fünf wegweisende, queere zines, die du unbedingt kennen solltest

Wir haben uns mit fünf Zine-Machern unterhalten, deren Publikationen eine frische Sicht auf Gender und Sexualität bieten.

von André-Naquian Wheeler
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26 Oktober 2016, 1:09pm

Am Wochenende fand in New York die Queer Zine Fair im historischen LGBT-Center im Bureau of General Services-Queer Divisions statt. In dem Gebäude befindet sich Keith Harings berühmtes Klo-Gemälde „Once Upon A Time" aus dem Jahr 1989. Vorgestellt wurden 25 unterschiedliche queere Publikationen, die man auch direkt kaufen konnte und die sich dort dem Publikum vorgestellt haben. Die Themen behandeln das ganze Spektrum des queeren Lebens: wie Homophobie zu lebenslangen Angstzuständen führen kann, die Komplexität intersektionaler Identitäten und die Liebe zu menschlichen Hinterteilen. Wir haben mit fünf Zine-Machern darüber gesprochen, was sie motiviert und was das Besondere an ihren Zines ist, die queere Stimmen ungefiltert zu Wort kommen lassen.

Cakeboy
Der Mann hinter Cakeboy, Sean Santiago, hat sich bei der Namenssuche vom Film Clueless inspirieren lassen. Genauer gesagt die Szene, in der Murray durch Umschreibungen und Schwulenklischees Cher eröffnet, dass ihr angehender Lover schwul ist. Und genau diese Denkweise möchte das 2015 gegründete Zine Cakeboy ändern. Mit seiner Pro-Femme-Ästhetik und einfühlsamen Artikeln von mutigen Leuten wie dem männlichen Trans-Künstler Sawyer DeVuyst, möchte Cakeboy der Eindimensionalität der Bedeutung seines Titels entgegentreten. „Wir bieten einen Space für die Gedanken hinter den Leuten", beschreibt Sean Santiago sein Zine. „Es geht weniger um Schwänze. Im Internet gibt es schon so viele Orte für Schwänze. Gegen mehr Ärsche habe ich allerdings nichts einzuwenden. Ist das vielleicht eine Metapher für Verletzlichkeit? Oder bin ich vielleicht auch einfach nur pervers?"

cakeboymag.com

Belladonna Press
Seit 1999 gibt das feministische Avantgarde-Kollektiv Belladonna Press den Leuten eine Stimme, die sonst zum Schweigen gebracht werden sollen. Das in einer kleinen Auflage erscheinende Zine veröffentlicht weniger bekannte Autoren. Kein Wunder, dass es sich schnell und regelmäßig ausverkauft. Aber warum sind Zines ausgerechnet bei von der Gesellschaft ausgegrenzten Gruppen so beliebt? „Das Format Zine hat etwas Besonderes", sagt uns Ana Paula, Mitglied von Belladonna. „Es ist hat etwas Verträumtes und es spiegelt die Identitäten dieser Leute wider, eine Identität, die sich immer wieder verändert und instabil ist. Beide verhalten sich eben nicht nach den allgemein üblichen Regeln."

belladonnaseries.org

Anxiety Dreams Inc.
Der Künstler Justin Corriveau gibt Ratgebern, sowie medizinischen und religiösen Büchern, die in er in Secondhand-Shops findet, eine ganz neue Bedeutung, indem er daraus Zines wie Doctor, Doctor kreiert. Queer-Sein stellt er in sterilen medizinischen Illustrationen dar und bedient sich dabei an Fragen, die Ärzte ihren Patienten bezüglich deren Sexualleben stellen: „Sind ihre sexuellen Aktivitäten größtenteils spontan oder geplant?". In einer Community, bei der seit der Aids-Epidemie das Sexualleben und Gesundheitsfragen so eng miteinander verbunden sind, stößt diese Paranoia auf einen Nerv. „Ich mache mich auf gewisse Art und Weise darüber lustig", erklärt Corriveau. „Die Angstzustände, unter denen ich leide, verzerre ich ins Groteske. Ich wusste schon sehr früh, dass ich schwul bin. Ich habe mir immer über alles so viel Sorgen gemacht: wie ich laufe, wie ich spreche. Ich glaube, für den Großteil queerer Leute gehört Angst zu ihrem Leben."

anxiety-dreams.com

Pegacorn Press
Seit 15 Jahren macht Caroline Paquita selbstgemachte Zines mit dem Ziel, eine künstlerische Schwulenagenda zu propagieren. Finanziell lohnt sich das für sie kaum, aber das interessiert sie auch nicht: „Ich betrachte meine Zines als Verlängerung meiner selbst. Lange Zeit gab es auf Zine-Messen keinen Raum für queere Stimmen", so Paquita. „Ich identifiziere mich selbst als queer und deshalb hat es für mich absolut Sinn gemacht, den Fokus darauf zu legen. Ihre Zines sind voll mit Illustrationen von wundervollen Femme-Geschöpfen. Das aktuelle Zine Bar Dykes ist ein Reprint eines obskuren Theaterstücks aus den 80ern, in dem es um die lesbische Barkultur der 50er geht. Außerdem gibt es ein Interview mit der Autorin Merille Mushroom, eine Lesbe, die einen Schwulen geheiratet hat, um Verfolgung und Diskriminierung zu umgehen.

carolinepaquita.blogspot.com

3 Dot Zine
Gegründet wurde 3 Dot Zine 2014, um Kunst, Fotografie und Artikel zu vereinen, die sich auf die Erfahrung von People of Color konzentrieren. Die Fotos von Devin N Morris, der hinter dem Zine steckt, zeichnen sich durch einen einzigartigen College-Stil aus. Die Ergebnisse haben eine Cute-and-Paste-Qualität und eine gerade in der Modefotografie vorherrschende Ästhetik. Damit macht er sich eine Ästhetik zu eigen, die zu oft nicht-weiße Körper vernachlässigt und schafft dadurch eine ansprechende visuelle Repräsentation. Zu den Inspirationen für das 3 Dot Zine zählen die Bewohner seiner Heimatstadt Baltimore: die Kultur und der Stolz der schwarzen Bevölkerung im Stadtzentrum. Dieses Erbe durchweht jede Seite des Zines. „Ich bin privilegiert aufgewachsen. Als ich aufgewachsen bin, habe ich kaum Leute wie mich gesehen", sagt Morris. „Ich weiß, welche Möglichkeiten mir als schwarze Person offen gestanden haben, weil ich so viele Vorbilder hatte, was ich später einmal werden könnte. Für mich ist das Zine eine Art Raum, der durch die Repräsentation von People of Color und queeren Körpern das Leben der Leuten, die es lesen, beeinflussen will. Die Botschaft an sie ist: Du bist da und dir sind keine Grenzen gesetzt. Punkt."

3dotzine.com

Credits


Text: André-Naquian Wheeler
Fotos: Courtesy of the Artists

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