die moral von kunstpelz

Richtet die gewaltfreie Alternative zu Pelz mehr Umweltschäden an als echter Pelz? Und spielt es überhaupt eine Rolle, ob Kunstpelz Tierleben rettet?

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Mai 13 2015, 8:35am

Kunstpelz ist nicht nur ein Modestatement, sondern auch ein politisches. Wenn ein Promi oder eine Freundin Kunstpelz trägt, stellt man gleich Mutmaßungen an: Sie sorgt sich um das Wohlergeben von Tieren, massiert ihren Hund, trinkt 12-Euro-Säfte und macht Urlaub in ökologisch korrekten Jurten mit Solarzellen auf dem Dach.

Mit anderen Worten: Kunstpelz ist Teil eines gewaltfreien, handwerklich orientierten Lebensstils, der von Leuten gelebt wird, die angeblich Moral über Ästhetik stellen. Aber ist das wirklich so? Acryl, die Hauptfaser in Kunstpelz, ist schlecht für die Umwelt und hat die schlechteste Ökobilanz von neun Fasern, die in einem Bericht der Europäischen Kommission im Jahr 2014 untersucht wurden. In vier von sechs Kategorien belegte es den letzten Platz, einschließlich Einfluss auf den Klimawandel, Einfluss auf die menschliche Gesundheit und Ressourcenerschöpfung. In der Liste der umweltschädlichsten Stoffe der amerikanischen Apparel Coalition belegt Acryl den 39 Platz. 

Dennoch haben falsche Pelze in der Mode gerade einen Höhepunkt. Shrimps, ein Londoner Label, entwirft Mäntel, die aussehen wie ein Mammut in Drag. Und dann ist da natürlich die treue Ökoanhängerin Stella McCartney, die im März zum ersten Mal überhaupt auf der Pariser Fashion Week drei Kunstpelzmäntel gezeigt hat, nachdem sie Jahrzehnte lang Pelz jeder Art mied.

Was ist es, dass Kunstpelz so umweltfreundlich erscheinen lässt? Zum Ersten liegt es an seinem Ursprung. Als Kunstpelz zum ersten Mal populär wurde, wurde seine Alternative - echter Pelz - noch aus Fellen bedrohter Tierarten wie Tiger produziert. In den 60ern und 70ern arbeiteten die ersten Tierrechtsaktivisten eng mit Wildtierschützern zusammen. In einer Anzeige in der Vogue stellte schon damals das Kunstpelz-Label Timme-Tation Pelz-Träger öffentlich bloß: „Weiß die internationale Schönheit, die gerade einen Tiger-Maxi-Mantel, der aus zehn Tieren gefertigt wurde, gekauft hat, dass jetzt nur noch 590 Tiger leben?"

Schließlich wurden Gesetze verabschiedet, die bedrohte Tierarten schützen. Doch die Tierschutzbewegungen wollten mehr und heute lehnen Gruppen wie PETA das Töten von Tieren für jeden Zweck ab. In den frühen Neunzigern halfen ihre Supermodel-Anzeigen, dass Kunstpelze in der Mode ankamen. Eine dieser berühmten Anzeigen zeigt Cindy Crawford, wie sie nichts außer eine Kunstpelzmütze von Todd Oldham trägt.

Den nackten Supermodel-Touch, den er mal hatte, hat Kunstpelz (und auch PETA) längst verloren. Aber die Kampagnen funktionierten zu der damaligen Zeit. 1991 berichtete der kanadische Toronto Star, dass die Preise für Nerzmäntel gegenüber Ende der Achtziger um die Hälfte gesunken seien. Kanadische Pelzhändler feuerten mit ihrer eigenen PR-Kampagne zurück: Pelze sind grün. Sie argumentierten so: Pelz ist eine natürliche Faser, die biologisch abbaubar ist, aus einer erneuerbaren Ressource stammt, wenn die Tiere richtig gehalten und gefangen werden, und die den einheimischen Unternehmern nutzt. Synthetische Stoffe boten einen guten Gegensatz: Sie waren bekannt dafür, die Umwelt zu verschmutzen und nicht erneuerbar zu sein.

Heutzutage argumentieren Pelzhändler auf Webseiten wie FurIsGreen.com immer noch so. Ist das Propaganda? Das sehen jedenfalls die Tierschützer so. „Sie versuchen alles, weil sie wissen, dass die Nachfrage nach Pelz abnimmt", sagt Rob Banks, ein veganer Aktivist, der den ganzen Winter über in New York gegen Pelz protestiert hat. PETA schrieb: „Jeder Pelzmantel sollte mit dem Warnhinweis kommen ‚Giftig für Tiere und die Umwelt!'. Es braucht 15 Mal mehr Energie, um einen gezüchtigten Pelzmantel herzustellen als einen Synthetik-Pelzmantel."

Die Sache ist nur die, dass man dieser Behauptung auch nicht so einfach Glauben schenken sollte. Die Studie, die PETA zitiert, stammt von 1979 und wurde von einer Tierschutzgruppe in Auftrag gegeben. Das soll nicht heißen, dass die Daten von der Pelzindustrie besser wären. Man muss nur richtig hinschauen und wird feststellen, dass jede Studie, die jemals die Umweltauswirkungen von Kunstpelz und echten Pelz miteinander verglichen hat, von einer Interessengruppe in Auftrag gegeben wurde. Unabhängige Quellen - wie die Europäische Kommission - haben in ihren Nachhaltigkeitsberichten zu Acryl und anderen Fasern echten Pelz nicht untersucht.

Ein Argument, was für Kunstpelz spricht (neben der Tatsache, dass man nicht von Leuten mit Farbe attackiert wird), ist, dass Acryl nur einen kleinen Anteil der gesamten Umweltbilanz repräsentiert. Laut dem EU-Bericht steht Acryl für nur 10 Prozent der gesamten Stoffproduktion und Kunstpelze haben sogar einen noch geringeren Anteil. Wieso attackieren Pro-Pelz-Gruppen sie dann? Alan Herscovici, der derzeitige Vizepräsident des Fur Council of Canada, erklärt das so: „Ich bin nicht gegen synthetische Fasern, das wäre ja auch dumm. Ich fahre ein Auto." Der einzige Grund, wieso Pro-Pelz-Gruppen Kunstpelz attackieren, sei eine Reaktion auf Tierschutzorganisationen, die behaupten, dass der Stoff humaner und umweltfreundlicher sei.

Tierschützer geben zu, dass Kunstpelz nicht so gut für die Umwelt sei. Aber darum geht es ihnen hauptsächlich auch nicht. „Die Problematik bei Pelz liegt nicht in der Umwelt, sondern im Töten von Tieren", sagt Banks.

Mit anderen Worten, wenn ein schöner Kunstpelzmantel jemanden überzeugt, keinen echten Pelz zu kaufen, dann geht das in Ordnung.

Credits


Text: Alice Hines
Foto: Philippe Jarrigeon
Bild Peta via Imago Image / Peta 
Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch in der „The Earth Died Screaming Issue" des VICE Magazine.