im interview mit dem neuen regiestar lenny abrahamson

Mit seinem neuesten Film „Raum“ wurde Lenny Abrahamson weltweit bekannt und für einen Oscar nominiert. Wir haben den charismatischen Iren zum Interview getroffen und mit ihm über „Raum“, die Zusammenarbeit mit der frisch gebackenen Oscar-Gewinnerin...

von Tish Weinstock
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03 März 2016, 11:55am

Vor einem Jahr kannte kaum jemand seinen Namen. Vielleicht kennst du seine Filme What Richard Did oder Frank, der Hit auf dem Sundance-Filmfestival 2014 mit Michael Fassbender. Aber den Namen Lenny Abrahamson kannten die wenigsten—bis jetzt. Das liegt an den überraschenden Oscar-Nominierungen in den Kategorien Beste Regie und Bester Film für sein Meisterwerk Raum. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Emma Donoghue. Die Oscar-Gewinnerin Brie Larson und der Preisträger des Critics' Choice Awards Jacob Tremblay spielen eine Mutter und einen Sohn in Gefangenschaft. Der Film erzählt ihr gebrochenes Verhältnis zur Außenwelt, nachdem sie entlassen werden. Wir haben den charismatischen Iren zum Interview getroffen und mit ihm über Raum, die Zusammenarbeit mit der frisch gebackenen Oscar-Gewinnerin Brie Larson und die Eltern-Kind-Beziehung gesprochen.

Was hat dich an der Geschichte so interessiert?
Als ich die Geschichte gelesen habe, war mein ältestes Kind vier Jahre alt und ich habe mich sehr für Kinder interessiert. Besonders bewegt hat mich Emmas Porträt von Jack. Ich fand die Geschichte einfach fantastisch. Die Geschichte ist eine Hommage an Kinder und was sie so besonders macht. Ich habe meinen Sohn darin sehen können. Das war der emotionale Auslöser für mich. Außerdem fand ich beeindruckend, wie sie aus einer Situation, die ziemlich einfach zu einer Geschichte über Leid hätte werden können, dieses leise und wunderschöne Porträt einer Eltern-Kind-Beziehung gesponnen hat. Sie hat diese Geschichte genommen und daraus etwas sehr universelles und sehr Optimistisches gemacht. Die Herausforderung als Filmemacher lag dann darin, aus einer scheinbar für die Leinwand ungeeigneten Geschichte etwas zu machen, was auf der Leinwand funktioniert. Ich hatte schon relativ frühzeitig eine Vorstellung, wie ich es umsetzen möchte. Es war ein Bauchgefühl.

Hattest du schon während des Lesens eine Vorstellung, wie der Film aussehen soll oder hat sich das so entwickelt?
Ich hatte schon eine ziemlich klare Vorstellung in meinem Kopf. Für einige Szenen hatte ich schon ziemlich klare Bilder. Ich habe mich wirklich mit ihnen in diesem Raum gesehen und wie das aussehen und wie sich das anfühlen würde. Schon nach ein paar Seiten hatte ich starke bildliche Vorstellungen. Diese ersten Bilder sind die ehrlichsten und lebendigsten. Den Rest der Zeit versuchst du, das alles zusammenzufügen.

Wie kam der Film zustande?
Auf jeden Fall hat es lange gedauert. Anfangs dachte ich auch nicht, dass wir die Rechte bekommen würden. Rechte an Büchern, die sich gut verkaufen, sind meistens sehr teuer. Aber das passierte nicht. Emma wartete. Ich habe ihr einen langen Brief geschrieben und ihr erklärt, wie sehr ich das Buch geliebt habe und wie ich es gesehen habe, was für Herausforderungen es gibt und wie ich mir die Lösungen für diese vorstelle. Das hat dann alles weitere ausgelöst. Während Emma darüber nachgedacht hat, habe ich What Richard Did beendet, was mich ein bisschen bekannt gemacht hat. Dann kam Frank und wir haben uns dann getroffen und uns gleich gut verstanden. Das war der beste Aspekt daran.

Welche Botschaften möchtest du mit Raum transportieren?
Die Thematiken sind sicherlich präsent, aber es gibt keine These, die ich mit dem Film beweisen wollte. Die Zuschauer sollten die Intimität in der Beziehung zwischen Brie und Jacob erfahren, wie schön das ist und dass es fantastisch ist, wie zäh dieser kleiner Junge ist. Die Unmittelbarkeit ist einer der größten Vorteile vom Kino, dass man fiktionalen Charakteren so nah kommen kann. Das war mein einziges Ziel. Im Roman gibt es viele Metaphern, die für etwas Größeres stehen, aber sie bedeuten nichts, wenn du nicht an das glaubst, was du siehst. Gefühle sind nachhaltiger.

Elternschaft und Kindheit sind zwei zentrale Themen in dem Film. Wie viel von deinen eigenen Erfahrungen steckt drin?
Kinder zu haben, ist sehr schwierig. Die Darstellung von Elternschaft ist universell, die Situation ist jedoch sehr ungewöhnlich. Wir wollten zeigen, wie einengend, schrecklich intensiv und kräftezehrend das sein kann. Gleichzeitig kann es auch das wundervollste überhaupt sein. Es kann dich fast umbringen, letztlich rettet es dich aber.

Wie war die Zusammenarbeit mit Brie und Jacob?
Sie war wundervoll. Egal was Leute sagen, aber mit jemandem zusammenzuarbeiten ist nicht immer toll. Manchmal ist das Verhältnis zu den Schauspielern vorbelastet, weil wir unter großen Druck stehen. Viel steht auf dem Spiel—besonders für die Schauspieler. Aber Brie ist wundervoll, sie ist warmherzig, clever und lustig. Es war ein absolutes Vergnügen. Wir haben monatelang sehr eng zusammengearbeitet, als sie sich auf die Rolle vorbereitet hat. Jake kam später dazu. Kinder castet man immer später, weil sie sonst zu stark verändern. Sie zusammenzubringen und sie so eng zu sehen, war fantastisch. Das musste auch so sein, denn darauf baut der Film auf. 

Was gab es für Herausforderungen?
Das war wahrscheinlich der Übergang von der ersten Hälfte zur zweiten Hälfte des Films. Sie entkommen in der Mitte. Normalerweise passiert so etwas am Ende. Dieses Gefühl der Spannung zu bewahren und zu transportieren, wenn sie zwar körperlich entkommen, dem aber noch nicht wirklich emotional entronnen sind, war der schwierigste Part, sogar schwieriger als in einem kleinen Raum zu drehen, was auch hart war. All diese kräftigen Kameramänner in einen Raum zu quetschen.

War der Kreativprozess anders als bei anderen Filmen?
Es ist der Film mit dem größten Budget, den ich bisher gemacht habe. Es fing mit hohen Erwartungen an, da viele Leute den Roman lieben. Der Film ist auch mit Abstand der emotionalste Film, den ich jemals umgesetzt habe. Das spürt man von Anfang an.

Was erhoffst du dir durch den Film?
Ich kann jetzt so ziemlich die Filme machen, die ich auch machen möchte. Schauspieler wollen mit mir arbeiten, weil sie meine bisherige Arbeit mögen. Viele wollen uns unterstützen. Es ist gerade eine tolle Zeit und ich möchte nichts überstürzen. Es gibt ein paar Projekte, an denen ich arbeite und auf die mich wirklich freue.

Hast du das Gefühl, dass du dich selbst noch verbessern kannst oder bist du zufrieden damit, wo du gerade stehst?
Ich bin nie sehr lange zufrieden. Ich bin sehr stolz auf diesen Film, aber ich bin ein rastloser Kreativer. Es gibt noch viel mehr Herausforderungen, aber durch diesen Film habe ich ein gewisses Level an Bekanntheit erreicht, was sehr nützlich ist.

Raum startet am 17. März in den deutschen Kinos.

Credits


Text: Tish Weinstock

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