wie stripkultur mainstream wurde und warum das problematisch ist

Was bedeutet der Hashtag #NotAStripper? Wie wurden „exotische Tänzerinnen“ zum Entertainment auf der Fashion Week? Und was bedeutet das für die Frauen, die mit Strippen ihr Geld verdienen?

|
27 Juni 2016, 3:20pm

via @jacqthestripper

Während der Oscar-Saison im März dieses Jahres war an der vielbefahrenen Kreuzung Hollywood Boulevard Ecke La Brea im Zentrum von Los Angeles eine neue Installation zu sehen, die so goldglänzend wie der Goldjunge selbst war und doch war sie anders und weniger Hollywood. Oscar in XXL war eine Stripperin mit paillettenbesetzten Nippelquasten und einen Tanga voller Geldscheinen und der neueste Kommentar des britischen Street-Art-Künstlers Plastic Jesus über den Zustand der Popkultur. In den letzten Jahren hat er den Goldjungen gezeigt, wie der Drogen zieht und kritisiert so die dunklen Seiten dieser scheinbar glamourösen Hollywood-Welt. „So viele Frauen kommen nach Hollywood, um ihrem Traum, Schauspielerin, Tänzerin oder Sängerin zu werden, zu verwirklichen. Aufgrund fehlender Möglichkeiten damit auch Geld zu verdienen und den wahnsinnig hohen Lebenshaltungskosten müssen sie der Wirklichkeit ins Auge blicken und in Bars und Clubs strippen, um über die Runden zu kommen", so der Künstler in einem herabsetzenden Statement, in dem er professionelle Stripperinnen mit Drogenabhängigen gleichsetzt. Das ist nur ein weiterer Fall des immer gleichen Klischees der traurigen Stripperin, das sich die Tänzerinnen (und Tänzer), die den Job gerne machen und sich bewusst dafür entschieden haben, jeden Tag anhören müssen. Auch die Modewelt hat die erotische Ikonografie für sich entdeckt: In New York und bei Saint Laurents Fashionshow in L.A. waren nicht nur die Absätze atemberaubend hoch, sondern auch die Stardichte. Wir haben uns die komplizierte Obsession der Popkultur mit exotischen Tänzern näher angeschaut und uns gefragt, welche Auswirkungen der Mainstream auf Stripperinnen hat, die damit ihr Leben finanzieren.

Seitdem es Striptease gibt, ist der Mainstream davon fasziniert. Massgeblich dazu beigetragen hat Dita von Teese, die mit ihrem rabenschwarzen Haar und Swarovski-Kristallen von einer Fetisch-Ikone zu einer Modeikone wurde und die durch ihr Playboy-Cover berühmt wurde. Ihr wird die Wiederbelebung von Striptease als Kunst zugeschrieben. Dann gibt es mit Diablo Cody Hollywoods feministische Lieblings-Stripperin Schrägstrich Oscar-Gewinnerin, die für Juno den Oscar für das beste Drehbuch gewonnen hat. Bevor sie mit Juno zu einem Branchenliebling wurde, hat sie ein Enthüllungsbuch über ihre Jahre in Peepshows und schmierigen Striptease-Lokalen geschrieben. Und natürlich darf auch die Cyber-Sexbombe Brooke Candy nicht unerwähnt bleiben. Die frühere Stripperin ist für ihren freakigen und futuristischen Stil bekannt und außerdem ist sie die Tochter des CFO vom Hustler. In aller Öffentlichkeit hat sie sich von einer vulgären Rapperin zu einer Muse für Modehäuser gemausert, und passend zum Imagewandel wird bald ihr von Sia produziertes Debütalbum erscheinen. Auch Lady Gaga hat früher mal für Geld an der Stange getanzt und laut eigenen Aussagen habe sie mehr mit dem Tanzen verdient als mit dem Kellnern.

Auch wenn keine der eben genannten Frauen ihre Stripper-Vergangenheit verschwiegen hat, ihre Karrieren haben mittlerweile Formen angenommen, die gemeinhin als schicklicher und salonfähiger gelten. Doch was bedeutet diese Entwicklung für die Frauen, für die Strippen nicht nur eine Erinnerung ist, sondern die stolz darauf sind und damit ihr Geld verdienen?

Nehmen wir uns die erfolgreiche Slutwalk-Mitbegründerin und Anti-Slutshaming-Aktivsitin Amber Rose zum Beispiel. Sie ist die Ex-Freundin von zwei bekannten (und verfeindeten) Musikern und wurde in die Rolle gedrängt, sich für ihre Sexualität rechtfertigen zu müssen. Ihre Vergangenheit als Stripperin dient dabei als Rechtfertigung für Kanye Wests verletzende Tweets über ihren Trash-Wert. „Die Ironie ist doch, wenn man Rose und Kardashian vergleicht, existiert der krasse Gegensatz zwischen den beiden nicht, auf dem Kanye Wests Argumentation beruht. Jede wurde durch ihren Sexappeal berühmt. Rose war eine Stripperin aus der ein Model wurde und Kardashian hatte das Sextape—was nun besser oder schlecht ist, sei dahingestellt. Beide sind jetzt Mütter. Was der Yeezy-Khalifa-Twitterkampf aber zeigt: die frauenfeindliche Einstellung von Kanye West. Im Gegensatz zu Dita von Teese oder Lady Gaga distanziert sich Amber Rose aber nicht von ihren Wurzeln im Sexgewerbe und verpackt ihre Identität auch nicht in Couture-Outfits. Rose beweist, dass es feministisch ist, wenn eine Frau selbst über ihren Körper und ihr Sexleben bestimmt. Und dass das keine Einladung zu sexuellem Missbrauch ist, wie sie erst kürzlich wieder verblüfften Männern erklären musste.

Es wird noch komplizierter. Während Kanye immer höher in der Modewelt aufsteigt und öffentlich seine Ex-Freundin dafür fertigmacht, dass sie sich ausgezogen hat, hat Hedi Slimane die Tänzerinnen des Jumbo's Clown Rooms für das Saint-Laurent-Spektakel in Los Angeles verpflichtet, und in der ersten Reihe saßen Courtney Love, Justin Bieber, Lady Gaga und Joan Jett (zwei davon waren früher selbst Stripperinnen). Falls du Jumbos nicht kennst: das ist eine dieser miesen Bikini-Bars in Hollywood, die für ihre kreative Klientele und für ihre an der renommierten Juillirad School ausgebildeten Rock'n'Roll-Tänzerinnern mit einer Vorliebe für Black Sabbath bekannt ist. Das führt uns zu Alexander Wangs sexuell aufgeladener Herbst-/Winterkollektion 2016, für die er punkige Models in Pants mit Tänzerinnen-Aufnähern auf den Laufsteg geschickt hat. Den Höhepunkt hat dann vielleicht die Streetwear-Marke Richardson mit der ausschweifenden Fashionweek-Party, auf der Internet Babe Schrägstrich Modedesignerin und neuerdings auch Nackttänzerin Zoë Kesta aka @weed_slut_420 vom Himmel schwebte, geschaffen. Zu den Gästen gehörte Hari Nef und Jemima Kirke.

Und wieder einmal springt das Modevolk auf einen Trend auf, ohne sich für die hartarbeitende Stripper-Community zu engagieren. Die Mode bedient sich einer Branche, die ihre professionellen Stripper regelmäßig diskriminiert, sie nicht schützt (für die meisten Stripperinnen werden keine Sozialabgaben bezahlt und Kündigungsschutz besteht auch nicht) und ihre eigenen Mitarbeiter entwürdigt, da ist es mindestens verwunderlich, dass Designer aus der Street Credibility, die von der Sexarbeiter-Community selbst stammt, Kapital schlagen. Interessiert sich die Modeindustrie für die Sicherheit und das Wohlergehen der Sexarbeiter? Oder ist es nicht viel mehr so, dass die Modeindustrie durch das Schockpotenzial und den Sexappeal einfach nur Geld verdienen will?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, haben wir mit Jacqueline Frances aka Jacq, die Stripperin gesprochen. Sie selbst nennt sich „ein unternehmerisches Superbabe": Sie ist Stripperin, Stand-up-Comedian und Autorin von The Beaver Show (eine schonungslose und sexy Beschreibung ihrer Realität als Stripperin) und verändert den Blickwinkel auf den Beruf Stripperin, in dem sie gegen das Klischee der traurigen Stripperin kämpft, indem sie beschreibt, was wirklich in Strip-Lokalen passiert.

„Fangen wir mit der Vorstellung ‚Stripperin sind jetzt cool' an. Damit sind nicht echte Stripperinnen gemeint, die werden öffentlich immer noch verpönt. Aber die Idee, ein bisschen trashy, sexy und unverfroren zu sein, ist cool", erklärt sie uns, als wir sie über die Faszination der Mode mit der Stripkultur befragen. „Wenn ich ehrlich bin, trage ich zu diesem Bedeutungswechsel bei. Ich bin stolz darauf, eine Stripperin zu sein. Dass sind nicht viele von uns, weil es das Potenzial in sich trägt, dein Leben und/oder deine Karriere, Beziehung und allgemein deine Chancen im Leben zu zerstören. Und deshalb ist es wichtig, wenn man sich bei der Kultur, die unser Leben und Beruf ist, bedient, dass man sich dann für uns auch engagiert."

Zoë Kestan aka @weed_slut_420 hat explosionsartig über 30.000 Follower und mehr erreicht, nachdem sie von Richard Kern fotografiert wurde. Obwohl sie in der Stripper-Szene neu ist, hat sie Andrew Richardson, dem Gründer des gleichnamigen Streetwear-Labels, geholfen, Stripperinnen zu engagieren und Outfits für seine Fashionweek-Party zu entwerfen. „Er war so großzügig und hilfreich. Es hat so viel Spaß gemacht", sagt Zoë.

Sie hat gerade ihren Abschluss gemacht, war Assistentin bei Jeff Koons, ist Unterwäsche-Designerin, Model und Knitwear Consultant und verdient sich nebenbei noch etwas als Stripperin in New Yorker Stripclubs dazu. „[Mich interessiert], warum bestimmte Dinge und Stilelemente der Stripszene als geschmacklos gelten und andere hochgelobt werden", erzählt sie. „Ich liebe es, mich zu verkleiden. Ich liebe es, mir mein Outfit zusammenzustellen. Ich liebe es, Geld zugesteckt zu bekommen. Wir haben die Möglichkeit, Geld zu verdienen, ohne dass wir etwas dafür tun müssen." Zoë wünscht sich, dass ihr It-Girl-Status im Internet Mädchen und Jungen zeigt, dass die sich wohl beim Thema Sex und in ihren Körper fühlen können. „Ich bin die älteste von vier Geschwistern. Viele der Freunde meine Geschwister folgen mir auf Instagram. Ich zeige ihnen, dass es OK ist, einem Mädchen zu zuschauen und auf eine bestimmte Weise mit ihr zu interagieren. Wenn sie sich unangemessen verhalten oder etwas Unangemessenes sagen, lasse ich sie das wisse. Weil ich jung bin, habe ich das Gefühl, dass ich etwas verändern kann."

Im Januar wurde der Hashtag #NotAStripper in der „Poler-Szene", bei Hobby-Stripperinnen und Fitness-Enthusiasten beliebt. Sie haben fleißig Pics von sich an der Stange gepostet. Aber natürlich mussten sie auch durch den Hashtag sofort klarstellen, dass sie das als Sport machen und keine echten Stripperinnen sind. Langjährige, professionelle Stripper haben unter den Hashtags #YesAStripper, #AllPoleDancers und #ProudStripper zurückgefeuert. Die Kunst des Poledance wurden von Stripperinnen erfunden und indem absichtlich jede Verbindung zu dessen Wurzeln verleugnet werden, diskriminiert die #NotAStripper-Bewegung die Frauen, die es überhaupt erst erfunden haben.

„Schülerinnen und Lehrerinnen von Poledance, die versuchen, sich von unserer Kunst zu distanzieren, verstärken nur das Sexarbeit-Stigma", sagte Stripperin und Aktivistin Elle Stanger dem Daily Dot. „Es ist doch verrückt, dass jemand, der dafür bezahlt, das zu lernen, versucht, sich von den Ursprüngen zu distanzieren." Poledance-Verbände auf der ganzen Welt veranstalten einen Eiertanz darum, weil sie Poledance als olympischen Sport etablieren wollen. Deswegen ist es wichtiger denn je, dass die selbstständigen Frauen, die den Weg dafür geebnet haben, respektiert werden, genauso wie die Frauen, die auf ehrliche und anständige Art und Weise, damit ihren Lebensunterhalt verdienen.

Dass sich die Modewelt bei der Sex-positive-Bewegung bedient, ist ein positives Zeichen. Es ist dabei aber entscheidend, dass die Modeindustrie als ein bedingungsloser Unterstützer agiert und nicht nur als gelegentlicher Zuschauer. „Heutzutage gehen so viele Hipster in Strip-Lokale und machen Selfies. Es nervt einfach nur noch und es schmälert mein Einkommen", erklärt Ms. Frances. „Stripperinnen zahlen dafür, dass sie in die Clubs reingelassen werden. Das einzige Geld, das ich verdiene, ist das Geld, das mir die Besucher zu stecken. Diese modischen Typen machen uns vielleicht nicht in der Öffentlichkeit schlecht, aber ich fühle mich als Entertainerin geringgeschätzt, wenn sie einfach nur dasitzen und nur schauen. Stripclubs sind keine Museen oder Galerien. Das sind interaktive Räume, in denen du dich wie ein Arsch verhältst, wenn du nicht mitmachst." Was lernen wir daraus? Wenn du eine gute Figur im Poledancing machen willst, dann sei beim Trinkgeld nicht knauserig. „Wenn du eine Stripperin auf deinen Pulli nähst, warum bist du dann nicht wirklich revolutionär und nimmst eine echte Stripperin mit in deine Modenschau mit auf? Vielleicht passiert das ja in der nächsten Saison", sagt uns Frances zum Schluss. „Wenn ich mir den Pullover leisten könnte, würde ich so was von gut darin aussehen."

Credits


Text: Jane Helpern
Foto Dita von Teese: Imago / Cityfiles 
Foto Amber Ross: Imago / Birdie Thompson / AdMedia Hollywood United States