der versuch der filmindustrie, depressionen richtig darzustellen

Jeder, der von Depressionen direkt oder indirekt betroffen war oder ist, wird wissen, dass es nicht so ist wie im Film. Es gibt keinen Soundtrack und es ist nicht nach anderthalb Stunden vorbei. Wir fragen uns, ob Filme das Potenzial haben, psychische...

|
Mai 8 2015, 10:20am

The Virgin Suicides

Man kann Jeffrey Eugenides dafür verantwortlich machen, dass er es nie erklärt hat, oder Sofia Coppola, dass sie dem gefolgt ist, aber irgendjemand, der mit dem Dreh von The Virgin Suicides zu tun hatte, verpackte Selbstmord und die Ursache dafür in all zu viel Zuckerwatte. Die erste Szene im Film zeigt die 13-jährige Cecilia Lisbon - „die Erste, die geht" -, ein hübsches junges Mädchen in einem rosa Blutbad, wie sie gelassen in die Kamera blickt. Es ist ein gutes Buch und ein wunderschön umgesetzter Film, aber die Mystik, der Glamour und das Verlangen, das die Lisbon-Schwestern umgibt und jeden Schritt, den sie machen -gesehen durch die aufgegeilten Blicke der Nachbarschaftsjungen - ist eine Spur zu romantisch.

Das ist ein Problem, das viele Filme - besonders Jugendfilmen - und andere künstlerische Ausdrucksformen, die sich mit psychischen Erkrankungen auseinandersetzen, betrifft. Nimm nur zum Beispiel Durchgeknallt, Dreizehn, Silver Linings, Vielleicht lieber morgen und man erkennt die Tendenz hin zu ausschließlich schönen, gezeichneten Leuten, die sich oft verlieben, eine Lektion lernen und am Ende weitermachen. Es gibt diese erschütternden Szenen, die sich so wie das Leben anfühlen; die Szenen, die einen berühren. Es ist nur, dass sie inszeniert wurden und nicht echt sind. Als Winona Ryder Brittany Murphy erhängt im Bad in Durchgeknallt findet, läuft der Song „End of the World" von Skeeter Davis auf Schleife. Es ist ein wunderschöner und schrecklicher Moment. Die Kommentare unter dem Video dazu auf YouTube lauten: „Wirklich jetzt? Ich muss immer heulen. Dieser Song, diese Katze", „Winona Ryder ist toll!", „Wie heißt der Song? ;D" und „RIP Britney". Die Szene in dem Film, in dem sie ihren Tod nur spielt, ist gefährlich nah an ihrem eigenen Ableben dran. Die Schauspielerin wurde im Alter von 32 Jahren tot in ihrem Badezimmer aufgefunden.

Der Oscar-prämierte Film Silver Linings ist durch und durch authentisch, besonders die Szene, in der Pat (Bradley Cooper) auf dem Dachboden nach seinem Hochzeitsvideo sucht; die Szene, in der er seinen Triggersong mit Jennifer Lawrence auf der Straße hört und die Szenen, die ihn in Gesprächen mit seinem Psychiater zeigen. Der Film und das Schauspiel stellen die Art und Weise genauso dar, wie Menschen von psychischen Erkrankungen betroffen sind, besonders die von bipolaren Störung, bei der man in einer Sekunde absolut charmant, witzig und glücklich sein kann und dann extrem gestresst in der nächsten. Und was passiert? Abgesehen davon, dass es witzig und düster ist - nach Oscar-Standards -, ist es doch nur ein weiteres Happy End: jedem geht's gut, sie finden in einer hoffnungslosen Situation Liebe und schneiden ganz gut im Tanzwettbewerb ab. Es ist so optimistisch, dass es unrealistisch ist.

Die andere Option ist Tod. Anton Corbijns Schwarz-weiß-Verfilmung von Ian Curtis' Selbstmord ist niederschmetternd... schön verfilmt. Der Film ist so schön, wer möchte nicht so wie Sam Riley zur Arbeit laufen, eine Zigarette rauchen und eine Punkjacke mit der Aufschrift „HATE" auf dem Rücken tragen? Es ist ein stylisches Meisterwerk, das genau, authentisch, deprimierend und einfach wahr ist. Aber auch wieder: der Stil und alles ist ein bisschen zu schön. Als Samantha Morton, die Ians junge Frau spielt, seinen Körper findet und aus der Haustür stürmt, setzt „Atmosphere" von Joy Division ein. 

Dann ist da die Schlussszene in Requiem for a Dream: Jared Leto verliert wegen Drogen seinen Arm, Jennifer Connelly wird Prostituierte, deren Freund sitzt im Knast und die Mutter, gespielt von Ellen Burstyn, ist auf einem Psychotrip, nachdem sie ihren Verstand verloren hat und über eine TV-Sendung fantasiert, während sich ihre süßen Freunde draußen auf der Bank in Verzweiflung umarmen. Eine düsterste Szene, aber extrem und überdramatisch. Es ist die Art von Filmszene, die man mit 18 unglaublich tief findet und dann später feststellt, dass sie das nicht ist.

Die dunkelste Szene, die es in der bunten Wes-Anderson-Welt gibt, ist eine Szene aus Die Royal Tenenbaums: Als Richie Tenenbaum sich seine Haare abschneidet, sich den Bart abrasiert und dann in den Spiegel sagt: „Ich bringe mich morgen um." Die Szene ist so stark, was durch „Needle in the Hay" von Elliot Smith noch verstärkt wird. 

Die fairste Darstellung, die ich bisher gesehen habe, ist aus dem Film The Hours, in dem Nicole Kidman und Julianne Moore Szenen von Depression und Selbstmordgedanken so präzise spielen, dass es einem das Herz bricht. Nicht mal der dramatische Phillip-Glass-Soundtrack kann es übertünchen.

Lars von Trier macht es auch richtig. In Melancholia spielt Kirsten Dunst eine Frau, die unter Depressionen leidet. Sie hat alles, aber kann sich nicht daran erfreuen, während ihre Schwester (Charlotte Gainsbourg) rational und glücklich ist. Dann endet die Welt und die normale, gesunde Charlotte dreht durch. Die depressive Kirsten ist diejenige, die ihr Schicksal ertragen und ihre Schwester und Neffen unterstützen kann, als der Planet auf sein Ende zusteuert und sie auslöscht. In Das Fest von Thomas Vinterberg, ein Freund von Lars von Trier - ein Film über eine reiche, dysfunktionale Familie, deren viertes Kind sich umbringt - gibt es eine andere herzzerreißende Szene: die ältere Schwester liest den Abschiedsbrief der jüngeren Schwester vor: „Ich weiß, dass es euer Leben mit Dunkelheit füllen wird. Ich habe versucht, euch zu warnen, aber ich wusste, dass ihr beschäftigt seid".

Diese künstlerischen Ausdrucksformen von psychischen Erkrankungen, die unsere Vorstellungen und Einstellungen dazu beeinflussen, entsprechen aber nicht der Realität. Jeder, der davon direkt oder indirekt betroffen war oder ist, wird wissen, dass es nicht so ist wie im Film. Es gibt keinen Soundtrack und es ist nicht nach anderthalb Stunden vorbei. Nicht, dass diese Szenen unangemessen oder falsch wären, es ist nur, dass sie zu perfekt verpackt, zu gut gemacht sind und im Endeffekt haben sie das Potenzial, psychische Erkrankungen zu verherrlichen. Die Schwarz-weiß-Malerei am Ende dieser Filme - Liebe und Glück oder Tod - könnte (!) dazu führen, dass Leute eine falsche Vorstellung davon haben, wie es für Betroffene wirklich ist.

In der Schlussszene in The Virgin Suicides stehen die Jungs aus der Nachbarschaft wieder im Fokus. Die finalen Gedanken sind trotz allem eine sehr realistische - wenn auch sehr eloquente - Schlussfolgerung, die von jedem direkt oder indirekt Betroffenen psychischer Erkrankungen nachempfunden werden kann.

„Es wurde im Laufe der Jahre so viel über die Mädchen geredet, aber wir haben für uns nie eine Antwort gefunden. Es spielte im Grunde keine Rolle, wie alt sie waren. Oder dass sie Mädchen waren. Wichtig war nur, dass wir sie geliebt hatten und dass sie uns nicht hörten, als wir sie riefen. Sie hören uns noch immer nicht, wenn wir sie jetzt aus diesen Zimmern heraus rufen, in die sie sich zurückzogen, um für alle Zeiten allein zu sein und in denen sie uns nie mehr Antworten auf unsere Fragen geben werden."

Credits


Bild: Still aus The Virgin Suicides