ein etwas anderes gespräch beim virtuellen sleepover mit warpaint

Wenn man seit zwölf Jahren befreundet ist und dann noch zusammen in einer Band spielt, weiß man ein oder zwei Dinge über Freundschaften unter Frauen. Wir haben Emily und Theresa zum Interview getroffen, uns über das neue Album „Heads Up“ unterhalten...

von Francesca Dunn
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07 September 2016, 1:35pm

Skypeinterviews beginnen immer mit einer Frage: Kamera an oder aus? Wenn man eine Künstlerin anskypt und die Kamera eingeschaltet hat und sie Audio anhat, startet man schon mal unangenehm ins Gespräch. Die einzige Option, um nicht vollends als komische Person abgestempelt zu werden: schnell die Kamera ausschalten. Wenn man ohne Kamera skypt, verstehen die Künstler es als Anruf und man kann verpasst das ganze visuelle Element einer Unterhaltung und—noch schlimmer—man verpasst die Chance, seinen Lieblingsmusiker anzustarren. Zum Glück haben Emily Kokal und Theresa Wayman von Warpaint die Kamera an, als sie mich aus ihrem New Yorker Hotelzimmer anrufen. Dort ist es Nachmittag und sie haben es sich auf Theresas Bett gemütlich gemacht. Emily klebt sich gerade ein Pflaster auf den Fuß. „Das passiert in L.A. normalerweise nicht", versichert sie mir. „Man läuft in New York viel." Sie sind in der Stadt für die Promotion zu ihrem dritten Album Heads Up und haben nach langer Zeit mal wieder gemeinsam ein Konzert im Baby's All Right in Brooklyn.

In älteren Interviews wurde die Band als abwehrend beschrieben, aber bei unserem Gespräch ist es das genaue Gegenteil und ich habe sogar das Gefühl, dass ich Teil ihres Sleepovers bin. „Das ist meine BFF, seitdem ich elf bin", sagt Emily und umarmt Theresa. Beide sind zusammen in im US-Bundesstaat Eugene aufgewachsen und haben gemeinsam die Schule geschwänzt und sind stattdessen lieber im Auto durch die Gegend gecruist. während lauter HipHop aus den Boxen gedröhnt ist. Zusammen mit ihrer Bassistin Jenny Lee machen sie seit beeindruckenden zwölf Jahren unter dem Namen Warpaint Musik, ihre Schlagzeugerin Stella ist kurz danach zu ihnen gestoßen. Die Songs „Undertow" und „Love Is To Die" waren sofortige Hits und das Video zu „Disco//Very", in dem sie in Slow Motion von der Straße in einen Wald tanzen und dabei von ein paar der besten Skateboarder aus L.A. begleitet werden, ist wahrscheinlich eines der coolsten Clips, die wir je gesehen haben. 

Die Original Girl Gang weiß um die Bedeutung von Freundschaften: „Die Zeit miteinander überstanden zu haben, sorgt für Sicherheit und Vertrauen", erklärt Theresa. „Es ist wie Familie." Sie sind nicht nur ein Dreamteam, sondern auch realistisch. „Manchmal sind die längsten Freundschaften, die man hat, nicht unbedingt die, die die ganze Zeit am einfachsten sind", sagt Emily lachend, „aber sie sind auch die erfüllendsten". Es ist erfrischend, eine Künstlerin zu hören, die so offen und ehrlich über die Dynamik innerhalb der Band spricht, ein Thema, das oft als Off-Topic abgewunken wird. „Es ist fast so, als ob die Band sekundär ist. Und der Lernprozess, als Menschen zu koexistieren, noch darübersteht", sagt sie weiter. „Wir lernen, miteinander bessere Menschen zu werden. Das ist das oberste Ziel und die Musik ist ein Nebenprodukt." Das ist das Unterstatement des Jahrhunderts. Die Musik inspiriert andere, ja, sie transportiert den Zuhörer in eine andere Sphäre und versetzt in Trance.

Nach einem Jahr, in dem sie sich auf Soloprojekte konzentriert haben und Kollaborationen eingegangen sind, haben sich Warpaint im Januar wieder zusammengetan und ihr süchtig machendes drittes Studioalbum Heads Up aufgenommen. „Es ist fröhlicher, positiver, einfach heads up", erklärt Theresa, „anstatt „Ich werfe dir gleich einen Fußball ins Gesicht, also behalte den Kopf oben", erklärt Emily lachend. „Oder etwa nicht?!", sagt Theresa. Beiden fangen an zu lachen. Sie haben genug davon, „ihren Scheiß individuell auszumachen", wie Emily es formuliert. Die vier haben bei der neuen Platte einen experimentelleren und entspannteren Ansatz gewählt. „Wir haben versucht, unsere Stile zu kombinieren und uns gegenseitig zu verstehen", sagt sie. „Wir haben uns selbst nicht unter Druck gesetzt." Die Songs haben sie in ihrem Proberaum in Downtown L.A. geschrieben, manchmal alle vier zusammen, manchmal auch nur zu zweit. Eigentlich ein Ort, der sich fürs Songwriting nicht eignet, weil die Metal-Band nebenan wieder mal ordentlich aufdreht oder der Reggae-Dude am Ende des Gangs jede Note einzeln lebt. Doch die Fenster, die von der Decke bis zum Boden gehen und die einem einen wahnsinnigen Blick über den LA River geben, sind unschlagbare Argumente. Sogar das Albumcover ist hier entstanden.

„Wir wollten so viel Spaß wie nur irgendwie möglich haben", sagt Emily. „Ich finde, dass haben wir uns einfach verdient." Für das neue Album haben sie sich Unterstützung vom Produzenten Jacob Bercovici geholt, mit dem sie auch an ihrer Debüt-EP Exquisite Corpse zusammengearbeitet haben. Herausgekommen ist eine Platte, die weniger Jam-Session mehr Gute-Laune-Tanzbar ist. Die erste Single, passenderweise „New Song" getauft, geht ins Oh und ist funky und frech. „By Your Side" ist eine Ode an die Freundschaft unter Frauen: „Now I know that I'm not alone, got my girls I'm not alone." Ein weiterer Standout-Song ist „Don't Let Go", eine Mischung aus Teeniehorrorfilm aus den 90ern und Led Zeppelin, die 4 Vocal-Parts vereint, die übereinander gelayert sind. Nachdem 2014 „Biggie" erschienen ist, ist interessanterweise auf Head Up ein Track „Dre". Ist das ein Throwback an ihre verträumten Teenietage? „Ja, du hast recht", bestätigt Theresa. „Dude, das ist West Coast/ East Coast-Ding. Merkt ihr das?" Der Titel ist zwar noch ein Arbeitstitel, aber die zufälligen Nods an die beiden Raplegenden verleiht dem Ganzen einen netten Touch. Das Album ist abwechslungsreich und wie Jenny Lee schon öfter gesagt hat, ist es eine Weiterentwicklung der Band. Das sei die erwachsene Version von Warpaint.

Mit neuen Alben sind untrennbar Tourneen verbunden und Theresa und Emily werden nervös. „Bei unserem Konzert letzte Nacht habe ich mich richtig steif gefühlt. Besonders die neuen Sachen. Wir mussten uns richtig konzentrieren", so Theresa. Aber sobald sie einmal reingefunden haben, scheuen sie sich auch nicht davor zu tanzen. Wir sprechen über ihre Lieblings-Moves. Gezeigt werden mir Macarena und YMCA und schließlich ein Charleston. Und der Tanz ist beeindruckend. „Ich liebe es, weil es unmöglich ist, Charleston zu tanzen und traurig zu sein", sagt sie grinsend. Es klopft an der Tür. Wie Eltern, die einen daran erinnern, dass man schlafen muss. Ihr Presseagent übernimmt diesen Part. „Wir sind jetzt BFFs und hängen einfach ab", sagt ihm Emily, wirft ein Kissen in Richtung Kamera und verabschiedet sich. 

Hier findest du alles aus unserer The Female Gaze Issue.

Credits


Text: Francesca Dunn
Fotos: Kayt Jones

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