheiten, mehr politische und soziale Awareness und einen besseren Austausch zwischen den einzelnen Regionen des Landes.

@estileras

Brazil

Eduardo, 29, Mitbegründer von Brechó Replay

Welche persönlichen Erfahrungen hast du mit der LGBTQ- und Black Community in Brasilien gemacht?
Diese beiden Worte bringen es auf den Punkt: Unterdrückung und Versuchsobjekt.

Was ist das Besondere an deiner Community hier?
Diese Community bedeutet Familie für mich.

@brechoreplay

Brazil
Loic Koutana (links).

Loïc, 23, Model und Performer

Welche persönlichen Erfahrungen hast du als LGBTQ in Brasilien gesammelt?
Brasilien ist der Ort mit der höchsten Transgender-Dichte, gleichzeitig ist die Transgender-Mordrate die höchste. Das zeigt, wie paradox dieses Land ist. Obwohl die Leute darum kämpfen, sie selbst zu sein, erfährt die LGBTQ-Szene und Black Community andauernd Unterdrückung.

Was ist das Besondere an deiner Community hier?
Ich habe französisch-afrikanische Wurzeln und das spiegelt sich hier gut wider. Auf der einen Seite ist Brasilien eine Mischung aus französischem Lifestyle und dem Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit. Auf der anderen spüre ich hier auch den afrikanischen Spirit, den Sinn für Familie und die Lebenslust.

@lhommestatue

Brazil by Hugo Scott
MOOC Collective.

MOOC Collective — Catarina, Kevin, Levis, Lídia, Louis, Raphael, Vinni und Suyane

Erzählt uns mehr über eure Arbeit.
Von der Kreation bis zum finalen Produkt gibt es verschiedene Aufgaben in unserem Kollektiv. Wir glauben daran, dass nichts so sein kann wie zuvor.

Wie würdet ihr die Situation für die Black Community in Brasilien beschreiben?
In ständiger Entwicklung. Heute scheint unsere kreative, schwarze Nische hier in Brasilien zu wachsen, nach kontextualen Referenzen zu suchen und aufzuhören, Amerika nachzueifern. Wir fangen langsam an, zu erforschen, was wir selbst an kulturellem und künstlerischen Erbe vorzuweisen haben. Über die Black Community Bescheid zu wissen, ist der erste wichtige Schritt. Heute haben wir viel einfacheren Zugang zu Informationen. Trotzdem müssen wir anfangen, dieses Thema auch in der Erziehung unserer Kinder zu berücksichtigen.

Was sollte jeder über Brasilien wissen?
Brasilien ist mehr als Rio de Janeiro, Karneval und Fußball.

@wearemooc

Brazil by Hugo Scott

Isaac, 22, Koch

Wie würdest du die Situation der LGBTQ-Community in Brasilien beschreiben?
Wir haben Angst vor all dem, was gerade passiert. Es rollt auf uns zu, aber wir haben uns darauf vorbereitet. Ich sehe, wie sich die Community vereint und wir einander mehr und mehr verstehen. Wir verbreiten uns in ganz Brasilien, in jeder Ecke des Landes kämpft jemand für uns. Ich fühle mich frei und dazu berechtigt, einzigartig zu sein. Ich bin ein Kämpfer, der keine Angst haben darf.

Was ist das Besondere an deiner Community?
Wir sind eine Einheit! Hier fühle ich mich wohl und sicher. Außerdem wird die Community von Tag zu Tag größer, damit gewinnen wir!

Was sollte jeder über Brasilien wissen?
Dass wir kein Spanisch sprechen, wir politisch gerade ähnliche Erfahrungen wie die USA machen und wir viele Dinge voneinander lernen können.

Luiza De Alexandre
Luiza De Alexandre

Luiza, 20, Sängerin

Welche persönlichen Erfahrungen hast du als Teil der LGBTQ-Szene in Brasilien bislang gemacht?
Als bisexuelle cis-Frau spüre ich die erdrückenden Blicke, wenn ich mit meiner Partnerin durch die Straßen laufe.

Was sollte jeder über Brasilien wissen?
Ökonomisch gesehen geht es uns gut, trotzdem leben wir in einer politischen Krise, was besonders die kreative Jugend hart trifft. Die Menschen hier sind machtlos – wir bekommen weder Informationen, noch wissen wir, was gerade wirklich passiert.

Wenn du der Welt eine Sache sagen könntest, welche wäre das?
Wir müssen uns über die nahe Zukunft Gedanken machen und dürfen uns nicht dem Konsumdenken hingeben. Das klingt nach abgedroschenem Hippie-Gesülze, aber das ist es nicht. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir unsere Werte überdenken und Minderheiten mehr Aufmerksamkeit schenken sollten. Wir können jeden Tag daran arbeiten, weniger egoistisch zu sein!

@luizadealexandre

Brazil by Hugo Scott
Yaminah Garcia.

Yaminah, 21 Sound-Künstlerin

Wie würdest du die Situation der LGBTQ-Community in Brasilien beschreiben?
Brasilien ist riesig, deswegen kann diese Frage nicht so einfach generalisiert werden. Jede Nachbarschaft beinhaltet so viele verschiedene Ethnizitäten. Dadurch unterscheidet sich auch jede einzelne Erfahrung voneinander. Allgemein gesprochen, sterben die Menschen hier aufgrund der Wut, die aus enormer Ignoranz entsteht. Dieses Jahr haben wir Matheusa verloren, er wurde brutal in Rio de Janeiro getötet. Ich wurde auch schon auf den Straßen attackiert, nur weil wir einen Freund verteidigen wollten, der ein Kleid trug. Situationen können hier schnell kippen: In einem Moment läufst du mit deinen Freunden auf der Straße und im anderen erfährst du Hass und Diskriminierung.

@yaminahgarcia

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Victória, 19, Stylistin und Künstlerin

Wie würdest du die Situation für die LGBTQ- und Black Community in Brasilien beschreiben?
Auch wenn mehr als 50 Prozent der brasilianischen Bevölkerung schwarz ist, wurde der weiße Körper schon immer idealisiert. Werbung hat diese Tatsache nur verstärkt und zu Rassismus innerhalb des Systems beigetragen.

Wie sehen deine persönlichen Erfahrungen damit aus?
Ich bin kein Teil des patriarchalen Stereotyps des Systems – mein Körper ist davon ausgeschlossen und meine Stimme wird nicht gehört.

Was macht deine Community so besonders?
Ich lebe in einer sozialen Blase, die es mir erlaubt, über diese Probleme zu reden. In meiner Community wird mir zugehört. Hier kann ich frei reden und mich selbst in Frage stellen. Doch außerhalb dieser Blase lebe ich gefährlich, werde unterdrückt und werde von dem Rest der brasilianischen Gesellschaft verdrängt.

@princesinhadazl

Brazil by Hugo Scott
Brasilandias queere Szene
Brazil by Hugo Scott
Allan
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Batekoo Party
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Waslley Baiano, Pedro Ferreira und Yaminah Garcia
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Aisha Mbikila
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Lolla Venzon, Menina Venenon und Freunde
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Lu Safro und Mika Safro
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Lay und Freundin
Brazil by Hugo Scott
Brendon Xavier
Brazil by Hugo Scott
Renata Tavares

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.