Diese 4 Trans-Aktivist*innen stellen sich gegen Trump

Das Weiße Haus plant die Rechte der Transgender Community massiv zu beschränken. Jetzt ist die Zeit, dass wir alle aktiv werden – #WontBeErased.

von Nicole DeMarco
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26 Oktober 2018, 2:08pm

Wenn uns Probleme nicht direkt betreffen, sie nicht im Nebenhaus, sondern auf der anderen Seite des Ozeans passieren, ist es leicht, die Verantwortung von uns zu schieben und die Geschehnisse einfach passiv im News-Feed zu verfolgen. Dass diese Attitüde der Welt nicht weiterhilft, ist offensichtlich. Die Nachrichten aus den USA, die nun Schlagzeilen machen, betreffen uns alle. Sie sind ein Affront gegen die Menschenrechte und katapultieren uns zurück in eine Zeit, in der Diskriminierung, physische und psychische Gewalt gegen unterrepräsentierte Gruppen den allgemeinen Tenor bestimmten.

Am Sonntag hat die New York Times Auszüge einer erschreckenden Mitteilung aus dem Department of Health and Human Services veröffentlicht, in denen verraten wurde, dass die Trump-Regierung die rechtliche Definition von Geschlecht dahingehend verändern möchte, dass Gender als "ein biologischer, unabänderlicher Zustand, der durch die Genitalien bei der Geburt festgelegt wird" im Gesetz niedergeschrieben wird. Damit wird der Schutz der Transgender-Bevölkerung, der durch diverse Präzedenzfälle etabliert wurde, eliminiert und – im schlimmsten Fall – wird es sogar ermöglicht, genetische Tests durchzuführen, sollte Unklarheit über das Geschlecht einer Person bestehen.

Diese neue Definition bedroht die Rechte von ungefähr 1,4 Millionen US-Amerikanern, die sich nicht mit ihrem angeborenen Geschlecht identifizieren. Innerhalb weniger Stunden hat der Hashtag #WontBeErased die Social Media eingenommen. Hier vereinen sich Individuen, die Selfies zur Unterstützung von Trans- und LGBTQI+-Rechten teilen. Es folgten daraufhin Massenkundgebungen in New York City und Washington, DC.

Dieser Gesetzesvorschlag ist ein massives Eindringen in die Privatsphäre Betroffener. Unter der Obama-Regierung wurden die Rechte rund um die Gender-Thematik in den Bundesprogrammen gelockert, sodass die Interpretation des Geschlechts der individuellen Wahl unterliegen konnte. Während diese Entscheidung zu einer Welle von justiziellen Auseinandersetzungen führte – vor allem, wenn es um Schultoiletten oder Umkleideräume ging – und zahlreiche Konservative verärgerte, hatten die Gerichte dennoch die Transgender-Diskriminierung als Geschlechterdiskriminierung anerkannt. Viele dieser Gesetze aus der Obama-Legislative wurden bereits annulliert. Und dann versucht Trump auch noch am laufenden Band, Trans-Menschen vom Militärdienst auszuschließen...

All diese Entwicklungen sind beunruhigend, ganz ohne Frage. Doch müssen wir im Hinterkopf behalten, dass es sich bislang "nur" um eine Mitteilung handelte. Das heißt nicht, dass wir sie nicht ernst nehmen müssen, aber noch ist kein Gesetz in Kraft getreten. Noch können wir hoffen, dass sich Rechtsanwälte, Gerichte und die Bevölkerung lautstark dagegen wehren.

Wir haben mit vier Trans-Aktivist*innen gesprochen, die erzählen, wie dieses Gesetz ihr Leben beeinflussen könnte und was wir alle tun können, um die Community zu unterstützen.

DJ Honey Dijon
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Honey Dijon
Honey ist eine DJ, Modeikone und Trans-Aktivistin, die im Süden Chicagos aufwuchs. Sie hat mit i-D bereits im letzten Jahr über die Repräsentation marginalisierter Gruppen in der Clublandschaft gesprochen.

Was war deine erste Reaktion, als du von dieser News gehört hast? Wie hast du dich gefühlt?
Ich war wütend und frustriert. Niemand auf diesem Planeten hat das Recht, darüber zu bestimmen, wie eine andere Person liebt, wie sie sich fühlt und wie sie ausdrückt, wer sie ist. Zu versuchen, anderen Menschen ihre Existenz zu nehmen, nur weil du es nicht verstehst, damit nicht übereinstimmst oder es nicht zu deiner Märchen-Religion passt – und das dann auch noch auf Gesetzesebene – ist die Ausgeburt des Bösen.

Falls das Gesetz tatsächlich in Kraft treten sollte, welche Auswirkungen hätte es auf dein Leben und deine Karriere?
Ich bin eine der Glücklichen, da ich in der Kreativindustrie arbeite, in der Menschen toleranter sind. Ich lebe in einer Blase und bin mir dessen sehr bewusst – und ich bin dankbar dafür! Aber es gibt so viele Trans- und Non-Binary-Mitbürger, denen es nicht so geht. Für mich sind sie die wahren Helden. Sie sind es, die Schutz und Unterstützung vonseiten des Staats benötigen, um leben und lieben und sie selbst sein zu können.

Was beunruhigt dich daran am meisten?
Dass Trump eine Marionette der Rechtskonservativen ist, die versucht, eine neue Weltordnung zu erschaffen, die bereits Auswirkungen auf die gesamte Erde hat, von Brasilien bis zum Brexit. Und auch, was in diesem kolonialisierten Land names USA passiert, das erschaffen und erbaut wurde von People Of Color, die im Laufe der Menschheit komplett ihrer Menschlichkeit beraubt wurden. Alles im Namen von Religion, Macht und Profit – man denke nur an die Sklaverei. Marginalisierte Menschen wurden immer klein gehalten. So ist es noch heute und wird auch so weitergehen. Ihr könnt Liebe nicht zerstören. Trans-Menschen sind die Paradebeispiele für Transformation, Evolution und das Dekonstruieren von humanen Idealen. Das macht den Mächtigen Angst, weil es ihren falschen Glauben von Sicherheit zerstört. Die Sicherheit zu wissen, was es heißt, Mann oder Frau, hetero- oder homosexuell zu sein. Menschen fürchten sich vor Dingen, die sie nicht verstehen. Aber das wird bald vorbei sein, wenn die alten, weißen Männer zu Grabe gehen und die neue Generation die Zügel übernimmt. Der Umschwung ist schon im Gange. Genau deswegen versuchen sie alles, um Gesetze einzuführen, die uns zum Schweigen bringen. Sie sehen, dass die Veränderung bevorsteht und können nicht damit umgehen.

Was können Verbündete tun, um zu helfen und die Community zu unterstützen?
Habt keine Angst davor zu lieben, zu kreieren, Leute anzustellen, zusammenzuarbeiten, in einer romantischen und sexuellen Beziehung mit Trans-Menschen zu sein. Eignet euch Wissen darüber an, was Trans- und Non-Binary-Menschen aushalten müssen. Es sind nicht nur die physischen Aspekte, sondern auch die spirituellen und emotionalen. Hört auf, die Welt mit cis-heteronormativen Augen zu betrachten – schließlich hat diese Ordnung auch nicht so grandios funktioniert. Wer will schon einem angeschlagenen System folgen? Die Menschen sollten uns feiern, für unsere Freiheit und die Fähigkeit, uns selbst zu lieben, nach all den Hürden, die wir bewältigt haben. Sie sollten unsere Füße küssen, statt unsere Schönheit, unseren Mut und unsere Standhaftigkeit zu bestrafen. Diese Erkenntnis würde auch ihnen helfen, authentische Leben zu führen.

Noch etwas, das dir auf dem Herzen liegt?
Trans-Menschen existieren seit Anbeginn der Menschheit! Erinnert euch immer daran, egal was euch eure Religion, eure Lehrer, Eltern, das Gesetz oder die Regierung eintrichtern wollen: Euer Leben ist wertvoll! Ihr werdet geliebt und seid fähig zu lieben. Ihr seid ein Geschöpf des Universums und perfekt, genauso, wie ihr seid.

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Casil McArthur
Casils bevorzugte Pronomen sind er/ihm/sein. Ansonsten ist "Eure Hoheit" auch okay für ihn. Das 19-jährige Model wuchs in Colorado auf, begann seine Transition als Teenager und wurde schnell zum ersten männlichen Trans-Supermodel.

Was ging in dir vor, als du das erste Mal von dieser News gehört hast?
Mein Herz schmerzte, ich war angewidert und auch ein bisschen verängstigt. Zuerst war ich wirklich traurig, dann wurde ich unglaublich wütend. Und das bin ich immer noch. Vor allem, weil ich keine Angst an diese Situation verschwenden möchte. Ich möchte meine Stimme, meine Macht und die Macht meines Zorns einsetzen, um alles möglich zu machen, damit diese Situation nicht eintreten wird.

Welche Auswirkungen hätte die Gesetzesänderung auf dich und dein Leben?
Das weiß ich jetzt noch nicht. Ich möchte es auch nicht herausfinden. Niemand anderes, außer mir, wird diktieren, wer ich bin. Aber ich weiß verdammt noch mal, wenn diese Änderung tatsächlich in Kraft tritt, werden die Leben von unzähligen Menschen zum Negativen beeinflusst.

Was beunruhigt dich besonders daran?
Ich mache mir Sorgen, dass es zu einer feindlichen Umwelt führt und all unsere Safe Spaces ruiniert werden. Ich mache mir Sorgen, dass meine Freunde und ich Opfer eines Hassverbrechens werden. Ich mache mir Sorgen, dass Menschen sich nicht mehr outen, keine Transition beginnen und an einem glücklichen Leben gehindert werden. Ich habe Angst, dass Mobber noch mehr Schaden an unschuldigen Seelen hinterlassen werden. Ich habe Angst, dass Menschen nicht einmal mehr versuchen, zu leben, da sie mit all den Hindernissen, die ihnen vor die Füße geworfen werden, nicht umgehen können. Wir sind Menschen, wir sind hier und wir haben das Recht, zu sein, wer wir sind. Es ist schon schwer genug. Es muss nicht noch härter gemacht werden. Das ist nicht fair.

Noch etwas anderes, das du dazu sagen möchtest?
Was Trump hier versucht, ist ein widerlicher Verstoß gegen die Menschheit und die Menschenrechte. Ihr müsst für euch und das Recht, ihr selbst zu sein, kämpfen. Seid nicht leise. Seid laut. Schreit so laut, dass eure Lungen wehtun. Lasst sie wissen, dass es nicht okay ist, was sie mit deiner Community und dir machen. Jetzt ist nicht die Zeit, dich zu verstecken oder Angst zu haben. Make change, be the change. Lasse es die Welt wissen – wir werden nicht verschwinden.

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Zackary Drucker
Zackary lebt in Los Angeles und arbeitet als Multimedia-Künstlerin, Fotografin, Performerin, Schauspielerin, Filmemacherin, TV-Produzentin ( Transparent!) und Aktivistin. In ihrer Arbeit bricht sie mit vorgefassten Meinungen über Gender, Sexualität und Körperidentität.

Was war deine erste Reaktion, als du diese News gehört hast? Was ging in dir vor?
Angewidert. Ich bin mir bewusst, dass solche Randpositionen schon lange von Fundamentalisten vertreten werden, aber die Tatsache, dass diese drakonischen Ansichten Einfluss auf unsere höchsten Ämter haben, ist ungeheuerlich und verrückt. Wir können nicht in das Viktorianische Zeitalter zurückkehren! Wir dürfen nicht regulieren, wie Gender ausgedrückt wird. Möchten sie etwa auch Cross-Dressing verbieten? Wenn man diesen Weg einschlüge, würde es zu einer Art der staatlichen Einmischung in die Privatsphäre führen, mit der die meisten Amerikaner wohl nicht einverstanden wären – besonders für die Republikaner und Liberals, deren gesamter Ethos auf der Freiheit des Einzelnen beruht. Wie können sie solche Heuchler sein?

Wir entwickeln uns mit rasanter Geschwindigkeit. Die Evolution des Menschen ist unvermeidbar. Doch Veränderungen bewirken auch kulturelle Konflikte. Trans-Leute stehen für die menschliche Evolution und unsere Existenz bedroht die veralteten Werte der vergangenen Jahrhunderte. Transphobische Menschen können sich gegen die Modernisierung wehren, aber sie können auch nicht ausschließlich mit dem Rückspiegel fahren.

Welche Auswirkungen hätte die Veränderung des Gesetzes auf dein Leben? Deine Karriere?Zunächst einmal glaube ich nicht, dass dieses Gesetz eingeführt wird, falls dem trotzdem so wäre, würde unser Lebensalltag und unsere Anteilnahme an der Welt im Verborgenen stattfinden, im Bestfall wäre sie in Gefahr. Als Jüdin bin ich mir bewusst darüber, wie meine Vorfahren über viele hunderte Jahre massakriert wurden in Ost-Europa. Trans-Menschen haben gewaltvolle Zeiten überlebt, weil sie ihr Leben im Untergrund führten. Und das ist gar nicht lange her. Trans-Leute werden immer noch attackiert und ermordet. Das sind Fakten. Niemand von uns sollte die Privilegien, die unsere soziale Demokratie mit sich bringt, für selbstverständlich halten. Um unsere Rechte zu bewahren, müssen wir uns einbringen, von unserer Redefreiheit Gebrauch machen und gegen Mobber kämpfen. Trans-Leute machen das schon seit Ewigkeiten, wir sitzen das aus. Unsere Andersartigkeit macht uns hypersensitiv gegenüber unserer Umwelt und im Laufe der Geschichte haben Gemeinden und Zivilisationen unsere Fähigkeit als Weissagungen interpretiert. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Erkenntnis auch Einzug in unsere heutige Gesellschaft hält. Wir haben das alles schon einmal gesehen – eine Gegenreaktion auf unseren Fortschritt ist unvermeidlich. Wir sind Zeugen des Anfangs und ich weiß, auf welcher Seite ich stehe.

Wie können wir alle die Trans-Community unterstützen?
Das wird sich herausstellen. Es wird all unsere Verbündete benötigen, damit auch sie ihre Freunde und Familie überzeugen. Eine Studie der GLAAD sagt, dass nur 16% der Bevölkerung eine Trans-Person kennen. Wenn nur 16% der Bevölkerung feststellen, dass wir verschwinden, wäre das sehr beunruhigend. Wir müssen versuchen, so viele Trans-Geschichten in so vielen Bereichen der Kultur wie nur möglich zu platzieren, damit Empathie entstehen kann. Wir sind Menschen. Keine andere Gruppe in den USA wird spezifisch verfolgt und entmächtigt für das, was sie ist. Warum sollte unsere Regierung Trans-Menschen attackieren? Es ist eine politische Taktik, um unsere Leben in Gefahr zu bringen. Unsere Lage ist schon jetzt nervenaufreibend genug, wenn es darum geht, unser grundsätzliches Überleben zu garantieren. Wenn unsere Regierung dieses Gesetz einführt, dann ist das ein eklatanter Verstoß gegen die Menschenrechte.

Model Aaron Philip
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Aaron Philip
Aaron ist 17 Jahre alt und identifiziert sich als nicht-genderkonforme Trans-Frau. Sie ist zwischen der Bronx und Manhattan aufgewachsen, wurde mit Kinderlähmung geboren und ist eines von nur insgesamt zwei Models im Rollstuhl, die bei einer großen Agentur unter Vertrag steht. Aaron unterzeichnete einen Vertrag mit Elite im letzten September.

Wie hast du auf die News reagiert?
Ich bin gekränkt. Ich bin verärgert wegen des puren Hasses und der Engstirnigkeit, mit der die Trans-Community konfrontiert wird. Ich trauere um meine Community – ich trauere mit all meinen Trans-Schwester, Brüdern und Geschwistern.

Wie würde es sich auf dein Leben auswirken?
Das Gesetz würde mir die Möglichkeit nehmen, ich selbst zu sein.

Was bereitet dir die größte Sorge daran?
Es ist wirklich besorgniserregend, dass die Privatsphäre von unserer Regierung so missachtet wird, indem Menschen dazu gezwungen werden, zu beweisen, mit welchem Geschlecht sie geboren wurden. Das ist unangebracht und verletzend.

Was können Verbündete tun, um die Community zu unterstützen?
Sie könnten an Trans-Menschen spenden, online und offline. Sie sollten sich Wissen aneignen über Gender und Gender-Identitäten. Sie sollten die Stimmen von Trans-Menschen schützen und verstärken.

Noch etwas anderes, das du loswerden möchtest?
Wir werden nicht ausgelöscht. Wir stehen eng nebeneinander und sind groß. So groß wie immer.

Falls ihr – selbst aus Deutschland heraus – aktiv werden möchtet, informiert euch über Kundgebungen in eurer Nähe. In Berlin findet beispielsweise am Sonntag, 28. Oktober, eine Demonstration statt.

Dieser Artikel stammt von den Kollegen aus der US-Redaktion.

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